Letzte Warnung von Michael Connelly

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Lost Light, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / Los Angeles, 1990 - 2009.
Folge 9 der Harry-Bosch-Serie.

  • Boston: Little, Brown, 2003 unter dem Titel Lost Light. 360 Seiten.
  • München: Heyne, 2005. Übersetzt von Sepp Leeb. ISBN: 3-453-43153-7. 416 Seiten.

'Letzte Warnung' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Detective Harry Bosch hat den Dienst quittiert. Bei seinem Abschied hat er ein paar Akten mit unerledigten Fällen mitgenommen. Besonders der Fall um eine junge Frau, die bei einem Filmdreh auf dem Set ermordet wurde, lässt ihm keine Ruhe. Er hat sich geschworen, diesen Mord aufzuklären. Stattdessen findet er sich plötzlich selbst im Fadenkreuz der Ermittlungen wieder.

Das meint Krimi-Couch.de: »Harry Bosch im Spinnennetz der Antiterror-Mafia« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vor zehn Monaten hat Harry Bosch seinem Dienstherrn, dem Los Angeles Police Department, den Bettel vor die Füße geworfen (s. »Kein Engel so rein«). Diese Entscheidung begann er längst zu bereuen, denn er ist Polizeiermittler mit Leib und Seele. Notgedrungen beschäftigt er sich als Privatmann mit alten, ungeklärten Fällen. Besonders nahe ging ihm vor vier Jahren die Ermordung der jungen Hollywood-Produzentin Angella Benton. Sie arbeitete für Eidolon Productions, die erfolgreiche Firma von Alexander Taylor, der Angella ebenfalls nicht vergessen kann. Auch Bosch und er kennen sich, denn zufällig hatte der Polizist sich am Drehort eines von Eidolon produzierten Films aufgehalten, als dieser von bewaffneten Gangstern überfallen wurde, die 2 Mio. Dollar raubten, welche in einer Filmszene Verwendung finden sollten.

Dieser Fall blieb ebenfalls offen. Von einem ehemaligen Kollegen erfährt Bosch, dass Martha Gessler, eine FBI-Agentin, sich für den Raubfall interessierte. Kurze Zeit später verschwand sie und blieb bisher verschollen.

Seltsame Querverbindungen deuten sich an. Bosch möchte alte Kontakte bei der Polizei und beim FBI aufleben lassen. Statt ihm zu helfen mauert man und droht ihm sogar mit Unannehmlichkeiten, sollte er seine Ermittlungen nicht umgehend einstellen. Wie es für ihn typisch ist, lässt Bosch sich nicht einschüchtern. Er hakt intensiv nach und bringt in Erfahrung, dass sich die noch junge »Rapid Response Enforcement and Counter Terrorism«-Einheit sich in den Fall – oder die Fälle – eingemischt hat. Nach der Terrorattacke auf das World Trade Center im September 2001 ist sie Teil des »Feldzugs gegen das Böse«, den die Bush-Regierung auch innerhalb der USA führen lässt – eine paramilitärische, strikt auf ihre »Mission« ausgerichtete Gruppe mit weitem gesetzlichen Handlungsspielraum, die sich dem Gesetz indes nicht verpflichtet fühlt.

Auch Bosch bekommt den Zorn der REACT-Truppe zu spüren. Da ihn Druck »von oben« seit jeher anstachelt, intensiviert er seine Ermittlungen. Doch zum ersten Mal muss er erfahren, wie angreifbar ein Privatmann und Bürger in den USA geworden ist: Der Verdacht auf »terroristische Konspiration« ist seinen Gegnern mehr als »Grund« genug, den Drohungen Taten – und Killer – folgen zu lassen …

Polizeistaat für Patrioten?

