Tödliche Schlagzeilen von Michael Collins

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Keepers of the Truth, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei btb.

  • London: Phoenix, 2000 unter dem Titel Keepers of the Truth. 384 Seiten.
  • München: btb, 2008. Übersetzt von Eva Bonné. ISBN: 978-3-442-73792-5. 384 Seiten.

'Tödliche Schlagzeilen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Früher eine Hochburg industrieller Produktion, ist die kleine amerikanische Stadt, in der Bill lebt, nur noch eine verlassene Ruine ihrer selbst. Und ihre Bewohner sind traurige Verlierertypen. Auch Bill verzweifelt an seinen banalen Artikeln für das Lokalblatt »Daily Truth«, und schreibt heimlich an seinem großen Essay zum Niedergang des amerikanischen Traums. Dann kommt plötzlich eines Nachts der alte Lawson nicht mehr nach Hause. Und Ronny, sein Sohn, gerät unter Mordverdacht. Die Stadt berauscht sich an dem Skandal, den Bill mit seinen Berichten anheizt. Bis er sich zu fragen beginnt, was wirklich hinter dem Verschwinden des alten Mannes steckt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein mutmaßlicher Mordfall entwickelt sich zum Hoffnungsträger« 80°

Krimi-Rezension von Jochen König und Thomas Kürten

Thomas Kürten: Jochen, wir beide haben die zwei ersten in deutscher Übersetzung erschienenen Romane von Michael Collins, Schlafende Engel und Der Bestseller-Mord, gelesen und haben dadurch Appetit auch auf den dritten Roman Amerikaners mit irischen Wurzeln bekommen. Wovon handelt Tödliche Schlagzeilen?

Jochen König: Der Roman spielt in einer kleinen Stadt im Mittleren Westen. Früher eine blühende Industrielandschaft, doch jetzt nur noch ein sinkendes Wrack, nachdem die Fabriken geschlossen wurden und die Bewohner nach und nach ihre Jobs verloren. Bill ist Redakteur, hetzt von Backwettbewerb zu Backwettbewerb und macht gute Miene zum bösen Spiel, wenn er sich nicht gerade in Selbstmitleid badet oder besäuft. Oder beides. Dabei hat er es gar nicht nötig zu arbeiten, da ihm sein Vater Geld und Grundbesitz hinterlassen hat. Doch Bill ist ein Außenseiter in einer Welt voller Außenseiter. Als eines Tages der alte Lawton spurlos verschwindet und sein Sohn Ronny in Verdacht gerät, ihn ermordet zu haben, nahen für Bill die fünfzehn Minuten Ruhm des kleinen Reporters. Dank einer kleinen journalistischen Eingebung, gilt er plötzlich als der bestinformierte Mann vor Ort und wird sogar zum Lieferanten für Agentur-Meldungen.

Thomas Kürten: Aber Bill macht mehr als sein Chefredakteur von ihm verlangt. Er interessiert sich zu sehr für die Lawtons und insbesondere für Ronnys Freundin Teri. Er wird so selbst in den Fall verwickelt.

Jochen König: Genau, und je mehr er in den Vermisstenfall hineingezogen wird, desto mehr zweifelt Bill an der Theorie, Ronny Lawton sei der Mörder seines Vaters. Motive hat er zwar genug, doch je weiter Bill herumschnüffelt, um so mehr Verdächtige tun sich auf, denn Lawton Sr. war alles andere als ein liebenswerter Zeitgenosse. Am Ende wird Bill der sterbenden Stadt den Rücken zukehren, die Flucht ergreifen, gemeinsam mit einem übel beleumundeten, angeblichen Flittchen, und deren Kind, dessen mentale Fähigkeiten in einem Raum der geistigen Dunkelheit nur für wenig Helligkeit sorgen würden. Doch Bill ist zum ersten Mal halbwegs positiv gestimmt, was seine Zukunft angeht, vor allem weil er anerkennt, dass sich große Hoffnungen in kleine Erwartungen verflüchtigt haben, man damit aber ganz gut leben kann.

Thomas Kürten: Was ist denn für dich das besondere an diesem Krimi? Womit hat dich der Autor überzeugt?

