So wahr uns Gott helfe von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel The Brass Verdict, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / Los Angeles, 1990 - 2009.
Folge 2 der Mickey-Haller-Serie.

  • New York: Little, Brown, and Company, 2008 unter dem Titel The Brass Verdict. 422 Seiten.
  • München: Heyne, 2010. Übersetzt von Sepp Leeb. 511 Seiten.
  • München: Heyne, 2011. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-43527-8. 511 Seiten.

'So wahr uns Gott helfe' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Als Mickey Haller ins Gericht von Los Angeles gerufen wird, ahnt er nicht, dass eine folgenschwere Entscheidung vor ihm liegt. Überraschend wird ihm der hochkarätige Klientenstamm seines Kollegen Jerry Vincent übertragen, doch als Haller den Hintergrund erfährt, ist ihm nicht nach Feiern zumute. Vincent wurde Opfer eines kaltblütigen Mordanschlags. Da eine seiner Akten verschwunden ist, liegt der Verdacht nahe, dass der Mörder unter Vincents Klienten zu finden ist. Haller zögert dennoch nicht lange und übernimmt Vincents aktuellen Fall. Der Filmmogul Walter Elliot ist des Mordes an seiner Ehefrau und deren Geliebten angeklagt. Elliot beschwört seine Unschuld, und Haller findet tatsächlich bald den entscheidenden Hinweis, der den Angeklagten entlastet. Doch Detective Harry Bosch hat seine Zweifel, und auch Haller ist nicht gänzlich von Elliots Unschuld überzeugt. Zu spät erkennt er, dass die Beweislage manipuliert wurde. Mit diesem Wissen gerät er in tödliche Gefahr.

Das meint Krimi-Couch.de: »Winkeladvokat & Cop als unerwartete Bundesgenossen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vor vielen Jahren hatten sie sich in Los Angeles als Neulinge im Gericht kennengelernt. Michael Haller war damals Pflichtverteidiger, Jerry Vincent als Staatsanwalt sein Gegner. Doch als sich beide Juristen später selbstständig machten, arbeiteten sie immerhin so eng zusammen, dass sie sich gegenseitig in ihren Testamenten bedachten: Sollte dem einem etwas zustoßen, würde der andere dessen Praxis und Klienten ´erben´.

Nun ist dieser Fall eingetreten, denn Vincent wurde erschossen, als er nach einem langen Tag im Büro in seinen Wagen gestiegen war. Haller freut sich vor allem über den Fall des Filmproduzenten Walter Elliot, der beschuldigt wird, seine Gattin und deren Geliebten umgebracht zu haben. Als Klient ist Elliot gut bei Kasse aber anspruchsvoll. Vor allem ist er so fest vom Freispruch in seinem anstehenden Prozess überzeugt, dass Haller Korruption zu wittern beginnt. Basierte Jerry Vincents Taktik auf Bestechung und fiel er einer unerwarteten Planänderung zum Opfer?

Trifft dies zu, steckt womöglich auch Haller in Gefahr. Dies hat der für den Mordfall Vincent zuständige Beamte nicht nur angedeutet. Detective Hieronymus »Harry« Bosch vom Los Angeles Police Department ist ein fähiger Ermittler, und Haller fasst so viel Vertrauen zu ihm, wie dies einem Anwalt möglich ist, obwohl ihn Bosch durch Druck und Tricks zum Plaudern bringen will.

Der eigentliche Kampf um Recht oder wenigstens Wahrheit bricht dort los, wo Haller sich am wohlsten fühlt: Vor Gericht beginnt er mit List und Tücke dem gegnerischen Staatsanwalt das Wasser abzugraben. Vom Erfolg geblendet, erkennt Haller zu spät, dass man ihn nicht nur benutzt, sondern wie den unglücklichen Vincent aus einem Spiel zu nehmen gedenkt, das gänzlich anders läuft als vermutet &

