Der Geiger von Mechtild Borrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Droemer.

  • München: Droemer, 2012. ISBN: 978-3-426-19925-1. 304 Seiten.

'Der Geiger' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

In einer Nacht im Mai 1948 verliert der begnadete Geiger Ilja Grenko seine beiden wertvoll­s­ten Schätze: seine Familie und seine Stradivari. Erst dem eigensinnigen Sascha Grenko, Iljas Enkel, wird es viele Jahrzehnte später gelingen, Licht in das grausame Geschehen von damals zu bringen. Doch der Preis dafür ist hoch – viel zu hoch. 

Das meint Krimi-Couch.de: »Da stirbt der Ton, der Bogen fällt« 89°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Als der Violinist Ilja Grenko nach einem Beifall umtosten Konzert ohne Vorwarnung verhaftet wird, hat er keine Ahnung, was ihm vorgeworfen wird. Anders als bei Franz Kafka wird es allerdings keinen Prozess geben, Grenko verschwindet im Arbeitslager, nachdem er sich hat zusichern lassen, dass seine Frau, die erfolgreiche Schauspielerin Galina, mitsamt den gemeinsamen Kindern unbehelligt in Moskau wird weiterleben können. Eine weitere Lüge, wie so viele vorher, denn seine Familie wird in die Verbannung geschickt. Grenkos wertvollster Besitz, eine Stradivari, verschwindet während der Verhaftungs- und Verhöraktionen spurlos.

Zwei Generationen, 60 Jahre und mehrere Morde später wird sich Enkel Sascha auf die Suche nach der Geige begeben und postum Einblicke in die dunkelsten Stunden seiner Familiengeschichte bekommen, die untrennbar verbunden ist mit dem menschenverachtenden Gebaren der Handlanger eines diktatorischen Regimes.

Wie schon in Wer das Schweigen bricht verbindet Mechtild Borrmann vergangene Familien- und Zeitgeschichte mit einer in der Gegenwart spielenden Handlung, in der sich Überlebende, Nachkommen und Verstorbene zu einem Stelldichein treffen. Zusammenhänge offenbaren sich, Strafe wird vollstreckt, Erinnerungen zurechtgerückt; ausgleichende Gerechtigkeit bleibt ein Traum, von Toten geträumt.

Diesmal hat sich Borrmann der russischen Historie angenommen. Kenntnisreich und mit eindringlicher Präzision beschreibt Borrmann das Schicksal des Ehepaars Grenko und ihrer Kinder, die das Schnauben eines gekränkten Menschen um die Existenz bringt.

Der Geiger ist ein Roman über Freundschaft, Verrat, Missgunst, Hoffnungen, Träume, Familie, Erfolg und Liebe, über das nahezu vergebliche Streben nach individuellem Glück in einer menschenverachtenden Diktatur. Borrmann zeigt wie wenig nötig ist, um eine funktionierende Gemeinschaft aus den Angeln zu heben. Die Redlichen zerbrechen nicht an Folter oder Drohungen, sondern an leeren Versprechungen, denen zu glauben die eigene Redlichkeit geradezu gebietet. In der Schilderung von Ilja Grenkos Haftzeit, den Verhören und des zerstörerischen Alltags im Straflager, gelingen Mechtild Borrmann Schilderungen von atemberaubender Intensität.

Gerade weil sie Übertreibungen vermeidet, dramatische Effekte nicht ausnutzt bis zur Überspannung. Ihre klare Sprache, die kleine Gesten, Verknappungen ebenso wertschätzt wie Auslassungen, lässt dem Leser die Chance selbst zu ermessen wie groß das herrschende Grauen ist und wie hoch eingeschätzt werden muss, welchen Preis es kostet, sich die Menschlichkeit zu bewahren. Dabei beschwört sie keine übermenschlichen Handlungen, kein superheldenhaftes Über-sich-hinauswachsen, sondern behält jederzeit die Bodenhaftung. Das Grauen entsteigt oft kleinen Gesten (ein Handschuh geht verloren mit weitreichenden Folgen), Nachlässigkeiten wie dem »Vergessen« eines Haftentlassungstermins oder der Beiläufigkeit mit der Menschen belogen, geknechtet, beraubt oder getötet werden. Borrmann zeigt wie Einzelschicksale der inoffiziellen Geschichtsschreibung zum Opfer fallen, wie bereitwillig sich die naive Rechtschaffenheit dem System Hoffnung anempfiehlt, das auf perfideste Weise von denen erbaut und am Leben erhalten wird, die in pragmatischer Berechnung Menschen und Überzeugungen über die Klinge springen lassen. Für ein wenig Auskosten von Macht und Bereicherung.

