Die Mauer von Max Annas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Rowohlt.

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2016. 256 Seiten.

'Die Mauer' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Moses möchte nur eins: nach Hause. Raus aus der sengenden Hitze, raus aus dem verlassenen Vorort, in dem gerade sein alter Toyota liegengeblieben ist. Zu Freundin Sandi und einem kühlen Bier. Aber die Straßen sind wie leergefegt, niemand ist in Sicht. Moses hofft, in der nahe gelegenen Gated Community Hilfe zu fiden. Dort, in der Welt der Weißen, ist schließlich alles geregelt. Doch: Drinnen ist er erst recht ein Außenseiter. Und er begeht einen Fehler …Zur selben Zeit sind auch Nozipho und Thembi innerhalb der Mauern unterwegs, sie verdienen ihren Unterhalt mit Diebstählen. Was sie nicht wissen: Ausgerechnet in dem Haus, in dem sie Beute zu machen hoffen, wurde ein weit größeres Verbrechen verübt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Zur falschen Zeit am falschen Ort« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Die sogenannte Waldsiedlung (Wandlitz) in Bernau bei Berlin, wo sich einst die DDR-Führungselite verschanzte, dürfte wohl die bekannteste gewesen sein. Es gibt sie schon seit dem 19.Jahrhundert und sind weltweit verbreitet. In Deutschland und Europa (noch) eher selten, in den Amerikas, in Afrika und Asien gibt es sie schon häufiger. Kürzlich war zu lesen, dass selbst im ehemals kommunistischen Frontstaat Vietnam ein Vorzeigeprojekt dieser Siedlungsform bei Hanoi geplant ist. Die Rede ist von »Gated Communities«. Areale in oder in der Nähe von Ballungszentren, die durch mit Stacheldraht bewehrten Mauern und/oder unüberwindlichen Zäunen von der Umgebung abgetrennt sind, zusätzlich gesichert mit modernster Überwachungstechnik und einem Rund-um-die-Uhr-Wachdienst. Dorthin haben sich die Wohlhabenden dieser Welt zurückgezogen oder wollen dies tun, weil ihnen die Außenwelt zunehmend feindlich erscheint. In Südafrika, wo Max Annas’ Roman spielt, wurden zum Ende der Apartheid Anfang 1990er Jahre verstärkt Gated Communities für die privilegierte weiße Bevölkerung projektiert.

Moses, ein Gelegenheitsjobber in Johannesburg, ist nach einem frühmorgendlichen Arbeitseinsatz auf dem Weg nach Hause, als sein betagtes Auto den Geist aufgibt und gleichzeitig der Akku seines Mobiltelefons schlappmacht. Da steht er nun am Straßenrand bei glühender Mittagshitze in seinen abgerissenen Arbeitsklamotten mit wenig Hoffnung, dass ein vorbeikommender Autofahrer für ihn anhält. In der Nähe befindet sich die Toreinfahrt der Gated Community »The Pines«. Moses erinnert sich, dass dort ein flüchtiger Bekannter von ihm wohnt, den er sogar mal in seinem Haus besucht hatte. Es gelingt ihm, durch das bewachte Tor zu schlüpfen und muss sich orientieren. Die Häuser sehen alle gleich aus.

Während Moses immer frustrierter durch die monotone Wohnanlage irrt und allmählich die Aufmerksamkeit der Anwohner erregt, sind noch andere ungebetene Gäste zu beobachten. Ein Einbrecherpärchen, das bisher gute Erfahrungen in den tagsüber nahezu verlassenen Siedlungen gemacht hat, hofft auch hier reiche Beute. Zunächst läuft es auch wirklich gut für die beiden. Sie bemerken zwar die zunehmende Unruhe auf den Straßen, können sich aber keinen Reim darauf machen. Als sie in einer Gefriertruhe die Leiche einer älteren Frau entdecken, kommt Panik in ihnen auf. Der Fluchtimpuls rät ihnen, so schnell wie möglich abzuhauen. Doch draußen sind mittlerweile Fahrzeuge des Wachdienstes aufgefahren.

