Drecksspiel von Martin Krist

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei Ullstein.

  • Berlin: Ullstein, 2013. ISBN: 978-3-548-28537-5. 320 Seiten.

'Drecksspiel' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Schlüssel rasseln an der Tür. »Ich hab mich hübsch gemacht«, wispert Hannah, während ihr Mann Philip hinter ihr den Raum durchquert. Seine Hand streift ihren Nacken. Sie neigt den Kopf und … sieht Handschuhe voller Blut. Finger schließen sich um ihre Kehle. Als sie wieder zu sich kommt, ist sie an einen Stuhl gefesselt. Vor ihr ein fremder Mann. Nur ein Gedanke peinigt sie in diesem Moment: Er darf Millie nicht finden! – Hannahs Tochter schläft im Zimmer nebenan. Seit der Expolizist David Gross vor Jahren untertauchen musste, arbeitet er als diskreter Problemlöser. Diesmal ist es ein grauenvoller Entführungsfall.

Das meint Krimi-Couch.de: »Verf***te Scheiße!« 81°

Krimi-Rezension von Jochen König

Mit Drecksspiel erweist sich Martin Krist erneut als wandlungsfähiger Autor. Spielte der Vorgänger Mädchenwiese größtenteils in einer dörflichen Gemeinschaft, kehrt Krist mit seinem aktuellen Roman rigoros zurück in die Großstadt Berlin.

Eine Vielzahl von Personen begegnet sich bei einem wahrhaft dreckigen Spiel, dessen Drahtzieher der »Pate von Berlin« Miguel Dossantos ist. Figuren auf dem Spielfeld sind Kleinganoven, (Ex-)-Polizisten, verzweifelte Eltern, wenig erfolgreiche Geschäftsleute, Prostituierte, tumbe Schläger und ein psychopathischer Killer.

Kein einfaches Spiel, dessen Regeln kompliziert sind und zudem ständig gebrochen werden. Wahrhaft positive Identifikationsfiguren existieren nicht. Jeder der Beteiligten hat auf die ein oder andere Art Schuld auf sich geladen, die einen versuchen zu büßen, andere laufen davon, und eine dritte Gruppe schert sich nicht um Begrifflichkeiten wie Schuld und Strafe. Grenzen zerfließen, Polizisten erweisen sich als korrupte Egozentriker; erfolglose Kleinunternehmer werden zu Dieben und treten damit eine Lawine los, die Beteiligte und (beinahe) Unbeteiligte unter sich begräbt. Nahezu jede Figur ist mit den anderen auf unterschiedlichste Art verbunden, die vieladrigen Erzählstrange scheinen zunächst unabhängig voneinander abzulaufen, bis klar wird, dass sie miteinander verknüpft sind. So wird schnell klar, dass jede Entscheidung die in einem Part getroffen wird, Einfluss auf die weitere Entwicklung der anderen Teile besitzt.

Martin Krist verwebt das geschickt, springt durch Zeit (zu Beginn) und Raum (permanent) und versetzt so seine Figuren in eine nervöse Anspannung, die sich auf den Leser überträgt. Nichts für Anhänger linearer Abläufe. Und schon gar nichts für Leser, die einem rührigen Detektiv bei erfolgversprechenden Ermittlungen folgen wollen. Am ehesten nimmt noch David Gross diese Rolle ein, doch auch er ist eher ein Gehetzter als ein Jäger aus Passion. Zwar ermittelt er konsequent und hartnäckig im Fall der entführten Shirin Rosenfeldt, doch ständig kommen ihm die Dämonen seiner Vergangenheit in die Quere. Je mehr er herausfindet, umso größer wird der Druck, der auf ihm lastet. Und ob am Ende alles, oder auch nur das Meiste, gut ausgehen wird, ist bald ungewiss.

Denn das Drecksspiel ist tatsächlich eins. Finsternis so weit man sieht. Keine gemütliche Tatort-Folge, die den Kommissar oder die Kommissarin zwar geradezu skandinavischem Leiden an der Welt aussetzt, aber dramaturgisch dafür sorgt, dass am Ende Recht und ein bisschen Ordnung herrschen.

Das Spielfeld in Martin Krists Roman ist hingegen in Auflösung begriffen. Hier kann jederzeit alles passieren. Meist das erdenklich Schlimmste… Krist exerziert das konsequent und mit hohem Spannungspotenzial durch. Schwächen leistet sich der Roman im Erzählstrang um die junge Mutter Hannah und ihre kleine Tochter Millie. Hier wird die Schwärze des Romans partiell zum selbstzweckhaften, brutalen Gimmick. Zwar schlüssig in die Handlung eingebaut, verlieren sich die Episoden in einem bluttriefenden »catholic Schoolgirl in need«-Spektakel, das der Roman nicht unbedingt gebraucht hätte. Besser und eindrücklicher hatte Krist ein ähnliches Szenario in der eigenen Mädchenwiese im Griff. Hier sorgt es zwar für oberflächliche Spannung, lenkt aber eher von den vielschichtigen Hauptteilen der Erzählung ab. Ähnlich störend wirkt sich der, vor allem in der ersten Hälfte, übermäßige Gebrauch von Cliffhangern an den jeweiligen Kapitelenden aus. Das funktioniert gelegentlich als oberflächlicher Spannungsmoment, verliert aber durch zu häufige Wiederholung.