Gegenüber der beeindruckenden, historischen Schilderung fällt die in der Gegenwart spielende Kriminalhandlung ein wenig ab. Zwar entschlüsselt Sascha Grenko die Geschichte seiner Großeltern und findet heraus, welchen Weg die Stradivari seines Großvaters nahm. Doch die bewegenden, exzellent entwickelten und geschriebenen, in der Vergangenheit spielenden parallelen Erzählstränge über die Verquickung von Politik und individuellem Schicksal, lassen den dritten Part des Romans etwas blasser erscheinen als das vergleichbare Pendant im Vorgänger. Spannend, komplex und schlüssig ist der jetztzeitige Part dennoch.

Mit Der Geiger festigt Mechtild Borrmann ihren Status als eine der derzeit herausragenden Autorinnen.

Jochen König, September 2012

Ihre Meinung zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger«

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michi_52 zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 06.09.2015
Mechtild Borrmann ist die (meiner Meinung nach) z.Zt. beste Krimi-Schriftstellerin Deutschlands. Egal, welches Buch man sich von Ihr zur Hand nimmt: alle sind lesenswert. Deshalb will ich auch explizit keine Bewertung speziell für diesen Roman abgeben.

Obwohl dieser alleine vom Plot her schon außergewöhnlich ist. Das hat mit dem landläufigen Krimi nicht viel zu tun. Der Schreibstil von Frau Borrmann ist nicht nur ausserordentlich fesselnd sondern auch literarisch anspruchsvoll. Ihr Duktus hebt sich deutlich von anderen Autoren ab und ist eher vergleichbar mit dem Stil der Anja Lundholm (Der Grüne), die aber wohl kaum jemand kennen dürfte.

Was ich noch allgemein zu den hier veröffentlichten Kritiken bemerken wollte: Warum stehen einige Menschen auf dem Standpunkt, eine Inhaltsangabe als "Kritik" veröffentlichen zu müssen? Was soll dieser Unfug?? Zumal diese Rezensionen ja schon am Anfang der Seite stehen...
puansetija zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 13.06.2015
Zugegeben: ich war ziemlich skeptisch, da ich leider mal meine Erfahrungen mit Glenn Mede und seinen Schilderungen der sowjetischen Wirklichkeit damaliger Zeit machen musste.
Die Autorin kennt sich auf jeden Fall aus. Und: sie kann Spannung auch ohne Action-Hascherei aufbauen. Die ein wenig distanzierte Erzählart mag dazu sogar beitragen.
Familiensaga einer anderen Art: hervorragend recherchert, solide aufgebaut, mit lebendigen Charakteren, rührenden Wendungen, ohne falsche oder übertriebene Sentimentalität.
Igelmanu66 zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 27.02.2015
»Der Wagen fuhr an die Westseite des Gebäudes. Eine Schranke öffnete sich. Wenige Meter dahinter passierten sie ein Tor und hielten in einem Hof. Ilja fühlte sich augenblicklich völlig isoliert, es war ihm kaum begreiflich, dass er sich immer noch mitten in Moskau befand. Er umschlang seinen Geigenkoffer mit den Armen und presste ihn schützend an sich wie ein Kind.
Sie zogen ihn aus dem Wagen. Er wurde einige Stufen hinunter und dann durch einen spärlich beleuchteten Gang geführt. Hinter einer Art Tresen erhob sich ein Uniformierter. Er stellte einen Pappkarton auf die Theke und forderte ihn auf, seinen Geigenkasten, den Mantel, die Fliege, den Gürtel und seine Schnürsenkel abzugeben. Im Rücken des Beamten zogen sich Holzregale ins Dunkel, randvoll mit identischen Kartons.
„Aber…“, Ilja rang nach Luft. „Das ist ein Irrtum. Bringen Sie mich zuerst zu jemandem, der mir sagt, was man mir vorwirft. Sie können mich doch nicht, ohne mich vorher angehört zu haben…“ Seine Empörung ließ ihn laut werden.
Einer der Männer, die ihn hergebracht hatten, griff mit einer Hand nach dem Violinkoffer und riss ihm dann mit der anderen die Fliege vom Hals. „Der Mantel, den Gürtel, die Uhr und die Schnürsenkel“, schnauzte er.«

