Der Spion der Zeit von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2002
unter dem Titel El espía del tiempo,
deutsche Ausgabe erstmals 2010
bei Nagel & Kimche.
Ort & Zeit der Handlung: Südamerika, 1990 - 2009.
- Madrid: Alfaguara, 2002 unter dem Titel El espía del tiempo. 310 Seiten.
- München: Nagel & Kimche, 2010. Übersetzt von Sabine Giersberg. 281 Seiten.
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In Kürze:
In einem fiktiven Land in Südamerika ist die Herrschaft einer brutalen Militärjunta zu Ende. Ihre Schergen werden von der nachfolgenden demokratischen Regierung durch eine Amnestie geschützt. Jemand ist damit aber gar nicht einverstanden und nimmt blutige Rache; die Polizei steht vor einem Rätsel. Die einzigen Spuren, die Chefermittler Van Upp sicherstellen kann, sind ominöse Hinweise auf biblische Geschichten.
Das meint Krimi-Couch.de: »Der Tod ist nur eine Zahl auf dem Papier«
Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen überspringen
Was waren das noch für Zeiten, als Marquez, Onetti den Magischen Realismus, in der unter Militärdiktaturen leidenden lateinamerikanischen Welt, neu erfanden und Europa näher brachten. Marcelo Figueras versucht sich nun an einem Aufguss. Er erzählt von der Zeit danach. Das Regime der Prätorianer ist überwunden, die Demokratie eingekehrt, der Papst kommt zu Besuch, und die folternden Schergen sind in den Ruhestand versetzt worden.
Der 1962 in Buenos Aires geborene Autor, schreibt neben Romanen auch Drehbücher und arbeitet als Journalist. Schon in Kamatschka hat ihn das Leben unter der Militärdiktatur Videlas in Argentinien bewegt. In Der Spion der Zeit heißt sein fiktives Land Trinidad und erinnert an das Chile eines Pinochets, an Argentinien in den Jahren von 1976 – 1981. Menschen verschwanden damals spurlos, wurden gefoltert, verscharrt; aus Helikoptern ins offene Meer geschmissen. Es bedurfte keines Haftbefehls, um jemanden zu verschleppen. Er wurde einfach entführt. Kein Vermerk tauchte in den Gerichtsakten auf. Kein Name in den Gefängnislisten. Die Inhaftierten fielen der systematischen Folter zum Opfer, bevor sie entsorgt wurden.
Nicht anders ging es unter dem Regime der Prätorianer zu. Figueras wirft neben vielem Belanglosem in Der Spion der Zeit die Frage auf, ob es nicht verständlich ist, wenn Angehörige, Freunde, Mitstreiter auf Rache sinnen?
Leider folgt er diesem Strang nicht. Leider sind seine schriftstellerischen Mittel hölzern, die Sicht der politischen Zusammenhänge schlicht.
Die Charakterzeichnung seiner Protagonisten stattet er mit markanten, überzeichneten Merkmalen aus. So hat Chefermittler Van Upp einst einen Nervenzusammenbruch erlitten und wurde eingewiesen. Neben Medikamenten verschrieben ihm seine Ärzte vor allem Elektroschocktherapien, was gelegentlich bei ihm zu Spätfolgen führt. Davor rettet ihn auch nicht seine Vorliebe für Shakespeare. Ein gebildeter Ermittler in einem Roman, dessen Umschlag uns verspricht, dass es sich bei ihm nicht nur um einen Krimi vielmehr um einen politischen und philosophischen Thriller handelt.
Darin erscheint der Schlächter Àlvaro Benet bar jeglicher Philosophie wie aus dem Katalog der Schurken bestellt. Sein Leben muss ihn von Kindesbeinen an unweigerlich zum Unmenschen vorherbestimmen. Und nicht nur er verleiht der Geschichte den Beigeschmack des Pamphlets, indem der Autor seinen Plot in ein Korsett zwängt, das von einem Schurkenstaat erzählen soll. Die Gefahr der schablonenhaften Schuldzuweisung liegt allzu nahe. Die Wirtschaftsmacht des gestürzten Regimes der Prätorianer beruhte somit auf asiatischen Einwanderern, die die heimischen Industrie mit Billiglöhnen unterwanderten und die Taschen der Verwandten und Strohmänner mit Geld füllten. Das Land wurde wirtschaftlich ausgeblutet. Die Bevölkerung ausgebeutet.
Nun geht ein Henker um.
Figueras ist Drehbuchautor und kennt sich mit den Gesetzen des Genres aus. Er schreckt dabei nicht vor drastischen Darstellungen zurück. Wenn General Ferrers Körper blutleer aufgefunden wird, hat der Mörder womöglich mit dessen Blut den Park gesprengt. Wenn General Prades aufgedunsen, mit glasigen Augen, den Leib aufgeschlitzt daliegt, ist er dem Ungeziefer, dem Wundbrand überlassen, gezwungen worden, sein eigenes Blut zu trinken. Längst ist klar, hier wird nicht gesühnt, hier wird auf mittelalterliche Weise gerichtet, um Effekt zu erzielen.
Das ist bitter. Da Figueras sicher beste Absichten zu unterstellen sind. Wider das Vergessen, das Verstummen anzuschreiben, ist ehrenswert, aber Der Spion der Zeit, dessen Titel sich auf eine Stelle in Shakespeares Macbeth bezieht, kommt marktschreierisch auf dem Boulevard der Unterdrückung daher. Nachdem auch noch Rita Hayworth und Harry Cohn von Columbia Pictures herangezogen werden, um Van Upps rätselhafte Herkunft zu untermauern, darf beim Rundumschlag natürlich auch die Kirche nicht fehlen. Pater Quiroz bezeugt gerne freimütig:
Gott hat sich vor vielen, vielen Jahrhunderten aus dem Staub gemacht.
Figueras Botschaften sind simpel: hinter allem steckt eine geheime böse Macht.
Wolfgang Franßen, Oktober 2010
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