Doch das sind kleinere Schwächen eines Krimis, der vieles richtig gut macht und sich noch mehr traut. Interessant bleibt nicht nur die Frage wie es mit den gebeutelten Protagonisten weitergeht. Sofern sie das Drecksspiel überlebt haben….

PS.: Die Überschrift taucht quasi als Motto des Buches vielfach im Text selber auf. Der tief im Morast steckende Bulle Toni Risse muss diesen Ausspruch einmal zu oft bemühen. Während er versucht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Doch erstens kommt es zweitens manchmal genauso wie man denkt. Obwohl alles ganz anders ist.

Jochen König, Oktober 2013

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WolffsBeute zu »Martin Krist: Drecksspiel« 27.01.2014
Eltern die um das Leben ihrer Tochter bangen.
Toni, der definitiv immer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist.
Ein Familienwochenende, das zu einem Horrortrip mutiert. Eine tote Prostituierte.
Berlin im Hochsommer. In der Hitze der Stadt gerät das Leben einiger Bewohner innerhalb weniger Stunden völlig außer Kontrolle, fließt der Angstschweiß in Strömen, stirbt die Hoffnung im Sekundentakt.

Ein Zimmer oder ein Flur mit schäbigen Türen, abgerissenen Teppich und Fußboden, dreckigen Wänden. Zwar ist das Buchcover schon düster gehalten, doch die darauf verwendeten Farben sprechen eine zwiespältige Sprache. Magenta, Hellblau und Grün erwecken den Eindruck, dass es sich hier um einen Teil, eines in die Jahre gekommenen, ehemals prächtigen Hauses handeln könnte.

Zunächst sind alle auf der Suche. David Gross sucht nach Shirin, Toni seine Uhr, Arthur einen Neuanfang und Pedro und Aki Abwechslung. Alle stoßen bei ihrer Suche auf unvorhergesehene Komplikationen. Dabei immer im Hintergrund erscheinend - Miguel Dossantos. Ein sich nach außen honorig gebender Restaurantbesitzer, der jedoch als Pate von Berlin alle Fäden in der Hand hält, dem aber nie jemand etwas nachweisen kann. Trägt er die Verantwortung für Hannahs Qualen und was hat es mit dem Selbstmord von Horst auf sich, den David nicht begreifen kann?

BÄM! Wie im Stroboskoplicht einer Diskothek knallt mir Martin Krist die einzelnen Szenen seines Romans Drecksspiel um die Ohren. Mehr als fünf Handlungsstränge, die sich zusammenhangslos im Minutentakt abwechseln, manchmal nicht mehr als 2-3 Seiten lang sind, machen das Beiseitelegen des Thrillers nahezu unmöglich. Nicht nur die Darsteller hetzen durch das verschwitzte, dreckige Berlin, auch ich als Leser gerate in Schnappatmung und bin dankbar, dass ich die Temperatur der Heizung, jetzt im Herbst, variieren kann.

Viele Personen, viele Schauplätze. Es gibt Romane, die ich schnell wieder aus der Hand lege, weil sie mir zu unübersichtlich wirken. Nicht so bei Martin Krist. Mühelos führt er den Leser in die jeweiligen Handlungen und Orte ein, wechselt zur nächsten Szene und kehrt nach einiger Zeit nahtlos zum Ausgangspunkt zurück. Das bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit, welche der Autor jedoch mit seinen klaren Worten ohne Weiteres hervorruft. Gewiss - nicht jedermanns Sache - doch für mich erneut ein sehr spannungsreiches Leseerlebnis. Hinweis und Hilfestellung für Krist-Erstleser: Es gibt ein Personenverzeichnis.

Seinen in Die Mädchenwiese eindrucksvoll zu Schau gestellten Schreibstil hat Martin Krist weiter ausgebaut. Der Thriller ist noch dreckiger, noch schneller, geht noch mehr unter die Haut, weist noch mehr aussichtlose Situationen auf. Doch Krist hat alles im Griff, fügt zusammen, was zusammen gehört, hinterlässt keine Fragen und setzt gekonnt Cliffhanger, die einen Lese-Stopp nahezu unmöglich machen. Nach und nach blickt man hinter die einzelnen Fassaden der Charakteren, die teilweise blass wirken, was der Handlung, der treibenden Kraft des Romans, jedoch keinen Abbruch tun.

