Wer das Schweigen bricht von Mechtild Borrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Pendragon.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.

  • Bielefeld: Pendragon, 2011. 224 Seiten.
  • [Hörbuch] Merenberg: ZYX, 2011. Gesprochen von Katrin Daliot. 6 CDs.

'Wer das Schweigen bricht' ist erschienen als HörbuchE-Book

In Kürze:

August 1939: Sechs junge Menschen geben sich das Versprechen, füreinander da zu sein.Während der Nazi-Zeit wird ihre Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Denn Verrat wird mit dem Tod bestraft. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt Robert Lubisch im Nachlass seines Vaters, einem Industriemagnaten der Nachkriegszeit, das Foto einer attraktiven Frau und einen Wehrpass, ausgestellt auf einen ihm unbekannten Mann. Was hat das alles mit seinem Vater zu tun? Robert macht sich auf die Suche und stößt dabei auf eine Journalistin, die sofort eine große Story ahnt und bereit ist, dafür auch den Ruf seines Vaters zu opfern. Robert ist entsetzt. Welche alten Wunden hat er mit seinen Nachforschungen wieder aufgerissen?

Das meint Krimi-Couch.de: »Liebe tötet« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Kein Peter Böhm, kein Vincent Grube. Obwohl Kranenburg weniger als zehn Kilometer von Kleve entfernt liegt, bleiben die bisherigen Protagonisten in Mechtild Borrmanns aktuellem Roman beschäftigungslos.

Der seinen Ausgang 1997 in Essen nimmt. Und bald noch weiter zurückreist in der Zeit. Bis ins Jahr 1939. Freundschaft. Familie. Liebe. Politik. Verrat. Mord und Totschlag. Krieg. Große Themen auf 224 Seiten. Kann man sich leicht dran übernehmen. Nicht so Mechtild Borrmann.

Als der Industrielle Friedhelm Lubisch Ende 1997 stirbt, sieht sich sein Sohn damit konfrontiert, dass sein Vater, dem er so ähnlich sieht, eigentlich ein Unbekannter für ihn ist.

Robert, der Arzt, der sich dem Anspruch seines Vaters konsequent entzog und nicht der Nachlassverwalter des florierenden elterlichen Betriebs wurde, geht nach dem Tod seines entfremdeten Erzeugers auf Spurensuche. Hilfe sind ihm lediglich ein paar Geschichten aus dem Krieg, die Friedhelm Lubisch seinem Sohn in wenigen Momenten der innigen Zweisamkeit erzählte, die Ausweispapiere eines toten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau, aufgenommen Jahrzehnte zuvor in einem Kranenburger Fotoatelier. Dort stößt er zufällig auf die Journalistin Rita Albers, die ihm nicht ganz uneigennützig hilft. Mehr noch. Sie wittert eine große Story, während Robert alsbald bereit ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch Rita recherchiert weiter.

Dass Robert einen schlafenden Tiger geweckt hat, wird ihm klar, als ein Mord passiert. Unmittelbar nachdem Rita die Identität der geheimnisvollen Frau auf dem Foto entschlüsselt hat. Widerstrebend und unter vagem Mordverdacht begibt Robert sich wieder auf den Pfad zu seiner Familiengeschichte. Die ihn zu einer Gruppe Freunde führt, deren Freundschaft in den Kriegsjahren auf harte Proben gestellt wird und am Ende, unabhängig vom Kriegsgeschehen, zu mehreren Todesfällen führen wird, die nicht nur Robert Lubischs Biographie ins Wanken bringen.

Zwei Zeitebenen, ausgefeilte Charakterstudien, die Einflüsse der Weltgeschichte auf persönliche Schicksale, hoher Spannungsfaktor und eingestreuter, lakonischer Witz, hauptsächlich dem stoischen Hauptwachtmeister Karl van den Boom zu verdanken.

»Bei Familienstreitigkeiten schicken wir am liebsten Karl. Bei uns heißt Deeskalation kurz ´Karl´.«

Mechthild Borrmann gelingt das Kunststück all diese Faktoren in ihrem nicht besonders umfangreichen Werk unterzubringen. Ohne gehetzt zu wirken, oder dem Leser das Gefühl zu verleihen, einem komprimierten Readers Digest-Ritt durch die Historie folgen zu müssen. Borrmann schreibt derart fokussiert, dass man nur Beifall zollen kann.

