Wenn Tote baden von Manuel Vazquez Montalban

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1986 unter dem Titel El balneario, deutsche Ausgabe erstmals 1988 bei Rowohlt.

  • Barcelona: Planeta, 1986 unter dem Titel El balneario. 240 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1988. Übersetzt von Bernhard Straub. ISBN: 3-499-42834-2. 245 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2001. Übersetzt von Bernhard Straub. überarbeit von Anne Halfmann. ISBN: 3-492-23146-2. 301 Seiten.

'Wenn Tote baden' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Pepe Carvalho, Privatdetektiv von Beruf und Feinschmecker aus Passion, muß zum Abspecken in die streng geführte Kurklinik Faber & Faber. Eines Tages wird jedoch die gepflegte Atmosphäre empfindlich gestört: Im Swimmingpool liegt die Leiche einer reichen Amerikanerin. Und als immer mehr Tote die idyllische Klinik in Aufregung versetzen, nimmt Pepe Carvalho, dankbar für die Abwechslung, die Ermittlungen auf.

Das meint Krimi-Couch.de: »Für Leute, die der ´Literatur´ frönen« 52°

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

Der Gärtner war es nicht – was sicher nicht dran liegt, dass kein Gärtner in der Geschichte vorkommt. Bestimmt sind im alten Kurbad der Fabers eine ganze Menge Gärtner beschäftigt. Privatdetektiv Pepe Carvalho ist ins Sangretal gekommen, um zu fasten. Um den langweiligen Tagesablauf von Wiegen und Trinken von Gemüsebrühe zu durchbrechen, planen ein paar Gäste unter Anführung eines Generals einen Überfall auf die Küche, bei dem sie einen Apfel erbeuten können. Am Morgen darauf wird die reiche Amerikanerin Mrs. Simpson tot im Swimmingpool gefunden und Pepe Carvalho wird von den beiden Besitzern der Klinik beauftragt, in dieser Sache zu ermitteln. Mrs. Simpson wird nicht die einzige Leiche bleiben, unter anderem segnet auch der alternde Tennislehrer unter mysteriösen Umständen das Zeitliche, ein Killer tritt auf, Agenten mischen sich ein und nichts ist so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Und was hat das alles mit einem versteckten Raum im alten Teil des Kurbades zu tun, von dem niemand etwas weiß oder wissen will?

So wenig wie bei diesem Buch hat mich ein Klappentext selten darauf vorbereitet, was mich in einem Krimi erwartet. Allerdings kann meine kleine Zusammenfassung des Inhalts ebensowenig darauf vorbereiten, daher versuche ich es anders zu umschreiben. Pepe Carvalho wird immer als Feinschmecker aus Passion beschrieben. Vielleicht hat mich diese Eigenschaft etwas vorschnell darauf schließen lassen, eine Art Detektiv wie Guido Brunetti von Donna Leon vorzufinden, mit der man sich anfreunden kann. Mitnichten. Was Donna Leon beschreibt, ist das Leben und die Arbeit eines Polizisten in Venedig, gemächlich, mit Beschreibungen des täglichen Lebens, in dem Mord und Korruption nun mal eine Rolle spielen. Ich habe sogar einmal über Pepe Carvalho gelesen: »Der spanische Brunetti«. Wer so etwas schreibt, kennt meines Erachtens keinen oder nur einen der beiden Protagonisten. Das einzige, was die beiden gemeinsam haben ist, dass sie leidenschaftlich gerne essen. Aber auch Kay Scarpetta (Patricia Cornwell) kocht und ißt gerne, würde man sie denn vorschnell heranziehen, wenn man Carvalho beschreiben wollte? Mit Sicherheit nicht.

Manuel Vázquez Montalbán siedelt seinen Krimi dagegen in einer ganz anderen Welt an, nämlich in einer sehr politisch geprägten Welt. Durch die Beschreibung der Figuren beleuchtet er die Folgen der sog. Transición, dem Übergang von der Diktatur Francos zum demokratischen Staat. Alle Schichten der spanischen Gesellschaft von der Elite bis hin zu den einfachen »Eingeborenen« der Region treffen sich im Kurbad. Für mich sind dies keine realistischen Personen, sondern Werkzeuge des Autors, seine Botschaft zu übermitteln. Doch was ist seine Botschaft? Bin ich zu schlicht strukturiert für diese Art von Sozialkritik? Anscheinend ja, ich gebe zu, ich lese eher zur Unterhaltung. Sozialkritik kommt in vielen Romanen vor (gutes Beispiel dafür bieten die Schweden, allen voran Henning Mankell ), aber hier ist sie mir eindeutig zu subtil. Daß ich mich damit nicht anfreunden kann, kann allerdings auch daran liegen, dass meine Kenntnisse auf dem Gebiet der spanischen Geschichte (Franco-Regime und Wandlung zum Spanien der Gegenwart) äußerst gering sind. Manuel Vázquez Montalbán setzt für mich ein bißchen zu viel voraus, darüber bin ich mir bewußt. Und auch Humor ist meines Erachtens eine ganz persönliche Sache.

