Die Schuld des Blutes von Mark Billingham

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 unter dem Titel Bloodline, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Goldmann.
Folge 8 der Tom-Thorne-Serie.

  • London: Little, Brown, 2009 unter dem Titel Bloodline. 345 Seiten.
  • München: Goldmann, 2010. Übersetzt von Isabella Bruckmaier. 438 Seiten.

'Die Schuld des Blutes' ist erschienen als

In Kürze:

In der geballten Faust des Opfers befindet sich der abgerissene Fetzen eines Röntgenbildes. Es ist nicht die erste Leiche, die Detective Inspector Tom Thorne so vorfindet. Doch bisher ergibt das Puzzle keinen Sinn. Alle Spuren führen zu Raymond Garvey, einem der berüchtigsten Serienkiller in der Geschichte der Met, doch der ist seit Jahren tot. Hat sich jemand Garvey zum Vorbild genommen, oder verfolgt der Killer einen weitaus perfideren Plan?

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kianan zu »Mark Billingham: Die Schuld des Blutes« 03.05.2012
Zum Inhalt werde ich nicht viel ergänzen, also kurz gefasst: Aus meiner Sicht hat es Mark Billingham es wieder geschafft, einen sehr spannenden und unterhaltsamen Krimi zu schreiben und ich verfolge die Geschichten der sympathischen Protagonisten Thorne, Holland, Hendricks, Kitson, Brigstocke und Chamberlain, sehr gerne. Ich kann das Buch empfehlen, aber am Besten in der richtigen Reihenfolge der Serie lesen!
Stefan83 zu »Mark Billingham: Die Schuld des Blutes« 22.03.2011
Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Gottseidank, wird wohl auch der ein oder andere Krimi-Autor denken, da ihm gerade diese Eigenschaft nicht nur immer wieder einen gewissen Lebensstandard sichert, sondern gleichzeitig einen größeren Aufwand erspart. Wieso sich groß Gedanken um den Aufbau eines Plots machen, wenn eine Serie erstmal ihren Durchbruch geschafft hat? Ob Simon Beckett, Cody McFadyen, Patricia Cornwell oder der jüngst verstorbene Andreas Franz. Jeder neue Titel dieser Schriftsteller wird garantiert den Weg in die Bestsellerlisten finden, unabhängig davon, was sich inhaltlich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Selbst wenn der Autor bloß als Herausgeber fungiert oder es sich lediglich um die Neuauflage eines Titels handelt, den bei der ersten Veröffentlichung kein Schwein haben wollte – die Leute kaufen es. Im sicheren Glauben, mit ihrem erworbenen Bestseller (steht ja schließlich auch auf dem Aufkleber) auch den besten Krimi in den Händen zu haben, taumeln die Kunden voller Vorfreude nach Hause und sehen dann am Ende der Lektüre großzügig darüber hinweg, dass sie sich eigentlich über weite Strecken nur gelangweilt haben. „Egal, so etwas kann auch den Besten passieren. Der nächste wird bestimmt besser. Und was soll man schließlich sonst lesen?“

Gerade diese Einstellung heutiger Mainstream-Leser macht es deshalb Autoren schwer, deren Krimi-Reihen auch nach dem Debütwerk durchgehend ihr hohes Niveau halten, dafür aber nicht in Radiospots, U-Bahnschächten oder Tageszeiten beworben werden. Mark Billingham ist einer dieser Schriftsteller. Seine bereits seit dem Jahr 2001 laufende Reihe um den Detective Inspector Tom Thorne hat sich, mit Ausnahme des vierten Bands „Blutzeichen“, keinerlei Ausrutscher erlaubt. Im Gegenteil: Obwohl in den Geschichten seiner Romane auch im achten Teil der Serie fast immer noch die gleiche Besetzung agiert, wirkt der neueste Band frischer wie je, überrascht und überzeugt Billingham mit einer Fülle neuer, genialer Ideen. „Die Schuld des Blutes“ ist für mich sogar der bisher beste Tom-Thorne, da es dem Autor gelingt, eine perfekte Balance zwischen persönlicher Tragik, beißendem Witz und elektrisierender Spannung zu halten, ohne dabei aufgrund der Serienkillerthematik Gefahr zu laufen bei den Krimi-Viellesern für Ermüdung zu sorgen. Kurz zur Geschichte:

„... ist nicht lebensfähig.“ Viel mehr als diesen Satzfetzen bekommt Tom Thorne nicht mit, als die Ärztin ihm und seiner Freundin Louise Porter beim Ultraschall den Tod ihres ungeborenen Babys mitteilt. Da hat er lange mit dem Gedanken gerungen, überhaupt Kinder in die Welt zu setzen und nun das. Während Louise die schreckliche Nachricht augenscheinlich relativ ruhig aufnimmt, sitzt bei Thorne dieser Faustschlag tief. Fast ist er dankbar, als ihn sein Vorgesetzter, Detective Chief Inspector Russell Brigstocke, bei einem neuen Mordfall um Hilfe bittet. Eine Frau ist tot in ihrer Londoner Wohnung aufgefunden worden. Offensichtlich hat der Mörder sie mit einem Schlag betäubt und schließlich mit einer Plastiktüte erdrosselt. Reine Routine also, denkt Thorne, bis er in der geballten Faust des Opfers den abgerissenen Fetzen eines Röntgenbildes entdeckt. Sein Interesse ist geweckt und relativ schnell finden er und seine Kollegen heraus, dass die Mutter der Toten ebenfalls ermordet wurde. Dieser Mord liegt allerdings bereits fünfzehn Jahre zurück. Sie war eines der sieben Opfer des berüchtigten Serienkillers Raymond Garvey, der vor einiger Zeit an einem Gehirntumor starb. Hat der Mörder von damals vielleicht sogar etwas mit den Morden von heute zu tun?