Der »Lincoln Lawyer« ist zurück

Fast drei Jahre machte er sich seit Der Mandant rar. Wer Michael Haller in diesem Roman kennen gelernt hatte, fragte sich gespannt, was der rührige Winkeladvokat in dieser Zeit an den Gerichten seiner Heimatstadt Los Angeles getrickst und getrieben haben mochte. Tatsächlich beginnt Connelly wieder bei Null, denn nachdem Haller sich in Der Mandant eine Kugel eingefangen hatte, geriet er zunächst an unfähige Ärzte und schließlich in die Abhängigkeit von Schmerzmitteln. Zwei Jahre hat er auf diese Weise verdämmert, bis er von der Sucht loskam. Jetzt können wir ihn bei seinen ersten neuen Schritten auf jener Bühne beobachten, die ihm alles bedeutet.

Wie es für Michael Connelly typisch ist, kehrt Haller nicht durch die Hintertür, sondern mit einem Donnerschlag zurück, um sogleich auf frontalem Konfrontationskurs mit der Justiz, der Polizei und diversen Dunkelmännern zu gehen, die Connelly zunächst in Reserve für das übliche Finale voll offensiver Gewalt hält, das hier vergleichsweise moderat ausfällt. Bis sich gleich mehrere Plot-Knoten raffiniert schürzen, sehen wir Haller glücklicherweise vor allem bei jenem seltsamen Tun, das in den USA als Rechtsprechung gilt.

Wäre Justitia nicht bereits blind &

Alle lügen. Polizisten lügen. Anwälte lügen. Zeugen lügen. Die Opfer lügen. Ein Prozess ist ein wahrer Lügenwettstreit. Und jeder im Gerichtssaal weiß das. Der Richter weiß es. Sogar die Geschworenen wissen es. Sie betreten das Gericht in der sicheren Erwartung, getäuscht zu werden.

Mit diesen prägnanten und provokativen Worten wird der Leser harmonisch auf die folgende Geschichte eingestimmt. Sogleich beginnt Connelly, diesen Worten (geschriebene) Taten folgen zu lassen. Haller hat einen dicken Fisch am Haken, der ihm viel Geld zahlen und Publicity einbringen wird. Dass dieser Walter Elliot sehr wahrscheinlich ein Doppelmörder ist, interessiert seinen Anwalt nicht, der höflich aber bestimmt ignoriert, dass sein Klient für unschuldig gehalten werden möchte.

Haller gliedert Elliots Geschichte in prozessrelevante Module. Er greift sich heraus, was ihm hilft, den großen Auftritt vor Gericht vorzubereiten, wo es nicht um die Feststellung von Tatsachen geht, sondern darum, die Gegenseite so kräftig wie möglich in die Pfanne zu hauen. Für Haller besteht die Herausforderung darin, argumentative Schwachstellen des Anklägers zu finden und darauf aufbauend Zweifel bei den Geschworenen zu säen.

Die lästige Realität mischt sich ein

In seiner abgeschotteten Welt blendet Haller das Wissen um die unerquicklichen Aspekte seiner Arbeit aus. Allerdings funktioniert dieser Selbstschutz-Mechanismus nicht mehr, seit ihn eine Kugel in den Bauch traf. Diese buchstäblich einschneidende Erfahrung machte ihm bewusst, dass er sich nicht hinter Schriftsätzen und Vorschriften verschanzen kann. Die Wirklichkeit kann und wird diese Barriere durchbrechen. Deshalb kennt der ´neue´ Haller nicht nur Skrupel, sondern ist auch zur vorsichtigen Kooperation mit der Polizei bereit; ein Zugeständnis, das Connelly, der die tiefe Kluft zwischen der Justiz und der Polizei anschaulich beschreibt, als kleine Sensation präsentiert.

Anwälte wie Haller sind den Cops ein Dorn im Auge: Haben sie einen Strolch mühsam und oft unter Lebensgefahr festgesetzt, kommt dieser nicht selten durch die Finten seines Anwalts wieder frei. Folglich reagiert Detective Bosch auf die von Haller signalisierte Hilfsbereitschaft sehr misstrauisch: Er kann einfach nicht glauben, dass dieses Entgegenkommen keinen Preis hat, und er liegt richtig.

