Das Mädchen, das verstummte von Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Den stumma flickan, deutsche Ausgabe erstmals 2014 bei Wunderlich.
Folge 4 der Sebastian-Bergman-Serie.

  • Stockholm: Norstedt, 2014 unter dem Titel Den stumma flickan. 592 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2014. Übersetzt von Ursel Allenstein. ISBN: 978-3805250771. 592 Seiten.

'Das Mädchen, das verstummte' ist erschienen als Hardcover HörbuchE-Book

In Kürze:

Wieder ein Kind zu verlieren. Die Bewohner von Torsby stehen unter Schock: Das Ehepaar Carlsten und seine zwei Söhne wurden ermordet. Aus nächster Nähe erschossen, im eigenen Haus. Kommissar Torkel Höglund und seine Kollegen von der Reichsmordkommission finden bald heraus, dass es eine Zeugin gegeben haben muss: Nicole, die zehnjährige Nichte der Carlstens. Ihre Fußabdrücke führen in den Wald. Und ihre Überlebenschancen schwinden stündlich.
Den sonst so ruppigen Kriminalpsychologen Sebastian Bergman berührt der Fall, Nicole erinnert ihn an seine eigene Tochter. Die jetzt im gleichen Alter wäre. Die er nicht retten konnte. Bergman setzt alles daran, das Mädchen zu finden. Doch Nicole wechselt ihre Verstecke planvoll, getrieben von Todesangst. Denn jemand will um jeden Preis verhindern, dass Nicole erzählt, was sie gesehen hat.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Mann, der ein besserer Mensch werden wollte« 75°

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

»Dennoch musste er weiter an seiner Veränderung arbeiten. Er konnte sich nicht mehr einfach nehmen, was er wollte, so wie er es gewohnt war. Er musste auch etwas geben. Er musste für jemand anderen als nur sich selbst da sein. Ein besserer Mensch werden.«

Sebastian Bergman, der unausstehliche Kriminalpsychologe, ist in seinem vierten Fall kaum wiederzuerkennen. Das Mädchen, das verstummte löst in ihm Gefühle aus, die er bisher mit Zynismus, Arroganz und Sexsucht überdecken konnte. Während Bergman dem Leser in diesem Band zum ersten Mal beinah sympathisch wird, durchläuft eine andere Figur aus dem Team eine entgegengesetzte Entwicklung und lässt das Buch mit einer schockierenden Szene enden.

Auch Das Mädchen, das verstummte spielt wieder in der schwedischen Provinz und politische und soziale Entwicklungen in der schwedischen Gesellschaft werden von dem Autorenduo Hjordth/Rosenfeldt kritisch angesprochen. Gesellschaftskritik steht aber nicht im Vordergrund von Das Mädchen, das verstummte, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen im Ermittlerteam. Das ist beinah ebenso spannend wie der Kriminalfall. Der hat es in sich: Eine ganze Familie wird abgeschlachtet, scheinbar ohne Motiv. Die einzige Zeugin, ein 10-jähriges Mädchen, ist so traumatisiert, dass sie nicht spricht. In Zeichnungen nähert sie sich zeitlich rückwärts langsam dem Verbrechen und damit dem Täter. Inzwischen versucht der Täter alles, um die einzige Zeugin aus dem Weg zu schaffen, und er kommt ihr gefährlich nahe.

Wie bei den vorherigen Krimis aus der Reihe nehmen auch im vierten Band die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander großen Raum ein. Das Beziehungsgeflecht ist für Neueinsteiger einigermaßen nahvollziehbar, aber für Stammleser sicher interessanter. Die Autoren Hjorth und Rosenfeldt verstehen es, ihre Figuren komplex und glaubwürdig zu gestalten. Die Personen und ihre Beziehungen untereinander bilden den zweiten, ebenbürtigen Strang neben der Krimihandlung. Dennoch schaffen sie es, auch den Spannungsbogen der Krimihandlung zu halten, was bei fast 600 Seiten schon eine Leistung ist. Die Handlung liest sich flüssig, die Perspektivwechsel in der Erzählhaltung sind genau richtig gesetzt, nicht zu lang und nicht zu kurz.

