Die Einsamkeit des Managers von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1977
unter dem Titel Le soledad del manager,
deutsche Ausgabe erstmals 1984
bei Rowohlt.
140 Seiten.
ISBN-10: 3-492-23148-9, ISBN-13: 978-3-492-23148-0.
Übersetzt von Günter Albrecht.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien / Madrid, 1970 - 1989.
'Die Einsamkeit des Managers' ist erschienen als
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In Kürze:
Pepe Carvalhos beinharter Fall Dieser Auftrag reißt Pepe Carvalho aus seiner Routine – für den ehemaligen CIA-Agenten und Meisterkoch ein beinharter Fall: Er soll den Mord an einem alten Bekannten, Manager eines internationalen Konzerns, aufklären. Dessen Leiche wurde mit einem Damenslip in der Tasche gefunden. Eine scheinbar eindeutige Angelegenheit: Jaumä, der Frauenheld, hat es mit einem Zuhälter zu tun bekommen. Doch je intensiver Pepe Carvalho forscht, desto stärker bekommter den Widerstand aus den höchsten Industriekreisen zu spüren. Ein hintergründiger und eleganter Kriminalroman.
Das meint Krimi-Couch.de: »Bunte, kräftige Bilder und Milieuschilderungen treffen auf eruptive Wortkaskaden aus pointierten Formulierungen von scharfzüngiger Treffsicherheit«
Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter
»Aixó es una olla« (Katalanisches Sprichwort)
Als Pepe Carvalho in einem Linienflug den Topmanager Antonio Jaumá kennenlernte, war er noch CIA-Agent. Jaumá arbeitete für einen der größten multinationalen Konzerne der Welt, Petnay. In Gesprächen über ihre linke politische Vergangenheit, über Esskultur und Frauen kommen sie einander kurzfristig näher, bevor sich ihre Wege wieder trennen.
Jahre später, Carvalho arbeitet bereits als Privatdetektiv in Barcelona, erhält er Besuch von einem Mann, der ihm mitteilt, dass Jaumá ermordet wurde. Erschossen von hinten, versteckt in einem Gebüsch, stinkend nach Damenparfüm, ohne Unterwäsche, mit einem Damenslip in der Hosentasche. Für Carvalho ist das eine Geschichte im Zuhältermilieu, aber die Witwe Jaumás, Concha, glaubt nicht daran und engagiert ihn, um die wahren Täter zu finden.
Der Detektiv stößt auf ein Amateurfoto, auf dem Jaumá bei seinem Studienabschlussfest mit fünf anderen Kollegen zu sehen ist. Alle waren damals der linken politischen Szene und dem studentischen Widerstand zuzuordnen. Sie haben sich aber ganz unterschiedlich entwickelt: Ein Rechtsanwalt, ein linker Philosoph, ein Jurist, ein Joghurtproduzent, ein Romancier, und eben der Topmanager Jaumá.
Instinktiv vermutet Carvalho in diesem Sextett den oder die Täter und nimmt Kontakte zu jedem einzelnen auf. Doch da beginnen die Probleme: Die Polizei schaltet sich ein, präsentiert einen zweifelhaften Schuldigen und legt Carvalho nahe, die Ermittlungen einzustellen. Interventionen von höchster Stelle, Bestechungsversuche und Morddrohungen können Carvalho aber nicht hindern, die Wahrheit herauszufinden …
»Die Einsamkeit des Managers« ist 1977 erschienen und steht ziemlich am Anfang der legendären Pepe Carvalho – Serie. Die Figuren sind noch spürbar frisch, kantenreich, aber schon fertig ausgeformt in ihrem Profil. Carvalho ist ein Privatdetektiv mit Vergangenheit (über seine Person siehe auch: Undercover in Madrid), misstrauisch, ohne Illusionen, zynisch und bereit, für Geld fast jeden Auftrag anzunehmen. Er ist unfähig, Beziehungen einzugehen, daher bildet er, wie Montalban sagt, eine künstliche Familie:
Charo, eine Prostituierte, erfüllt die erotische Funktion; Biscuter, Ex-Sträfling, ist der Ernährer und der Koch; Bromuro, Ex-Fremdenlegionär, ist ein Vertrauter mit Beziehungen zur Außenwelt, und schließlich der Verwalter Fuster, Freund, Nachbar, und Kompagnon bei nächtlichen spontanen Fressorgien. Fuster ist laut Montalban übrigens eine real existierende Person gleichen Namens.
