Demut von Mats Olsson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel Straffa och låta dö, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei btb.
Folge 1 der Harry-Svensson-Serie.

  • Stockholm: Norstedts, 2014 unter dem Titel Straffa och låta dö. 736 Seiten.
  • München: btb, 2017. Übersetzt von Leena Flegler. ISBN: 978-3-442-71464-3. 736 Seiten.

'Demut' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Das hatte er sich anders vorgestellt: Harry Svensson, Exreporter einer Stockholmer Zeitung und angehender Kneipenwirt, hat sich in Malmö mit einer Weinhändlerin verabredet doch aus der gemeinsamen Nacht wird nichts. Ulrika Palmgren überlegt es sich im letzten Moment anders und setzt ihn vor die Tür. Statt speziellen Sex gibt’s ein lädiertes Ego und eine gebrochene Nase. Als er notdürftig verarztet in sein Hotel zurückkehrt, entdeckt er im Nachbarzimmer, dessen Tür lediglich angelehnt ist, den bekannten Blues-Sänger Tommy Sandell, der seinen Rausch ausschläft neben ihm die Leiche einer Frau. Die Ermittlungen der Polizei in dem Mordfall wollen nicht so recht vorankommen. Nur eins ist sicher: der Musiker war es nicht. Svensson betreibt derweil seine eigenen Recherchen. Als es wenig später in Göteborg zu einem ähnlichen Fall kommt, ist Harry Svensson sich sicher, dass man es mit einem Serienmörder zu tun hat …

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Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Mats Olsson ist unter anderem der schwedische Übersetzer von hochkarätigen Krimischriftstellern wie James Lee Burke, Robert Crais und Joseph Wambaugh. Deren Werke zeichnen sich durch realistische Ermittlungsarbeit und zynische Ermittler aus. Merkmale, die sich auch in Mats Olssons Debüt wiederfinden. Demut ist ein Thriller, vielmehr ein Detektivroman, mit einem Journalisten als Ermittler.

Hauptfigur Harry Svensson scheint ein Alter Ego des Schriftstellers Mats Olsson zu sein: ein Journalist mittleren Alters, der gutes Essen, Musik und Frauen liebt, viel herumreist und mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und Zynismus auf die Welt blickt. Als Harry zufällig in einen Tatort gerät, kümmert er sich zuerst einmal um seine Sensationsstory, bevor er die Polizei ruft. Als er herausfindet, dass der Täter die gleiche Vorliebe für Spanking hat, wie er selbst, steckt er in einer Zwickmühle: Wenn die Polizei das von ihm wüsste, wäre er noch verdächtiger als ohnehin schon. Dazu kommt, dass auch der Täter Harrys Geheimnis kennt und ihn mit anonymen Nachrichten provoziert. Harry entscheidet sich dafür, der Polizei so Einiges zu verheimlichen und macht sich stattdessen daran, selbst den Täter zu ermitteln.

Überlanger Krimi mit Detailfreude

Wer Demut liest, braucht einen langen Atem: Der Krimi ist 731 Seiten lang. Die Spannung nimmt erst im letzten Fünftel des Buches mit kürzeren Kapiteln und Perspektivwechseln zwischen Harry und dem Täter an Fahrt auf. Vorher erfährt man fast alles über die Hauptfigur Harry Svensson: seine Vergangenheit, seine Meinung zu Musik und Journalismus und seine Vorlieben wie Essen, Musik, Spanking und Frauen. Da Harry viel in Schweden herumfährt, lernt man nebenbei auch Bars, Restaurants und Cafés kennen.

Ebenso viel Aufmerksamkeit und Raum widmet Mats Olsson den Menschen, denen Harry im Verlauf der Geschichte begegnet. Jede noch so kurze Zufallsbekanntschaft wird mit einer detaillierten Beschreibung bedacht. Das ist aber auch ein großes Plus des Autoren: Nie wirken die (Neben-)figuren und Schauplätze wie Stereotype, sondern sehr individuell und lebendig. Man hat beim Lesen immer ein Bild vor dem geistigen Auge.

Auch der Täter, dessen Perspektive die Leser nach circa 100 Seiten das erste Mal teilen, kommt im Laufe der Geschichte immer öfter zu Wort und wir lernen allmählich seine Vergangenheit und seine Motive kennen. All das hat natürlich seinen Preis: Der Krimi ist ebenso »breit« wie lang und darunter leidet natürlich auch die Spannung. Bei einem erfahrenen Schreiber und Krimiübersetzer wie Olsson darf man davon ausgehen, dass das kein Anfängerfehler ist, sondern gewollt. Demut ist das erste Buch einer Reihe um Harry Svensson und viele Figuren und Ereignisse dürften in späteren Büchern eine Rolle spielen. Ansonsten wären ausführlich geschilderte Szenen wie z. B. die Szenen mit dem scheuen Mädchen, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben, reine Platzverschwendung.