Man merkt den Autoren an, dass sie vom Film kommen. Gleich auf den ersten Seiten geht es zur Sache mit dem Mord an der Familie, bevor wie in einem schnell geschnittenen Film Kapitel auf Kapitel die Erzählperspektive wechselt und die Geschichte vorantreibt. Die Spannung wird geschürt, indem die Kapitel mit Cliffhangern enden. Die Autoren setzen wohldosierte Entspannungsmomente, in denen die privaten Befindlichkeiten der Teammitglieder im Fokus stehen. Natürlich gibt es auch gutgesetzte Wendungen, um den Leser zu überraschen. Sie sind nicht immer vorhersehbar, aber leider auch nicht immer überzeugend. So gut nachvollziehbar die Motive aller Beteiligten sind – so richtig nimmt man dem Täter seine Fähigkeiten und Handlungen nicht ab. Das ist aber der einzige Schwachpunkt in einem ansonsten gelungenen Krimi.

Nachdem Sebastian Bergman im schwachen dritten Band fast wie eine Nebenfigur in seiner eigenen Reihe wirkte, nimmt er in diesem Band wieder eine zentrale und aktive Rolle ein. Das ist ebenso erfreulich wie der Fakt, dass die beiden Autoren ihren Hauptcharakteren eine Weiterentwicklung zugestehen. Der Cliffhanger am Ende des Buches macht neugierig auf den nächsten Band der Reihe. Zum einen scheinen große Konflikte im Team bevorzustehen, zum anderen steht natürlich die Frage im Raum: Wird Sebastian Bergman ein besserer Mensch? Wer nach dem letzten Band befürchtet hat, dass sich die Sebastian-Bergman-Reihe auf dem absteigenden Ast befindet, wird mit diesem Band eines besseren belehrt. Bleibt zu hoffen, dass der fünfte Bergman-Krimi wieder genauso überrascht wie dieser.

Brigitte Grahl, Dezember 2014

Ihre Meinung zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte«

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Sabine zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 20.06.2017
Ich verschlinge derzeit die Bücher des Autorenteams, als sehr langjähriger Krimifan, kann ich nur sagen äußerst gute Unterhaltung auf hohem Niveau. Die Fälle sind spannend und gut recherchiert, die Protagonisten sind demLeser schon nach dem 1. Buch ans Herz gewachsen. Ich warte sehnlichst auf den 6.Fall😉
Jürgen zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 25.07.2016
Ich muß zugeben, daß im Genre "Schweduscher Krimi" (sofern es denn so ein Genre gibt) Sjöwall/Wahlöö für mich immer noch das Maß der Dinge ist: detailliert genug, um die Vorstellungskraft zu füttern, gestrafft genug, um nicht zu langweilen, mitfühlend, aber nicht sentimental, die Figuren der Emittler ausreichend ausgearbeitet. (Die Kritik am schwed. Staat von heute aus gesehen manchmal vielleicht etwas penetrant.)

Daran gemessen ist "Das Mädchen, das verstummte" ähnlich verschwafelt, wie der späte Mankell (dessen erste Bücher ich auch verschlungen habe), und der Focus auf all’ die persönlichen Probleme der Protagonisten m.E. zu scharf.

Ich habe das Buch nur quer gelesen und weiß trotzdem, was darin vorfällt. Und wenn ein Krimi-Autor es nicht schafft, mich dauerhaft in die Story zu ziehen, dann fehlt die Spannung. Die wird aber besser nicht durch die persönlichen Probleme der Ermittler aufgebaut, sondern durch die Schilderung und den Aufbau des "Falls". Gerade hier gibt es aber Schwächen. Wie Frau Grahl schon sagte: Die Tätermotivation ist am Ende schwach, etwas hergeholt, pseudopolitisch. Mir ist nicht ganz klar, ob das ein Krimi oder doch ein Gesellschaftsroman mit spannender nebenhandlung werden sollte. Den Autoren vielleicht auch nicht.
Eclat Blanc zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 13.07.2016
Allem, was hier bereits an Negativem geschrieben worden ist, muß ich zustimmen. Nach dem Handbuch der amerikanischen Psychiatervereinigung gilt eine Trauer von einem halben Jahr bereits als behandlungsbedürftige Depression. Bei Sebastian Bergman trat der Verlust vor mehr als zehn Jahren ein. Da stellt sich die Frage, warum ein Mann vom Fach sich nicht heraushelfen ließ. Vermutlich, weil der ganze Seelenstripp nur Pose ist.
Jens zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 18.04.2016
Wieder mal so eine Wundertütengeschichte :-(

In den ersten 10 Minuten hat man drei verschiedene Anfänge mit diffusen Andeutungen. Die Figuren wissen was, denken was - irgendwas. Nur der Leser/Hörer darf es nicht erfahren.

Wer ist wer?
Mutter, Vater, Oma, Opa?
Wann, wo?

Weiße Mäuse im Schnee.