Als ich das Buch erstmals am beigelegten Lesezeichen aufschlage, lauten die ersten Worte „Verf*e Sche**e“. Das kann ja interessant werden, dachte ich und sollte mich keine Sekunde täuschen. Krists Charakteren, die Handlungsorte, die Dialoge – sie erscheinen allesamt stimmig. Seine Art und Weise Geschichten zu erzählen ist schnell, packend und mitreißend. Es ist ein tolles Gesamtpaket, welches Martin Krist geschnürt hat.

Leseempfehlung? Unbedingt.
Für wen? Nichts für Warmduscher, Turnbeutelvergesser oder zarte Seelen. Wer Action, Spannung und Tempo liebt ist hier bestens bedient.
Alexander zu »Martin Krist: Drecksspiel« 27.12.2013
Ich fand den neuen Thriller von Martin Krist alias Marcel Feige auch ganz gut. Besonders gut hat mir gefallen, dass Miguel Dossantos, der Obergauner aus "Gier", wieder auftaucht. Ebenfalls nicht schlecht war, wie der Autor die Bundes-hauptstadt schön atmosphärisch dicht in all ihrer Vielschichtigkeit darstellt. Weiterhin gut war der Wechsel der Zeit-formen, Präsens in Pro- und Epilog und Präteritum im Hauptteil.Gestört hat mich nur, dass der Bulle Toni Risse mal wieder der obligatorische Kriminalhauptkommissar war. Kann es denn nicht mal ein Kriminaloberkommissar oder ein Kriminalkommissar oder einfach nur ein Beamter des mittleren Dienstes wie ein Kriminalhauptmeister sein und nicht zwei KHKs nebeneinander.Des Weiteren bin ich der Ansicht, ein oder zwei Nebenhandlungen weniger wären mehr gewesen.Trotzdem freue ich mich auf die die nächs-tes Jahr im Oktober erscheinende Fortsetzung. Die Cliffhanger am Ende hatten es ja ganz schön in sich.
c-bird zu »Martin Krist: Drecksspiel« 05.11.2013
Ein erstklassiger Thriller, temporeich und super konstruiert!
Eigentlich wollten Philip und Hannah gemeinsam mit ihrer Tochter Millie ein schönes Wochenende verbringen. Doch dann kommt alles ganz anders. Ein geheimnisvoller Fremder nimmt Hannah und Millie gefangen und Philip ist urplötzlich verschwunden.
Zeitgleich hat Toni jede Menge Probleme an der Backe: die Freundin schwanger, dazu kommen noch Geld- und Drogenprobleme.
Und dann ist da noch David. Der ehemalige Polizist arbeitet als privater Ermittler und erledigt so manchen Freundschaftsdienst. Die Tochter eines angesehenen Ehepaares ist verschwunden und David soll sie wieder aufspüren.
Drei Handlungsstränge mit vollkommen verschiedenen Personen und Inhalten, die scheinbar überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Man bekommt es von Beginn an gleich mit einer verwirrend großen Menge an Figuren zu tun, daher empfand ich das Personenregister am Anfang als äußerst hilfreich. Sehr geschickt beginnt der Autor erst ab der Mitte des Buches die einzelnen Stränge miteinander zu verknüpfen. Der ständiger Wechsel zwischen den einzelnen Erzählsträngen macht das Buch super spannend, da man unbedingt wissen will wie es weitergeht. Doch worum geht es bei Drecksspiel eigentlich? Mord, Folter, Prostitution, Drogen – die dunklen Seiten Berlins werden hier ans Licht gezerrt. Herausgekommen ist eine fantastisch gut konstruierte Geschichte, die absolut nicht vorhersehbar ist. Dazu noch schön kurze Kapitel und eine einfach gehaltenen Sprache, die das Buch zu einem regelrechten Pageturner machen.
Das Ende schreit geradezu nach einer Fortsetzung auf die ich mich schon sehr freue.
Jens A zu »Martin Krist: Drecksspiel« 03.11.2013
Mein Fazit:
Mit "Drecksspiel" ist Martin Krist ein fulminanter, hochintelligenter und extrem spannender Thriller gelungen - einer der besten, die ich je gelesen habe.

Der Leser wird sofort in eine dramatische und grauenvolle Szenerie entführt. Neugier und Spannung sind geweckt! Krist führt nun in mehreren parallel verlaufenden Handlungssträngen durch seinen Roman. Anfangs scheinen diese zusammenhanglos. Später werden sie sehr klug, actionreich und unerwartet miteinander vom Autor verwoben.
Dieser zeigt in "Drecksspiel" ein anderes Berlin, als Touristen und Bürger dieser Stadt es vielleicht kennen. Hart, kriminell, vulgär.
Martin Krist bevorzugt kurze Sätze sowie temporeiche Szenenwechsel. Genau das ist in diesem Roman das Salz in der Suppe!!
Rasant baut sich so eine wunderbare Spannung auf, die dieses Buch zum Weltklasse - Pageturner macht!!

Ich freue mich bereits jetzt auf weitere Teile der "David Gross" -Serie!
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