Quercher und der Volkszorn von Martin Calsow

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 bei Grafit.
Folge 2 der Quercher-Serie.

  • Dortmund: Grafit, 2014. ISBN: 978-3-89425-441-4. 381 Seiten.

'Quercher und der Volkszorn' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Bei einem Ausflug werden vier Kinder entführt, ihre Erzieherin brutal getötet. Bald ist mit Toni Knöchel nach einer beispiellosen Hetzjagd ein Verdächtiger gefasst, doch es bleiben Zweifel an seiner Schuld. Als Knöchel plötzlich ins Koma fällt und der Verdacht von Polizeifolter aufkommt, wird die leitende Kriminalbeamtin Julia Dahmer suspendiert. Max Quercher vom LKA sträubt sich, den Fall seiner Exfreundin zu übernehmen, obwohl auch ihn das Geschehen in seinem Heimattal nicht kalt lässt. Die Kinder bleiben wie vom Erdboden verschluckt. Aufgrund unterschiedlicher Indizien keimt in Quercher der Verdacht, dass irgendjemand Rache nimmt wie einst der Rattenfänger von Hameln. Aber niemand schenkt dieser spinnerten Idee Gehör. Quercher sieht nur einen Weg, die Kinder zu retten und der führt weit an den offiziellen Ermittlungen vorbei …

Das meint Krimi-Couch.de: »Mörder und bajuwarische Spezln« 75°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Das Tegernseer Tal wird von einem brutalen Verbrechen erschüttert. Eine Erzieherin wollte mit vier Kindern einen Ausflug machen – sie wird getötet, die Jungen und Mädchen entführt. Da sich Prominenten-Sprößlinge unter den Opfern befinden – einer der Väter ist erfolgreicher Zeitungsverleger mit besten Kontakten in die Politik – geraten die Ermittler schnell unter Erfolgsdruck und machen Fehler. Der bislang einzige Verdächtige wird unter ungeklärten Umständen am Kopf verletzt und fällt im Polizeigewahrsam ins Koma. Daraufhin soll Max Quercher den Fall von seiner Kollegin Julia Dahmer übernehmen. Der will seine frühere Freundin nicht bloßstellen, und ermittelt daher eher inoffiziell, wie immer unterstützt von wenigen Freunden und etwas an den Vorschriften vorbei. Die Nachforschungen gestalten sich mehr als schwierig, politische Einflussnahmen und die Suche nach möglichen Motiven verkomplizieren Querchers Arbeit immens. Aber mit ihren unorthodoxen Methoden kommen der sturköpfige Ermittler und seine Mitstreiter den Tätern schließlich auf die Spur – bis alles in einem dramatischen Finale gipfelt.

Eine explosive Gemengelage

Max Quercher hat es wirklich nicht leicht. Sein Erfinder Martin Calsow halst dem knorrigen Ermittler in dessen Privatleben so einiges auf, das gilt auch für den zweiten Roman dieser Reihe. Nicht nur, dass seine junge türkisch-stämmige Kollegin mit ihrem Nachwuchs bei ihm eingezogen ist, später kommt auch noch seine geschasste Kollegin und frühere Freundin dazu. Komplettiert wird das Ganze durch den krebskranken Chef des Landeskriminalamtes, der aus seiner Reha-Klinik regelmäßig in Haus Quercher herüberschaut. Eine explosive Gemengelage, die sich aber als überaus förderlich für die Ermittlungen erweisen soll. Der passionierte Einzelgänger soll eigentlich den scheinbaren Selbstmord eines Bundeswehr-Elitesoldaten untersuchen, geht anschließend jedoch mit dem zweiten Fall und seinen vollständig ungeplanten „Hausgästen» insgesamt doch recht souverän um – auch wenn ihm die Verbrüderung seiner jungen Kollegin Arzu mit Teilen der Dorfbevölkerung überaus suspekt bleibt. Und auch sein schwieriges Verhältnis zu seiner ehemaligen Liebhaberin verkompliziert die Situation für Quercher mehr als deutlich.

Enorme gesellschaftliche Unterschiede

Als ich den ersten Band über Max Quercher gelesen und besprochen habe, lautete der Schlusssatz meiner Rezension: „Für die Leser dürfte es auch ein Wiedersehen mit Max Quercher geben – ich freue mich darauf.« Wer so etwas äußert, hat gewisse Erwartungen, und die wurden von Martin Calsow mit Quercher und der Volkszorn mehr als erfüllt. Der Autor hat seine Protagonisten weiter entwickelt, und abermals werden die privaten Rahmenbedingungen geschickt in die Erzählung eingebunden, und beschleunigen zuweilen sogar noch den Fortgang der Geschichte. Dieser Kriminalfall im ländlichen Bayern bietet Martin Calsow abermals die Möglichkeit, seinen Lesern tiefe Einblicke in die Verhältnisse im Tegernseer Tal zu geben. Überaus realitätsnah beschreibt der Autor die enormen gesellschaftlichen Unterschiede, die vor allem an der unterschiedlichen Behandlung der betroffenen Eltern verdeutlicht werden. Der politisch einflussreiche Verleger bekommt Personen-Schutz , eine Supermarkt-Kassiererin – Mutter eines entführten Kindes – wird dagegen sogar von der Polizei beschattet. Aber auch die Haltung der Talbewohner wird kritisch beleuchtet. Sie sind nicht gerade tolerant gegenüber Fremden, selbst die Touristen werden schief angesehen, auch wenn sie ihr Geld im Tal lassen. Wie schon im ersten Buch profitiert der Autor von seiner Kenntnis der ländlichen Verhältnisse, und zeichnet ein authentisches Bild.

Spezl-Wirtschaft hinter den Kulissen

Der im Titel des Buches genannte „Volkszorn» kocht also langsam hoch und kulminiert in einem so genannten „Haberfeld-Treiben«. Diese nicht unumstrittene und sehr traditionelle Art der Gerechtigkeitsfindung wird hier anschaulich dargestellt. Wer glaubt, so etwas gebe es im modernen Bayern nicht mehr, sei eines Besseren belehrt. Vor wenigen Jahren erst wurde sogar der Bundesvorsitzende des Bauernverbandes zu Ziel eines solchen „Haberfeld-Treibens». Aber auch die politische Komponente kommt in dem Roman nicht zu kurz. Es geht um Spezl-Wirtschaft und Beziehungen hinter den Kulissen. Die bajuwarische „Staatspartei« wird abermals beleuchtet, und vor allem ihr Umgang mit dem Aufstieg einer neuen Partei – Ähnlichkeiten mit einer aktuell aktiven Gruppierung sind nicht zu übersehen. Auch hier zeigt der Autor wieder gute Kenntnisse der politischen Strukturen, ohne seinen Roman zu sehr in die Nähe eines Polit-Thrillers zu rücken.

Insgesamt also wieder ein lesenswerter und unterhaltsamer Kriminalroman von Martin Calsow. Und nach wie vor gilt: Max Quercher hat in meinen Augen noch viel Potenzial – und als Typ gefällt er mir einfach. Das mag auch daran liegen, dass die Quercher-Reihe zwar in der Provinz spielt, aber keineswegs provinziell wirkt.

Andreas Kurth, September 2014

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