von Martha Grimes

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel The Blue Last, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 17 der Inspektor-Jury-Serie.

  • New York: Viking, 2001 unter dem Titel The Blue Last. ISBN: 0739421387. 415 Seiten.
  • München: Goldmann, 2003. Übersetzt von Cornelia C. Walter. ISBN: 3-442-30975-1. 478 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2004. Übersetzt von Cornelia C. Walter. ISBN: 3828973825. 478 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Cornelia C. Walter. ISBN: 3-442-45960-5. 478 Seiten.
  • München: Goldmann, 2008. Übersetzt von Cornelia C. Walter. ISBN: 978-3-442-46902-4. 478 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

ISBN 3-442-45960-5, 480, Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House.

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Cornelia C. Walter

Die Spur der Erinnerung

»›Dichter‹, steht da, ›gestorben am Stich einer Rose.‹ War wohl ein Dorn, der ihn gestochen hat. Um wen, glauben Sie, handelt es sich?« Richard Jury hob den Kopf und sah zu Sergeant Wiggins hinüber.
»Rilke. Was ist das, ein Kreuzworträtsel? Rilke, wenn ich mich nicht irre.« Das tat er sowieso so gut wie nie. Jury las gerade einen gerichtsmedizinischen Bericht durch, als Detective Sergeant Wiggins ihn unterbrach. Wiggins kam tatsächlich auf immer abstrusere Arten, aus dem Leben zu scheiden. Irgendwie hatte er es mit dem Tod, fiel Jury nicht zum ersten Mal auf. Oder zumindest mit den Leiden, die das Fleisch befallen. Denen war Wiggins, wenn man ihn so reden hörte, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

»Rilke?«, sagte Wiggins. Er zählte die Kästchen.
»Das würde sogar passen. Sie könnten sicher im Handumdrehen jedes Kreuzworträtsel lösen, wenn Sie solche Sachen wissen.« Er schenkte Tee ein.
»Das ist das Einzige, was ich in der Richtung weiß.«

Wiggins löffelte vier Teelöffel Zucker in seine eigene Tasse und wollte sich schon an Jurys Tee machen. »Einen«, wies Jury ihn zurecht, ohne von seinem Aktenhefter aufzublicken. Die Teezubereitung hatte in diesem Büro inzwischen den Status eines Rituals, das sie schon so lange vollzogen, dass Jury immer wusste, bei welchem Schritt Sergeant Wiggins gerade war. Vielleicht lag es am Löffel, der jedes Mal, wenn er gegen die Tasse klickte, ein leises Signal aussandte.

»Der war also Bluter, dieser Rilke?«
»Was weiß ich.« Selbstverständlich würde Wiggins es wieder einer Blut- oder Knochenkrankheit zuschreiben. Es entstand eine ziemlich lange Pause, während der Jury dann doch den Blick hob und Wiggins musterte. Der hatte die Hände um beide Henkelbecher geschmiegt und starrte aus dem Fenster.
»Kriegt mein Henkelbecher jetzt vielleicht kleine Becherbeinchen und marschiert von selbst hier herüber?« Wiggins fuhr hoch.
»O Verzeihung, Sir.« Er stand auf und brachte Jury den Tee. Dann kehrte er wieder zu seinem Schreibtisch am anderen Ende des Raums zurück und meinte: »Ich kann mir einfach keine andere Blutkrankheit vorstellen, die zum Tod durch den Stich eines Rosendorns führen würde.«

Unwillkürlich kamen Jury ein paar Gedichtzeilen in den Sinn: O Rose, so betrübt! Der verborgene Wurm...William Blake. Das würde er Wiggins gegenüber aber nicht erwähnen. Ein Rosentod pro Vormittag genügte. Wiggins ließ nicht locker. »Ein kleiner Pieks führt dazu, dass so viel Blut fließt? Ich meine, daran konnte der Kerl doch wohl kaum verbluten.« Er runzelte die Stirn, trank nachdenklich seinen Tee.
»Die Antwort müsste ich eigentlich wissen.«
»Wieso? Dafür gibt es doch Polizeiärzte. Rufen Sie in der Gerichtsmedizin an, wenn Sie es unbedingt wissen wollen.«

Der die Nacht durchpflügt/Im heulenden Sturm. Jury klappte den Ordner über der Aufnahme mit den Skelettresten zu und blickte zum Fenster hinaus. Draußen fiel leichter Schnee. Es reichte kaum, um den Gehweg zu überziehen, geschweige denn für einen Skihang. Ach, hatte er vielleicht vor, in Islington Ski zu laufen? Er könnte ja nach High Wycombe fahren, dort lag das ganze Jahr über genug Schnee. Wie deprimierend! In zwei Wochen war Weihnachten. Noch deprimierender!