»Atmosphärische Dichte«, das ist ein Wort, das ich schon öfter bei Rezensionen gelesen habe und gerade auch im Zusammenhang mit dem vorliegenden Roman wird es im Klappentext erwähnt. Was ist denn atmosphärische Dichte? Vielleicht ist es das, was ich im vorangegangen Abschnitt versucht habe zu beschreiben. Ja, dann ist der Roman atmosphärisch dicht. Für mich bedeutet es eher: ich kann mich ganz in die Geschichte vertiefen, sie packt mich. Das war hier nicht der Fall. Freilich läßt er sich recht flüssig lesen, auch wenn manche Passagen dabei sind, die sprachlich nicht ganz auf meiner Wellenlänge liegen:

Hier z.B. die Beschreibung eines Einlaufs (auch Klistier genannt):

»Der Patient schließt die Augen und gleichzeitig alle Körperöffnungen, als suchte er die Essenz des Loches in seiner symbolischen Repräsentation als Punkt. Es ist soweit. Die singende Stimme der Schwester entfernt sich. Zurück auf dem Bett bleibt die Vergewaltigung, die Eingeweide angefüllt mit seekrankem Wasser auf der Suche nach einem Ausgang, und im Gehirn bestätigt sich der Verdacht, dass wir ein Nichts sind, wenn drei, vier oder fünf Minuten später die Fluten den Ausweg finden, und der Patient zur Klosettschüssel eilen und den Sünden seines Körpers und seiner Seele entleeren muß, wobei sein Geist schwankt zwischen Assoziationen von Geburtswehen und dem Vergnügen, das es bereitet, sich von den schlechtesten Anteilen seiner selbst zu befreien.« (S. 17 f.)

Aber natürlich kann man »Wenn Tote baden« auch als Krimi lesen, nur der Spaß ist dann sicherlich (wie bei mir) ein wenig getrübt. Die Beschreibung der Figuren ist zuweilen recht amüsant, teilweise sogar skurril. Mit einem Kopfschütteln liest man über den spanischen Oberst, den General in der NATO, den deutschen Bauunternehmer, den französischen Weinbauern, der zugleich Schriftsteller ist und viele andere. Die Geschichte hat mich beeindruckt, nicht so sehr, als daß ich jetzt noch Details wüßte, aber obwohl die Lektüre des Buches nun schon ein paar Monate zurückliegt, hat sie mich so beschäftigt, dass ich unbedingt über dieses Buch schreiben wollte. Ohne Zweifel war es Spannung, die mich weiterlesen ließ und als Pepe Carvalho das Kurbad verläßt, hat er den Fall gelöst, auf seine ganz eigene Art.

So, nun sollte jeder wissen, auf was er sich einläßt, wenn diesen Carvalho-Roman zur Hand nimmt: geteilte Leseempfehlung – eher etwas für Leute, die der »Literatur« frönen, ganz anders eben …