Harry Bosch’ aktueller Fall spielt vor der Kulisse eines Amerika nach dem 9. September 2001. Die Zerstörung des World Trade Centers durch Terroristen hat die USA erst in den kollektiven Schock und dann in blinden Aktionismus getrieben. Verständlicherweise soll so eine Tragödie sich nie wiederholen. Amerika rüstet seit 2001 auf – nach Außen und nach Innen. Dabei werden Gesetze mit Füßen getreten, welche die Privatsphäre des Bürgers bisher schützten. Nunmehr genügt es – überspitzt ausgedrückt – jemanden »terroristischer Umtriebe« zu verdächtigen, um seine Grundrecht weitgehend außer Kraft zu setzen.

In »Letzte Warnung« spielt Connelly durch, was das konkret bedeuten kann. Eine »REACT«-Einheit gibt es in Los Angeles nicht. Ähnliche Gruppen, die Elemente der Polizei, des Militärs und des Geheimdiensts in sich vereinigen, sind freilich durchaus real. Das Gefährliche ist: Sie stehen quasi außerhalb des Gesetzes, das auch für potenzielle Terroristen zunächst gilt, um auf diese Weise möglichen Gewalttaten vorgreifen zu können.

Das an sich Nützliche trägt den Keim des Verderbens freilich bereits in sich: Wer bewacht den Wächter?, heißt ein altes Sprichwort. Gruppen wie Connellys »REACT« lassen sich schwer kontrollieren. Stattdessen könnten ihre Mitglieder auf den Gedanken kommen, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen, welches von seinen demokratisch gewählten Repräsentanten = Waschlappen, Zauderern, Schwätzern – nicht wirklich durchgesetzt wird. Womöglich sind die Gesetze zu lasch? Dies denken ohnehin jene in Staat und Militär, die man als »Falken« bezeichnet und die »das Böse« prinzipiell mit blanker Waffe zu Boden strecken und austilgen wollen. Unter ihrem Befehl verwandeln sich Gruppen wie »REACT« zum idealen Instrument, denn sie schlagen erst zu und stellen erst dann – vielleicht – Fragen.

Connelly-Kritik: packend & ohne Zeigefinger

Connellys Harry-Bosch-Romane sprengten seit jeher die Grenzen des Krimigenres, wenn sie das Thriller-Element betonten: Die wahre Gefahr in dieser Welt geht nicht von verrückt-genialen Serienkillern aus, sondern von verblendeten Fanatikern, gewissenlosen Fundamentalisten sowie gesichtslosen »Eliten«, denen es ausschließlich um Geld und Macht geht. Connelly formuliert »Letzte Warnung« als Etappe auf US-Amerikas Weg zum Polizeistaat, dessen Führung (dieses Wort wird hier mit Bedacht verwendet) seine Bürger »zu ihrem Besten« unmündig hält und als nützliche Idioten behandelt und nach Strich & Faden ausnutzt.

Michael Connelly wäre nicht Michael Connelly, wenn er seine Botschaft der Leserschaft nicht höchst unterhaltsam nahe brächte. »Letzte Warnung« ist wie gesagt geschickt geplottet, dazu flott & spannend geschrieben, reich an unerwarteten Wendungen und sicherlich ein Muss für die Freunde des richtig guten Cop-Thrillers. Auch hierzulande hat sich das inzwischen herumgesprochen. Der Heyne-Verlag gönnt seinen Connelly-Ausgaben einen festen Einband oder plustert sie wenigstens zum Paperback auf, das ja bereits optisch ein Qualitätslevel oberhalb des Taschenbuch-Ghettos signalisieren soll.

Ich heiße Harry …ein schwieriger Perspektivenwechsel

Zum ersten Mal schreibt Hieronymus »Harry« Bosch (die Feder führt ihm Michael Connelly) selbst eines seiner kriminalistischen Abenteuer auf. Der Zeitpunkt für diesen Perspektivenwechsel ist klug gewählt: Bosch ist nunmehr Privatmann. Viel Zeit hat er nun, in der er sich notgedrungen mit sich, seinen Plänen (er hat keine) und Träumen (weiterhin will er die Welt vom Bösen reinigen) auseinandersetzen muss. Dieser Konflikt spielt sich in seinem Inneren ab und stellt eine der Handlungsebenen dar, mit denen Connelly seine Leser dieses Mal unterhält.

