Cops von Matt Burgess

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Uncle Janice, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Suhrkamp.

  • New York: Doubleday, 2015 unter dem Titel Uncle Janice. 392 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2015. Übersetzt von Johann Christoph Maass. ISBN: 978-3518466292. 392 Seiten.

'Cops' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Janice Itwaru arbeitet als Undercover-Cop in Queens, New York. Jeden Morgen geht sie als Junkie getarnt auf die Straße und versucht, vermeintliche Dealer dazu zu bringen, ihr Drogen zu verkaufen. Wenn sie Erfolg hat, schlagen ihre Kollegen zu. Hat sie keinen, machen ihre Vorgesetzten Druck. Hat sie richtig Pech, dann war’s der letzte Tag im Leben von Janice Itwaru.

Diesen Job will niemand freiwillig machen. Doch wenn Janice achtzehn Monate durchhält, wartet eine Beförderung auf sie. Der Weg dahin ist hart: Die Kollegen sind die Pest, die Vorgesetzten stellen völlig unrealistische Zielvorgaben, und ständig drohen interne Ermittlungen gegen die Abteilung. Als die Fangquote erhöht wird und Janice immer seltener Erfolge vorzuweisen hat, geht sie volles Risiko – auch wenn sie befürchten muss, dass ein fieser Gangster, der noch eine Rechnung mit ihr offen hat, hinter ihr her ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Polizeialltag tötet zuerst den Charakter« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Janice Itwaru stellt fest, dass sie ihre idealistischen Vorstellungen vom Polizeidienst besser vergessen sollte. Die Realität sieht für die junge Frau anders aus. Itwaru wurde quasi in den Dienst als Undercover-Cop gepresst: Wenn sie 18 Monate auf den Straßen von Queens, New York City, durchhält, wird man sie zur Ermittlerin befördern; eine Verlockung, der Itwaru nicht widerstehen kann.

Doch der Alltag ist bitter. Als »Uncle« muss Itwaru sich unter die Dealer mischen und sie dazu bringen, ihr Drogen zu verkaufen; nur dann ist eine Verhaftung möglich. Die Dealer wissen um die Präsenz der Polizei und sind stets misstrauisch. Hinzu kommt die Gefahr, enttarnt zu werden, was schon manchen Undercover-Cop das Leben gekostet hat. Die Ausbildung ist lückenhaft, die Ausrüstung minderwertig und oft defekt, immer wieder gerät Itwaru in brenzlige Situationen. Privat gibt es keine Erholung. Itwaru lebt bei ihrer Mutter, die unter Demenz leidet und die Tochter nach Feierabend in Atem hält. Von ihrer flatterhaften Schwester kann Itwaru keine Hilfe erwarten.

Kleine Tricks im Dienst werden von der verhassten Innenrevision genutzt, um auffällig gewordene Beamte als Spitzel gegen ihre Kollegen einzusetzen. Von den Vorgesetzten gibt für die »Uncles« keine Unterstützung. Der Druck wird von oben an die Untergebenen weitergegeben. Während das Budget immer weiter zusammengestrichen wird, müssen die Beamten die Zahl ihrer Verhaftungen steigern. Itwaru soll binnen eines Monats vier Verhaftungen ermöglichen; ansonsten droht man ihr unverhohlen mit Degradierung oder Entlassung.

Die Polizistin hat keine Wahl. Sie lässt sich auf das Glücksspiel ein, obwohl sie weiß, dass ihre Undercover-Zeit abläuft: Viel zu viele Dealer und Gauner kennen inzwischen Itwarus Gesicht. Auf ihre Kollegen kann sie sich zwar verlassen, doch es kommt der Tag, an dem Janice Itwaru in der Falle steckt …

Brüchiger Schild zwischen »Gut« und »Böse«

»Aber wer wacht über die Wächter?«, fragte der römische Satiriker Juvenal (58-140 n. Chr.) und belegt damit, dass die Wahrung von Recht & Ordnung seit jeher unter einem elementaren Problem leidet. Die Existenz einer dafür ausgebildeten Gruppe, die ausschließlich dafür sorgt, das Gros ihrer Mitbürger vor Verbrechern aller Art zu schützen, ist in der Theorie klug und beruhigend. Fatalerweise treten freilich nicht nur moralisch einwandfreie Menschen in den Ordnungsdienst ein, dessen Macht zweckentfremdet werden kann, um selbst kriminellen Nutzen daraus zu ziehen.

Hinzu kommt ein Alltag, der vor allem in den modernen Städten von allgegenwärtiger Gewalt geprägt wird. Das stumpft ab, und es verleitet, diejenigen, die über ihre Kriminalität ihre Bürgerrechte keineswegs verlieren, härter anzufassen, als es statthaft ist. In den USA zappelt eine ohnehin lieber pragmatisch als demokratisch agierende Polizei zudem im Netz einer Justiz, die vom Recht des Stärkeren geprägt ist: Wer sich einen gewieften Anwalt leisten kann, kommt unter Berufung auf vernachlässigte Dienstvorschriften, die in ihrem Umfang praktisch nicht umzusetzen sind, nicht selten frei. Mühsame Ermittlungs- und Beschattungsarbeit löst sich in Nichts auf. Frustrierte Polizisten fragen sich nach dem Sinn ihrer Mühen.

