Heimweh von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2015
bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, Berlin, Garmisch-Patenkirchen, 2010 - heute.
- Berlin: Ullstein, 2015. 432 Seiten.
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In Kürze:
Jesse Berg ist ein erfolgreicher Kinderarzt. Frisch geschieden, kümmert er sich liebevoll um seine kleine Tochter Isa. Über seine Vergangenheit spricht er nicht. Bis plötzlich seine Exfrau ermordet und seine Tochter entführt wird. Der Täter hinterlässt für Berg eine Nachricht: Sie gehört dir nicht. Du musst sie vergessen. Berg ist klar, dass er selbst das Ziel des Anschlags ist. Eine langvergessene Schuld drängt ans Licht. Um Isa zu finden, muss er das tun, was er nie wollte: zurück in seine Vergangenheit. Zurück ins Heim. Dort hat er gelernt, sich zu wehren, und dort wäre er beinahe getötet worden. Berg nimmt die Kampfansage an. Denn für Isa würde er alles tun. Auch ein zweites Mal durch die Hölle gehen.
Das meint Krimi-Couch.de: »Die Realität kann schlimmer sein als jeder Traum«
Krimi-Rezension von Andreas Kurth überspringen
Im Prolog ereignet sich eine nächtliche Entführung, deren Ausgang irgendwie ungewiss bleibt. Den in Berlin lebenden Kinderarzt Jesse Berg suchen 32 Jahre später nahezu jede Nacht Albträume heim. Er hat körperliche Merkmale, die darauf hindeuten, dass er eine der Personen aus dem Prolog ist. Der größte Alptraum, der für einen Vater denkbar ist, beginnt jedoch, als er seine Ex-Frau Sandra tot auffindet, und seine kleine Tochter Isa verschwunden ist – offenbar wurde das Mädchen entführt.
In seiner Verzweiflung ruft er ihr Handy an und bekommt die verstörende Auskunft, er solle sie vergessen. Vor allem soll er die Polizei nicht informieren. Sandras Freundin Jule findet Jesse bei der Leiche und will die Polizei rufen, weil sie ihn für den Mörder hält. In seiner Verzweiflung bringt er Jule in seine Gewalt und fährt mit ihr nach Garmisch-Partenkirchen. Im Kinderheim Adlershof, wo er seine Jugend verbrachte, will er Antworten finden – und vor allem seine entführte Tochter.
Der Leser wird von rasanten Ereignissen gefesselt
Die Fahrt nach Bayern ist der Weg zurück zu schlimmen Erinnerungen. Marc Raabe lässt seinen Protagonisten tief in die eigene Vergangenheit eintauchen. Und vor allem die Leser bekommen bei regelmäßigen Rückblicken einen verstörenden Eindruck von der quälenden Atmosphäre, die Ende der 70er Jahre im Adlershof geherrscht haben muss.
Schon durch den unheimlichen Prolog wird man als Leser gefesselt, und die rasanten Ereignisse bis zum Aufbruch nach Adlershof sorgen schnell dafür, dass man diesen Psycho-Thriller kaum noch aus der Hand legen möchte.
Für mich knüpft Marc Raabe nahtlos an seine zwei ersten Bücher – Schnitt und Der Schock – an. Beide Thriller haben in der Summe durchweg hohe Beurteilungen beim Publikum bekommen – nach meiner Auffassung völlig zu Recht. Vermutlich wird es aber auch hier wieder geteilte Meinungen bei den Lesern geben, das gehört dazu, doch ich bin mir sicher, auch Raabes dritter Thriller wird seine Fans finden. Er hat hier einen guten Plot lesbar und fesselnd umgesetzt, gelegentliche Längen seien dem Autor angesichts des hervorragenden Gesamteindrucks verziehen.
Rückblicke in düstere Jugendzeit fallen ausführlich aus
Die Rückblenden in Jesses Kinderzeit sind ausführlich gestaltet, manchem Leser mögen sie als zu lange Abschweifungen vorkommen. Ich finde jedoch, die Figur des Haupt-Protagonisten Jesse wird so nicht nur deutlich gezeichnet, sondern auch die damalige Stimmung authentisch wiedergegeben. Das scheint ein besonderes Anliegen von Marc Raabe zu sein, und er nutzt diese Rückblicke auch, um nach und nach immer mehr Licht ins Dunkel der Ereignisse und unterschiedlichen Motivlagen zu bringen. Vor allem verdeutlichen die Schilderungen seiner Jugendzeit, warum die aktuellen Alpträume Jesse so sehr quälen.
Marc Raabe versteht es aber auch wieder sehr gut, falsche Fährte zu legen, und dem Leser voreilige Schlussfolgerungen auf dem Silbertablett zu servieren. Manches kann schon bald wieder verworfen werden, anderes wird erst im dynamischen Finale endgültig aufgelöst.
Gesamtbild wird dem Leser nur stückweise und langsam enthüllt
Während Jesse Berg vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, und die Suche nach seiner Tochter bei aller Dringlichkeit fast zur Nebensache gerät, hat der Autor dem ehemaligen Heimleiter Artur Messner eine andere Rolle zugewiesen. Er nimmt neben Jesse Berg und den Rückblicken in die Vergangenheit die dritte Perspektive in dem Buch ein. Artur ist bei der Erinnerung an sein Leben und vor allem angesichts der dramatischen Ereignisse, in die er ungewollt verwickelt wird, durchaus reuevoll, nachdenklich und schließlich voller Empathie für Jesses entführte Tochter. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber Artur Messner ist neben Jesse Berg die zweite hoch interessante Figur in diesem Thriller – füllt allerdings wie gesagt eine ganz andere Rolle aus.
Eine gut komponierte Geschichte mit großem Spannungsbogen
Die Geschichte insgesamt ist wirklich gut komponiert, für mich waren die einzelnen Nuancen auch durchaus neu, obwohl es bereits viele Thriller gibt, die in irgend einer Form in Kinderheimen spielen oder damit zu tun haben. Wie aus seinen ersten Büchern gewohnt sorgt Marc Raabe dafür, dass sich das Gesamtbild mit allen Zusammenhängen dem Leser nur stückweise und langsam enthüllt. Er baut dadurch einen Spannungsbogen auf, der nur durch die Rückblicke leicht unterbrochen, oder manchmal auch angeheizt wird. Man fragt sich mehrfach, was ist jetzt real und was soll ein Traum von Jesse sein. Die Auflösung der Rätsel wird im Schlussabschnitt Schlaglicht-artig klar – und man ist überrascht. Ein lesenswerter Thriller mit viel Hintergrund und nachdenkenswerten Aspekten.
Andreas Kurth, Februar 2016
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| Littletortoise zu »Marc Raabe: Heimweh« | 21.03.2016 |
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| nati zu »Marc Raabe: Heimweh« | 14.02.2016 |
| claudi-1963 zu »Marc Raabe: Heimweh« | 27.01.2016 |
| Darts zu »Marc Raabe: Heimweh« | 21.09.2015 |
| Kerstin zu »Marc Raabe: Heimweh« | 30.08.2015 |
| Patno zu »Marc Raabe: Heimweh« | 25.06.2015 |
| Ines-R zu »Marc Raabe: Heimweh« | 25.06.2015 |
| Melody zu »Marc Raabe: Heimweh« | 22.06.2015 |
| c-bird zu »Marc Raabe: Heimweh« | 21.06.2015 |
| Bluesprite zu »Marc Raabe: Heimweh« | 19.06.2015 |
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