Jochen König: Man darf sich von Tödliche Schlagzeilen nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Denn, obwohl ein Verbrechen Dreh- und Angelpunkt von Collins Roman ist, handelt es sich kaum um einen Kriminalroman. Ermittlungen finden zwar statt, doch hauptsächlich um Schlaglichter auf eine Gesellschaft zu werfen, die dem Untergang geweiht ist. Bittere Ironie durchzieht den gesamten Text, der von bizarren Figuren nur so wimmelt. Seien es Bills Kollege, der magenkranke Fotograf Ed, sein Chef Sam, der verzweifelt versucht, das Lokalblatt an einen größeren Konzern zu veräußern, Eds Gattin Darlene, in deren heimischer Frisierstube die Fäden des Klatsches zusammenlaufen, und nicht zuletzt die Trailer Park-Schönheit Teri, die letztlich Bills Ticket in die Zukunft bereit hält und der Anlass ist, das Bill sich überhaupt eine Zukunft wünscht.

Thomas Kürten: Gutes Stichwort. Bill. Für mich ist dieser Charakter der absolute Glanzpunkt des Romans. Ein durch und durch verstörter Mensch, Sohn eines gescheiterten Rebells und nun orientierungslos gestrandet in einer dem Untergang gewidmeten Stadt. Ebenso wie schon sein Vater musste er hilflos mit ansehen, wie das Lebenswerk seines Großvaters, ein gigantisches Industrieunternehmen und ehemals Lebensquell einer Großstadt immer mehr in der Bedeutungslosigkeit versank. Unfähig, das Trauma vom Selbstmord seines Vaters zu verarbeiten. Ganz stark, wie uns Collins diesen schweren Charakter präsentiert.

Jochen König: Ja, Bill ist nicht ohne Fehl und Tadel, er ist bestenfalls ein Ritter in einer sehr rostigen Rüstung. Für mich eines der Highlights des Romans ist die Zeichnung von Bills »Liebesleben«. Denn das besteht aus einer nahezu wahnhaften Fernbeziehung zu seiner »Freundin« Diane, in der sich Bill eher wie ein Stalker, als wie ein gleichberechtigter Partner verhält. Während sie zuerst nie für ihn erreichbar ist, wird Diane zu fernem Leben erweckt, als Bill auf einer kurzen Welle der Popularität schwimmt, nur um ihn am Ende wissen zu lassen, dass sie ihn für ein gemeingefährliches Ekel hält. Ein kleines, beeindruckendes literarisches Meisterstück zum Thema zusammenbrechende und vergebliche Kommunikation. Davon hat Tödliche Schlagzeilen einige Höhepunkte zu bieten.

Thomas Kürten: Tödliche Schlagzeilen ist eine Momentaufnahme einer Region am Ende des Industriezeitalters. Der Roman beschreibt das trostlose Leben der übrig gebliebenen in einer sterbenden Stadt. Streckenweise erstickt den Leser diese Ausweglosigkeit mehr, als das ihm eine sensationsgierige Presse den Atem raubt. Düstere Melancholie dominiert den Roman.

Jochen König: Der deutsche Titel geht in der Tat mal wieder am Tenor des Buches vorbei, handelt es doch nur am Rande von der Sensationslust, die Pressemedien evozieren. Viel intensiver beleuchtet der irischstämmige Michael Collins den »klimatisierten Alptraum« des modernen (amerikanischen) Lebens, ab dem Moment, in dem die Klimaanlage ausfällt. Wenn die Infrastruktur zerbricht, Arbeitsplätze vernichtet werden, und an die Stelle einer funktionierenden Gesellschaft eine Gemeinschaft tritt, die paralysiert die vergangenen besseren Tage beschwört, anstatt einen Ausweg aus der Misere zu suchen, braucht man nicht mal eine feindliche Übernahme am Horizont, die den Menschen die letzten Reste von Eigenständigkeit und Würde austreibt. Selbstmord, Vergewaltigung, latente und ausgeübte Gewalt, Verwahrlosung, der Verlust der sozialen Verantwortung – all das schwärt unter der Oberfläche, geduldet, wahrgenommen, aber nicht aktiv bekämpft, bis es explodiert.

Thomas Kürten: Womit wir zum Fazit kommen. Die Art wie Collins in Tödliche Schlagzeilen mit Zivilisationsängsten spielt, ist ungewöhnlich intensiv. Er benutzt die typischen Elemente eines Kriminalromans, um uns das Spiegelbild einer Gesellschaft auf dem Weg in den Abgrund zu präsentieren. Starke Figuren, aber auch starke Bilder, die der Autor immer wieder einzusetzen weiß, wenn er den Lesern mal um mal klarmacht, wie verloren die Situation bereits ist.