Kein typischer 08/15 Krimi

Auch mit Plot-Twists hält sich der Autor überraschend zurück. Stattdessen schildert er über den Zeitraum von eineinhalb Jahren realistische Ermittlungsarbeit, die seinen Protagonisten Harry zielstrebig zum Täter führen. Untypischerweise wird die Identität des Täters nicht erst im Finale enthüllt, sondern schon deutlich früher. Olsson verzichtet damit auf bewährte Stilmittel, welche die Spannung steigern. Auch das Spannungspotential, das in der Beziehung zwischen Harry und dem Täter steckt, nutzt der Autor erstaunlich wenig. Erst im Finale setzt Olsson wieder auf Genretypisches. Das bringt nochmal Tempo und Spannung, wirkt aber auch deutlich unrealistischer als alles Vorausgegangene.

Wer bereit ist, sich auf das ausufernde Werk einzulassen, bekommt zusätzlich zu einem recht unblutigen Kriminalfall auch Reisetipps, Rezepte, eine Einführung ins Spanking und einen neuen Bekannten, der viel und unterhaltsam plaudert. Man darf davon ausgehen, dass Harrys geheime Vorliebe fürs Spanking sowie der Ausgang seines ersten Falles ihm künftig noch einige Probleme bescheren werden.

Brigitte Grahl, Mai 2017

Ihre Meinung zu »Mats Olsson: Demut«

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oldman zu »Mats Olsson: Demut« 17.04.2017
Vor mehreren Jahren fand ich skandinavische Krimiautoren nicht sehr gut. Aber die Jungs, sorry, weibliche Autorinnen aus dem Genre kenne ich noch nicht, haben mächtig zugelegt. Hier kommt ein ganz Neuer, und das Debut ist vielversprechend. Der Protagonist ist kein Polizist, sondern im Ruhestand befindlicher Journalist, dessen spezielle Neigungen ihn nicht nur symathisch machen. Aber die Figur funktioniert, und die aus 2 Perspektiven erzählte Story ist ebenso weitgehend stimmig. Vielleicht ist sie etwas zu lang geraten. Dafür enthält das Buch einige Redewendungen, die sehr hübsch sind und mir bis dato unbekannt waren. Mit diesem Buch soll eine Reihe beginnen, sieht m.E. vielversprechend aus.
goat zu »Mats Olsson: Demut« 14.04.2017
Kein Pageturner in meinen Augen

Harry Svensson, ehemaliger Journalist, hat seinen Job bei der Zeitung eigentlich gekündigt. Als er jedoch nach einem geplatzten Date in sein Hotelzimmer zurückkehren will, findet er die Tür des Nachbarzimmers nur angelehnt vor. Von Berufs wegen treibt ihn die Neugier ins Zimmer und er findet dort den völlig betrunkenen Sänger Tommy Sandell schlafend vor – neben ihm die Leiche einer unbekannten Frau. Natürlich ist das für Harry ein gefundenes Fressen und er kann sich diese Story einfach nicht entgehen lassen. Noch während er als freier Journalist wieder tätig wird, taucht eine weitere Leiche auf und dabei handelt es sich ausgerechnet um Harry geplatztes Date. Der Mörder scheint Harry schon längst im Visier zu haben, denn eine private Email an ihn deutet auf eine gemeinsame Vorliebe der beiden hin …

Als Protagonist hat mich Harry Svensson leider nicht überzeugen können. Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Dabei kann ich nicht sagen, dass er mir zu unsympathisch war. Aber irgendwie kam da so gar nichts bei mir an. Für einen Thriller mit über 700 Seiten hätte ich auch einiges mehr an Spannung erwartet. Stattdessen zerredet der Autor die Geschichte und hält sich zu sehr an nebensächlichen Dingen auf, die für den Fall nicht maßgeblich sind. Solche Längen gehen bei einem Thriller natürlich überhaupt nicht. Die Spannung bleibt einfach auf der Strecke. Einzig die letzten Seiten nehmen etwas an Tempo auf.

Mats Olsson lässt die Protagonisten aus der Ich-Perspektive erzählen, was zumindest die Erzählweise – auch durch die stetigen Perspektivwechsel – etwas interessanter gestaltet. Allerdings ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, wer denn nun gerade erzählt, der Mörder oder der Journalist. Die Polizei kam mir im Großen und Ganzen etwas untätig vor – allem voran Eva Månsson, die als Ermittlerin auch recht unkonventionelle Wege beschreitet.

