Wendekreis der Nacht von Michael Gruber

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Tropic of Night, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Florida, 1990 - 2009.

  • New York: HarperCollins, 2003 unter dem Titel Tropic of Night. 419 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2004. Übersetzt von Silvia Morawetz. ISBN: 3-552-05312-3. 526 Seiten.
  • München: dtv, 2006. Übersetzt von Silvia Morawetz. ISBN: 978-3423209144. 519 Seiten.

'Wendekreis der Nacht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

In Miami werden drei schwangere Frauen auf bestialische Weise ermordet. Was zunächst aussieht wie die Taten eines Geistesgestörten, entpuppt sich nach und nach als ein düsteres Rätsel, das Detective Jimmy Paz immer tiefer in ein Labyrinth aus schwarzer Magie und Schamanismus führt. Doch was hat die junge Frau damit zu tun, die alleine mit einem kleinen schwarzen Mädchen lebt und keine Vergangenheit zu haben scheint? Was weiß sie vom Mörder – und wer ist sie wirklich? Michael Grubers Debütroman »Wendekreis der Nacht« beschreibt die Reise in Nigerias Herz der Finsternis und spinnt ein Netz aus dunklen Geheimnissen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Afrikanische Magie in Florida«

Der Name Jane Doe ist jedem Kenner von amerikanischen Krimis bekannt. Denn so werden die weiblichen, nicht identifizierten Leichen genannt. So heißt aber auch die Erzählerin aus Michael Grubers Debütroman »Wendekreis der Nacht«. Zumindest hieß sie früher mal so. Doch warum sie sich jetzt Dolores Tuoey nennt, das erfährt der Leser erst später.

Kapitelweise bekommt man abwechselnd drei verschiedene Handlungsstränge vorgelegt. Es beginnt mit eben jener Dolores, die gleich zu Beginn verkündet, dass sie eine Frau umgebracht hat. Doch der Eindruck, der zunächst suggeriert werden soll, wird sehr schnell revidiert. Es handelte sich dabei um einen Unfall, als Dolores eine Mutter daran zu hindern versuchte, ihre 4-jährige Tochter zu mißhandeln. Das Mädchen, Luz, hat Dolores dann mitgenommen und gibt sie mittels gefälschter Papiere als ihre eigene Tochter aus.

Warum und vor wem Dolores sich aber versteckt, das ergibt sich nach und nach aus dem zweiten Handlungsstrang. Dieser besteht aus dem Abdruck des Tagebuches der ehemaligen Anthropologin Jane Doe und beginnt damit, dass Jane zusammen mit ihrem Mann eine längere Reise nach Westafrika unternimmt. Bei dem Stamm der Olo in Mali lernt sie, dass außer unserer realen Welt auch eine unsichtbare Welt, eine Welt der Geister, der Dämonen und des Zaubers existiert und erfährt Dinge, die über ihren Verstand hinausgehen.

Völlig unabhängig davon ist lange Zeit Handlungsstrang Nummer 3: der dunkelhäutige kubanische Polizist Jimmy Paz ermittelt zusammen mit seinem sehr gläubigen Kollegen Cletis Barlow in einem besonders grausamen Mordfall. Eine schwangere Frau wurde getötet. Ihr wurde der Bauch aufgeschnitten und der Fötus entnommen. Dem Fötus wurde das Gehirn entfernt. Handelt es sich dabei um einen Ritualmord? Wichtigstes Indiz ist eine Nußschale, die Hinweise auf afrikanische Zeremonien gibt.

Jimmy Paz und sein Kollege tappen im Dunklen, doch Dolores weiß, dass nur ihr Mann für diese Morde verantwortlich sein kann. Und sie weiß auch, dass ihn aufgrund seiner magischen Fähigkeiten keiner aufhalten kann.

Mit Michael Gruber betritt ein Newcomer die Bühne des unausgesprochenen Wettstreits, den perversesten Serienmörder zu erfinden. Um noch mehr böse Macht zu erlangen, muß der Magier also schwangere Frauen töten und Teile des Gehirns ihrer Föten essen. Damit sollte ein Hannibal Lector schon mal mühelos übertroffen sein und Mo Hayders Vogelmann gar keine echte Konkurrenz sein.