Eine Kunst, die sie bereits in den vorangegangenen Romanen beherrschte und jetzt zu wahrer Meisterschaft bringt. Ihre Geschichte von der (zerstörerischen) Kraft der Liebe im Angesicht einer menschenverachtenden Diktatur, verkommt zu keinem Zeitpunkt zu gefühlsduseliger Kolportage. Figuren, die oft nur knapp umrissen werden und doch Eigenständigkeit und Tiefenschärfe besitzen, gelingen ihr ebenso, wie beide Erzählstränge scheinbar mühelos spannend, nachvollziehbar und ohne übertriebene Kniffe und Wendungen zu einem homogenen Gesamtwerk zu verbinden. Welches für einige seiner Protagonisten herbe Überraschungen und Einsichten bereithält.

Dabei übt sie sich in einer zurückhaltenden, stilistischen Klarheit, hinter der das Entsetzen jederzeit sichtbar bleibt. Bestens zu erkennen an den kurzen Episoden um den ehemaligen SS-Rottenführer und späteren Polizisten Theo Gerhard, der ohne Gewissensbisse vom Folterknecht, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, zum Vertreter einer Staatsmacht wird, die die Demokratie eigentlich vor Verbrechern schützen soll. Ohne Einsehen in die eigene Schuld, ohne je für die eigenen Vergehen bestraft worden zu sein. Ein Unbelehrbarer, die Geschichte eines lebenslangen Versagens, stellvertretend für Tausende. Borrmann landet keinen wutschnaubenden Rundumschlag, sie lässt keinen einsamen Rächer von der Leine, der dem Widerling den Garaus macht. Sie hebt auch nicht den mahnenden Finger des besserwissenden Gutmenschen, sondern stellt nur knapp dar, was jeder mit wachem Blick problemlos hätte bemerken können. Ein Irrtum, wie die halbherzige »Entnazifizierung« belegt. Der wahre Schrecken.
Gerhards klägliche Sühne besteht darin, einsam im Dachkämmerchen die Staatsrente versaufen zu müssen.

Scheinbar beiläufig und gleichzeitig höchst eindrücklich entwirft Mechtild Borrmann ein Gespinst, das die Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, auch mit Unterbrechungen, mehr als ein halbes Jahrhundert gravierend beeinflusst und ihre Geschicke lenkt. Gefangene eines zerstörerischen Systems, das auch dann noch Opfer produziert, wenn es als längst überwunden gilt.

Wer das Schweigen bricht ist ein ganz großer Wurf in knapper Form.
Bleibt nur zu hoffen, dass er – bei dem Sujet leider im Bereich des Möglichen – nicht zu ungeliebter Schullektüre auserkoren wird. Denn dieses hochspannende und klug ausgearbeitete Buch ist es wert, freiwillig gelesen zu werden.

Jochen König, April 2011

Ihre Meinung zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht«

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Alex zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 04.12.2017
Ein äusserst spannendes und sehr dichtes Buch. Ich habe es als Hörbuch "gelesen", allerdings war die Erzählerin sehr schwach, ohne Akzentuierung. Die Geschichte - ein eher leiser Krimi ohne irgendwelche Gewaltszenen - erlaubt tiefe Einblicke in die BRD zu Adenauers Zeiten und danach ... eine Krimialgeschichte, kein Krimi und phantastisch spannend bis zum Ende!
Peter Georg Studer zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 28.08.2015
Unglaublich dicht, wenn die Vergangenheit zur Gegenwart wird. Sprachlich höchst beeindruckend, gleich wie die Geschichte, die verstört, zum Nachdenken zwingt, einmal mehr, über diese Kriegsjahre, die unfern sind und in diesem Roman zu einem unwirklichen Heute auferstehen, wo sich Schuld und Unschuld vermischen. Hanna und Karl, Figuren wie geschnitzt, diese liebevolle, hoffnungslose Verzweiflung. Mechtild Borrmann ist wahrlich ein Meisterwerk gelungen, jetzt, da ich das Buch gelesen und weggelegt habe, friert mich, mitten in der Sommerhitze.
M.Albrecht zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 08.02.2015
Also ein wirklich gutes Buch weil man die die Lebensumstände in und nach den Kriegsjahren erfährt und somit auch die einzelnen Beweggründe und Abscheulichkeiten der einzelenen Akteure.
Die eigentliche Tat ist eher unspektakulär aber die Umstände mit Ihrer Historie sind sehr prägend und ich kann es sehr empfehlen
Igelmanu66 zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 28.09.2014
Essen-Bredeney im Jahre 1998. Der Industriemagnat Friedhelm Lubisch ist verstorben. Im Nachlass des Vaters findet sein Sohn Robert den SS-Ausweis eines Unbekannten und ein altes Foto einer schönen, jungen und ihm ebenfalls unbekannten Frau. In den letzten Jahren war das Verhältnis zu seinem Vater arg getrübt, zu wenig konnte der Sohn den Ansprüchen des Vaters genügen. Nun erwacht in Robert die Neugierde: Gibt es in der Vergangenheit des so perfekten Vaters womöglich einen kleinen Fleck? Vielleicht eine heimliche Geliebte? Robert beginnt nachzuforschen – und wünscht sich schon bald, dass er es nicht getan hätte. Und dann wird auch noch die Journalistin ermordet, die ihm bei den Recherchen geholfen hat. Was hatte sie entdeckt?

