Mitten in der Stadt von Mechtild Borrmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Pendragon.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Niederrhein, 1990 - 2009.

  • Bielefeld: Pendragon, 2009. ISBN: 978-3865321282. 219 Seiten.

'Mitten in der Stadt' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Mitten in Kleves Innenstadt ereignet sich ein skrupelloses Verbrechen. Drei Männer durchbrechen mit einem Geländewagen die Scheibe eines Juweliergeschäfts und erbeuten wertvollen Schmuck. Als einer der Hauptverdächtigen tot aufgefunden wird, ermittelt das Team um Hauptkommissar Vincent Grube in alle Richtungen und stößt dabei auf die tragische Geschichte der Familie Koller. Wie hängt dieses unheilvolle Schicksal mit dem Fall zusammen?

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Könnerin des effizienten Erzählens« 82°

Krimi-Rezension von Jochen König

In die Auslage eines Juweliers in Kleve rast ein modifizierter Geländewagen. In Sekunden ist der Laden leer geräumt. Beim Zurücksetzen wird der junge Italiener Luca schwer verletzt. Nicht alleine diese Tatsache lässt Kommissar Vincent Grube und sein Team vermuten, dass es sich bei diesem Überfall nicht um die Tat einer bundesweit operierenden Bande handelt, sondern um Nachahmer, die nichts mit dem durchgeplanten Professionalismus der originalen Gangster zu tun haben. Das scheint sich zu bestätigen, als der erste Tote auftaucht.

Verdächtige finden sich rasch: der Onkel und der Vater Lucas, die auf eigene Initiative den flüchtigen Unfallfahrer zur Verantwortung ziehen wollen, der hoch verschuldete Juwelier Berger, der seinen Schmuck kurz vor dem Raub neu versichern ließ, sowie die möglichen Komplizen des Toten.

Stellt sich noch die Frage, welche Rolle Martina Koller spielt, die schwer misshandelte Frau des windigen Gebrauchtwagenhändlers Andreas Koller, deren Geschichte und Entwicklung in eigenen Kapiteln erzählt wird? Am Ende wird sich fast alles aufklären, wie sich das für einen Kriminalroman gehört, doch kaum jemand wird glücklich damit.

Mitten in der Stadt spielt in der deutschen Provinz und ist alles andere als provinziell. Mechtild Borrmann ist eine Könnerin des effizienten Erzählens. Scheinbar mühelos präsentiert sie drei Handlungsstränge (der Überfall und seine – polizeilichen – Folgen, sein Einfluss auf die Geschicke der italienischen Pizzeriabesitzer Vittorio und Roberta, sowie die schmerzvolle Biographie der Martina Koller), die sich an entscheidenden Punkten der Handlung treffen, um schließlich eigendynamisch fortgeführt zu werden.

Borrmann bleibt dicht an ihren Protagonisten dran, verkneift sich aber erschöpfende Gefühlsanalysen. Unaufgeregt und mitfühlend braucht sie keine brutalen Exzesse und herbe Attacken auf die Tränendrüse, um Spannung aufzubauen. Ihre Figuren handeln nachvollziehbar und verkommen nicht zu Klischees, gerade weil sie nicht auf Teufel komm raus originell sein möchte. Italienische Pizzeriabesitzer zwischen geschäftlichem Kalkül und Sehnsucht nach der sonnigen Heimat, die Leidensgeschichte einer malträtierten Ehefrau, das Macho-Gehabe eines Mannes, der jenseits seiner realen Möglichkeiten lebt, unbegabtere Autoren wären knietief im abgeschmackten Betroffenheitsmorast versunken.

Nicht so Borrmann, sie versteht es, die eher exemplarischen als individuellen Befindlichkeiten so auszuloten, dass jeder Charakter seine eigene Färbung erhält und stimmig in die Geschichte eingebaut wird. Denn trotz der Handlungsaufteilung zerfällt Mitten in der Stadt nicht ins Episodenhafte. Für Bindung sorgt das Team der Polizisten, die gemeinsam (und manchmal auf eigene Faust) einen Raub, einen Mord und einen familiären Untergang untersuchen.

Dabei beweist Mechtild Borrmann den Mut, die Vorgänge und Hintergründe zwar aufzuklären, doch auf eine Erlösung in den meisten Fällen zu verzichten. Stattdessen zeigt sie Menschen, die zu gefangen sind in ihren Denk- und Handlungsstrukturen, um ausbrechen zu können. Und so bekommt der Roman ein finsteres Ende spendiert, dass in seiner sarkastischen Verknappung um so nachhltiger wirkt.

219 Seiten reichen Mechtild Borrmann um komplexe Spannungsliteratur zu produzieren, die an keiner Stelle überladen wirkt. Wer glaubt, deutsche Krimis seien chancenlos, international mithalten zu können, sollte sich Mitten in der Stadt zu Gemüte führen. Möglicherweise sitzt ein Sinneswandel drin.