Die Evolution des Connellyversums

»Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein«, lautet der finale Sinnspruch im Filmklassiker »Metropolis«. Was dort als schale Phrase abzulehnen ist, ergibt hier eher Sinn. Nicht ohne Grund kommen sich Michael Haller und Hieronymus Bosch, der Winkeladvokat und der Cop, trotz aller Querelen näher. Wieder knüpft Connelly die Fäden seines Roman-Universums enger. Schon oft und im Laufe seiner Schriftstellerjahre immer intensiver stellt er heraus, dass die Figuren seiner verschiedenen Krimi-Serien eine gemeinsame Welt teilen. FBI-Agentin Rachel Walling, Kriminalreporter Jack McEvoy, die Diebin Cassie Black sowie Harry Bosch und Michael Haller: Sie laufen einander über den Weg, arbeiten mit- oder auch gegeneinander, und manchmal sterben sie sogar wie der herzkranke Ex-Cop Terry McCaleb.

Einen echten Sinn gibt es für diese Crossover-Auftritte nicht. Connelly hat vermutlich selbst das größte Vergnügen daran. In So wahr uns Gott helfe deckt er familiäre Beziehungen zwischen Bosch und Haller auf. Das ist interessant, verdeckt aber nicht ein gravierendes Problem: Bosch und Haller passen nicht gut zusammen. Treten sie solo auf, konzentriert sich Connelly auf die Stärken und Schwächen jeder Figur. In So wahr uns Gott helfe liegt der Fokus auf Haller. Bosch kommt nicht wirklich zum Zug. Für den Hintergrund ist er jedoch nicht geschaffen. Eigentlich müsste Bosch Haller überrollen, ignorieren und ausmanövrieren. Dies würde der Haller-Figur schaden. Deshalb muss Bosch sich zurückhalten, was nicht zu dem Harry Bosch passt, den wir in 13 Romanen kennen gelernt haben.

Auch Haller hat sich gewandelt. In Der Mandant war er ein windiger Advokat, der sich in den Grauzonen seines Berufes besonders wohl fühlte, für lukrative Klienten-Tipps Schmiergelder zahlte und auch deshalb seine Büroarbeit in einem fahrenden Auto erledigte, weil ihn dort wütende Polizisten, zornige Richter und andere Verfolger schlecht zu fassen bekamen. Haller ist reifer geworden und langweiliger, wenn er jetzt süchtige Ex-Surfer rettet oder vor seinem Töchterlein als Gutmensch glänzen will.

Drama vor und hinter Gerichtsschranken

Immerhin erwacht Haller zum Leben, sobald die Verhandlung das Herzstück der Handlung beginnt. Connelly nimmt sich Zeit, seine Leser mit dem Prozedere des US-amerikanischen Schwurgerichts vertraut zu machen. Er beschreibt dies spannend und ohne damit die Spannung aus der Handlung zu nehmen. Schon die simple Auswahl der Geschworenen wird zum erbitterten Gefecht zwischen Anklage und Verteidigung. Was normalerweise nur für Eingeweihte sichtbar ist, bringt Connelly an die Oberfläche; zumindest der deutsche Leser kommt bei diesen Passagen aus dem Kopfschütteln nicht heraus.

Die Verhandlung wird zur Film- oder besser Zirkusverstellung. Jetzt lässt sich Haller nicht mehr von seinem Klienten bremsen. Dies ist seine Show, und für die zieht er sämtliche Register. Obwohl auf den Gerichtshof fixiert, kann es die Handlung an Spannung und Tempo mit jeder Verfolgungsjagd aufnehmen. Wer das Genre kennt, wird natürlich typische »Einspruch, Euer Ehren!«-Plot-Routinen erkennen. Connelly poliert sie nicht nur auf, sondern verleiht ihnen eine Dramatik, die sogar Leser in ihren Bann zieht, die für Gerichtsdramen wenig übrig haben kein Wunder, wenn der Autor Haller seinen Job so definieren lässt:

Für einen Strafverteidiger besteht die Aufgabe vor allem darin, Geduld zu haben. Zu warten. Aber nicht auf irgendeine beliebige Lüge. Sondern auf eine, die man packen und wie ein glühendes Eisen zu einer scharfen Klinge schmieden kann. Und mit dieser Klinge schlitzt man dann den Fall auf und lässt seine Innereien herausquellen.