„Immer war er auf der Suche nach einem Fleck auf der blütenweißen Weste des Vaters gewesen, hatte sich zu dessen Lebzeiten gewünscht, seiner großspurigen Selbstherrlichkeit etwas entgegenhalten zu können. Und jetzt, das spürte er genau, würde er es finden, und es wäre nicht nur ein Fleck.“

Wahnsinn! Was für ein tolles Buch. Einmal begonnen, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Die Frage nach der Wahrheit… Man sagt so leicht, dass man die Wahrheit wissen will… Aber wenn man sie erfährt, kann man dann auch damit umgehen? Es gibt Wahrheiten, mit denen man nicht gerechnet hat, auf die man nicht vorbereitet war…

Die Jahre zwischen 1939 und 1945 in Deutschland. Jeder weiß, was diese Jahre für die Menschen hier bedeuteten. Wer es nicht erlebt hat, hat es oftmals gehört, gelesen oder in Dokumentationen gesehen. Und viele haben eine Meinung dazu, denken, dass sie wüssten, was sie selbst unter diesen Lebensumständen getan hätten. Und was sie nicht getan hätten. Stichworte hier: Nazis, SS, Juden, russische Kriegsgefangene, deutscher Widerstand. In Rückblenden begleiten wir sieben junge befreundete Menschen und ihre Familien durch diese Zeit und stoßen dabei auf so einiges, was uns heute unfassbar erscheinen mag. So verschieden die Protagonisten auch sind, sie versuchten alle, in dieser Zeit zu überleben.

„Es gab im Winter 1944/45 keine Zeit für Trauer, und manchmal denke ich, dass das eine der Tragödien dieses Krieges war, vielleicht jedes Krieges ist. Wenn wir keine Zeit zum Trauern haben, verlieren wir eine Dimension unseres Menschseins.“

Einige wählten dabei einfachere Wege, andere machten es sich schwerer. Sie riskierten viel und verloren auch manches Mal. Und manche taten Dinge, die sie das ganze Leben lang verfolgen sollten.

„Im Laufe der Jahre habe ich gemeint, ich hätte mich von all dem weit entfernt. … Als ich im Dezember 1950 fortging, wollte ich nur eines: Vergessen! Ein neues Leben beginnen. Aber man vergisst nicht. Man trennt die Jahre ab und was bleibt, ist eine Art unerklärliche Trauer, die einen ab und an anfällt.“