Wem allerdings Sabine Thieslers unbedarfter Ruf nach dicken Schwarten (Bücher unter 500 Seiten sind für sie eher Broschüren) das Maß aller Krimi-Dinge ist, der dürfte sich bei Mechtild Borrmann unwohl fühlen. Und wäre damit zu bedauern.

Jochen König, Juli 2009

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ffb76 zu »Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt« 18.02.2016
Auch diesen Roman baut Mechthild Borrmann in 2 Erzählsträngen auf, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart liegen und gegen Ende zusammenlaufen.
Allerdings reicht "Mitten in der Stadt" qualitativ nicht an ihre Nachfolgewerke "Wer das Schweigen bricht" und "Der Geiger" heran.
Das Ende ist zu abrupt und wirkt zusammen mit dem Epilog als hätte die Autorin plötzlich keine Lust mehr gehabt und wollte nur noch zum Ende kommen.

Zudem ist Borrmanns betulicher Erzählstil in diesem Roman noch besonders augenfällig und schränkt das Lesevergnügen, zusammen mit einer stellenweise recht bemühten Witzigkeit, nicht unerheblich ein.
Elisabeth Kahnert zu »Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt« 09.11.2012
Das Krimigeschehen rückte schnell in den Hintergrund. Die Empathie mit der mißhandelten Frau, den Kindern, wie sich diese Situation langsam entwickelt, unaufhaltsam und absehbar, das war für mich unglaublich intensives Miterleben".

Den Begriff des "effizienten Erzählens" kann ich nur unterstreichen, nur das wesentliche, aber das emotional und prägnant, ich bin begeistert.

Normalerweise lese ich überhaupt keine Krimis, aber dieses Buch ist mehr als ein Krimi, es ist die Geschichte der ganz normalen menschlichen Schwäche.

Danke für dieses Buch! Ich bin froh, es gelesen zu haben!
Krimitante zu »Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt« 21.10.2012
ein krimi der im ganz normalen alltagsleben einer tristen kleinstadt angesiedelt ist. eine fast schon alltägliche ausgangstat. drei erzählstränge, die auf den ersten blick, erst mal nichts miteinander zu tun haben. erst nach und nach ergiebt sich der zusammenhang. und im letzten drittel zeigt sich das ganze grauenhafte, erschütternde bild. das einen umso mehr ergreift weil es im eben alltäglichen angesiedelt ist. mechtild borrmann schafft es wieder, einen mitten in die geschichte zu ziehen. nach und nach erfasst einen ein sog, der sich mit der verbindung der einzelnen erzählstränge entwickelt und einen immer mehr packt. in einen einfachen, völlig undramatischen sprache, fast sachlich, erzählt sie dennoch von einem drama, dass einen erschreckt und anrührt. wieder ein verdammt gutes buch von dieser autorin, in ihren ganz eigenen erzählstil, der ich viel mehr leser wünsche. fazit: wer leise, aber intelligente töne, die viel tiefer dringen, mag: unbedingt lesen!
M.Albrecht zu »Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt« 17.05.2012
Also angetan vom ersten Buch habe ich direkt dieses Buch hinterhergelesen.Also was auffällt ist das der Fall recht oberflächlich und einfach gestrickt ist.Auch ein richtiger Spannungsbogen ist nicht direkt da.Was jedoch mich fast schon bedrückt hat sind die Schilderungen über die Misshandlungen der Frau bzw.Kinder.Daher hat man kaum Mitleid mit dem Täter.Trotzdem gute Sprache-mal sehen ob ich ein drittes Werk angehe.
Alles in allem würde ich 75° geben
Thilo zu »Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt« 07.11.2009
Wow - ich war von diesem Buch hin und weg. Auf den ersten Blick völlig unscheinbar, der Beginn der Story wie hundert andere durchschnittliche Romane auch - und dann schlichen sich da diese leisen Untertöne ein, die einen derart fesselten, das man das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Gratulation, einer der besten deutschen Krimis der letzten Zeit !!!
Spinnenflicker zu »Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt« 30.07.2009
Es ist furchtbar. Als ich dieses Buch anfing, war es auch schon passiert. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, als sei es an meine Hände geleimt. Grauenhaft. Ich habe gelesen, gelesen und gelesen und nach 4 Stunden war ich fertig. Fertig mit dem Buch und auch ansonsten ziemlich fertig. Mir blieb nur noch, daß Licht zu löschen und zu schlafen.

Die zwei anderen von Frau Borrmann habe ich mir dann auch direkt gekauft und gestern abend mit einem von ihnen begonnen. Das gleiche Spiel. Aber mitten im Buch konnte ich mich doch los reissen.

Meine Güte!
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