»Fahren Sie über Weihnachten nach Manchester, Wiggins?«
»Ja, zu meiner Schwester und ihrer Brut. Und Sie, Sir?«
»Ob ich nach Newcastle fahre? Nein.«
Dass er seine Cousine (und ihre Brut) in diesem Jahr nicht besuchen würde, erfüllte ihn mit einem derart köstlichen Gefühl der Genugtuung, dass er sich fragte, ob das Glück denn nicht einfach darin lag, etwas nicht zu tun, statt es zu tun. Wiggins wartete offenbar darauf, dass Jury ihn über seine Weihnachtspläne informierte. Wenn Newcastle nicht zur Debatte stand, was dann?

Als Jury mit nichts Besserem aufwartete, bohrte Wiggins auch nicht weiter nach. Er kehrte einfach zum Tod und den Gegenmittelchen zurück, wovon einige Fläschchen auf seinem Schreibtisch aufgereiht standen. Wiggins begutachtete seine Sammlung in aller Ruhe, entschied sich für eine zähe, rosafarbene Flüssigkeit und drückte ein paar Tröpfchen davon in ein halbes Glas Wasser, was er sodann mit leicht kreisenden Bewegungen vermengte.

»Wir haben Weihnachten doch Dienst, zumindest am Weihnachtsmorgen«, sagte er. »Ich bin wahrscheinlich erst zum Abendessen in Manchester.«
»Mann, fahren Sie doch einfach los. Ich kann doch für Sie einspringen.«
Wiggins schüttelte den Kopf. »Nein, Sir, das wäre nicht fair. Nein, ich bleibe schon hier. Weihnachten ist vielleicht der Teufel los, wenn die Leute beschließen, sich gegenseitig die Nase einzuschlagen. Manche Kerle wissen nichts Besseres mit einem Feiertag anzufangen, als sich eine Knarre zu schnappen.«
Jury lachte. »Stimmt. Vielleicht haben wir ja am Weihnachtstag Zeit für ein tolles Mittagessen bei Danny Wu. Der hat feiertags nie geschlossen.« Ruiyi war das beste Restaurant in Soho. Es wurde still, lautlos fiel der Schnee.

Jury überlegte, was er Wiggins schenken sollte. Irgendein medizinisches Fachbuch, in dem womöglich sogar Rilkes »Blutkrankheit« beschrieben war, sofern dieser überhaupt daran erkrankt war. Ein Dornenstich. O Rose, so betrübt! Er versuchte, sich an die letzten vier Zeilen dieses kurzen Gedichts zu erinnern, doch sie wollten ihm einfach nicht mehr einfallen. Wiggins hatte sich wieder der Zeitung zugewandt.

»Jetzt wollen sie die alten Gaswerke in Greenwich abreißen. Um dieses Riesending hochzuziehen, den Millennium Dome, von dem jetzt andauernd die Rede ist.« Jury wollte nichts davon hören und auch nicht darüber reden. Wiggins war ganz versessen auf das Thema.
»Das dauert noch, Wiggins. Warten wir’s ab und lassen wir uns überraschen.«
Wiggins musterte ihn skeptisch, nicht wissend, was er von diesem rätselhaften Kommentar halten sollte. Jury stand auf, zog seinen Mantel an und nahm den Ordner mit Haggertys Bericht vom Schreibtisch. »Ich fahre in die City. Falls Sie mich brauchen, ich bin bei Mickey Haggerty auf der Polizeistation Snow Hill.
»Ist gut.«
Wiggins trank sein rosa Zeug und wandte sich zum Fenster. Als Jury schon fast draußen war, sagte Wiggins vor sich hin:
»Klingt fast wie aus einem Märchen.« »Was denn? Der Millennium Dome?«
»Nein, nein, nein. Diesen Rilke meine ich. Wie die Prinzessin, die sich beim Spinnen in den Finger gestochen hat und in einen tiefen, tiefen Schlaf fällt. Am Stich eines Rosendorns zu sterben.« Er sah Jury an. »Irgendwie ein atemberaubender Tod, nicht?«
»Darauf könnte ich gut und gerne verzichten, Wiggins. Bis dann.«

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