Spannend bis zum Schluss – eine absolute Leseempfehlung von mir!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
RiaKlug zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 30.09.2013
'Wer das Schweigen bricht' ist trotz des etwas schwerblüten Titels eine mit leichter Hand getuschte Geschichte, die die westdeutsche Gegenwart mit der gerne vergessenen Vergangenheit des 3. Reichs verbindet.
Sie erzählt uns etwas über die Kontinuität mancher Biografien, die ohne nennenswerte Brüche den Übergang von der Diktatur zur BRD schafften. Gemeinsam mit den gebrochenen Biografien haben sie den Wunsch des Vergessens, den Wunsch das Geschehene und den eigenen Beitrag dazu ungeschehen zu machen, indem es aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wird.
Im Grund ist es eine Geschichte, die der Verpackung des Krimis nicht bedarf. Warum dies dennoch geschah, ist möglicherweise wirtschaftlichen Erwägungen geschuldet. Krimis verkaufen sich eben am besten. Gleichzeitig markiert dies aber auch eine der wenigen Schwächen des Buchs.
Das Motiv für den obligatorischen Mord ist ziemlich schwach und deswegen schwer nachvollziehbar. Sicher fänden sich andere Wege, die Geheimnisse der Vergangenheit zu wahren.
Das ist aber schon fast das einzige, was man bemängeln kann, stören könnte man sich allenfalls noch an den atmosphärischen Schilderungen, wenn sie ab und zu scharf am Klischee vorbeischrammen.
Lobenswert scheint mir, dass Thema, Figuren und Plot angenehm untrivial angelegt sind, was diesen Krimi aus der Masse der blutspritzenden Anspruchslosigkeiten heraushebt.
Kriminelle Hochspannung, wie sie der Klappentext suggerieren will, sollte man nicht erwarten. Auf eine flüssig und routiniert erzählte Geschichte, mit plastischen Charakteren, darf man sich jedoch freuen.
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Stefan83 zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 05.04.2013
Der Bielefelder Pendragon Verlag hat in der Vergangenheit bereits einige Perlen entdeckt und veröffentlicht – kaum ein anderes Buch ist mir aber so nachhaltig in Erinnerung geblieben wie Mechtild Borrmanns „Wer das Schweigen bricht“. In gewissem Sinne gebührt diesem Titel die Ehre, meine frühere Skepsis gegenüber deutschen Kriminalromanen endgültig hinfort gefegt zu haben, wodurch ich in den folgenden Jahren auf solch großartige Autoren wie Monika Geier, Jörg Juretzka oder Frank Göhre gestoßen bin. Eine große Leistung für ein Buch mit gerade mal 224 Seiten, doch wofür andere tausende verschleißen, da braucht es bei Mechtild Borrmann nur weniger Worte. Und das bei einer Thematik, welche für Deutschland nicht nur immer noch allgegenwärtig und äußerst sensibel, sondern auch höchst komplex ist: Der Zweite Weltkrieg und seine bis heute spürbaren Nachwirkungen. So liest sich „Wer das Schweigen bricht“ denn auch über weite Strecken weniger wie ein klassischer Kriminalroman, wenngleich der Spannungsbogen davon unbeeinflusst auf durchgängig höchstem Level verweilt. Borrmann schreibt einfühlsam, berührend, eindrücklich - und doch stets mit einer scheinbaren Beiläufigkeit, die mehr als nur erahnen lässt, wie viel Talent in dieser wahrhaft begnadeten Autorin schlummert.

Seinen Anfang nimmt das Buch im November des Jahres 1997. Robert Lubisch ist gerade mit der Auflösung des Hausrates seines verstorbenen Vaters beschäftigt, als er in dessen Schreibtisch in einem Kästchen auf alte Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stößt. Lubisch, der zu seinem alten Herr nie ein gutes Verhältnis gehabt und nur wenig mit ihm über dessen Vergangenheit gesprochen hat, ist erstaunt, unter anderem den Ausweis eines unbekannten SS-Mannes sowie das Foto einer jungen Frau vorzufinden. In welcher Beziehung stand sein Vater zu diesen beiden Menschen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, sucht er das Fotoatelier auf, in dem die damalige Aufnahme entstanden ist. Hier kreuzt sich sein Weg mit dem der Journalistin Rita Albers, welche in der Spurensuche Lubischs eine große Story wittert, die wiederum ihrer Karriere neuen Schwung verleihen könnte.

Robert Lubisch macht nun, auch aus Angst Dinge zu erfahren, die er gar nicht wissen möchte, einen Rückzieher und bittet Albers, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Doch diese hat den Stein längst ins Rollen gebracht. Hartnäckig recherchiert sie weiter. Und schon bald wir klar, dass auch anderen daran gelegen ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ein Mord geschieht … und Lubisch sieht sich zurück in die Konfrontation mit der eigenen Familiengeschichte gezwungen. Die Fährte führt ihn schließlich zurück in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sich im Sommer des Jahres 1939 sechs Jugendfreunde ihrer ewigen Freundschaft versichern … doch der Krieg hat andere Pläne.

Schuld, Hass, Vertrauensbruch, zurückgewiesene Liebe, Verrat, Politik, heimtückischer Mord, Entnazifizierung. In „Wer das Schweigen bricht“ finden sich all diese Elemente wieder. Und woran sich sonst schon so manch anderer Autor bitterbös verhoben hat, das meistert Mechtild Borrmann mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie verschont uns mit Knoppscher Geschichtsbelehrung, nimmt den Leser behutsam an die Hand. Ohne das Ausmaß des katastrophalen Weltkriegs zu reduzieren, fokussiert sie den epischen Konflikt auf das Geflecht weniger Figuren in einem kleinen Dorf auf dem Land. Diese Szenerie ist, nicht zuletzt aufgrund der überzeugenden und behutsam gezeichneten Figuren, derart bildreich, das die zeitlichen Barrieren relativ schnell fallen und man unbewusst Teil des Ganzen wird. Im Familienkreis geäußerte Sätze wie „Es war halt eine andere Zeit“ hallen plötzlich bitter nach, erscheinen angesichts der nachvollziehbaren Probleme der Jugendfreunde unzutreffend, welche vor moralischen Entscheidungen stehen und sich mit der persönlichen Verantwortung auseinandersetzen müssen. Borrmann erzählt ihre Geschichte dabei unaufgeregt und in aller Stille. Sie verschont mit Gewaltexzessen, Folterszenen, Blut – und doch sind es gerade diese ruhigen Töne, ist es diese Abwesenheit von Lärm und Geschrei, der ängstliche Blick, das Unausgesprochene, was bei der Lektüre nahegeht.

