Carvalho und der einsame Manager von Manuel Vazquez Montalban

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1977 unter dem Titel Le soledad del manager, deutsche Ausgabe erstmals 1984 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien / Madrid, 1970 - 1989.
Folge 3 der Pepe-Carvalho-Serie.

  • Barcelona: Planeta, 1977 unter dem Titel Le soledad del manager. 205 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984 Carvalho und der tote Manager. Übersetzt von Günter Albrecht. ISBN: 3-499-42680-3. 140 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1993 Carvalho und der tote Manager. Übersetzt von Bernhard Straub & Günter Albrecht. ISBN: 3-499-43087-8. 204 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2001 Die Einsamkeit des Managers. Übersetzt von Bernhard Straub & Günter Albrecht. ISBN: 3-492-23148-9. 239 Seiten.
  • Berlin: Wagenbach, 2013. Übersetzt von Günter Albrecht. ISBN: 978-3803127013. 265 Seiten.

'Carvalho und der einsame Manager' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Pepe Carvalhos beinharter Fall Dieser Auftrag reißt Pepe Carvalho aus seiner Routine – für den ehemaligen CIA-Agenten und Meisterkoch ein beinharter Fall: Er soll den Mord an einem alten Bekannten, Manager eines internationalen Konzerns, aufklären. Dessen Leiche wurde mit einem Damenslip in der Tasche gefunden. Eine scheinbar eindeutige Angelegenheit: Jaumä, der Frauenheld, hat es mit einem Zuhälter zu tun bekommen. Doch je intensiver Pepe Carvalho forscht, desto stärker bekommter den Widerstand aus den höchsten Industriekreisen zu spüren. Ein hintergründiger und eleganter Kriminalroman.

Das meint Krimi-Couch.de: »Bunte, kräftige Bilder und Milieuschilderungen treffen auf eruptive Wortkaskaden aus pointierten Formulierungen von scharfzüngiger Treffsicherheit« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

»Aixó es una olla« (Katalanisches Sprichwort)

Als Pepe Carvalho in einem Linienflug den Topmanager Antonio Jaumá kennenlernte, war er noch CIA-Agent. Jaumá arbeitete für einen der größten multinationalen Konzerne der Welt, Petnay. In Gesprächen über ihre linke politische Vergangenheit, über Esskultur und Frauen kommen sie einander kurzfristig näher, bevor sich ihre Wege wieder trennen.

Jahre später, Carvalho arbeitet bereits als Privatdetektiv in Barcelona, erhält er Besuch von einem Mann, der ihm mitteilt, dass Jaumá ermordet wurde. Erschossen von hinten, versteckt in einem Gebüsch, stinkend nach Damenparfüm, ohne Unterwäsche, mit einem Damenslip in der Hosentasche. Für Carvalho ist das eine Geschichte im Zuhältermilieu, aber die Witwe Jaumás, Concha, glaubt nicht daran und engagiert ihn, um die wahren Täter zu finden.

Der Detektiv stößt auf ein Amateurfoto, auf dem Jaumá bei seinem Studienabschlussfest mit fünf anderen Kollegen zu sehen ist. Alle waren damals der linken politischen Szene und dem studentischen Widerstand zuzuordnen. Sie haben sich aber ganz unterschiedlich entwickelt: Ein Rechtsanwalt, ein linker Philosoph, ein Jurist, ein Joghurtproduzent, ein Romancier, und eben der Topmanager Jaumá.

Instinktiv vermutet Carvalho in diesem Sextett den oder die Täter und nimmt Kontakte zu jedem einzelnen auf. Doch da beginnen die Probleme: Die Polizei schaltet sich ein, präsentiert einen zweifelhaften Schuldigen und legt Carvalho nahe, die Ermittlungen einzustellen. Interventionen von höchster Stelle, Bestechungsversuche und Morddrohungen können Carvalho aber nicht hindern, die Wahrheit herauszufinden …

»Die Einsamkeit des Managers« ist 1977 erschienen und steht ziemlich am Anfang der legendären Pepe Carvalho – Serie. Die Figuren sind noch spürbar frisch, kantenreich, aber schon fertig ausgeformt in ihrem Profil. Carvalho ist ein Privatdetektiv mit Vergangenheit (über seine Person siehe auch: Undercover in Madrid), misstrauisch, ohne Illusionen, zynisch und bereit, für Geld fast jeden Auftrag anzunehmen. Er ist unfähig, Beziehungen einzugehen, daher bildet er, wie Montalban sagt, eine künstliche Familie:

Charo, eine Prostituierte, erfüllt die erotische Funktion; Biscuter, Ex-Sträfling, ist der Ernährer und der Koch; Bromuro, Ex-Fremdenlegionär, ist ein Vertrauter mit Beziehungen zur Außenwelt, und schließlich der Verwalter Fuster, Freund, Nachbar, und Kompagnon bei nächtlichen spontanen Fressorgien. Fuster ist laut Montalban übrigens eine real existierende Person gleichen Namens.

Montalban hat früher, in Zeiten der Zensur, surrealistische Prosa geschrieben. Mit dem Ende der Diktatur verwendet er aber die konventionelle Form des Kriminalromans, um die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in der Zeit der »transición«, dem Übergang von der faschistischen Diktatur zur Demokratie in Spanien, zu reflektieren. Seine Romane enthalten daher auch immer wieder surreale Elemente wechselnder Ausprägung, sie verlaufen oft nicht rein linear.

