Die Bildhauerin von Minette Walters

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1993 unter dem Titel The Sculptress, deutsche Ausgabe erstmals 1995 bei Goldmann. 408 Seiten. ISBN-10: 3-442-05272-6, ISBN-13: 978-3-442-05272-1. Übersetzt von Mechtild Sandberg-Ciletti.

'Die Bildhauerin' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

Edgar Allan Poe Preis für den besten Roman 1994

Das meint Krimi-Couch.de: »Unverkrampft, unterhaltsam, raffiniert« 77°

Krimi-Rezension von tyrel

Die Bildhauerin hackt ihre Mutter in zehn Teile.

Dieser Spruch geht Rosalind Leigh immer wieder durch den Kopf, als sie im Besprechungszimmer des Gefängnisses eben dieser Olive Martin gegenübersitzt. Rosalind soll ein Buch über die geständige Mutter- und Schwestermörderin schreiben, die vor sechs Jahren die Klatschspalten der Gazetten füllte. Zunächst missfällt ihr das sensationsheischende Projekt, doch ist es ihre letzte Chance bei ihrem Arbeitgeber, nachdem sie nach einem schweren persönlichen Schicksalsschlag in Untätigkeit und Melancholie verfallen war.

Der neue Auftrag entpuppt sich schließlich tatsächlich als Lebenselixier für Rosalind. Nach anfänglicher Abneigung gegenüber der fettleibigen und wegen ihrer Aggressionen gefürchteten jungen Frau beginnt sie hinter der vermeintlichen Wahrheit der Akten und Worte eine noch tiefere Wahrheit zu erkennen.

Die beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um Licht in das Leben der Familie Martin vor und nach dem Mord zu bringen. Sie kann einfach nicht glauben, dass Olive Martin, hinter deren unattraktivem Äußeren sich eine äußerst sensible und intelligente Persönlichkeit verbirgt, wirklich zu so einer furchtbaren Tat fähig ist. Eine schlampige Verteidigung, Ungereimtheiten bei der Tatrekonstruktion und ein fragwürdiges Motiv scheinen sie in ihren Zweifeln zu bestätigen.

Ist es tatsächlich möglich, dass Olive Martin nach jahrelangen Demütigungen und Zurückweisungen durch ihre Umwelt zum Beil gegriffen hat? Versucht sie eine Person zu decken, der sie in selbstloser und aufopferungsvoller Liebe verbunden ist? Nimmt sie die Schuld für ein besonders grausames Verbrechen auf sich, da sie lieber als furchteinflößende Mörderin denn als bemitleidenswertes Mauerblümchen dastehen möchte? Oder ist sie tatsächlich die gefühllose Mörderin, die mit dem Zerteilen des Körpers schon begonnen hatte, als ihre schwerverletzte Mutter noch Gegenwehr zeigte?

Rosalinds Recherchen werden zum gefährlichen Ausflug in die Abgründe der menschlichen Psyche und die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit …

Mit ihrem zweiten Roman »Die Bildhauerin« gelang der zeitgenössischen englischen Autorin Minette Walters der eindrucksvolle Beweis, dass ihr erfolgreicher Debütroman Im Eishaus kein glücklicher Zufall gewesen war, sondern lediglich den Anfang einer bislang sechs Romane umfassenden Reihe von abgeschlossenen Kriminalromanen bildet, die sich ihren Platz in den internationalen Bestsellerlisten erobert haben.

Von herkömmlichen »Whodonits«-Kriminalromanen heben sich die Werke der Autorin durch die widersprüchlichen und vielschichtigen Charakterzeichnungen ihrer Protagonisten ab. Ohne dass die Aufklärung des Verbrechens in den Hintergrund gerät und die Recherchen an Bedeutung verlieren, widmet sie sich besonders intensiv der Seelenwelt ihrer Figuren, und diese Welten sind tief, leidenschaftlich und beunruhigend. Die Geschehnisse finden ihre Erklärung in der menschlichen Psyche und ihrer Triebe und Leidenschaften, vor dem Hintergrund einer typisch englischen kleinbürgerlichen Gesellschaft, aber nur nachrangig durch diese bedingt.

Ein klares Schwarz-Weiß gibt es bei Minette Walters nicht: Gut und Böse verwischen zu einem diffusen Farbton, der den Leser mehr interessiert als eine idealistische Heldenfigur oder ein eindimensionales Feindbild.