Bosch ging im Zorn und zunächst erleichtert. Im Dienst der guten Sache – dem Kampf gegen das Verbrechen – hat er sich in jahrzehntelanger Polizeiarbeit aufgerieben. Mit allen hat er sich dabei angelegt – mit den Vorgesetzten, mit eigentlich zur Kooperation verpflichteten, tatsächlich aber konkurrierenden Polizeibehörden, mit Staatsanwälten, Politikern, den Medien. Sie alle haben ihm im Verlauf für sie oft unbequemer Ermittlungen Steine in den Weg gelegt, ihn mundtot zu machen, gar zu vernichten versucht.

Nun hat Bosch seine Ruhe aber Zufriedenheit will sich nicht einstellen. Die eigentliche Polizeiarbeit, das Ermitteln in Mordfällen, fehlt ihm. Außerdem muss er feststellen, dass ein Kriminalist ohne Polizeimarke in seinen Möglichkeiten stark eingeschränkt ist – eine Quelle neuer Frustrationen. Schließlich lässt ihn sein Privatstatus für alte und neue Gegner angreifbar werden.

Denn Gegner macht sich natürlich auch der »neue« Harry Bosch reichlich. Die Reichen und Mächtigen hassen es, wenn man ihnen im Glanz ihrer Privilegien gleichgültig oder gar respektlos entgegen tritt. Wichtiger als die Dienstvorschrift sind die komplexen ungeschriebenen Regeln, die den Umgang mit Kollegen und Konkurrenten, mit »wichtigen« und »unwichtigen« Bürgern fixieren. Harry Bosch akzeptiert nicht, dass manche Menschen gleicher sind als andere. Seine Konsequenz, deren unmittelbare und mittelbare Folgen Connelly meisterhaft in Szene zu setzen weiß, macht Bosch zu einer kantigen aber liebenswerten Person bzw. Persönlichkeit, an deren Schicksal man als Leser Anteil nimmt.

Harrys Abstecher in die Seifenoper

Teil der Handlungsebene »Bosch privat« ist Harrys Entdeckung, dass ihm seine Ex-Frau die Existenz einer gemeinsamen Tochter verschwiegen hat. Um diese Tatsache ranken sich die üblichen seifenoperlichen Verwicklungen. Sie passen gar nicht ins Konzept eines straff und überzeugend geplotteten Thriller-Krimis, sondern wirken wie ein Zugeständnis an jene, die unbedingt »etwas fürs Herz« auch in ihrer Krimilektüre suchen. Harrys familiäre Sorgen setzen sich auch in »Die Rückkehr des Poeten«, dem 10. Bosch-Band, und dort sogar noch unerquicklicher fort. Was wir daraus lernen: Harry Bosch ist kein Familienmensch; jedenfalls vermag ihn Connelly als solchen nicht überzeugend in Szene zu setzen. Bosch ist ein Getriebener, der sich mit dem Verbrechen und dem System gleichermaßen anlegt. In dieser Rolle ist er großartig. Connelly hat es inzwischen wohl selbst gemerkt. In »The Closers« (2005) ist Bosch jedenfalls wieder beim LAPD und berichtet auch nicht mehr aus der Ich-Perspektive.