Jochen König: Zynischerweise entwickelt sich ein mutmaßlicher Mordfall zum Hoffnungsträger, doch es wird nur Einzelnen gelingen sich aus dem Sumpf zu befreien; das marode Gemeinwesen ist viel zu sehr damit beschäftigt sich selbst zu unterminieren, so dass die Aufklärung des Verbrechens weder gewünscht noch gesucht wird. Der vermeintliche Thriller als gesellschaftliches Psychogramm, die bitter-komische Analyse eines schleichenden Zerfalls. Ein Ausverkauf, der bereits in den »guten, alten Zeiten« begann, wovon der frühe Selbstmord von Bills Vater zeugt, und der nicht damit enden wird, das eine Lokalzeitung zum Anzeigenblatt in den Händen einer überregionalen Redaktionsleitung verkommt. Genauso wenig wie ein explosiver Gewaltausbruch reinigende Wirkung besitzt.

Jochen König und Thomas Kürten, September 2008

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ViFu zu »Michael Collins: Tödliche Schlagzeilen« 13.07.2011
Diesen "Krimi" hab ich sehr nachdenklich beendet. Eigentlich ist der Mordfall lediglich die Projektionsfläche um den Umbruch im mittleren Westen der USA darzustellen. Die industrielle Globalisierung hinterlässt überall ihre Opfer. Anfangs tat ich mich sehr schwer mit dieser Story, aber wenn Dir klar wird, dass dies auch hier irgendwo in der Provinz passieren könnte! Diese düstere, enge, egomanische,exentrische Dorfgemeinschaft ist gar nicht so weit weg!
Ein sehr empfehlendswertes Buch für helle Tage!!!
Stefan83 zu »Michael Collins: Tödliche Schlagzeilen« 29.08.2008
Wenn der London Observer zu den nachfolgenden Romanen „Schlafende Engel“ und „Der Bestsellermord“, welche auf Deutsch beide zeitlich vor dem vorliegenden Werk „Tödliche Schlagzeilen“ veröffentlicht wurden, schreibt, es handele sich um „ein großartiges, apokalyptisches Stück Prosa, ein Requiem auf Amerika“, fragt man sich als Leser unwillkürlich, ob diese Bücher aus ein und derselben Feder stammen. Denn außer dem Attribut apokalyptisch trifft hiervon nun wirklich gar nichts auf diesen Kriminalroman zu. Schon lange habe ich mich nicht mehr so bei einer Lektüre gelangweilt, das Ende und die letzte Seite so herbeigesehnt. Michael Collins, entfernt mit dem irischen Freiheitskämpfer mit dem gleichen Namen verwandt, hat hier anscheinend versucht Philip Roth und Dennis Lehane gleichzeitig Konkurrenz zu machen und dabei eindeutig Schiffbruch erlitten. Die Story um den Journalisten Bill, der in einem verlassenen Kaff sein Geld mit Anzeigen über Backwettbewerbe und Berichten über Footballspiele verdient und in einen Mordfall verwickelt wird, klingt durchaus interessant, kann aber auf dem Papier schlichtweg nicht überzeugen. Selten hatte ich eine so langweilige Schreibe vor mir liegen, die sich derart penibel an Nichtigkeiten festhält und die Charakterzeichnung bis zum Exzess betreibt. Bill ist ein kaputter Mensch. Sein Vater hat sich, nachdem sein Kühlschrankunternehmen wie so viele andere Firmen der Gegend Bankrott ging, das Leben genommen und den Sohn alleine zurückgelassen. Darunter leidet der junge Journalist immer noch. Und das erfährt man als Leser auch. Beinahe auf jeder zweiten Seite. Gleichzeitig wird der Autor ebenfalls nicht müde die verfallenen Fabrikanlagen, trockenen Maisfelder und leeren Straßen en detail zu beschreiben. Der Mordfall? Wird im depressiv-düsteren Wirrwarr von Collins’ Wörtern zur Nebensächlichkeit. Spannung sucht man hier schlichtweg vergebens und die Ermittlungen, sofern man das ziellose Herumstolpern Bills so nennen kann, lesen sich derart zäh, dass sich selbst der geduldigste Leser das Vorblättern verkneifen muss. Gegen Ende, wo der bis dahin hintröpfelnde Plot sogar so etwas wie Tempo gewinnt, wird dann schließlich auch die letzte Hoffnung auf einen gelungenen Schluss zerstört. Auf die Frage nach der Identität des Mörders gibt Collins nämlich einfach mal keine Antwort und stattdessen lieber eine krude Erklärung im Epilog. Insgesamt ist „Tödliche Schlagzeilen“ ein langatmiges, wenig unterhaltsames Werk, das eher in den Bereich der Belletristik gehört und den Anspruch eines Spannungsromans auf keiner einzigen Seite erfüllen kann. Dasselbe Thema hat gleich eine ganze Handvoll anderer Autoren um Klassen besser behandelt.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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