Moses hatte einen kleinen, aber entscheidenden Fehler gemacht. Auf seinem Irrweg durch die uniformen Reihenhäuser wurde er von zwei männlichen Anwohnern zur Rede gestellt. Er versucht, seine objektiv harmlosen Absichten zu erklären, doch die Männer, denen die Anwesenheit eines Schwarzen in einem rein weißen Wohngebiet grundsätzlich verdächtig ist, wollen ihn zu einem demütigenden Niederknien zwingen. Instinktiv ergreift Moses das Hasenpanier und rettet sich, wie er glaubt, in die benachbarten Gärten. Die beiden Herrenmenschen alarmieren sofort den Wachdienst, der auch nicht lange auf sich warten lässt. Eine unglaubliche Hetzjagd beginnt.

Max Annas, der gebürtige Kölner, lebt und arbeitet schon seit Jahren in Südafrika. Dort spielen auch seine beiden Romane. Mit Die Farm wurde er 2014 bei uns bekannt. Der Roman wurde von der Jury des Deutschen Krimipreises mit einem 3. Platz (national) ausgezeichnet. Eine Besonderheit dieses Thrillers ist, dass er sich auf ein sehr enges Zeitfenster und einem einzigen Ereignis konzentriert: dem Überfall auf eine Farm, der nur wenige Stunden andauert.

Noch enger ist das Zeitfenster in Die Mauer gefasst. Von Moses’ Autopanne bist zum abschließenden Kehraus vergehen gerade einmal zwei Stunden. Zwei Stunden, die es in sich haben, voll Action und Spannung. Aus einer alltäglichen Ausgangssituation entwickelt sich ein tödliches Tohuwabohu. Der Autor versteht sich auf Eskalation, weiß die Handlung bis ins Groteske zu steigern. Der Leser steht fassungslos vor den Ausgeburten der menschlichen Paranoia. »Alles nur Fiktion« – könnte man sich tröstlich einreden, aber es könnte schon morgen in der Zeitung stehen.

Max Annas’ Roman zeigt auf, dass aus Mauern, die eigentlich Schutz bieten sollten, aus einer anderen Perspektive betrachtet, die Mauern eines Gefängnisses werden können. Oder sie werden zu einer tödlichen Falle, aus der es kein Entrinnen gibt. Den Mauern einer »Gated Community« entsprechen die großen Mauern, die da hießen Zonengrenze oder »Eisernen Vorhang«, die da heißen Grenzanlage zu Mexiko, Abriegelung der Balkanroute, Frontex oder Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Es ist und bleibt eine Illusion, dass Mauern, welcher Art auch immer, jemanden vor anderen dauerhaft schützen können. Das mussten schon die alten Römer mit ihrem Limes erfahren und das gilt für die Gegenwart und die Zukunft, im Kleinen wie im Großen.

Jürgen Priester, Juli 2016

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M.Albrecht zu »Max Annas: Die Mauer« 19.08.2016
Also, das einzige wo ich mit der KC übereinstimme ist die these" zur falschen Zeit.."
Also alles innerhalb weniger Stunden und immer wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen, naja wers glaubt.
Egal weiterlesen.Aber die blutige Schiesserei zum Schluss, wo man wirklich denÜberblick verliert wer erschiesst wen, warum, sind dann wirklich zuviel des Guten.
Man ist zwar geneigt stets zum Erzähler zu halten, da er ja wirkl.unschuldig ist aber wenn die "Bösen" ausgestattet mit modernster Technik stets das Nachsehen haben ist irgendwann der Bogen überspannt.
Nun Ende gut alles gut.Moses kommt ja raus, aber ein wenig Glaubwürdigkeit in Bewertungen gehen verloren
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