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Ralf64 zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 26.02.2015
Ja, plätschert alles so dahin.
Ich habe mir den Roman auch aufgrund der sehr positiven Kritiken gekauft. War auch der ersten von Connelly den ich gelesen habe.
Glaube nicht das weitere folgen werden.
Ich fand die ganze Story irgendwie ziemlich konstruiert. Die Charaktere wirken auf mich nicht glaubhaft. Zum Beispiel die Anwältin die Mr. Bosch noch einen Gefallen schuldet. Alles in allem ja nicht direkt schlecht aber ich fands ziemlich langweilig.
Susy zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 07.09.2010
Die Ich-Erzählung hat mich am Anfang sehr gestört und hat mich auch bis zum Ende nicht überzeugt.
Die Geschichte selbst leider auch nicht besonders.
Mir fehlt die Spannung etwas und ich finde auch, dass die Story hin und wieder abschweift. Es war mein erstes Michael Connely Buch und ich werde wohl noch eines versuchen bevor ich aufgebe.
Andreas zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 10.03.2010
Meiner Meinung nach sein zweitbestes Buch nach "Vergessene Stimmen". Wie gewohnt tolle Story und vor allem auch logisch nachvollziehbar. Allerdings schweifen manche Stücke ein wenig zu sehr von der Haupthandlung ab. Das gewisse "abgrundtiefe, und bis ins menschliche Mark erschütternde" wie bei Vergessene Stimmen fehlt allerdings.
vifu zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 08.01.2010
Wie immer ist dies wieder ein sehr spannendes Buch! Realistisch und gleich vom Beginn wickelt der Handlungsstrang ein. Man knirscht ganz schön, wenn klar wird, welche demokratischen Grundrechte nach dem 11. Sept. gestutzt wurden.
Schön, dass auch Harry darunter leidet. Aktuell soeben die Animositäten und Konkurrenz der Sicherheitsdienste!
pescheg zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 19.04.2009
In der Tat, Michael Connelly enttäuscht einen nicht. Auch «Letzte Warnung» ist wiederum ein gut gemachter Krimi mit viel Drive, klugem Plot und einem Höchstmass an Authentizität. Manchmal ist man versucht zu glauben, diesen Harry Bosch mit seinem unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit gebe es wirklich.

Dass der Roman in der Ich-Form erzählt wird, ist auf den ersten Seiten noch etwas gewöhnungsbedürftig. Schnell zieht einen aber zum Glück die Handlung in den Bann und schon ist der etwas unnötige Perspektivenwechsel vergessen. «Letzte Warnung» spielt wiederum in Los Angeles, diesmal unter dem Eindruck von 9/11 und der anschliessend einsetzenden blindwütigen Jagd auf Terroristen. Harry ermittelt auf eigene Faust, hat einmal mehr fast alle gegen sich und zieht so die Leserinnen und Leser nochmals näher an sich heran. Ich werde der Harry Bosch-Reihe treu bleiben.
sabrina13582 zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 05.01.2009
Wenn Michael Connelly ein Buch schreibt, kann man sich eigentlich sicher sein das es Spannung pur ist. Auch diesmal ermittelt Harry Bosch auf seine ganz eigene, manchmal etwas ungewöhnliche Art. Die Spannung hält sich durchweg und das Ende ist mal wieder phänomenal. Ein Buch voller Überraschungen und toller Ermittlerarbeit, die sehr detailliert erklärt und beschrieben wird. Zwar arbeitet Harry Bosch in diesem Roman nicht mehr als offizieller Polizeiermittler an seinem Fall, sonder "nur" als "Privatdedektiv", aber das macht das Buch nicht weniger spannend und unterhaltsam
rike zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 05.02.2008
Unglaublich fesselnd und überzeugend. Hätte am liebsten die ganze Nacht durchgelesen.
Sicher mit Jeffery Deaver zu vergleichen, wenn auch auf andere Art.
Karinchen zu »Michael Connelly: Letzte Warnung« 15.11.2006
Man nimmt einen Connelly-Roman in die Hand und weiß, dass man mit solch einem Buch keinen Fehlkauf gemacht hat.
Immer wieder spitzenklasse und wie J. Deaver gesagt hat: Das beste was man zur Zeit an Kriminalromanen finden kann.
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