Wie eine Mischung aus Krimi und Sachbuch erscheint Grubers Debütroman, doch weist er bereits in der Einleitung darauf hin. daß es sich um einen Roman handelt, dem einige Geschichten von Zauberei zugrunde liegen, wobei er selbst nicht weiß, wieviel davon »wahr« ist. Zumindest ein originelles und in der Kriminalliteratur ziemlich einzigartiges Thema hat der Autor gewählt. Die Schilderungen der Bräuche des afrikanischen Volkes machen teilweise großen Eindruck, auch wenn man sich dabei immer vor Augen halten sollte, dass es sich hier keineswegs um ein Sachbuch handelt.

Der Kontrast zwischen den beiden Schauplätzen des Buches könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite der Trubel der Großstadt in Miami, auf der anderen Seite ein Naturvolk im tiefsten Afrika, das mit der uns bekannten Zivilisation nicht viel zu tun hat. Dazwischen die Protagonistin, die mit beiden Welten in Berührung gekommen ist und nun ihre Probleme hat, mit dem erlebten klarzukommen. Dies macht den Reiz des Buches aus.

Selten gibt es noch grundlegend neue Rätsel in der Kriminalliteratur, doch wie lässt sich ein Verbrecher ergreifen, der seinen Häschern mittels Drogen oder psychischer Mittel Halluzinationen vorgaukelt? Einen Mörder, der sich einfach dadurch Alibis verschaffen kann, dass er seine Anwesenheit an Orten vortäuscht, an denen er sich niemals befindet? Mag sein, dass ich zuviel verrate, doch die Auflösung ist ziemlich plump und erinnert mich an die berühmte Szene aus »Indiana Jones«, in der Indy einen mit viel Brimborium schwerterschwingenden Typen lässig abknallt.

Gruber stattet seine interessanten Charaktere mit viel Tiefgang aus. Man spürt förmlich die Verschlossenheit von Jane und ihre Ängste und wie sie sich erst wieder langsam für ihre Umwelt öffnet. Und er sorgt für einen Spannungsaufbau wie aus dem Lehrbuch. Leider verliert er sich jedoch mit fortschreitender Handlung mehr und mehr in Nebensächlichkeiten, so daß die Spannung zunehmend verloren geht, erst recht, als der Täter ziemlich schnell bekannt ist. Als gegen Ende hin die Zauberei immer mehr in der Vordergrund tritt, wird das Geschehen immer verworrener.

Grubers Debütroman weist viele Stärken aber ebenso viele Schwächen auf. Gute Ansätze und Ideen lösen sich wie in der beschriebenen Geisterwelt auf. Besinnt sich Gruber bei der Fortsetzung der Jimmy Paz-Reihe auf seine Stärken, so könnte er damit noch Erfolge verbuchen.

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Czakomo Agostini zu »Michael Gruber: Wendekreis der Nacht« 25.07.2005
Das über das Psychologische hinausgehende Archaische in uns (das uns "unbewußt Bestimmende) wird sehr wohlformuliert und mit viel wissenschaftlichem, anthroplogischem Sachverstand in diesem Roman fesselnd erzählt - das Bildhafte vergleichbar mit Wassermusik, das Naturwissenschaftliche vergleichbar mit dem Schwarm - die Spannung bis zum Schluß!!!
Die Ethnologischen Sequenzen lehrreich wie Mead, die politische Brisanz - überlegenswert... darum
absolut empfehlenswert!!!
Anja S. zu »Michael Gruber: Wendekreis der Nacht« 07.07.2005
Schade, das hier haette ein wirklich toller Krimi werden koennen. Wurde es aber leider nicht. Es ist sehr zaehfluessig zu lesen, teilweise auch echt unertraeglich langweilig.
Die 3 parallelen Handlungsstraenge sind plump miteinander verwoben, es kommen unendlich viele afrikanische Schamanenausdruecke vor, die man muehsam im Glossar nachschlagen muss und das Ende ist einfach nur laeppsich banal.
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