Die andere Hälfte der Hoffnung von Mechtild Borrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 bei Droemer.

  • München: Droemer, 2014. 320 Seiten.
  • [Hörbuch] München: audio media verlag, 2014. Gesprochen von Ulla Wagener und Axel Wostry. 5 CDs.

'Die andere Hälfte der Hoffnung' ist erschienen als HörbuchE-Book

In Kürze:

In der verbotenen Zone von Tschernobyl, wo nur lebt, wer nicht anders kann oder gezwungen ist, sich zu verstecken, wartet Valentina auf die Rückkehr ihrer Tochter aus Deutschland. Seit Monaten hat Valentina nichts mehr von ihr gehört. Sie scheint spurlos verschwunden – wie viele andere Studentinnen, die angeblich ein Stipendium in Deutschland erhalten haben. Um dem trostlosen Warten und dem bitterkalten Winter zu trotzen und die Hoffnung nicht zu verlieren, beginnt Valentina ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. In Deutschland versteckt währenddessen Martin Lessmann eine junge osteuropäische Frau vor ihren Verfolgern. Als sie sich kurz darauf die Pulsadern aufschneidet, rettet er sie ein zweites Mal – und erfährt Ungeheuerliches.

Das meint Krimi-Couch.de: »Tschernobyl: Alptraum ohne Erwachen« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Till Raether

Zwei junge Ukrainerinnen verlassen ihre Heimat, sie hoffen auf Studienplätze in Deutschland. Tatsächlich werden sie von Menschenhändlern verschleppt. Der einen gelingt die Flucht auf den Hof eines verwitweten, eigenbrötlerischen Bauern. Die anderen verschwindet im Sumpf der Zwangsprostitution. Ein ukrainischer Kommissar, dessen Dienststelle von Korruption und Angst gelähmt ist, ermittelt auf eigene Faust in Deutschland, um die Frauen zu finden. Währenddessen wartet in der verbotenen Zone bei Tschernobyl eine Mutter verzweifelt auf Nachricht von ihrer Tochter. Um ihre Hoffnung am Leben zu erhalten, schreibt sie ihre Lebensgeschichte vor und nach dem Reaktorunglück 1986 auf und offenbart dabei nach und nach die düsteren Hintergründe einer ohnehin verstörenden Schicksalsgeschichte.

Wo soll man anfangen, die fortwährende Kunstfertigkeit von Mechtild Borrmann zu beschreiben und zu preisen? Sind es die knapp, präzise und eindringlich gezeichneten Figuren oder die überraschenden, plastischen Details, die den dunklen Zauber von Die andere Hälfte der Hoffnung ausmachen? Die elegant verwertete und offenbar äußerst sorgfältige Recherche vor Ort in der Ukraine? Der angenehm pragmatische Erzählton, den sie immer wieder durch poetische Bilder aufbricht? Klar, das hängt alles zusammen: die Recherche liefert die Details, die Details machen’s plastisch und poetisch, und so weiter. Trotzdem bleibt es wunderbar rätselhaft: Wie gelingt es ihr, aus dermaßen klischeebedrohten Figuren (verzweifelte Zwangsprostituierte, kauziger Bauer, rechtschaffener Bulle) Menschen zu zeichnen, die sich vor lauter Lebensechtheit von den Buchseiten zu schälen scheinen?

Zum Beispiel Walentyna, die unglückliche ukrainische Mutter am Rande der Resignation. Borrmanns Buch spielt 2010, Walentyna ist zurückgegangen in die »Entfremdungszone«, den Bannkreis um das havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl. Wo sie zu Sowjetzeiten ihr Lebensglück fand und wieder verlor, und von wo sie 1986 vertrieben wurde. Ihre als Brief an die verschwundene Tochter angelegte Lebensbeichte stellt, übers Buch verteilt, die fürwahr nicht unspannende Krimihandlung in den Schatten: wie sich die Vertuschung des Reaktorunglücks und seine Auswirkungen auf Walentynas Familie übers Buch entfalten, ist atemberaubend. Eben auch dank der Details: die Straße in die Stadt, die wieder und wieder geteert wird, bis sie die Höhe des Bürgersteigs erreicht hat und der Bordstein verschwunden ist. Um das Aufwirbeln radioaktiven Staubs zu verhindern.