Weitere Leichen werden gefunden, und jedes Mal findet sich ein weiteres Stück des Röntgenbildes. Thorne fügt das makabere Puzzle zusammen, bis er das grausame Bild darin erkennt … und es fast zu spät ist.

Ein Klappentext, der so oder ähnlich auch auf jedem x-beliebigen Ami-Thriller stehen könnte und, im Verbund mit dem mal wieder gänzlich einfallslosen deutschen Titel, bei Krimi-Kennern wahrscheinlich nicht sofort Begeisterungsstürme auslösen wird. Aber was zählt ist schließlich der Inhalt, und hier überzeugt Mark Billingham einmal mehr auf ganzer Linie. Und das von Seite eins an, denn kein Thorne hat jemals derart düster begonnen. Prolog und erstes Kapitel geben gleich die Marschrichtung vor. Wo sonst der englische Autor, der neben seiner Schriftsteller-Tätigkeit in Großbritannien als Comedian auftritt, mit lockeren Sprüche für Aufhellung sorgt, da werden dem Leser in „Die Schuld des Blutes“ am Anfang gleich zwei schwere Schicksalsschläge um die Ohren gehauen, welche selbst den weniger zartbesaiteten unter den Lesern an die Nieren gehen dürften. Nach dem Verlust seines Vaters ist der Tod des ungeborenen Babys der nächste Prüfstein für Thorne, dessen grobschlächtige und unnahbare Art diesmal arg ins Wanken gerät. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren langweilt uns Billingham jedoch nicht mit seitenlangen Inneneinsichten und Selbstreflexionen. Stattdessen lässt er Thornes Schmerz immer mal wieder zwischen den Zeilen durchschimmern, was nicht nur die Figur selbst menschlicher, sondern auch den Fortgang der Ermittlungen um einiges nachvollziehbarer macht.

Die werden auch diesmal von der pensionierten Ex-Detective Inspector Carol Chamberlain unterstützt, welche sich mittlerweile, wie Dave Holland, Phil Hendricks und Yvonne Kitson, einen festen Platz auf Billinghams Besetzungsliste „erarbeitet“ hat. Erstaunlicherweise funktioniert die „alte Garde“ rund um den Country-Liebhaber Thorne selbst im achten Band der Reihe weiterhin hervorragend, was unter anderem daran liegt, dass der Autor nur nach und nach mehr über das private Leben der Figuren durchsickern und ansonsten seinen Hauptprotagonisten im Mittelpunkt stehen lässt. Der ist mir inzwischen, wie Rankins John Rebus, sehr ans Herz gewachsen, was nicht zuletzt an seinem tiefschwarzen und sarkastischen Humor liegt. Wenn Thorne im Geiste das Geschwafel seines Superintendents Jesmond kommentiert, bleibt kein Auge trocken, stiehlt sich augenblicklich ein Grinsen in mein Gesicht. Überhaupt sitzen die Witze, welche diesmal etwas sparsamer dosiert wurden, wieder genau am richtigen Fleck, um nach drastischen und ernüchternden Szenen zumindest etwas Licht in die Handlung zu bringen.

Was die eigentlichen Nachforschungen im Kriminalfall angeht: Hier hetzt man lange Zeit dem Mörder hinterher, bis man schließlich glaubt, ihm voraus zu sein. Ein Irrtum, dem auch der Leser beinahe aufsitzt, was die Wendungen im letzten Drittel des Romans umso dramatischer macht. Billingham versteht es hier äußerst geschickt, falsche Fährten zu legen und uns aufs Glatteis zu führen. Wie bei einem Trickbetrüger auf dem Jahrmarkt versucht man der Kugel unter dem Becher zu folgen, während einem gleichzeitig die Geldbörse aus der Gesäßtasche geklaut wird. Ablenkungen, Täuschungen und Illusionen. Billingham hat sie wahrlich perfektioniert und läuft in „Die Schuld des Blutes“ zur Höchstform auf. Auf den letzten Seiten wurde das Buch kurzerhand zum Ventilator umfunktioniert, derart schnell musste ich blättern, um im schlichtweg sauspannenden Finale nun endlich die Lösung präsentiert zu bekommen. Eine Lösung, welche man bei genauerer Betrachtung gleich mehrmals hätte vorhersehen können und müssen – wäre das ganze Drumherum (Thornes private Situation, der Alltag auf dem Revier, die Briefgeständnisse des Mörders) nicht gleichfalls so fesselnd und unterhaltsam gewesen.

Zieht man die Größen des Genres zum Vergleich heran, muss man ehrlich bekennen, dass Billingham deren Tiefgang und Feinschliff nicht ganz erreicht. Nichtsdestotrotz gehört er in eben jene Riege der Besten, da er stets auf Neue packende Mordfälle in Nordlondon zu platzieren und seinen Figuren weitere Facetten abzugewinnen weiß.

Insgesamt ist „Die Schuld des Blutes“ der bis hierhin überzeugendste und stimmigste Teil aus der Reihe um Tom Thorne. Ein grandioser, packender und mitunter bewegender Police-Procedual-Krimi „Made in Britain“, den wohl wieder einmal zu wenige deutsche Krimi-Freunde lesen werden. Aber so lange es genug sind, damit sich auch die Übersetzung des nächsten Bands (engl. „From the dead“, erschienen 2010) für den Verlag rentiert, kann mir das herzlich egal sein.
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