Dieses Schema findet sich auch bei »Die Bildhauerin« wieder. Die mutmaßliche Mörderin ist in ihrer Unförmigkeit und Unberechenbarkeit abstoßend, aber plötzlich werden sympathische und menschliche Züge von ihr enthüllt, und das Klischeebild gerät kräftig ins Wanken.

Rosalind Leigh, eine attraktive und zähe Journalistin, die sich wie ein Terrier in ihre Fälle verbeisst, prügelt sich bis zur Erschöpfung mit ihrem Ex-Ehemann, schwankt ansonsten zwischen Lebensüberdruss und Schuldgefühlen und verkörpert damit auch nicht unbedingt den Idealtypus einer Romanheldin.

Selbst die männliche Hauptfigur, ehemaliger ermittelnder Beamter im Fall Martin und jetziger Restaurantbesitzer, wird in den Roman zunächst als zwielichtiger Raufbold und Griesgram eingeführt. Und diese Liste ließe sich noch weiterführen.

Aus der sorgfältigen Herausarbeitung der Charaktere entwickelt sich jedoch auch eine Schwäche des Buches: Die Handlungsweisen der Personen mögen zwar überraschend sein und damit dem Spannungsbogen des Buchs äußerst zuträglich, gleichzeitig erscheinen sie mir in ihrer Unkalkulierbarkeit psychologisch reichlich unglaubwürdig. Auch die Handlung verstrickt sich manchmal so sehr in zusammenhanglose Wendungen und auseinandergerissene Szenen, dass man als Leser den Faden der Story zu verlieren droht.

Meine Überlegung, das Buch gleich noch mal zu lesen, kann also nicht nur als Kompliment an die überzeugende und geschickte Fabulierkunst der Autorin verstanden werden, es hätte gleichzeitig den positiven Nebeneffekt gehabt, für die noch offenen Fragen und unverstandenen Abläufe eine Antwort zu finden.

Denn eine Antwort bleibt uns Minette Walters auch nach der mutmaßlichen Täterpräsentation, die hier selbstverständlich nicht verraten wird, schuldig: Ist Olive Martin nun ein bemitleidenswertes Opfer der Gesellschaft oder eine manipulierende Lügnerin mit einem Hang zur Grausamkeit? Und dieses Rätsel muss jeder für sich selbst beantworten.

»Die Bildhauerin« bietet jedenfalls eine unterhaltsame und raffinierte Lektüre, die sicherlich nicht unverdient den Edgar-Allan-Poe-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres erhalten hat und die ich für ein unverkrampftes Lesevergnügen trotz einiger Durchhänger durchaus weiterempfehlen.

Ihre Meinung zu »Minette Walters: Die Bildhauerin«

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Emamju zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 01.09.2009
Was soll man nun von der Hauptprotagonisten halten? Gut oder böse?
Auf jeden Fall aber so gar nicht stereotyp ist die korpulente Verdächtige.

Glaubwürdige Charakteure und ein nicht alltäglicher Mordfall zeichnen dieses Buch aus.

Ein offenes Ende ist nicht jedermanns Sache, aber für diesen Fall genau richtig.

