Gier von Marcel Feige

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 bei Goldmann.
Folge 2 der Kommissar-Kalkbrenner-Serie.

  • München: Goldmann, 2008. ISBN: 978-3-442-46580-4. 432 Seiten.

'Gier' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Schock an einer Hauptschule im Berliner Problembezirk Neukölln: Der Lehrer Matthias Brodbeck wurde ermordet. Wenige Tage vor den Senatswahlen bestimmt eine Schlagzeile Politik und Medien: Gewalt an Schulen eskaliert! Die beiden Schüler Lukaz und Asim, die des Lehrermords verdächtigt werden, sind untergetaucht. Die Ermittlungen führen ins Nichts, und Kommissar Kalkbrenner, der eigentlich im Urlaub ist, muss den Fall übernehmen. Kalkbrenner findet bald heraus: Sowohl Brodbeck als auch seine Frau Judith hatten Kontakt zu einer stadtbekannten Rotlichtgröße, in deren Machenschaften auch ranghohe Politiker verstrickt sind.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mit dem Finger am Puls der Zeit« 80°

Krimi-Rezension von Carsten Kuhr

Zwei Monate Urlaub wurden Kriminalkommissar Kalkbrenner nach der Lösung der Morde aus dem Obdachlosenmilieu genehmigt. Und nie hat der eigenwillige Mittfünfziger mehr Abstand und Ruhe gebraucht. Seine Ehe ist gescheitert, Freunde hat er keine mehr, die Flasche und damit das Vergessen erscheint nur allzu verlockend. Sechs Wochen an der abgeschiedenen Ostseeküste bringen sein Gemüt wieder ins Lot. Mit seiner Tochter hat er sich versöhnt, mit sich selbst ist er im Reinen, und selbst mit seiner Frau spricht er wieder – und das immerhin nicht schreiend.

Doch dann kommt ein Anruf von Kriminalrat Dr. Salm, dem leitenden Dezernent des Kommissariats Berlin-Mitte. Ein Lehrer wurde in der Hauptschule im Neukölln ermordet. Zwei Migrantenkinder wurden gesehen, wie sie blutüberströmt vom Tatort flohen. Eigentlich ein klarer Fall, doch dann stoßen die Ermittler auf Ungereimtheiten.

Zur gleichen Zeit stehen Senatswahlen in Berlin an. Die CDU unter ihrem charismatischen Dr. Frieder von Hirschfeldt, dem Fraktionsvorsitzenden und nach dem Willen der Bundeskanzlerin Elisabeth Heynemann designierten Bundesinnenminister verspricht bei einem Wahlsieg das Verbrechen in der Bundeshauptstadt mit harter Hand zu bekämpfen.

Noch während Kalkbrenner seine Ermittlungen aufnimmt, erschüttern weitere Verbrechen den Stadtstaat. Samuel Dossantos, der Sohn des Rotlichtpaten von Berlin, wird ermordet – nein regelrecht hingerichtet. Kopfschuss, die Spezialität der Russenmafia. Ein Gangsterkrieg droht, ein Blutbad ohne Beispiel in der langen Geschichte der Stadt. Und das ausgerechnet, nachdem die Bürger der CDU mit ihren Recht- und Ordnungs-Parolen ihre Stimme gegeben haben.

Doch stecken wirklich Killer der Russen hinter dem Mord, oder ist nicht vielleicht der Filz quer durch alle Parteien der Auslöser für beide Verbrechen, die auf den ersten Blick so gar nichts miteinander zu tun haben? Gegen alle Widerstände macht sich Kalkbrenner daran, das Dickicht zu lichten und den wahren Schuldigen zu suchen . …

Kriminalkommissar Kalkbrenners zweiter Fall

Kommissar Kalkbrenner ist zurück. Nach dem ersten Roman, in dem der Autor sich auf sehr vergnügliche, kurzweilige Weise auch mit aktuellen sozialen Problemen auseinandergesetzt hat, dachte ich zu Beginn der Lektüre, dass Feige diesmal das große Feld der Migrantenproblematik in den Mittepunkt seines Romans stellen würde. Junge Menschen, die kaum Deutsch sprechen, die ausgegrenzt werden, denen keine Hilfe zuteil wird, die schlicht keine Perspektiven haben, und sich deshalb dem einzigen zuwenden, das ihnen eine zumindest geringe wirtschaftliche Existenz verspricht, dem Verbrechen. Das wäre doch ein Thema für einen Autor, der seine Krimihandlung gerne mit der Darstellung sozial-politischer Problembereiche würzt.

Doch dann überraschte mich der Text. Statt sich wie erwartet ganz dem Problem sozialer Minderheiten und Randgruppen zu widmen, nimmt der Autor mit spitzer Feder den Filz der Mächtigen und Reichen ins Visier. Korruption, Politiker, die aller hehren Wahlversprechen zum Trotz nur ihre eigene Bereicherung im Sinn haben, das organisierte Verbrechen, das Rotlichtmilieu mit den boomenden SM-Markt und anrührende Schicksale bestimmen den Text.

Immer wieder warten unvorhersehbare Wendungen auf den Leser, muss er sich auf neue Erkenntnisse einlassen, bisherige Überzeugungen neu bewerten und zusammen mit unserem Kommissar neuen Hinweisen und Indizien nachgehen. Heraus kommt hierbei ein erschreckend real wirkendes Bild derer da oben, die in eigener Selbstherrlichkeit meinen, mit allem durchzukommen, sich maßlos auf Kosten ihrer Mitbürger bereichern zu können und oftmals noch nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein aufweisen. Zwar ist das Lokalkolorit nicht ganz so exotisch und ausgeprägt wie die alten Nazi-Bunkersysteme im ersten Teil, doch man fühlt sich unwillkürlich in unsere Bundeshauptstadt versetzt. Neben den noblen Villenvierteln und den Botschafts- und Regierungssitzen ist in Stadtteilen wie Neukölln ein soziales Pulverfass entstanden, an dem bildlich gesprochen die Lunte bereits glüht.

