Drei Meter unter Null von Marina Heib

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Heyne Encore.

  • München: Heyne Encore, 2017. 256 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2017. Gesprochen von Anna Thalbach. ungekürzte Ausgabe. 6 CDs.

'Drei Meter unter Null' ist erschienen als HörbuchE-Book

In Kürze:

Sie beobachtet ihre Opfer. Sie plant ihre Morde. Nichts will sie dem Zufall überlassen. Der Weg der Gewalt ist nicht grundlos. Ihr Leben lang bemühte sie sich um ein normales Leben. Doch die Hülle umschloss eine tiefe Verzweifl ung, die sie zu verbergen wusste. Bis zu einem nebligen Donnerstag im November. Dem Tag, an dem sie eine Mörderin wird. Sie will die Dämonen vernichten. Sie will Rache. Sie empfi ndet kein Mitleid. Sie sollen leiden. Genau wie sie.

Das meint Krimi-Couch.de: Wenn der Rachedurst schier unstillbar ist 80°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Pola – so wurde sie einst von ihrer Mutter genannt. Den Namen erfährt der Leser aber erst sehr viel später. Zunächst erzählt die scheinbar namenlose Protagonistin von ihren akribischen Vorbereitungen für die von ihr geplanten Morde – und von der Ausführung. Dazwischen gibt es immer wieder Rückblicke auf ihre offenbar komplizierte Kindheit. Die war einerseits sehr behütet – zumindest zu Hause. Probleme gab es dagegen in der Schule, Pola hielt ihre Mitschüler für dumme Schafe.

Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass sie eines Tages beschließt, eine Wölfin zu sein – und andere Wölfe zu töten, wie sie es nennt. Der Rachefeldzug nimmt seinen Lauf – und zwischendurch blickt Pola immer wieder auf ihr Leben zurück. Bis es einen ungeplanten Zwischenfall gibt, der schließlich zu einer dramatischen Wendung führt.

Heib hat für ihren Thriller eine höchst ungewöhnliche Perspektive gewählt

Marina Heib hat schon einige Thriller geschrieben, die bei den Lesern der Krimi-Couch durchweg auf wohlwollende Resonanz gestoßen sind, bei meinen Rezensenten-Kollegen allerdings nicht immer. Nach einer fünfjährigen Roman-Pause hat die versierte Drehbuch-Autorin jetzt ein Werk vorgelegt, das Kritiker und Publikum möglicherweise spalten wird. Denn Marina Heib hat für ihren Thriller eine höchst ungewöhnliche Perspektive gewählt – sie schildert das Geschehen aus der ganz persönlichen Sicht der Mörderin. Entfernt erinnert mich das Buch an Der Sohn von Jo Nesbø, zumindest im Hinblick auf die Protagonistin. Auch dort ging es um einen Serienkiller – und die Frage der Rechtfertigung seiner Morde.

Drei Meter unter Null handelt aber auch noch von einem schwer erträglichen Thema, um nicht zu spoilern, werde ich hier allerdings nicht näher darauf eingehen, denn sonst würde die Motivation der Killerin zu früh deutlich. Und das Rätseln um die Gründe für Polas Mordserie gehört zu den absoluten Spannungstreibern in diesem lesenswerten Thriller.

Schwierige moralische Frage bewegt die Gemüter der Leser

Die Morde werden ziemlich detailliert und ungeschminkt geschildert, das ist für Marina Heib nichts neues. Die Frage nach dem Warum wird da die Gemüter schon heftiger bewegen. Denn während für die Mehrheit die Frage, ob es eine Rechtfertigung für das Töten anderer Menschen gibt, ziemlich klar mit Nein zu beantworten ist, werden andere Leser durchaus Verständnis für die zutiefst persönlichen Motive von Pola aufbringen. Zumindest werden viele Leser nach der Lektüre von Drei Meter unter Null die Protagonistin immerhin sehr gut verstehen können – unabhängig von der eigenen moralischen Position.

Marina Heib verwendet viel Mühe darauf, zu schildern, dass ihre Hauptperson schon immer ein wenig anders war. Es fiel ihr schon als Kind enorm schwer, scheinbar normal zu sein. Sie wollte Pipi Langstrumpf werden oder Winnetou – was bei den anderen Schülern und ihrer Lehrerin Gelächter und Kopfschütteln auslöste. Ihre liebe- und verständnisvollen Eltern verhätscheln Pola, vor allem ihr Vater unterstützt seine Tochter vor allem bei ihrem größten Hobby, dem Lesen. Sie kommt dennoch gut durch Schule und Ausbildung, führt ein scheinbar konventionelles Leben – bis sie den Entschluss fasst, zur Wölfin zu werden. Ihr Sabbatjahr ist keineswegs zur Selbstfindung gedacht – sie will andere Wölfe töten. Aus kalter Rache.

