21:37 von Mariusz Czubaj

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel 21:37, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Prospero.
Ort & Zeit der Handlung: Polen / Warschau, 1990 - 2009.

  • Warschau: W.A.B., 2008 unter dem Titel 21:37. 264 Seiten.
  • München: Prospero, 2013. Übersetzt von Lisa Palmes. ISBN: 978-3941688377. 383 Seiten.

'21:37' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In der Nähe des Olympia-Zentrums in Warschau werden die Leichen zweier junger Männer gefunden. Die Opfer waren Schüler eines örtlichen Priesterseminars. Vor ihrem Tod wurden sie grausam gefoltert, der Mörder hat ihnen anschließend die Zahlen 21 und 37 ins Gesicht geschrieben. Beziehen sich diese auf den Todeszeitpunkt von Johannes Paul II.? In welchem Zusammenhang stehen diese Morde zum Tod des Papstes? Ein Sonderkommando wird ins Leben gerufen, das sich auf die Fährte des Killers setzen soll. Darunter ist auch Rudolf Heinz, ein erfahrener Profiler. Zum Kreis der Verdächtigen gehören bald einflussreiche und angesehene Leute, ein Skandal großen Ausmaßes bahnt sich an.

Das meint Krimi-Couch.de: »Talking Ezechiel Blues«  77°

Krimi-Rezension von Matthias Kühn

Ein neuer Profiler betritt die deutsche Krimi-Bühne: Rudolf Heinz. Der polnische Kommissar mit dem deutschen Namen ist »Profiler, Gitarrist und Besitzer des braunen Karategürtels«, und er ist ein eher muffeliger Zeitgenosse, was er sich aber wegen seiner unbestrittenen Kompetenzen meistens leisten kann:

Er war Profiler von Beruf, der gefragteste Spezialist im ganzen Land, wenn es um die Typisierung unbekannter Täter ging. Ein einsamer Jäger auf der Spur besonders grausamer Einzelexemplare wie Serienmörder, Vergewaltiger oder Pyromanen. Und noch dazu einer, den die Routinemenschen bei der Polizei mehr schlecht als recht duldeten.

Mal abgesehen davon, dass Täter meistens unbekannt sind: Eigentlich interessiert sich Heinz vordergründig gar nicht so besonders für seinen Job. Erst wenn ihm ein Täter so richtig auf die Nerven geht, wird er besessen von seinem Fall; dann lassen ihn Täter, Opfer und Vorgehensweisen Tag und Nacht nicht mehr los. Dann allerdings neigt der Choleriker Heinz auch dazu, gewalttätig zu werden. Ansonsten hält er sich gern in der Halle des griechischen Karatemeisters Sensai Kastoriadis auf; aber genau genommen fühlt sich der Polizist, der den Spitznamen Hippie trägt, zum Musiker berufen:

Hippie. Diesen Spitznamen hatten ihm seine Bandkollegen verpasst. In stickigen, zu Proberäumen umgewandelten Kabuffs, mit Musikinstrumenten und -anlagen vollgestopften Kellerräumen oder von einer einzelnen Glühbirne erhellten Lagerräumen ohne Lüftung ging es Heinz noch am besten.

Gesund ist Rudolf Heinz auch nicht: Er leidet am Raynaud-Syndrom, einer Gefäßerkrankung, die Krämpfe und Taubheitsgefühle vor allem in den Fingern verursacht. Sein Lebensstil ist nicht dazu angetan, den Verlauf der Krankheit zu verzögern. Außerdem hat er noch mit einem alten Fall zu kämpfen, bei dem er beinahe ums Leben gekommen wäre.

Aber von Anfang an: Daniel Wyprych, ehemaliger Boxer mit großer Zukunft, jetzt aber ohne große Gegenwart, macht einen grauenvollen Fund. Zwei Schüler des Priesterseminars, wie sich herausstellt, wurden brutal ermordet und mit den Ziffern 21:37 beschriftet. Offenbar weiß in Polen jedes Kind – außer Heinz, versteht sich –, was diese Zahlen bedeuten: Es ist der Todeszeitpunkt des polnischen Papstes. Aber ist das in diesem Fall wirklich die Antwort? Was haben diese Zahlen zu bedeuten?

 Eher unwillig begibt sich Rudolf Heinz auf die Fahrt von Kattowitz in die Hauptstadt. Und dort heißt man ihn nicht gerade willkommen: Heinz muss sich als Leiter eines Sonderkommandos gegen Vorurteile und Ignoranz durchsetzen, was ihm durch seine bärbeißige Art nicht so einfach gelingt. Diese Figuren, allen voran ein Mann, den sie wegen einer großen Narbe im Gesicht Karloff nennen, sind sehr lebendig erzählt. Karloff, anfangs äußerst voreingenommen gegen den Profiler aus Kattowitz, öffnet sich schließlich und unterstützt Heinz auch gegen seine Kollegen.