„Demut“ ist der Start in eine neue Buchreihe, die ich jetzt aber nicht unbedingt weiter verfolgen muss. Sollte mir der zweite Band zufällig in die Hände fallen, werde ich ihn lesen, aber darauf warten werde ich nicht. Die Geschichte ist ok, aber definitiv kein Pageturner. Von mir gibt es drei solide Sterne.
Astrid zu »Mats Olsson: Demut« 27.03.2017
Das Krimidebüt von Mats Olsson ist wirklich vieles, aber nicht gewöhnlich. Er hat einen Antiantihelden, der nicht einmal so beliebt unsympathisch ist wie ein Sebastian Bergmann. Die Geschichte ist trotzdem gut geschrieben, leider fehlt an manchen Stellen die Spannung. Ist sie oft aufgebaut, verliert sie sich wieder in Unzulänglichkeiten. Ich denke, DEMUT war ein solider erster Band mit Harry Svensson. Wer lange ausführliche und ausschweifende Erklärungen, Gedankengänge und Beschreibungen mag, der hat mit Mats Olsson den richtigen Schriftsteller gefunden. Ich denke, es ist ein guter Auftakt, der sicherlich noch für die nächsten Teile Luft nach oben hat!
anyways zu »Mats Olsson: Demut« 21.03.2017
So turbulent hat sich Harry Svensson seinen Ausstieg aus der Journalistenbranche eigentlich nicht vorgestellt. Er träumt von einem neuen Leben als Kneipenbesitzer. Auf der Suche nach Spirituosen und Weinen läuft er Ulrika Palmgren über den Weg. Die Weinhändlerin hat er auf einschlägigen Spanking-Seiten im Internet kontaktiert und plant nach der Weinverkostung ein gemütlichen (Teppichklopfer schwingenden) Ausklang des Abends mit ihr. Der endet dann allerdings nicht wie erhofft, sondern er bekommt von Ulrika einen üblen Nasenschwinger, der ihn erst in die Notaufnahme und dann zurück in sein Hotel führt. Dort stellt er fest, das die Tür vom Nebenzimmer offen steht, neugierig tritt er ein und findet dort den abgehalfterten Möchtegern Blues-Sänger Tommy Sandell im Bett vor, neben ihm liegt eine Tote. Der Journalist in ihm übernimmt jetzt das Weitere, Fotos werden gemacht und sein ehemaliger Arbeitgeber kontaktiert, bevor Harry die Polizei ruft. Damit setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihn auch in den Fokus des Mörders rücken.

Mats Olsson verfügt über eine außerordentlich begnadete Schreibkunst, denn obwohl für einen Thriller viel zu wenig Spannung vorhanden ist, folgt man der Geschichte fast ohne Pause. Über ein Jahr dauern die nachfolgenden Taten bzw. die Feststellung des Täters, in dieser Zeit ermittelt Harry nicht nur auf eigene Faust, sondern der Autor gibt über gewisse Sexpraktiken Auskunft, die nicht jedem vertraut sein dürften. Er gibt ebenfalls über weite Strecken einen gesellschaftlichen Einblick in die verschiedensten Landschaften und Großstädte Schwedens und Dänemarks. Hellhörig wurde ich dann immer wenn von Malmö die Rede war, meine Erinnerungen gaukeln mir eine Postkartenidylle vor, Mats Olsson beleuchtet größtenteils die Schattenseiten einer schwedischen Großstadt.
Eigentlich würde ich für einen Thriller, der über weite Passagen relativ wenig Spannung aufbaut eher drei Sterne geben, allerdings hat mich bei diesem Buch der Schreibstil, der Humor und der Zynismus des Autors dermaßen in seinen Bann gezogen, so dass ich hier die volle Punktzahl vergebe. Ein Beispiel für den besonderen Witz des Mats Olsson möchte ich an diesem Beispiel aus dem Buch verdeutlichen:“… er tappte nicht nur sehenden Auges in jede Falle, er stellte darin auch noch ganze Couchlandschaften auf, hängte Bilder an die Wände und machte es sich so richtig gemütlich.“ Eine sehr lustige Erweiterung einer Redewendung, die in meinen Augen jedoch nicht zu übertrieben oder aufdringlich wirkt.
Ilka Schmidt zu »Mats Olsson: Demut« 18.03.2017
Fesselnd geschrieben, wollte ich das Buch nach gewissen Einstiegslängen, als ich die Richtung noch nicht so recht erkennen konnte (ich zweifelte länger daran, ob es sich um einen Roman, der sich mit SM-Praktiken beschäftigt, handelt, oder ob es wirklich ein Thriller wird) nicht mehr aus der Hand legen. Äußerst packend schildert Matts Olsson die Ermittlungsarbeit des ehemaligen Journalisten Harry Svensson, der selbst der SM-Szene mehr als nahe steht (er ist eigentlich mitten drin) und wird direkt betroffen, als eine Bekannte offensichtlich ein Opfer des vermutlichen Täters wird. Akribisch deckt er nun, später mithilfe des ehemaligen Journalisten Arne, eine Reihe von ähnlichen Fällen auf, die alle dem gleichen Täter zuzurechnen sind. Seine Kontakte in der Szene helfen ihm weiter! Keine 5 Sterne, weil für mein Rechtsempfinden der Schluss so nicht in Ordnung ist (die Polizei kam mir einfach zu spät ins Spiel)! Aber...reine Geschmackssache!
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