Ihre Meinung zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden«

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ggraaz zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 08.02.2010
Ich hatte Anfang der 90er das Glück einer Lesung Montalbans beizuwohnen. Dort wurde das Problem Krimi oder nicht thematisiert. Wenn ich mich Recht erinnere, antwortete Montalban - mit einem ironischem Lächeln auf den Lippen - seine Kriminalromane fänden nur so wenig Käufer, weil die einen Kojak erwarteten und den anderen Krimis zu profan seien...
Petra zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 05.05.2004
Krimi mal ganz anders; "Wenn Tote baden" ist für mich nicht unbedingt zu 100% in dieses Genre einzuordnen, aber dennoch interessant zu lesen gewesen. Ich werde mir wohl irgendwann noch einen "Fall" mit Pepe Carvalho zu Gemüte führen -> 75 %
bee zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 20.03.2003
Und ich rate ja auch gar nicht ab, der Schlußabsatz liest sich doch positiv;-)
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
bee zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 20.03.2003
Habe das auch als emotionelle Stellungnahme empfunden und nehme die Rosen gerne an :-) Wie gesagt, wahrscheinlich sind wir von den grundsätzlichen Meinungen gar nicht so weit auseinander, nur das Resultat ist ein anderes...
W. Reuter zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 20.03.2003
Liebe "BEE", war alles NICHT persönlich gemeint sondern nur eine emotionelle Stellungnahme für Montalban. Schicke einen imaginären Strauss Rosen zur Versöhnung!
bee zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 20.03.2003
Leider habe ich erst jetzt entdeckt, daß eine Antwort auf meine Rezension eingegangen ist. Für mich liest sich diese Anmerkung zwar, als wären wir beide entgegengesetzter Meinung, aber das ist nicht so. Ich möchte ja auch nicht mißverstanden werden.

1. Ich finde es nicht schade, wenn man "lediglich" Unterhaltung sucht. "Doch wer bei ihm"typische" Krimis erwartet, kann naturgemäß enttäuscht werden..." ist genau meine Meinung und vor dieser Enttäuschung möchte ich warnen. Dieses Buch von Montalban war mein erstes Buch von ihm, daher wußte ich nicht, was auf mich zukommt.

2. Humor, Satire etc. sind bestimmt kein Ausschlußkriterium bei meinen Rezensionen. Ich würde hier gerne die Bücher von Charlotte MacLeod anführen, die sich durch ein großes Maß an Skurrilität, Humor, Phantasie auszeichnen und die zu meinen Favoriten gehören. Sie sind allerdings auch nicht jedermanns Geschmack. Ein Krimi mit Niveau: Das Wüten der ganzen Welt von Maarten t'Hart oder Im Herzen der Lüge von Timothy Findley, sprachlich ganz ausgezeichnet und bestimmt ebenfalls gewöhnungsbedürftig....

3. Niemals würde ich jemandem intelektuelle Überheblichkeit vorwerfen, ich suche denn "Fehler" (wenn es denn einer ist) ja bei mir und nicht beim Autor.

4. Krimis lesen heißt bestimmt nicht, ein schlichtes Gemüt zu haben. Ich habe in meinem Leben schon sehr viele Krimis gelesen und einige Rezensionen verfaßt und soooo schlicht ist mein Gemüt hoffentlich doch nicht. Ein bißchen Selbstironie gehört dazu, man kann nicht auf jedem Gebiet bewandert sein :-)
Dr. Wolfgang Reuter zu »Manuel Vazquez Montalban: Wenn Tote baden« 28.01.2003
Ich möchte mir eine kurze Bemerkung zu Ihrer "Rezension" gestatten. Ich persönlich halte Montalban für einen aussergewöhnlichen Schriftsteller, der sich aus bestimmten Gründen entschieden hat, einen Teil seiner Bücher als sogenannte Krimis zu schreiben. Doch wer bei ihm "typische" Krimis erwartet, kann naturgemäß enttäuscht werden, insbesondere wenn man bei ihm lediglich eine gewisse "Unterhaltung" sucht, wie leider in erwähnter Rezension zu lesen ist. Ich möchte nicht hoffen, daß ein bestimmtes Niveau an Phantasie, Erfindung, Geist, Lust am Formulieren und Fabulieren (siehe "Klistier"!), Humor, Satire, Sozialkritik(die "Ramblas" gibt es auf verschiedene Weise überall), Geschichte, Kochkunst, Selbstironie, ect. ect. ect. eine Art Ausschlusskriterium ihrer Bücherbesprechungen sind. Man muss nichts von Gerichtsmedizin verstehen, um Kay Scarpetta - Romane zu lesen. Sie haben durchaus Recht, wenn Sie sich gegen blöde Vergleiche anderer "Kritiker" von Autoren untereinander wehren ("Spanischer Brunetti"), aber unter Hinweis auf eine mögliche eigene "Schlichtheit" Montalban vielleicht intellektuelle Überheblichkeit vorzuwerfen, halte ich für ebenfalls nicht sehr gelungen. Krimis lesen heisst NICHT, ein schlichtes Gemüt zu haben, und schon gar nicht stehen Krimis im Gegensatz zu "Literatur", der man offenbar nach Ihrer Ansicht "frönen" muss, um sie zu begreifen.
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