Die so allmächtig scheinenden Politiker wissen offensichtlich nicht, wie sie mit den Problemen der arbeitslosen und ausgegrenzten Jugend umgehen sollen, die mehr und mehr in gewaltbereite Subkulturen abrutschen. Die Schere zwischen Arm und Reich, sie klafft immer weiter auseinander, die Quote der Analphabeten steigt bedrohlich. Menschen, die keinerlei Chance haben, in unserer Gesellschaft zu leben und zu prosperieren. Das heißt aber gleichzeitig, dass sie nichts zu verlieren haben, enttäuscht und frustriert ihre Chancenlosigkeit in Drogen und Gewaltorgien vergessen wollen.

Auf erschreckend realistische Art zeigt Feige auf, dass fast jeder der so ehrbaren Honoratioren korrumpierbar oder zumindest erpressbar ist, dass unsere Volksvertreter auch keine Lösungen für die selbstgeschaffenen Miseren in petto haben. Feige gelingt es nicht nur, ein glaubwürdiges Bild der Schattenseiten unserer Gesellschaft zu zeichnen, sondern er reichert dieses auch mit glaubwürdig kantigen Charakteren an. Das sind keine stromlinienförmigen Siegertypen, da hat jeder sein Päckchen zu tragen, seine dunklen Geheimnisse, die er verschleiert, seine Ängste und Hoffnungen.

Insoweit stellt vorliegender Roman nicht nur einen spannenden Kriminalplot dar, sondern wirft gleichzeitig einen ungeschönten Blick auf den Zustand der verdrängten Seiten unserer Gesellschaft. Dass er hierbei ein wenig zu lang ausgefallen ist, dass ich mir ein paar Wendungen weniger gewünscht hätte, stört die Lesefreude kaum. Dass den Leser einmal kein Happy End erwartet, dass das Verbrechen letztlich, wenn auch nicht auf der ganzen Linie obsiegt, trägt nur zur inneren Überzeugungskraft des Romans bei.

Carsten Kuhr, Juni 2008

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DrWatson zu »Marcel Feige: Gier« 03.08.2009
Ich bin noch beim Lesen des Buches, aber ich meine die richtige Stärke des Autors ist die Beschreibung der Wirklichkeit mit all den Schattenseiten unsrer modernen Gesellschaft: Machtgier, Korruption, Lüge, Chancenlosigkeit etc.
Ein guter Gegenwartskrimi sollte so sein, er sollte offen die dunklen Seiten unseres Lebens beschreiben und uns anregen, vielleicht nicht vor allem die Augen zu verschließen. Und natürlich sollte er spannend sein. Aber das ist die Wirklichkeit ja oft schon mehr als einem lieb ist...
ThrillerFreund zu »Marcel Feige: Gier« 12.01.2009
An einer Hauptschule im Berliner Problembezirk wird ein Lehrer von seinen Schülern erschoßen. Bei der Suche nach den flüchtigen Tätern zeigt sich für die Polizei, daß hinter der Bluttat etwas ganz anderes steckt. Kommissar Kalkbrenner übernimmt den Fall und gerät schon bald in ein unüberschaubaren Dickicht aus Lügen, Intrigen und politischen Ränkespielen. Aber das ist noch nicht alles: Der Fall wird zu einer ganz persönlichen Angelegenheit für Kalkbrenner.
Mehr möchte ich gar nicht verraten, denn das würde die Spannung nehmen. Aber Feige entführt in einen Berliner Sumpf aus Politik und Rotlicht, Machtgier und Hinterhältigkeit. Außerdem begegnem dem Leser bei der Lektüre viele bekannte Gesichter der Hauptstadt, das macht den Roman nicht nur wahnsinnig spannend, sondern auch realistisch und unterhaltsam.
Schrodo zu »Marcel Feige: Gier« 10.09.2008
Auf der Rückseite des Buches schreibt Frau Hammesfahr „Ein guter Krimi, den ich wirklich empfehlen kann“. Seltsamerweise schreibt sie das über seinen anderen Roman „Wut“. (Ups, denk ich, muss man das schon so anpreisen).
Zwei Migrantenschüler töten einen Lehrer. Vermutlich ist das Thema in einigen Schulen ja gerade aktuell, und es lohnt sich sicherlich einen Roman oder Krimi darüber zu schreiben. Herr Feige hat das versucht… Zumindest am Anfang der Geschichte, dann wechselt die Handlung ziemlich schnell zu korrupten Politikern, Rotlichtgrößen, Sex und Organisiertem Verbrechen. Auf dem Cover steht Thriller…aber ich hab den Thrill echt nicht gefunden. Die Story dümpelt gemächlich vor sich hin. Erst auf den letzten 150 Seiten (von 607) kommt für mich etwas Spannung auf. Am Ende wird alles sehr schnell aufgeklärt. Na ja, fast alles. Ob da nun die Bösen, oder die Guten gewonnen haben weiß ich jetzt echt nicht, also unentschieden.
Insgesamt finde ich das Buch eher enttäuschend. (sorry Herr Feige)
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