Herausragend sind auch die Bordellszenen, wenn der bodenständige Bauer sich auf die Suche nach der vermissten Freundin der jungen Ukrainerin macht, die er bei sich versteckt. Sie folgen nicht der sentimentalen Verlaufsform gängiger Puffgeschichten: auch der Bauer hat unter der rauen Schale nicht das klischeehaft reine Herz aus Gold, sondern ist eine vielschichtige, widersprüchliche Figur. Und dem grundsympatischen ukrainischen Kommissar Leonid fehlt irgendwann an einer kleinen, aber psychologisch entscheidenden Stelle der Mut, was ihn davor rettet, zum langweiligen Rächer der Verschleppten zu werden.

Nicht alle von Borrmanns Sprachbildern sind gelungen (»Fragen stapelten sich in seinem Mund«), manche sind Geschmackssache (»Die Tage werden zäh in die Stille tropfen wie kalter Honig«). Wenn man dem Buch aber etwas vorwerfen möchte, dann vielleicht, dass die Stimmen der Figuren einander sehr ähnlich sind. Die melancholische Poesie, mit der Walentyna in ihr Tagebuch schreibt, ähnelt dann doch sehr der poetischen Melancholie von Borrmanns Erzählstimme. Aber das schmälert nicht das Lesevergnügen, es verstärkt eher den Eindruck, das Buch sei aus einem Guss. Geschenkt auch, dass Kommissar Zufall die eine oder andere unbezahlte Überstunde schieben muss. Schwerer wiegt vielleicht, dass die Schuldigen in Borrmanns schemenhaft bleiben. Sie haben Namen und Gesichter und Leonids Fall wird schlüssig und nicht allzu erwartbar aufgelöst. Aber die Motive der Handelnden wirken klein, vernachlässigbar neben der großen Schuld, der großen Gier, der großen Schwäche, die alles zu durchdringen scheint: nicht nur einzelne, sondern eine ganze gescheiterte Welt am Rande von Europa.

Ein beeindruckendes, zutiefst pessimistisches Buch, bei dem nur die mühsam bewahrte Menschlichkeit einzelner als halbe Hoffnung bleibt.

Till Raether, November 2014

Ihre Meinung zu »Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung«

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Jördis Nagel zu »Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung« 07.04.2017
Dies ist das dritte Buch, was ich von Mechtild Borrmann gelesen habe und ich bin tief beeindruckt. Ich habe von der ersten bis zur letzten Seite mitgelitten. Sie hat das grosse Talent, mich einfach mit zu nehmen, ich hatte einfach das Gefühl, ich stecke mitten im Geschehen. Sie nimmt dich einfach an die Hand und führt dich durch die Themen Tschernobyl und Mädchenhandel, welche durch drei Handlungsstränge perfekt verknüpft sind. Die Protagonisten sind bildlich so toll dargestellt, dass man einfach mitleiden muss. Das Buch hat mich sehr betroffen und nachdenklich gemacht. Ich bin immer noch sprachlos. Danke für diesen aussergewöhnlichen Lesegenuss.
Matthias Bronisch zu »Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung« 01.06.2015
Mechtild Borrmann, Die andere Hälfte der Hoffnung. Droemer 2014.ISBN 978-426-28100-0, 19,99 €
Schon die ersten Seiten ziehen den Leser in die Geschichte hinein, üben geradezu einen Sog aus. Es entstehen Landschaften, Räume, die einen sofort aufnehmen, in denen man mit den Figuren lebt, durch die man sie begleitet.Wieder, wie schon in anderen Romanen dieser Autorin, legt sie das Geschehen zeitlich fest, manchmal mit genauem Datum, dann wieder wird nur der Monat genannt.. Drei Orte sind es, in denen unabhängig voneinander die Handlungen beginnen: in Zyfflich an der niederländischen Grenze, in der Entfremdungszone um Tschernobyl und später setzt eine Handlung in Düsseldorf ein. Wieder, wie auch in anderen ihrer „Kriminalromane“, ist das Verbrechen nur ein bewegendes Moment, denn Borrmann erzählt Zeitgeschichte, sowohl länger zurück liegende (Tschernobyl) als auch höchst aktuelle (Mädchenhandel). Und wieder gelingt es ihr, diese scheinbar disparaten Vorgänge auf raffinierte Weise zu verknüpfen und den Leser nah an ihren Figuren deren Schicksal miterleben zu lassen. Das gelingt ihr wohl auch deshalb, weil sie intensiv recherchiert hat und trotzdem diese Fakten nicht aufdringlich präsentiert, sondern glaubwürdig bei den Protagonisten verankert.Ein sehr empfehlenswerter Roman, den man nicht liest, den man erlebt.
Anja S. zu »Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung« 29.11.2014
Mechthild Borrmann gehört schon lange zu meinen Lieblingskrimiautorinnen, "Wer das Schweigen bricht" und "Der Geiger" haben es beide in meine Sammlung der aufzubewahrenden Krimis geschafft (die meisten landen bei Oxfam, und ich lese ca. 2-3 Krimis pro Woche).
So war ich natürlich auch auf dieses Buch sehr gespannt. Es ist wie immer aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, die geschickt miteinander verwoben werden. Es ist leider nicht so spannend wie die Vorgänger und sehr düster, wobei Tschernobyl (ich war 1986 ein Teenager und kann mich noch gut an das Grauen und die Angst erinnern) natürlich nicht anders dargestellt werden kann.
Mohnblume zu »Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung« 28.10.2014
Sehr schön ist der Bogen von der Ukraine bis nach Deutschland gespannt. Auch die drei Handlungsstränge von der Gegenwart bis in die Vergangenheit in der es in dieser Geschichte geht sind mehr als perfekt miteinander verknüpft. Walentyna die in der verbotenen Zone in der Ukraine lebt , erzählt in ihren Tagebuch Aufzeichnungen von ihrem früheren Leben. Von einer Zeit voller Lügen , von Freude und Leid . Von der Tschernobyl Katastrophe . Den Momenten der Zuversicht und voller Hoffnung. Sie schreibt das ganze für ihre Tochter Kateryna , die es später einmal lesen soll. Sie versucht damit das warten und bangen zu überbrücken. Sie wartet schon lange auf Kateryna , die längst zurück sein soll . Sie ist mit ihrer Freundin Olena , nach Deutschland gereist ist , als Gastleserin. Man hat den Studentinnen , ein Stipendium versprochen.

