Sein letzter Auftrag von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel The Scarecrow, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / Los Angeles, 1990 - 2009.
Folge 2 der Jack-McEvoy-Serie.

  • London: Orion, 2009 unter dem Titel The Scarecrow. 551 Seiten.
  • München: Heyne, 2011. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-26645-2. 450 Seiten.
  • München: Heyne, 2012. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 978-3-453-43526-1. 493 Seiten.

'Sein letzter Auftrag' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Bei seiner letzten Reportage gerät Jack McEvoy in die Fänge eines Identitätsdiebes und Serienkillers, der den lästigen Schnüffler mit Hilfe der digitalen Medien manipuliert, denunziert und schließlich umbringen will & Vorzüglich eingebettet in die Kulissen der globalen Wirtschaftskrise erzählt Connelly spannend eine klassische Reporter-deckt-Wahrheit-auf-Story, die auch als Polizei-Krimi funktioniert: Pageturner-Routine der für den Leser angenehmen Art.

Das meint Krimi-Couch.de: »Serienkiller im digitalen Godmode« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der Siegeszug des Internets und die Wirtschaftskrise machen den klassischen Printmedien allmählich den Garaus. Auch die »Los Angeles Times« muss sparen. Wie überall werden die Kosten gesenkt, indem Personal ´abgebaut´ wird. Niemand ist sicher, wie auch Jack McEvoy, altgedienter Polizeireporter, erfährt, dem nach zwanzig erfolgreichen Arbeitsjahren gekündigt wird.

Als besondere Demütigung soll er noch seine Nachfolgerin einarbeiten, bevor er geht. Angela Cook ist jung, hübsch und wird schlechter bezahlt als McEvoy, der dem Arrangement nur deshalb zustimmt, weil er sich mit einer großen Story verabschieden und für eine neue Stelle empfehlen will. Den Aufhänger bietet der Anruf einer Mutter, die sich über einen Justizirrtum beklagt. Alonzo Winslow hat angeblich eine Tänzerin umgebracht, was er vehement bestreitet. Polizei und Staatsanwaltschaft würden den Fall gern schnell und erfolgreich abschließen, sodass sie die Unschuldsbeteuerungen des Verdächtigen nicht allzu sorgfältig überprüfen.

Mit dem Instinkt des erfahrenen Journalisten erkennt McEvoy, dass dieser Fall auf wackligen Füßen steht. Seine Recherchen legen außerdem frühere Frauenmorde offen, die auf ganz ähnliche Weise begangen wurden. Bald muss auch die Polizei zugeben, dass ein bisher unbekannter Serienkiller sein Unwesen treibt. Als dieser wiederum feststellt, dass seine Tarnung aufzufliegen droht, beginnt er mit Hilfe modernster EDV-Technik seine Spuren zu verwischen und setzt McEvoy unter Druck, der plötzlich ohne Kreditkarte, Handyvertrag oder Internet-Zugang dasteht. Als McEvoy und Cook immer noch nicht von ihrer Story ablassen wollen, beschließt der Killer, die Reporter endgültig zu erledigen. Zumindest Jack McEvoy, der inzwischen von der FBI-Agentin Rachel Walling unterstützt wird, erweist sich als hartnäckiger und ebenbürtiger Gegner &

Schöne, neue, dumme Welt

Der »american dream« basiert auf der Überzeugung, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Rückschläge auf dem Weg zu Ruhm & Reichtum werden als Marken jenes Weges gedeutet, der den unermüdlich Strebenden schließlich als Sieger über die Ziellinie bringen wird. Dass die Realität anders aussieht und Globalisierung oder Rationalisierungsfortschritt auch den ins Abseits stellen, der sich an die Spielregeln hält, ist eine noch relativ junge, traumatische sowie gern geleugnete Erkenntnis. Michael Connelly nutzt sie als Grundlage für den Einstieg in einen modernen Kriminalroman.

Die Idee ist bestürzend gut und wird so geschickt umgesetzt, dass Connelly sich selbst ein Bein stellt: Sein letzter Auftrag ist ein sauber geplotteter, spannend geschriebener Roman, dessen Krimi-Plot es mit dem realen Horror eines personellen »Outsourcings« nicht so recht aufnehmen kann. Ein Serienkiller geht um und metzelt Frauen in Horrorfilm-Manier. Das ist im Vergleich dazu alles andere als eine Novität. In der Tat muss sich Connelly alle Mühe geben, der vieltausendfach ausgewalzten Schauermär einige Glanzlichter aufzustecken.