Clever geschrieben. Mehr davon, bitte.
Easy zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 09.06.2008
wir haben dieses in der schule gelesen und ich muss dazu sagen, dass normalerweise alle bücher, die wir x-mal durchkauen, nicht besonders mag. aber dieses buch war einzigartig. es war richtig fesselnd.
meiner meinung nach: klasse buch
NickSch zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 16.05.2008
Vorab muß ich sagen, ich habe vor Jahren ein einziges Buch von Minette Walters gelesen und das hatte mir nicht besonders gefallen. Ich fing dieses Buch mit einer gewissen Gleichgültigkeit an zu lesen, doch schon nach wenigen Seiten hat sich meine Gleichgültigkeit in pure Faszination verwandelt.
Das Buch hat meiner Meinung nach Potenzial für eine Hollywood Verfilmung.
Die Geschichte birgt auf jeden Fall sehr viele Geheimnisse und bis das letzte Geheimnis gelüftet ist erlebt man so manche Überraschung.
Olive auch genannt die Bildhauerin sitzt wegen Mordes im Gefängnis. Sie soll auf grausame Art ihre Mutter und ihre Schwester zerstückelt haben. Da taucht eines Tages eine Journalistin auf die ein Buch über Olive schreiben soll. Olive hat sich bis zu diesem Tag nie zu den Morden geäußert. Sie gibt auch Rosalind (die Journalistin) ein Rätsel nach dem anderen auf. Rosalind war von Anfang an von ihrem Auftrag ein Buch über Olive zu schreiben nicht erfreut. Doch von Sitzung zu Sitzung ist Rosalind davon überzeugt das hinter den Morden ein düsteres Geheimnis steckt.
Und so begibt sich Rosalind auf eine Reise in Olive's Vergangenheit die nicht ganz ungefährlich ist... mehr will ich hier aber nicht verraten.
Ich konnte das Buch kaum zur Seite legen da ich dem Ende entgegen fieberte. Ich wollte endlich wissen Schuldig oder unschuldig.
Das Ende war mehr als Überraschend für mich!
Leseengel zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 07.05.2008
Ein sehr gutes Buch. Durchaus spannend geschrieben. Auch wenn ich mich am Anfang ein wenig quälen musste, es weiterzulesen. Das war aber auf alle Fälle lohnendswert!
Minwttw schreibt einfach wunderbar!
boulebea zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 07.10.2007
Ich fand das Buch absolut gut!!!
War sie es oder nicht?
Ich denke sie war es.
Die Gemütsverfassung der Reporterin ist gut dargestellt.
Ich habe auch Im Eishaus und Die Schandmaske gelesen.
Der Film "Im Eishaus" (2-teiler im zdf) war genau so wie das Buch. (englische Verfilmung). Oft erkennt mal ja nicht mehr , welches Buch da verfilmt wurde.
petra2302 zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 05.10.2007
das ist ja wohl eine geschickt eingefädelte charakterstudie. olive martin wirkt auf den leser symphatisch und abstoßend. was hat diese frau zu mutter-schwestermörderin werden lassen, oder doch nicht? der leser will es wissen. viele wendungen und täuschungen ziehen ihn in seinen bann. er kann und will es nicht aus der hand legen. und zum sehr guten schluß muß man dann noch tage und nächte darüber sinnen... war sie es oder war sie es nicht. ein sehr spannendes buch, aber etwas anderes bin ich auch von dieser autorin nicht gewöhnt. psychologisch durchdachte spannung, meist mit einer kleinen liebesgeschichte am rande ist ihr markenzeichen.
Ellex zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 18.08.2007
Es wurde doch deutlich, wer eindeutig Verantwortung / Schuld trägt an dem Verbrechen.Mörderin ist die, bei der das hasserfüllt zerkratzte Silberkettchen gefunden wurde ihr Ehemann, der Liebhaber und Ehebrecher, der erleichtert sein konnte, dass es eine Geständige gab und der die Familie Martin feige benutzt und damit zerstört hatte.
liadels zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 24.02.2007
Das offene ? Ende ist das Geniale an diesem Roman; es passt zur Figur der Olive, zum Werk Minette Walters und ... zum Leben, nicht wahr?! Ich habe mir eine Liste der pros und cons aufgestellt und schwanke trotzdem. Verbrechen, auch die monströsesten, sind eigentlich immer banal. Und der Umgang mit ihnen ist es auch. Wenn es ein Buch, einen Krimi gibt, der mühelos, wie absichtslos, zeigt: wir sehen, wir urteilen, dann ist es das. Sich auf das Sichtbare zu verlassen bzw. danach zu gehen, gehört zu den größten Schwächen der Menschheit und wird in der Regel teuer bezahlt. Übertragen, vielleicht auch in diesem Plot?
Britta zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 26.05.2006
ein spannendes und interessantes buch, aber das offene ende ist schade, es wird nicht deutlich wer letztendlich schuldig oder auch unschuldig ist, und teilweise nicht nachvollziehbare (für mich zumindest) Begründungen, die die geschichte leider an manchen stellen auch etwas undurchsichtig machen.

trotzdem ein wirklich gutes buch, (nach "wellenbrecher" und "schandmaske")

wenn mir jemand nochmal die motive der verdächtigen erklären könnte, wäre mir das sehr hilfreich...
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
sandra zu »Minette Walters: Die Bildhauerin« 07.02.2006
Eines ihrer besten Werke... ich war in einem Tag durch mit dem Buch und muss sagen ich war enttäuscht als ich fertig war denn ich hätte gerne noch viel länger weitergelesen.
Kompliment nicht jeder schafft es mich so zu beeindrucken wie minette mit ihren büchern...
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

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