Ein Grund, warum Heinz nicht schnell warm wird mit seinem neuen Team, liegt daran, wie er die Nachricht der Stunde aufnimmt. Es ist nämlich April 2007:

Die Schlagzeilen aller Zeitungen verkündeten in feierlicher roter Schrift, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war. Die Nachricht, dass Polen und der Ukraine die Organisation der Europameisterschaften 2012 zufiel, füllte sämtliche Rubriken von der ersten Seite bis zum wie gewöhnlich am Ende der Zeitung platzierten Sportteil. [...] Ein nationaler Fußball-Orgasmus, dachte Heinz, verstimmt über die herdenartige Verehrung der Polen für diesen Sport.

Als Sohn eines in den Westen geflüchteten Fußballers entwickelte Heinz eine Fußball-Phobie, die ihn nun zum arroganten Außenseiter macht, der sich vom gemeinen Volk und seinen Vorlieben distanziert. Keine gute Ausgangsbasis für fruchtbare Zusammenarbeit.

Er verkriecht sich also in den Fall: Heinz ermittelt im Kloster, in dem die Toten studierten, wo ihm wieder denkwürdige Figuren begegnen, allen voran der Regens, der sich wie Heinz in der Musik zu Hause fühlt. Allerdings ist dessen Metier nicht das Teufelszeug von Robert Johnson bis John Lee Hooker und Stevie Ray Vaughn, mit dem sich Heinz emotional über Wasser hält – dieser Regens ist ein Superstar des Sacropop.

Der Fall geht freilich tiefer, bis hinein in die High Society Warschaus. Und hier verpasst Czubaj seinem Profiler eine enorme Schnoddrigkeit: Heinz legt es zu keiner Sekunde darauf an, sympathisch rüberzukommen. Diese Manier ist natürlich allzu klassisch – sie erinnert vielleicht eine Spur zu stark an das Auftreten von Detektiven wie Philip Marlowe oder Lew Archer.

Bei allen Klischees des Detektivromans, die Czubaj durchaus fingerfertig und angenehm in seinen Roman streut, das ist hier für unsere Augen doch etwas Besonders: Wer kenn sich schon in Polen aus? Dieses riesige Nachbarland im Osten ist für die meisten der deutschen (Krimi-)Leser ja doch eher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Das merkt man daran, wenn der Autor Figuren und Ereignisse aus der polnischen Popkultur unerklärt hinstellt, was natürlich sein gutes Recht ist. Da erscheint es eher schon fast komisch, wenn beispielsweise erklärt wird, wer Sacco und Vanzetti waren – die kennt man bei uns wesentlich eher als Doda Elektroda, die so eine Art polnische Daniela Katzenberger ist.

Mariusz Czubaj hat mehrere Bücher zur polnischen Popkultur verfasst. Kein Wunder also, dass in diesem Roman Figuren aus Film, Musik und Sport auftauchen, wie etwa Zbigniew Cybulski, der polnische James Dean, bekannt aus dem bei uns leider nicht erhältlichen Film »Asche und Diamant«; oder Dariusz Michalczewski; oder Piotr Rubik, mit dem sich auch inhaltlich der Kreis schließt: Rubik veröffentlichte zum Tod von Johannes Paul II. ein Oratorium.

Wir haben hier also einen Krimi aus einem Land, über das wir im Schnitt zu wenig wissen: Ein Land zudem, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten Kriegsrecht herrschte, in dem also die Polizei einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert hat als bei uns. Polizeibrutalität gehört gerade bei älteren Kollegen nach wie vor zum guten Ton. Wird ein Zuhälter umgebracht, ist es für viele polnische Polizisten einfach nur »ein Louis weniger«.

Es sind diese Dinge, die 21:37 zu einem fast schon exotischen Erlebnis machen. Schade nur, dass Heinz selbst hauptsächlich olle Kamellen hört wie Cream und nicht einmal vor Black Sabbath zurückschreckt – von einem, der als Musiker eingeführt wird, hätte ich mehr erwartet. Ein kleiner Bruch, aber egal.

Kleine Brüche gibt es einige im ersten Krimi um den Profiler Rudolf Heinz. Es gibt ein paar Längen, der Humor ist zwar durchaus fein, aber gerade in Sachen Humor überschätzt sich der Autor gelegentlich selbst. Ein Beispiel: Heinz fährt mit dem Zug nach Warschau, belauscht zwei jüngere Karrieremenschen –und mischt sich am Ende ein. Das wirkt arg aufgesetzt und konstruiert. Wenn uns Czubaj in weiteren Romanen solche überflüssigen Einschübe erspart und sich auf seine Stärken besinnt, ist mir der Profiler Rudolf Heinz mitsamt seiner Leichen im Keller immer herzlich willkommen.

Übersetzt wurde 21:37 übrigens von Lisa Palmes – bestens lesbar! Ich freue mich auf den nächsten Fall für den kauzigen Rudolf Heinz.

Matthias Kühn, Juni 2013

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