Ich vergebe nicht von Mark Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The Two O'clock Boy , deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Blanvalet.
Folge 1 der Ray-Drake-Serie.

  • London: Sphere, 2016 unter dem Titel The Two O'clock Boy . 432 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2017. Übersetzt von Andrea Brandl. ISBN: 978-3734103292. 479 Seiten.

'Ich vergebe nicht' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Detective Ray Drake hat alles dafür getan, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein normales Leben zu führen. Niemand weiß von seiner Kindheit in einem Londoner Waisenhaus und von den schrecklichen Geschehnissen, die dreißig Jahre zurückliegen. Doch dann wird eine Familie brutal ermordet, und Hinweise tauchen auf, die in Drakes Richtung deuten. Er weiß, dass er sie vertuschen muss, um sein Geheimnis weiterhin zu schützen. Der Täter jedoch scheint fest entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen und sein Rachefeldzug hat gerade erst begonnen.

Das meint Krimi-Couch.de: Wildwest in den 80er Jahren 70°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

In vielen Krimis ist es immer wieder ein gerne eingesetztes Element: Das mordende Kind. Vermutlich fasziniert der Kontrast zwischen erwarteter Unschuld und Mordlust – der kleine niedliche Blondschopf, der plötzlich die Mutti mit der Schnur vom Playmobil-Kran erwürgt. Oder vielleicht auch die Erinnerung an den Zwerg, der im Film »Wenn die Gondeln Trauer tragen« den blutigen Höhepunkt schuf. Wie dem auch sei – Mark Hill stellt in seinem Debüt-Roman »Ich vergebe nicht« einen Doppelmord im Familienkreis vor die eigentliche Handlung. Laut Zeitleiste spielt diese mörderische Szene im Jahr 1986, der Täter ist offensichtlich ein Kind und schon fragt sich der Leser: Na, was mag aus diesem kleinen Unhold wohl mal werden?

Nach einem Zeitsprung in die Neuzeit beginnt die eigentliche Handlung mit einer Feier im Kreis der Polizei. Ein wichtiger Fall wurde gelöst, es hagelt Lobpreisungen und Beförderungen, und die Hauptpersonen werden eingeführt. Zum einen wird Detective Inspector Ray Drake vorgestellt, der mit seiner kantigen Art offensichtlich den »harten Hundes« repräsentiert. Zum anderen lernt der Leser die weibliche Hauptperson Felicity »Flick« Crowley kennen, die nach einer Empfehlung von Drake gerade frisch auf die Stelle des Detective Sergeant befördert wurde und sich damit für die Leitung der Ermittlungen qualifizierte. Unglücklicherweise muss sie ihre Fähigkeiten alsbald unter Beweis stellen, denn ein grausamer Mord an einer Familie stellt die eingangs fröhlich feiernden Gesetzeshüter vor eine große Herausforderung.

Die Spur führt in die Vergangenheit

Mark Hill führt den Leser über zeitliche Sprünge durch die Handlung. Die Geschichte beginnt in den 80er Jahren, wo eine Gruppe von Kindern einem brutalen und verbrecherischem System eines Kinderheims ausgesetzt war. Gewalt, Misshandlungen und das Wegsehen der Behörden waren hier offensichtlich an der Tagesordnung, und so muss überrascht es nicht, dass derartige Prägungen bis in die Neuzeit anhalten.

Da sich alsbald der Verdacht aufdrängt, dass die ehemaligen Heiminsassen systematisch gejagt und getötet werden, ist dem Leser auch sehr schnell klar, dass hier offensichtlich ein Zusammenhang zum damaligen Schicksal der Jugendlichen besteht. Wer aber aus welchem Grund mordet, diese Frage muss noch gelöst werden.

Junge Polizistin muss ihren eigenen Instinkten vertrauen

Die Stärke des Thrillers liegt in der Beschreibung der zwischenmenschlichen und der kollegialen Probleme. Nachvollziehbar ist die Zerrissenheit von der Flick Crowley, der schnell dämmert, dass ihr Mentor und Kollege offensichtlich stärker in die Verwicklungen, die zu den Morden führten, verstrickt ist. Sie sieht sich in der zwiespältigen Position, ihren eigenen Weg verfolgen und ihren eigenen Instinkten vertrauen zu müssen – und damit die offene Feindschaft ihres Vorgesetzten zu provozieren.

Glaubhaft erzählt sind auch die neuen Leben der ehemaligen Heimkinder. Bei ihren Vorgeschichten überrascht es sicherlich niemanden, dass viele von ihnen eine Laufbahn als Kleinkriminelle einschlugen. Gut dargestellt ist aber ihre Sehnsucht nach einem »normalen« bürgerlichen Leben – aber auch die damit verbundene Erkenntnis, dass regulär entlohnte und sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten verglichen mit den alten Abenteuern doch ziemlich fade und dröge erscheinen können.

George Michael dreht sich im Grabe um …

Hanebüchen erscheinen dagegen die Vorgänge, die in der Vergangenheit den Grundstein für die verbrecherische Entwicklung in der heutige Zeit legten. Wenn auch die 80er sicherlich kein Garant für eine besonders tragbare Mode waren, und auch die musikalischen Tendenzen der damaligen Zeit möglicherweise »eigenwillig« erscheinen, so ist es doch mehr als fraglich, dass ein Kinderheim offensichtlich bar jeglicher Kontrolle geführt werden konnte, und dass es sogar möglich war, neue Insassen über ein kleines »Trinkgeld« bei der Polizei zu akquirieren. 

Leichen konnten seinerzeit offensichtlich unmittelbar an der Mauer zum Nachbargrundstück verbrannt und verbuddelt werden, und wenn ein kleiner Junge nach dem Mord an Mami und Papi plötzlich allein durch das Land stromerte, schien das keine Augenbraue zu bewegen. Abbrennende Häuser galten seinerzeit generell als »Unglücksfall« – selbst wenn der Löschzug noch über die Benzinkanister stolperte – und somit wurden offenbar selbst nach Großbränden schnell die Akten geschlossen.

Mehr als konstruiert ist auch der letzte Showdown. Kennt ein Polizist, der seine Familie schützen will, nicht Hunderte von Möglichkeiten, um diese sicher unterzubringen – und wenn er sie im Zweifel im Hochsicherheitstrakt einschließen lässt? Hill hat zugunsten der Spannung und des Tempos oft und gerne Fragen der Logik hinten angestellt, die damit leider das ungetrübte Lesevergnügen schmälern. Dennoch wird im letzten Aufbäumen der Handlung noch ein spannender allerletzter Faden aufgenommen, der neue Fragen aufwirft und verhindert, dass sich alles in Wohlgefallen auflöst. Dieser Schachzug ist beeindruckend und entschädigt für so manche Logiklücke im Vorfeld. Leider aber nicht für alle.

Wer es schafft, diese Fragen auszublenden und die 80er als eine Art kriminalistische Wildwest-Zeit zu sehen, in der sich das Verbrechen offenbar ungehindert austoben konnte, der hat seine ungetrübte Freude an diesem Thriller. Den anderen bleiben immerhin eine spannende Lektüre und die Frage, warum zum Teufel sie sich damals nicht einer hoch dotierten verbrecherischen Tätigkeit zuwandten, wenn das in dieser nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit doch offensichtlich so simpel war.

Sabine Bongenberg, Januar 2018

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