Marina Heib erzählt ihre Geschichte auf ansprechendem sprachlichen Niveau

Das Psychogramm der Killerin nimmt breiten Raum ein, was die Lektüre allerdings ungemein spannend macht. Zwischendurch wird immer mal wieder einer umgebracht von ihr – und das auf durchaus brutale Art und Weise. Dieser Wechsel zwischen Beobachten, Erzählen und Umbringen macht ebenfalls den Reiz des Thrillers aus, neben der Frage nach dem Motiv und der Rechtfertigung des Tötens.

Drei Meter unter Null ist echtes Thriller-Highlight. Marina Heib erzählt ihre Geschichte auf ansprechendem sprachlichen Niveau, teilweise mit einer bildgewaltigen Sprache. Die rationalen Schilderungen der Protagonistin jagen dem Leser kalte Schauer den Rücken hinab – von den Einzelheiten der Morde ganz zu schweigen. Das Buch ist auf jeden Fall nichts für zarte Gemüter, dafür geht es doch zu sehr zur Sache.

Das komplizierte Mosaik wird nur langsam zusammen gesetzt, die überraschende Wendung im Schluss-Drittel gibt dem Buch nochmals einen weiteren Kick. Ein Thriller, der ungemein fesselt und gut unterhält.

Andreas Kurth, Juli 2017

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Krimisofa.com zu »Marina Heib: Drei Meter unter Null« 08.04.2017
Bücher aus der Täterperspektive gibt es nicht gerade wie Sand am Meer, von fast 400 Büchern, die ich gelesen habe, waren genau drei davon dabei. Das erste war Paul Cleaves Debütroman Der siebte Tod, an das zweiten kann ich mich nur schemenhaft erinnern – es war nicht sonderlich gut – und das dritte ist Drei Meter unter null – und ist mit Abstand das beste.

Ich kannte Marina Heib vorher nicht, wusste auch nicht mehr, was mich bei Drei Meter unter null erwartet, obwohl ich Wochen zuvor eine Rezension dazu gelesen habe. Doch bereits auf den ersten Seiten wird klar, was einem hier begegnet – oder auch nicht. Denn die erste Hälfte ist komplett anders als die zweite. In der ersten Hälfte begegnet man einer Frau, die Mitte 30 und erfolgreich in ihrem Beruf ist, eine Eigentumswohnung in Berlin-Mitte hat, sich eine Jacht kaufen will und Leute ermordet. Das tut sie scheinbar willkürlich, egal, ob das der wohlhabende Hermann oder der versoffene Penner Henryk ist. Man kennt auch ihr Motiv nicht, denn weder hatte sie eine schreckliche Kindheit, noch legte sie die klassische Bettnässer-Tierquäler-Feuerleger-Karriere hin, die man als Serienkiller ja offenbar absolviert haben muss. Würde die Geschichte nur aus der ersten Hälfte bestehen, Psychologen würden sich die Zähne an dem Fall ausbeißen.

Doch ab dem Moment, ab dem der Buchtitel in der Geschichte zum ersten Mal fällt, beginnt man zu verstehen – die Geschichte, die Hintergründe, das Motiv, die Person. Ab dann wird alles klar, man kann die Motive nachvollziehen, man versteht, wieso die Mörderin im Kindergarten grundlos andere Kinder verprügelt hat, man versteht, wieso sie Alpträume hatte, man versteht alles, und man kann so gut nachvollziehen, warum sie heute tut was sie tut. Die zweite Hälfte ist so emotional wie die erste es nicht ist. Die erste ist eine kühl geschilderte Geschichte einer Frau, aus der Sicht dieser Frau, eine Geschichte über Hinz und Kunz, über Krethi und Plethi; Namen sind Schall und Rauch in dem Buch, die Protagonistin hat selber keinen, zumindest keinen, zu dem sie steht. Die zweite Hälfte ist das emotionalste, das ich jemals gelesen habe und sorgt für eine Menge Gänsehaut und mehr.

Das Buch ist ein innerer Monolog mit relativ wenigen Dialogen, das einen sprachlichen Spagat zwischen gebildet und roh vollzieht. Der Showdown kommt ohne Pistolenschüsse, Verfolgungsjagden oder Explosionen aus, sondern ist ruhig, gefühlsbetont und ergreifend – eben, weil die Geschichte kein x-beliebiger Thriller ist. Drei Meter unter null beginnt mit prächtigstem Sonnenschein und endet in dunkelster Finsternis.

Fazit: Ich habe davor nie etwas von Marina Heib gehört, geschweige denn gelesen, aber dieses Buch hat sich mir ins Hirn gebrannt und ich werde vermutlich zum Serientäter werden – schuldig im Sinne der Anklage.
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