Der Weg ist wieder einmal das Ziel

Ein Mann wird gefeuert. Er ist gut in seinem Job, hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Sein berufliches Ende basiert auf einer rein ökonomischen Entscheidung. Das persönliche Drama des Jack McEvoy fesselt den Leser sofort. Connelly schürt das Feuer, indem er McEvoy mit seiner taffen, hungrigen Nachfolgerin konfrontiert. Wie wird der gedemütigte Journalist reagieren?

Er leugnet, ignoriert, gaukelt sich Alternativen vor. Die daraus resultierende Stimmung begründet die Intensität, mit der McEvoy sich in seinen letzten Auftrag verbeißt. Nun setzt die eigentliche Krimi-Handlung ein. Connelly entwirft sie nicht als »Whodunit«. Die Identität des Killers ist dem Leser immer bekannt; dieser bestreitet bereits den Prolog. Connelly weicht dem ohnehin beinahe unmöglichen Problem, im 21. Jahrhundert noch einen originellen Serienkiller zu kreieren, auf diese Weise geschickt aus. Er widmet dem Killer und dessen üblicher Vorgeschichte inklusive gestörter Mutter, Missbrauch & Wahnvorstellungen vergleichsweise wenig Raum bzw. skizziert sie sogar erst in einem Epilog, als die eigentliche Geschichte bereits ihr Ende gefunden hat.

Stattdessen ist der Killer auch ein professioneller Identitätsdieb und Manipulator. »Scarecrow«, also »Vogelscheuche«, betitelte Connelly seinen Roman. Der Mörder verdient sich seinen Lebensunterhalt damit, sensible Datenbestände zu betreuen und gegen Hacker zu sichern, die er nicht nur abwehrt, sondern auch mit Hilfe fingierter Indizien als Kriminelle brandmarkt, ihre Konten abräumt, sie beruflich, finanziell und privat ruiniert.

Wie dies geschehen kann, schildert Connelly auf eine Weise, die den Fachmann vermutlich zum Lachen reizt. Der lesende Laie findet es jedoch dramatisch, wie der Verfasser ihm die Schattenseiten der digitalen Gegenwart vor Augen führt. Indem der Killer McEvoy die Identität nimmt, wirkt er wesentlich gefährlicher als während der späteren ´klassischen´, also körperlichen Attacken.

Eine Reise durch das Connellyversum

Michael Connelly schreibt verschiedene Serien sowie Einzelromane. Sie spielen in einer gemeinsamen Welt. Ihre Figuren begegnen einander, lösen Fälle zusammen, nehmen serienübergreifend Kontakt auf. Eine dramatische Notwendigkeit gibt es dafür nicht, weshalb der Verfasser von der Kritik oft gescholten wird. Ihm scheint dieses Spiel Freude zu bereiten; er bleibt dabei und knüpft immer neue Verbindungen. Auch Jack McEvoy ist fest ins Connellyversum eingebunden. Er kennt den Cop Harry Bosch und den »Lincoln Lawyer« Michael Haller der wiederum ein Halbbruder von Bosch ist und frischt in Sein letzter Auftrag die Beziehung zur FBI-Agentin Rachel Walling auf, die zwischenzeitlich mit Bosch verbandelt war.

Kennengelernt haben wir McEvoy in dem Roman Der Poet (1996; zu diesem Roman gibt es eine Fortsetzung, die Harry Bosch wer sonst? als Hauptfigur bestreitet und u. a. den Tod des Polizei-Kollegen Terry McCaleb untersucht, der 1997 Held des Connelly-Romans Das zweite Herz war). Wie Bosch und Haller ist er ein Profi, der einerseits alle Kniffe und Schlichen kennt, während er sich andererseits ausgeprägte idealistische Züge bewahren konnte. Der private Jack McEvoy ist eine vergleichsweise profilarme und durchaus uninteressante Gestalt. Sie lebt durch ihre Tätigkeit: McEvoy ist nicht ein, sondern »der« Journalist.