Gerade eben stand er noch im Rampenlicht, gefeiert, umgeben von tosendem Applaus. Gerade eben war er, Ilja Wassiljewitsch Grenko, noch im Konzertsaal des Tschaikowsky-Konservatoriums in Moskau, spielte Tschaikowskys Violinkonzert in D-Dur. Und er spielte auf seiner Stradivari, dieser wunderbaren Geige, die sich nun schon seit vier Generationen im Familienbesitz der Grenkos befand. Als er die Bühne verließ, ahnte er noch nicht, dass sich sein Leben und das seiner Familie nun dramatisch ändern würde, dass er die wichtigsten Dinge in seinem Leben, seine Musik, seine Frau Galina und seine beiden kleinen Söhne, mit einem Schlag verlieren würde…

Moskau im Mai 1948. Gleich hinter der Bühne wurde Ilja schon von zwei Männern erwartet. »Ilja Wassiljewitsch Grenko, Sie müssen uns begleiten.« Weder darf er sich von seiner im Publikum sitzenden Frau verabschieden, noch darf er seine wertvolle Geige einem anwesenden Mitarbeiter des Konservatoriums anvertrauen. Er, der sich nie für Politik interessiert hat, wird gezwungen, ein Geständnis zu unterschreiben, in dem er sich selbst als Landesverräter bezichtigt. Sein weiterer Weg führt ihn daraufhin in ein Arbeitslager in Workuta, das er nie mehr verlassen wird. Auf Galina und ihre Kinder – die Familie des „Verräters“ – wartet die Verbannung nach Kasachstan.

Köln im Juli 2008. Sascha Grenko arbeitet für ein Securityunternehmen, das sich auf Personenschutz und die Beschaffung von Wirtschaftsinformationen spezialisiert hat. Der Enkel von Ilja und Galina Grenko wanderte mit seiner Familie als Kind aus Kasachstan nach Deutschland ein. Aus der glücklichen Zukunft in der neuen Heimat wurde aber nichts, denn die Eltern starben schon nach wenigen Tagen bei einem Autounfall. Saschas kleine Schwester Viktoria wurde adoptiert und er verlor völlig den Kontakt zu ihr. Nach vielen Jahren hatte Viktoria ihn nun um ein Treffen gebeten, weil sie dringend „in einer Familienangelegenheit“ seine Hilfe benötigen würde. Um was es genau geht, kann sie ihm aber nicht mehr erzählen, denn sie wird vor seinen Augen erschossen. In ihren Unterlagen findet Sascha Hinweise darauf, dass seine Schwester auf der Suche nach der Stradivari war, die seit 1948 als verschwunden gilt. Sascha erkennt, dass die Suche nach Viktorias Mörder gleichzeitig eine Suche nach der Geige ist. Eine gefährliche Suche…

Auch dieses Buch von Mechtild Borrmann hat mich wieder von Anfang bis Ende gefesselt. Die Handlung verläuft in drei Erzählsträngen. Einmal verfolgen wir Iljas Schicksal, einmal das seiner Frau, beide vom Zeitpunkt ihrer Verhaftung bzw. Verbannung an bis zum Tod. Der dritte Erzählstrang spielt hingegen im Jahr 2008 und in ihm begleiten wir Sascha bei seiner Suche. Während die Berichte aus der Vergangenheit sich vor allem durch ihre Dramatik und die drastischen Schilderungen der Lebensumstände auszeichnen, ist in der Gegenwart richtig Spannung angesagt.