Aber auch diese Klientel wird bedient, um im Jargon zu bleiben. Außerhalb des Gerichts zieht Harry Bosch seine Bahnen. Wenn Waffen gezückt werden, ist er zur Stelle, während Haller wenigstens kurzfristig ins zweite Glied zurücktritt. Das Finale ist Connolly im Vergleich zum »Mandanten« besser gelungen: Blieben dort die Versuche gleich mehrerer finaler Twist-Überraschungen bemüht, eilt die Handlung dieses Mal überzeugend von einer unerwarteten Lösung zur nächsten.

Wie es weitergeht mit Michael Haller, lässt Connelly offen. Der »Lincoln Lawyer« hat abgedankt, aber dass er plötzlich brav geworden ist oder den Gerichtssaal dauerhaft aufgeben kann, mag der Leser nicht recht glauben. Dass es mit Haller weitergeht, steht fest: In The Reversal" erlebt er wieder begleitet, unterstützt und ausgetrickst von Harry Bosch neue Abenteuer im (faulen) Zauberreich der US-Jurisprudenz. (Und sicherlich wird man für die deutsche Übersetzung wiederum einen ähnlich dämlichen Phrasen-Titel wie So wahr uns Gott helfe finden).

Michael Drewniok, Mai 2010

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koepper zu »Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe« 30.06.2011
Wieder ein guter, allerdings kein herausragender Connelly. Der zweite Fall des Strafverteidigers Michael Haller ist interessant, spannend und bis zum Ende überzeugend dargestellt. Wir begegnen dem gleichen Strickmuster wie bei "Der Mandant" dem ersten Roman über die verkommene, korrupte amerikanische Justiz. Diesmal ist alles noch verlogener, noch schmutziger. Aber das gleiche Strickmuster nutzt sich einfach mit der Zeit ab. Das Ende war so nicht vorhersehbar, aber die Richtung in die die Geschichte lief war schon zu erahnen. Harry Bosch, der Ermittler aus einer anderen Connelly Reihe tritt auf und das scheint mir nicht sehr gelungen. So sehr ich Bosch in seinen Krimis mag, hier wirkt das arg gekünstelt und überflüssig. Trotz dieser Kritik habe ich das Buch gerne gelesen, vor allem die Schilderungen der Gerichtsszenen sind einfach Klasse.
F. Glahe zu »Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe« 15.11.2010
Das Buch kann insbesondere zu Beginn punkten!!!

Spannung, sehr gute Erzählweise (!) und Geschichte passen bestens zusammen. Leider lässt das Buch im zweiten Drittel (etwas) nach. Das Abflachen der Spannung ist noch ok. Schade aber, dass dem auch der Stil folgt.

Ansonsten ist das Buch wie jeder "Connelly": nicht an jeder Ecke ein Toter, nicht auf jeder zweiten Seite Blut und Totschlag. Es sind mehr die Personen und die Story, welche das Buch ausmacht!

Besonders gut gefallen mir die Stellen vor Gericht, bei denen das Buch stets fahrt aufnimmt!

Die Ich-Form finde ich gut ;-)
Frank Bruns zu »Michael Connelly: So wahr uns Gott helfe« 21.06.2010
Dieses Buch wurde überall als 14.Fall von Harry Bosch angekündigt,leider spielt der in dem Buch nur eine Minirolle.
Schade,denn sonst ist das Buch ganz okay.
Von mir gibt es dafür 85% !
Mit Harry in der Hauptrolle wäre es sicher besser gewesen.Außerdem stört mich ein wenig,dass das Buch in "Ich-Form" geschrieben ist.

Insgesamt ist es aber lesenswert:-)
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