Montalban hat früher, in Zeiten der Zensur, surrealistische Prosa geschrieben. Mit dem Ende der Diktatur verwendet er aber die konventionelle Form des Kriminalromans, um die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in der Zeit der »transición«, dem Übergang von der faschistischen Diktatur zur Demokratie in Spanien, zu reflektieren. Seine Romane enthalten daher auch immer wieder surreale Elemente wechselnder Ausprägung, sie verlaufen oft nicht rein linear.
Montalban ist ein wortgewaltiger Erzähler, bunte, kräftige Bilder und Milieuschilderungen treffen auf eruptive Wortkaskaden aus pointierten Formulierungen von scharfzüngiger Treffsicherheit.
Als Avantgardist ist er auch nicht zwingend an einem Ende der Handlung interessiert, sein Ziel ist es in erster Linie, die Wahrheit herauszufinden. Die Bestrafung der Täter überlässt er der Polizei, dem Leser oder irgendwem anderen. Es ist naheliegend, dass er den Vorgang der Wahrheitssuche in die Hände eines Privatdetektivs legt. Aber auch der Leser muss gelegentlich mitdenken, die Zusammenhänge selbst erkennen.
So erscheint etwa die brutale Szene mit den Handlangern des Täters gegen Ende des Romans auf den ersten Blick überzogen und willkürlich, aber sie ergibt dann Sinn, wenn man sie – wie es Montalban offenbar gemeint hat – in Zusammenhang mit der übertriebenen kulturellen Feinsinnigkeit und dem abgehobenen, egozentrischen Lebensstil des Auftraggebers sieht.
Genau das ist der Grund für den Hass Carvalhos auf das Wort »Kultur«, dieser für ihn lebensfernen Verlogenheit, daher verbrennt er Bücher, »je hochgeistiger, desto verdienter«.
»Aixó es una olla« – auf Deutsch: »Welch ein Wirrwarr!« In diesem Katalanischen Sprichwort steht das Wort »olla« für: »Kochtopf, in dem ein Durcheinander herrscht«. Der Legende nach ist das die Grundlage für den Kochtopf auf dem Vereinswappen des FC Barcelona. Der Fußballclub ist wesentlich für das Selbstbewusstsein der Katalanen und war ebenso wie diese unter Franco schlimmsten Repressionen ausgesetzt. Der große Rivale Real Madrid stand immer symbolisch für den Zentralismus und die Nähe zur Franco-Diktatur. Obwohl die Katalanen heute weitgehende Autonomie besitzen, sind diese alten, politisch-historischen Rivalitäten beider Mannschaften noch immer zu spüren.
Montalban, geboren in Barcelona, ist Katalane und wie Carvalho ein Meister der Kochtöpfe, in jeder Beziehung. Doch was mancher als »Wirrwarr« sehen könnte, ist bei ihm nur eine höhere Ordnung der Ingredienzien, in seinen Eintöpfen schmeckt man jede Zutat, alles hat seinen Platz.
Carvalho hat nichts am Hut mit Nationalismus (aus Protest dagegen verwendet er in seinem Namen auch das portugiesische »lh«). Überhaupt sind bei Montalban spanische, katalanische oder andere Nationalisten immer mehr oder weniger Karikaturen. Frühere Kommunisten sind heute entweder lächerliche Philosophen oder gescheiterte Existenzen ohne Einfluss. Gefährlich sind bei ihm nur die unverbesserlichen Faschisten, die es sich gerichtet haben, oder die Wendehälse mit Karriereplanung.
Die Pepe Carvalho-Serie von Manuel Vasquez Montalban ist ein gewaltiges gesellschafts-, sozial- und zeitkritisches Epos Spaniens über drei Jahrzehnte in der Zeit der »transición«. Montalban zeigt sich dabei stets als genauer, kritischer, manchmal zynischer, aber immer unerbittlicher Chronist von hoher literarischer Qualität, welche sich auch deutschsprachigen Lesern durch ideale Übersetzungen erschließt, in diesem Fall von Bernhard Straub und Günter Albrecht. (Dieses Lob ist eine heimliche Aufforderung, sich auch der bisher nicht auf Deutsch erhältlichen Carvalho-Bücher anzunehmen)
Das meinen andere:
»Es bereitet ein Vergnügen, Pepe Carvalho bei seiner Arbeit zu beobachten.« (Süddeutsche Zeitung)
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| albertsen zu »Manuel Vazquez Montalban: Die Einsamkeit des Managers« | 23.04.2003 |
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