Das Arbeitslager in Workuta gab es tatsächlich – und es war stets gut besucht. Nachdem ich im Internet darüber nachgelesen habe kann ich sagen, dass die furchtbaren Beschreibungen im Buch leider nicht übertrieben sind. Nördlich des Polarkreises gelegen braucht man bei Temperaturen von bis zu -56°C eigentlich keine Zäune, eine Flucht würde ohnehin den sicheren Tod bedeuten. Wie mag das sein, wenn man unschuldig verurteilt wird, 20 Jahre seines Lebens in dieser Eishölle verbringen zu müssen? Furchtbar! Sehr berührt haben mich zudem die Textstellen, in denen Ilja verzweifelt versucht, sich die Musik wenigstens in seinem Kopf zu bewahren und damit zugleich gegen seine Angst anzukämpfen. Kurzzeitig gelang ihm das sogar…
»Manchmal hörte er Schreie aus den Nachbarzellen, hörte, wie Gefangene über den Flur gestoßen oder geschleift wurden. Dann hielt er sich die Ohren zu, schloss die Augen, wählte in Gedanken eine Partitur aus und spielte sie in seinem Kopf, hörte die Geigen, die Bläser, die Cellos, das Klavier. Er neigte den Kopf leicht nach links, hob die Rechte mit dem imaginären Bogen und spielte.«

Bezeichnend ist, dass weder Ilja noch Galina jemals die Zusammenhänge verstehen werden, denen sie zum Opfer fielen. Irgendwann hat Galina immerhin eine Ahnung, was hinter ihrem ganzen Unglück stecken könnte…
»Jahre später, als sie zum ersten Mal vom „Fluch der Geige“ sprach, meinte sie, in diesem Abschied die endgültige Weggabelung zu erkennen.«
Sascha hingegen erkennt schnell, dass „alles irgendwie mit dieser Geige“ zusammenhängen muss. Was er am Ende alles aufdecken wird, hätte er jedoch nie geahnt.

Am Ende des Buches findet sich ein Personenverzeichnis und ein Glossar russischer Begriffe. Das langt aus, um beim Lesen keine Verständnisprobleme zu haben. Ich selbst bin aber durch das Buch so neugierig geworden, dass ich mir zu einigen Dingen noch genauere Infos aus dem Netz geholt habe. Über das Lager in Workuta beispielsweise. Oder über die Wory w sakone… Was das ist? Neugierig geworden? Sehr gut ;-)

Fazit: Auch für dieses Buch von Mechtild Borrmann kann ich wieder eine volle Leseempfehlung aussprechen. Zeitgeschichte, Dramatik und Spannung – da fehlt einfach nichts.

»Nie habe ich eine Geige mit einem solchen Klang besessen. Es ist, als folge meine Seele den Tönen in tiefste Schatten und hellstes Licht.«
Uschi Kamprad zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 09.05.2014
Die Nachverfolgung einer Strativari in einer solchen, an die Nieren gehenden Geschichte, ist ein besonderes Lese-Erlebnis, wenn auch oftmals mit Tränenausbrüchen verbunden, aber eben, es vermittelt auch einen Eindruck, wie es zu diesen schrecklichen Zeiten in Russland zugegangen mag. Es hat mich erschüttert, gleichzeitig fasziniert, da ich aus einer sehr musikalischen Familie stamme.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Autoren schaffen, Leser zu fesseln und regelrecht mit ein zu beziehen, manchmal ganz schön mächtig. Habe dieses Buch anlässlich einer Autorenlesung /Tim Krohn,
an ihn verschenkt, da er mit seinem Buch "Aus dem Leben einer Matratze bester Machart" gewissermassen in ähnlicher Weise ein "spezielles Stück" in diversen Geschichten verfolgt, sehr eindrüclich.
DerSton zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 17.04.2014
Frau Borrmann hat mit diesem Buch einfach meinen Nerv getroffen. "Wer das Schweigen bricht" hatte mich bereits in seinen Bann gezogen; doch "der Geiger" war für mich die perfekte Symbiose von Geschichte und Kriminalliteratur. Vor allem die sorgfältig ausgearbeiteten Rückblenden in die Sowjetunion nach dem zweiten Weltkrieg habe ich mit besonderem Interesse gelesen.

Wer einen spannenden Krimi mit historischen Bezügen sucht; und vor allem nicht vor russischen Namen zurückschreckt (;)) ist hier goldrichtig!