In Deutschland findet Lesmann vor seinem Hof ein halberfrorenes , verängstigtes und erschrecktes Mädchen. Als er sie bei ihrem Selbstmord versucht in letzter Sekunde findet , rettet er ihr zum 2. mal das Leben. Nur mit viel Geduld und langsam gewinnt er ihr vertrauen. Was sie ihm erzählt wirft ihn fast aus der Bahn , denn so etwas ist unvorstellbar für ihn. Er beschließt ihr zu helfen und gerät dabei selbst in große Lebensgefahr. Er wächst über sich selbst hinaus und Tut etwas , das er niemals sich selbst zugetraut hat .

Auch der Leutnant einer Sondergruppe Leonid aus der Ukraine macht sich auf die Suche nach den vermissten Studentinnen , er hat es Walentyna versprochen , die vermissten Mädchen zu finden. Er selbst deckt ungeheuerliches auf und gerät in einen Strudel von Machenschaften von größter Politischer Brisanz . Wird er die Mädchen finden , die Uhr tickt unaufhaltsam weiter.



Die Autorin Mechthild Borrmann schafft es wie in ihren anderen Buch , Der Geiger, den Leser wieder in ihren Bann zu ziehen. Sie erzählt spannend , packend, Einfühlsam und zutiefst bedrückend , von Menschenhandel und Zuhälterei . Den Machenschaften der Regierung während der Tschernobyl Katastrophe , den Lügen, gegenüber den Menschen Authentisch herüber zubringen. Sie verleiht ihren Protagonisten Körper und Seele , sie kommen Bildstark herüber. Das Buch ist realistisch und überzeugend. Man fühlt und Leidet mit, Ein wuchtiges Porträt , das einem Erschüttert und nachdenklich macht.

" Ein Facettenreiches und Anspruchsvolles Buch "
Richard Lips zu »Mechtild Borrmann: Die andere Hälfte der Hoffnung« 03.09.2014
Nach dem Buch Der Geiger waren die erwartungung natürlich sehr hoch - ganz besonders weil es wieder in die Russische Historie geht (genauer gesagt in die heutige Ukrainer - wodurch das Buch auf Grund der aktuellen Politischen Spannungen zusätzliche Brisanz entwickelt) Neu ist aber, das der sympatische Ermittler Leonid ( ein Ex Cop mit chronischen Geldmangel) eine Spur in Düsseldorf verfolgt, womit die Autorin mal wieder zurück am Niederrhein bzw Rheinland angekommen ist.
Das Buch selber enthält neben einigen Klischees aus der Welt der Zwangsprostitution aberauch reichlich überraschende Wendungen, und macht somit das Buch absolut leseneswert.
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