Sorry to say - aber von sowas habe ich inzwischen die Nase absolut voll. Ich weigere mich, eine Buch zweimal zu hören, nur weil ich am Ende versuchen will den Anfang zu verstehen.

Dass es auch anders geht, dafür gibt es zahlreiche gute Beispiele.
ZAUR zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 20.12.2015
Das Buch ist spannend, jedoch überzogen und realitätsfremd. Dei Lösung ist an den Haaren herbei gezogen! Der Schluss ist sogar ärgerlich und hat keinen Zusammenhang mit der Vorgeschichte. Das Buch wanderte ins Altpapier , solch strube Geschichten möchte ich niemanden zumuten. Schade, habe mehr erwartet.😣
Edith Sprunck zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 17.12.2015
Eine ganze Familie wird ausgelöscht. Ein Kind ist Zeuge und begibt sich daraufhin auf eine einsame Flucht - innerlich wie äußerlich. Das Team der Reichsmordkommission, das bereits in den vorhergehenden Bänden der Serie tätig war, übernimmt die Ermittlungen. Die Tat, ihre Begleitumstände im weitesten Sinne und die Suche nach dem Tatmotiv und dem Täter werden spannend aufgerollt. Sehr eindrucksvoll, einfühlsam und nachvollziehbar ist die Darstellung der Gefühlslage des Kindes in den Stadien der Flucht und danach. Den Autoren gelingt es auf bewundernswerte Weise, die Unterschiedlichkeit der Charaktere der Ermittler und ihre Beziehungen zueinander herauszuarbeiten. Herausragend wird eine faszinierende Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen sowie die Vielschichtigkeit unterschiedlichster Gefühle zum Ausdruck gebracht. Ein buntes Feuerwerk von Emotionen!
M. E. ist es von Vorteil, wenn man die Serie der Reihe nach liest. Zwar werden einige wesentliche Dinge aus der Vergangenheit kurz erläutert, aber dies reicht für mein Empfinden nicht aus, die erforderliche Vertrautheit mit einzelnen Personen so zu erreichen, dass sie zum tieferen Verständnis führt.
krimimadame zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 25.02.2015
Eigentlich hatte ich mich sehr auf dieses Buch gefreut, weil die drei Vorgänger klasse waren, wurde aber sehr enttäuscht. Der Fall an sich ist spannend, aber ich kann das Selbstmitleid und die ewig gleiche Leier von Sebastian Bergman einfach nicht mehr hören. Man möchte ihn am liebsten schütteln und rufen "komm drüber weg"! Seine traumatische Vergangenheit ist einfach überstrapaziert und es wiederholt sich alles. Langweilig!
Jan B. zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 05.11.2014
Phänomenal gut – insbesondere für die Leser, die psychologisch dichte Krimis den rein actiongesteuerten vorziehen. Die Autoren schaffen Charaktere mit höchsteigenartigen Verhaltensmustern, die jedoch ihre Vorgeschichte haben und damit so authentisch dargestellt werden, dass sie eine unfassbare Glaubwürdigkeit erlangen und folglich zu höchstinteressanten Persönlichkeiten reifen, die man vielleicht „einfach gerne auch mal auf der Straße treffen würde“. Es ist schon erstaunlich, dass männliche Autoren in der Lage sind, ihren Lesern ein derart „starkes Wechselbad der Gefühle“ zu präsentieren! Eine Gefühlswelt, von der sich jeder angesprochen fühlen muss, egal ob Männlein oder Weiblein, jung oder alt etc. Es sind fast die Charaktere und deren Entwicklung, die diesem perfekt aufgebauten Krimi die Hauptspannung verleihen. Aber die Handlung selbst lebt von einer atemberaubenden Eigendynamik. Wirklich ein empfehlenswertes Buch, dessen Fortsetzung bitte nicht allzu lange auf sich warten lassen sollte…
Krimi-Mietze zu »Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Das Mädchen, das verstummte« 30.10.2014
Eine absolut gelungene Fortsetzung um Sebastian Bergman.

Das Buch beginnt sehr grausam, aber die menschlichen Abgründe der handelnden Personen, ob es sich um Täter, Ermittler oder Sonstige handelt, sind psychologisch ausgefeilt und nachvollziehbar beschrieben.

Das Ende wird nicht verraten, aber wie schon im dritten Teil endet die "Geschichte" so, daß man sich nicht vorstellen kann, die Fortsetzung abwarten zu können. Sicher wird es wieder mindestens ein halbes Jahr dauern...

Das Leben ist grausam!
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