„Wer das Schweigen bricht“ widersetzt sich dem schnellen „Page-Turning“. Es ist kein Roman, der mit den üblichen Effekten des Mainstreams arbeitet, um den Puls in die Höhe zu treiben. Ebenso wenig will er belehren, das menschenverachtende der Nazi-Diktatur brachial an der Pranger stellen. Borrmann wählt den Mittelweg, schreibt behutsam, lässt dem Leser selbst die Möglichkeit die Tragweite all dessen zu erahnen und zu verstehen. Sie konfrontiert mit dem Thema Schuld, ohne diese irgendwo im Detail zu suchen oder festzustellen, spricht über Verantwortung, ohne diese einzufordern. Es ist eine Kunst, wie sie nur wenige beherrschen und die diesen Roman zu einer echten (und völlig zurecht mit Deutschen Krimi Preis 2012 ausgezeichneten) Entdeckung macht. Gekrönt wird das Werk schließlich von einer Auflösung, welche nicht nur die beiden homogen miteinander verbundenen Handlungsstränge abschließt, sondern auch für die ein oder andere schmerzliche Überraschung sorgt.

Zurück bleibt der Leser. Beeindruckt, getroffen, gedanklich noch am Niederrhein. In einem kleinen Dorf. Zusammen mit Freunden. Kurz vor dem Abschied …

Danke Frau Borrmann, für dieses Stück großartiger Ausnahmeliteratur!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Claudia P. zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 30.12.2012
Ich habe mir in Norddeutschland 2 Hörbücher für meine lange Rückreise von Schleswig Holstein nach Bayern gekauft. HörbuchNr. 1 war so unglaublich einschläfernd, dass ich mir nach 4 Stunden Durchhalten erlaubte, das Hörbuch gegen "wer das Schweigen bricht" auszutauschen. Bis dahin kannte ich die Autorin nicht, obwohl ich gerne und viel lese. Kurzes Zwisvhenfazit, denn ich bin bei der vorletzten CD: Ich bin begeistert, die Geschichte ist so fesselnd und nimmt einen mit - in eine längst vergangene Zeit. Ihre Gabe wunderbar zu beschreiben, die Darstellung der Beziehungsgeflechte und auch die sehr schön und klar gelesene Version von Frau Daliot sind absolut empfehlenswert. Ich habe gestaunt als hier ich las, dass das Buch weniger als 300 Seiten hat. Aufgrund des Umfangs an Hörbuch-CDs hätte ich ein dickeres Buch vermutet. Auf jeden Fall freue ich mich auf die 6. und letzte CD und werde als nächstes nach weiteren Büchern von Fr. Borrmann suchen! Eine tolle (Neu-)Entdeckung für mich!
Darixfriends zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 23.10.2012
Ein meisterhaft geschriebener Kriminalroman, ausgehend von der deutschen jüngeren Vergangenheit, mit den Auswirkungen, Verirrungen Einzelner, bis in die heutigen Tage.
Borrman versteht es mit klarer Sprache Charaktere und Spannung aufzubauen.
Ein hervorragender Kriminalroman, der es verdiente Krimi des Jahres 2012 zu werden.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
volker.reads zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 24.07.2012
Der Krimi hat mich von Anfang an gepackt. Was mir im Unterschied zu vielen anderen Krimis besonders gefallen hat? Sehr feinsinnige Menschenporträts, die Atmosphäre, wie Landschaft und Stimmungen beschrieben werden. Letztlich hatte ich das Gefühl, das ist nicht nur ein Krimi, sondern gute Literatur - und das alles verbunden mit einem klasse Spannungsbogen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Krimitante zu »Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht« 22.06.2012
ein unglaublich gutes buch, das ich, an meinem heutigen freien nachmittag, in 31/2 std. verschlungen habe. (auch wenn es kein typischer krimi ist!) schon allein die erzählweise, das springen in den zeitebenen, der wechsel zwischen den gedankengängen der handelnden personen, fesselt einen an die handlung. fein gezeichnete, plastisch werdende charaktere, die sich in ein geflecht aus schuld und schweigen verworren haben. und eine nicht erahnte auflösung. fazit: von dieser autorin werde ich garantiert mehr lesen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

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