Ebenso ist Rachel Walling »die« FBI-Agentin, auch wenn der Autor ihr eine stürmische berufliche Karriere verordnet: Connelly-Figuren haben Probleme mit Obrigkeiten, die sich lieber selbst verwalten, als ihre Aufgaben zu erledigen und dabei einfallsreich zu sein oder gar Risiken einzugehen. Ansonsten wirkt Walling ebenso diffus wie McEvoy, was auch die die peinlichen, lächerlichen und aus heiterem Himmel über den Leser hereinbrechenden Liebesszenen erklären könnte, für die Connelly berüchtigt ist.

Alles wird gut oder zumindest anders

Das letzte Romandrittel bestreitet Connelly mit Krimi-Routinen. Der Abstand zwischen Killer und Verfolger verringert sich, während die Gefahr steigt. Dabei zeigt uns der erfahrene Verfasser, wie man dies inklusive zeitweiliger Fehlschlüsse als Folge professioneller Ermittlungsarbeit inszeniert, ohne dabei dem Zufall eine allzu gewichtige Rolle zu übertragen. Selbstverständlich gehen spätestens im Finale alle klugen Pläne schief, um zugegeben etwas mechanisch einen krönenden Abschluss zu schaffen.

Zwar ist der Schurke geschnappt, doch das Ende ist dennoch offen. Jack McEvoy dreht der schnöden Realität eine letzte Nase und kehrt nicht in seinen Job zurück. Wie er sich neu orientiert, wird zweifellos zu einem der Handlungsstränge in McEvoys nächstem Abenteuer, dem Connelly so bereits den Boden bereitet und gleichzeitig seine Leser erfolgreich neugierig macht.

Michael Drewniok, April 2011

Ihre Meinung zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag«

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trafik zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag« 14.01.2016
Ich fand dieses Buch einfach nur Weltklasse. Von Anfang an spannend und sehr kurzweilig. Es war mein erstes Buch von Michael Connelly. Werde aber bald mehr lesen. Die meisten Leser meinen, das die anderen Bücher von Michael Connelly weit besser sind. Dann kann ich mich ja jetzt schon freuen, wenn mir schon dieses so gut gefallen hat.
Jose la mouche zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag« 13.12.2015
Es beginnt recht langsam, dann steigert sich das Tempo und die Spannung.
Es ist zwar ein Roman, aber in Ich Form geschrieben.
Wer Aktion erwartet ist enttäuscht, dafür wird er durch die Verwicklung der Handlung entschädigt. Zwar schreibt Michael Connelly sonst packender aber im Ganzen empfehlenswert.
manni zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag« 21.03.2011
Ein sehr schwacher Connelly, Lichtjahre an Könnnen von seinen ersten grandiosen Romanen entfernt. Schade. Ob hier dann auch nur noch die Dollars locken mal schnell einen Krimi auf den Markt zu schmeißen? Schade für die sympatischen Hauptdar-steller, deren Werdegang man ja gerne verfolgt, aber nicht um den Preis einer abgedroschenen Serienkiller-Story, dieses
Sujet ist auch so langsam wirklich ausgelutscht und totgeschrieben, da kann auch ein Connely nichts mehr retten und sollte auch die Finger davon lassen. Ich bin mal auf den neuen "Harry Brosch" gespannt. 60 Punkte, nicht mehr.
Bio-Fan zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag« 15.03.2011
Fast 20 Jahre ist es her, seit Michael Connelly in „Schwarzes Echo“ seinen ersten Protagonisten (Harry Bosch) ins Rennen geschickt hat. Im Laufe der Zeit hat Connelly sich in seinen Krimis ein eigenes Los Angeles geschaffen und kann so immer wieder auf einzelne Figuren zurückgreifen. Hier, in „Sein letzter Auftrag“ wird der Polizei-Reporter Jack McEvoy reaktiviert, der in „“Der Poet“ die Hauptrolle spielte – eine Figur, die Connelly wohl besonders am Herzen liegt, da er vor der Schriftstellerei selbst im Zeitungsmetier tätig war. „Sein letzter Auftrag heißt der deutsche Titel, dessen Findung der Kreativ-Abteilung beim Heyne-Verlag sicher schlaflose Nächte bereitet haben wird. Es mag tatsächlich McEvoys letzter Auftrag für seine Zeitung, der L A Times sein, aber wahrscheinlich nicht sein letzter Auftritt. „Scarecrow“ (Vogelscheuche), so der Originaltitel, ist weit aussagekräftiger, denn er weist in Richtung auf McEvoys Gegner.