Des Dreiecks üble Spitze stellt eine Dienst-Hierarchie dar, die im Zeitalter chronisch leerer öffentlicher Kassen zunehmend Druck als »Arbeitsinstrument« einsetzt. Politik und Medien sind stets bereit, sich auf Kosten derer zu etablieren, die sich nicht wirklich wehren können. Polizeiarbeit ist eine Sisyphusarbeit, die niemals enden wird, weil das Verbrechen sich nicht ausradieren lässt. Selbst Besserung wird sich kaum einstellen, solange jene Probleme, die das Verbrechen entstehen lassen und fördern, nicht an der Wurzel gepackt werden. Das kostet erst recht Geld und generiert keine schnellen Erfolge, weshalb niemand wirklich es angeht.

Tief in der Mühle

Das Resultat solcher Verhältnisse ist eine Art Söldner-Existenz, für deren Darstellung Autor Matt Burgess die Figur der Janice Itwaru schuf. Cops ist ein nichtssagender »deutscher« Titel, der zudem offensichtlich viele Leser auf eine falsche Fährte lockt: Dies ist eben kein Action-Thriller, in dem sich Polizisten und Gangster jagen, während links und rechts die Fetzen fliegen. Tatsächlich geschieht oberflächlich wenig in dieser Geschichte, deren Fokus ganz woanders liegt.

Cops bezieht seine Spannung aus der Schilderung eines Lebens im Dauer-Ausstand. Das allein gelingt dem Verfasser mit eindrucksvoller – und deprimierender – Klarheit. Verstärkt wird dies durch das Milieu: Es fällt schwer, in Burgess’ Welt zwischen »gut« und »böse« zu unterscheiden, was durch die immense Zahl oft einander ähnelnder Figuren unterstrichen wird. Während sich das Verbrechen darüber nicht den Kopf zerbrechen muss, tun sich zumindest Polizei-Neulinge wie Itwaru schwer damit. Cops beschreibt auch, wie sie sich an diesem Problem aufreibt, in seinen Sog gerät und sich schließlich selbst schuldig macht, um den eigenen Hals zu retten.

400 Seiten geht es Schlag auf Schlag, während das Verbrechen nebenbei stattfindet. Es ist niemals verlockend oder glorreich, sondern schmutzig und zumindest dort, wo Itwaru ihm begegnet, auch nicht lohnend. Dieser Polizeialltag gleicht der Arbeit in einer Fabrik: Im Akkord sollen Gauner festgesetzt werden. Dass dies den Missbrauch quasi produziert, ist allen Beteiligten klar, wird aber verdrängt oder geleugnet, solange es genug Polizei-Nachwuchs gibt, der sich verheizen lässt: »Catch-22« existiert und funktioniert auch im 21. Jahrhundert.

Schäden – außen und innen

Kapitel um Kapitel gerät Itwaru immer tiefer in die Falle. Der »Affenstall« – das Drogendezernat – wird erst ihre zweite Heimat und dann zu einem parallelen Mikrokosmos, dessen Anziehungskraft sie nicht entkommt. Die daraus resultierende Gefahr personifiziert Burgess in der karikaturesk überzeichneten Figur eines Kollegen, der sich endgültig dem »Affenstall« ergeben hat, dort wohnt und manchmal im Pyjama durch das Büro schlurft.

Unter einem Alltag, nach dem Itwaru durchaus süchtig ist, leidet ihr ohnehin limitiertes bzw. schwieriges Privatleben. In dieser Hinsicht übertreibt es Burgess ein wenig mit der Dramatik. Demente Mutter, zickige Schwester, reumütiger Prügel-Vater – Das ist definitiv zu viel des Schlechten und erinnert an moderne TV-Serien, in denen sich Krimi und Seifenoper innig mischen.

Ansonsten nennt Burgess im Interview immer wieder Richard Price, George P. Pelecanos und Elmore Leonard (aber seltsamer nicht Joseph Wambaugh) als Vorbilder. Allerdings fehlt da noch etwas: Den drei genannten Autoren gelangen Figuren, die sich dem Leser bereits nach wenigen Passagen einprägten. Burgess strampelt sich manchmal deutlich erkennbar ab, Janice Itwaru mit Zügen auszustatten, die Individualität mit literarischer Prägnanz verbinden. So ist Itwarus komplexe Herkunft eher eine Spielerei.

Wer fähig und willens ist, eine Geschichte spannend zu finden, die nicht auf verwickelte Plots, raffinierte Verschwörungen und blutige Morde setzt, sondern Licht auf die Schattenseiten des modernen Alltagslebens wirft, wird dies verschmerzen. »Cops« ist keine Nebenbei-Lektüre, und fröhlicher stimmt dieses Buch uns auch nicht, wenn wir es schließen. Dafür werden wir auf eine Tour de Force der besonderen Art mitgenommen – und diese Fahrt wird nicht so bald in Vergessenheit geraten!

Michael Drewniok, September 2016

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emanniek zu »Matt Burgess: Cops« 05.03.2016
Ein langweiliges Buch, ohne Faden und Spannung, immer wieder von nutzlosen Nebengeschichten unterbrochen, kaum dass man ein wenig (sehr wenig) Anschluss bekommen hat.
Ich bin leidenschaftlicher Krimileser und mir tut es leid ein Buch wegzulegen, aber auf Seite 100 angekommen ist immer noch keine Spannung, Identifizierung oder sonst ein Interesse erzuegt worden.
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