Sicher nicht mein letztes Buch von Mechtild Borrmann!
R.Felber zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 03.10.2013
Ich bin durch Zufall auf dieses Buch gestoßen und habe es innerhalb eines Tages gelesen, ich konnte es nicht mehr aus den Händen legen. der ständige Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit ,Geschichte,Politik und der Familiengeschichte war faszinierend und spannend. Ich kann es jedem Leser nur empfehlen
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 09.03.2013
"Wer das Schweigen bricht" hatte mir ausnehmend gut gefallen, daher war ich auf das Nachfolgebuch "Der Geiger" sehr gespannt. Und wurde nicht enttäuscht. Sehr geschickt werden mehrere Handlungsebenen miteinander verknüpft, sehr spannend, wobei auch mir die Gegenwartsebene am wenigsten gefällt. Habe bei dem nationalen Krimiblitz 2012 für diese Buch gestimmt!!!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
krimitante zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 12.01.2013
als krimi habe ich dieses buch nicht
empfunden, eher als belletristik, als familiensaga. spannend ist es trotzdem, allerdings auf einer anderen ebene. durch die drei miteinander verknüpften, zu unterschiedlichen zeiten spielenden, erzählstränge schafft es die autorin, uns mitten in die handlung zu ziehen und immer wissen lassen zu wollen, was als nächstes passiert, wie alles zusammenhängt. glaubhaft schildert sie vor allen dingen das geschehen der beiden in der stalin zeit angesiedelten stränge. allein durch diese realitätsnähe erzeugt sie spannung. der ton, im dem erzählt wird, ist der jeweiligen situation angepasst. fazit: ein wirklich gutes, gut zu lesendes buch. allerdings nicht in der qualität wie borrmanns "wer das schweigen bricht".
Marius zu »Mechtild Borrmann: Der Geiger« 04.08.2012
Es ist eine der wohl düstersten Epochen der jüngeren Vergangenheit, in die Mechthild Borrmann die Leser ihres neuen Romans "Der Geiger" entführt. Im Mittelpunkt des Buches steht nämlich die unmenschliche Diktatur der Sowjetunion unter Stalin in den Jahren ab 1948.
Generell hat Mechthild Borrmann offensichtlich ein Faible für die düsteren Kapitel der Geschichtsschreibung, behandelte nicht zuletzt "Wer das Schweigen bricht" die Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Für diesen Roman heimste sie den Deutschen Krimipreis in der Kategorie National ein und durfte folglich nun ihr neues Buch auch als gebundenes Hardcover bei Droemer veröffentlichen.Auf genau 300 Seiten erzählt Borrmann aus drei Perspektiven die Geschehnisse, die im Mai 1948 dazu führten, dass der begnadete und bejubelte Geiger Ilja Grenko seine kostbare Stradivari, seine Familie und seine Freiheit verlor. Sein Enkel Sascha wird im Köln des Jahres 2008 plötzlich mit den damaligen Geschehnissen konfrontiert, als er auf brisante Dokumente stößt, die das Verschwinden seines Großvaters und der kostbaren Stradivari vor 60 Jahren erklären."Der Geiger" verlangt dem Leser einiges an Aufmerksamkeit ab: 300 Seiten, 36 Kapitel, drei verschiedene Protagonisten und jede Menge russischer Namen und Ausdrücke. Dankenswerterweise ist am Ende des Buches ein Personenverzeichnis und ein Glossar der im Roman gebrauchten Begriffe angefügt, damit man sich schnell noch einmal einen Überblick verschaffen kann. Borrmann springt nämlich munter in den Zeiten und Perspektiven umher und ich hatte an manchen Stellen Mühe, die Beziehungen und Geschehnisse miteinander zu verknüpfen.
Dass die Autorin schreiben kann, steht außer Frage. Allerdings muss ich bemerken, dass mich der in der Gegenwart spielende Handlungsstrang von den drei Perspektiven am wenigsten überzeugen konnte.
Dagegen gelingt es der Krimipreisträgerin in den Episoden, die in der Sowjetunion spielen, hervorragend, den Leser mitleiden- und bangen zu lassen. Ähnlich wie in den Romanen von Tom Rob Smith zeigt sie plastisch die Terrorherrschaft des Stalinregimes auf, bei dem sich jeder Unschuldige von einem Tag auf den anderen in Gefangenschaft oder Verbannung wiederfinden konnte.Mit kleinen Abstrichen eine wirklich fesselnde Lektüre und eine spannende Familiensaga, der es auf wenigen Seiten gelingt, wofür andere Autoren deutlich mehr Seiten benötigen: In ein fernes Land entführen, Atmosphäre und Spannung zu erzeugen und den Leser nachdenklich zu stimmen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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