Im Kofferraum eines abgestellten Wagens wird die geschändete Leiche einer jungen Frau gefunden. Ein Fingerabdruck auf dem Rückspiegel führt die Polizei zu einem 16- jährigen Farbigen aus dem Stadtteil Watts. Seine Großmutter, felsenfest von der Unschuld ihres Enkels überzeugt, wendet sich an die L A Times rsp an Jack McEvoy. Der will erst gar nicht so recht, nach langem Zögern kümmert er sich um diesen Fall. Mit seinem letzten Auftrag, da ihm gekündigt wurde, will er noch einmal große Schlagzeilen machen. Was zuerst wie Routine aussieht, entwickelt sich zu einem gefährlichen, ja für einige sogar todbringenden Abenteuer.

Jack McEvoy ist ein Reporter alter Schule. Er scheut weder das Recherche-Kleinklein, noch die mühselige Laufarbeit. Aber mit dem neumodischen Computerkram hat er es nicht so, was in diesem Fall fatal ist, scheint doch sein Gegenspieler ein ausgemachter Computer-Wizzard zu sein. Die Auslagerung personenbezogener Daten (Cloud Computing) und Identitätsdiebstahl sind neben der Mördersuche Connellys zentrale Themen.

Michael Connelly arbeitet – wie erwähnt- auf vertrautem Terrain und mit eingeführten Personen, denn zu Jack McEvoy gesellt sich wieder die FBI-Profilerin Rachel Walling und beider eingemottete Beziehung erlebt einen zweiten Frühling.
Trotz vieler Anspielungen auf Ereignisse aus vorangegangenen Büchern kommt „Sein letzter Auftrag“ eigenständig daher und kann ohne besagte Vorkenntnisse gelesen werden.
Wie sein Protagonist ist Michael Connelly auch „Old School“ und hat sich nicht von der ausufernden Szenenhüpferei anderer Autoren anstecken lassen. Es ist auffallend angenehm, mal wieder einen Erzählstrang über ein paar Dutzend Seiten verfolgen zu dürfen. Das führt zu einem linear ansteigenden Spannungsbogen, an dessen Ende mal kein dramatisches Spektakel steht, sondern eine nachvollziehbare Lösung. - 82°
Andreas zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag« 11.03.2011
Hallo, ich bin auch begeisterter Connelly-Leser. Das fällt einem erst auf wenn man mal ein anderes Buch in der Hand hat. Ich hab der letzte Coyote gelesen. Ist auf jeden Fall auch zu empfehlen (geht um seine längst verstorbene Mutter). Man erfährt einiges über sein früheres Leben. Wenn du magst kann ich dir ja den Roman zuschicken (im Gegenzug wenn du mir "Sein letzter auftrag" zuschickst).Sag bescheid ob du magst. Meine E-mail: Andreas.Schwab1989@googlemail.com
Gruß
Albi Goetsch zu »Michael Connelly: Sein letzter Auftrag« 01.03.2011
Soeben habe ich diesen Krimi fertig gelesen. Nun wollte ich mich im Krimi-Couch informieren was andere Leser darüber so zu kommentieren haben. Offenbar bin ich der Erste. Nun, dieser Krimi ist nach MC's Strickmuster Harry Bosch gestrickt. Jack McEcoy der Reporter übernimmt die Rolle von HB. Er wächst in seiner Rolle als Report der LA-Times in die Rolle eines Dedektivs. Natürlich versteht der Autor immer wieder die Unterschieden zwischen einem Reporter und einem Dedektiv der LAPD oder des FBI zu unterstreichen. Zu Beginn war es etwas mühsam in die Geschichte hereinzukommen mit der Zeit ging es jedoch immer besser und am Schluss war es ein absoluter Knaller - eben ein echter Micheal Connelly. Er erzählt die Geschichte spannend, knappund präzise. Mir hat sie gefallen und kann sie weiter empfehlen.
Ich suche noch den Roman "der letzte Coyote" .Kann mir jemande weiterhelfen?
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