Montalban ist ein wortgewaltiger Erzähler, bunte, kräftige Bilder und Milieuschilderungen treffen auf eruptive Wortkaskaden aus pointierten Formulierungen von scharfzüngiger Treffsicherheit.

Als Avantgardist ist er auch nicht zwingend an einem Ende der Handlung interessiert, sein Ziel ist es in erster Linie, die Wahrheit herauszufinden. Die Bestrafung der Täter überlässt er der Polizei, dem Leser oder irgendwem anderen. Es ist naheliegend, dass er den Vorgang der Wahrheitssuche in die Hände eines Privatdetektivs legt. Aber auch der Leser muss gelegentlich mitdenken, die Zusammenhänge selbst erkennen.

So erscheint etwa die brutale Szene mit den Handlangern des Täters gegen Ende des Romans auf den ersten Blick überzogen und willkürlich, aber sie ergibt dann Sinn, wenn man sie – wie es Montalban offenbar gemeint hat – in Zusammenhang mit der übertriebenen kulturellen Feinsinnigkeit und dem abgehobenen, egozentrischen Lebensstil des Auftraggebers sieht.

Genau das ist der Grund für den Hass Carvalhos auf das Wort »Kultur«, dieser für ihn lebensfernen Verlogenheit, daher verbrennt er Bücher, »je hochgeistiger, desto verdienter«.

»Aixó es una olla« – auf Deutsch: »Welch ein Wirrwarr!« In diesem Katalanischen Sprichwort steht das Wort »olla« für: »Kochtopf, in dem ein Durcheinander herrscht«. Der Legende nach ist das die Grundlage für den Kochtopf auf dem Vereinswappen des FC Barcelona. Der Fußballclub ist wesentlich für das Selbstbewusstsein der Katalanen und war ebenso wie diese unter Franco schlimmsten Repressionen ausgesetzt. Der große Rivale Real Madrid stand immer symbolisch für den Zentralismus und die Nähe zur Franco-Diktatur. Obwohl die Katalanen heute weitgehende Autonomie besitzen, sind diese alten, politisch-historischen Rivalitäten beider Mannschaften noch immer zu spüren.

Montalban, geboren in Barcelona, ist Katalane und wie Carvalho ein Meister der Kochtöpfe, in jeder Beziehung. Doch was mancher als »Wirrwarr« sehen könnte, ist bei ihm nur eine höhere Ordnung der Ingredienzien, in seinen Eintöpfen schmeckt man jede Zutat, alles hat seinen Platz.

Carvalho hat nichts am Hut mit Nationalismus (aus Protest dagegen verwendet er in seinem Namen auch das portugiesische »lh«). Überhaupt sind bei Montalban spanische, katalanische oder andere Nationalisten immer mehr oder weniger Karikaturen. Frühere Kommunisten sind heute entweder lächerliche Philosophen oder gescheiterte Existenzen ohne Einfluss. Gefährlich sind bei ihm nur die unverbesserlichen Faschisten, die es sich gerichtet haben, oder die Wendehälse mit Karriereplanung.

Die Pepe Carvalho-Serie von Manuel Vasquez Montalban ist ein gewaltiges gesellschafts-, sozial- und zeitkritisches Epos Spaniens über drei Jahrzehnte in der Zeit der »transición«. Montalban zeigt sich dabei stets als genauer, kritischer, manchmal zynischer, aber immer unerbittlicher Chronist von hoher literarischer Qualität, welche sich auch deutschsprachigen Lesern durch ideale Übersetzungen erschließt, in diesem Fall von Bernhard Straub und Günter Albrecht. (Dieses Lob ist eine heimliche Aufforderung, sich auch der bisher nicht auf Deutsch erhältlichen Carvalho-Bücher anzunehmen)

Das meinen andere:

»Es bereitet ein Vergnügen, Pepe Carvalho bei seiner Arbeit zu beobachten.« (Süddeutsche Zeitung)

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albertsen zu »Manuel Vazquez Montalban: Carvalho und der einsame Manager« 23.04.2003
Weil Krimis sich so sehr mit den Randfiguren der Gesellschaft beschäftigen, sind sie auch immer ein Kommentar zur aktuellen Befindlichkeit. Während die Schwedische Fraktion um Mankell die Systemkritik in aller Breite formuliert, überlassen es andere Autoren dem Leser, sich zu fragen, ob der Mörder nicht vielleicht auch Opfer ist. Im gewissen Sinne führt Vázquez Montalbán mit seinem Detektiv Pepe Carvalho die "Hard Boiled"-Tradition von Chandler, Hammett und Co. mit anderen Mitteln fort. Denn unter dem Zynismus des Protagonisten schlummert Müdigkeit. Carvalho will nichts mehr über die Menscheit erfahren, er hat schon zuviel gesehen. Er gibt sich lieber den Genüssen hin: Gutes Essen, französischer Wein, Müßiggang.

In jedem seiner Romane durchleuchtet Vázquez Montalbán einen weiteren Aspekt der spanisch-katalanischen Gesellschaft. In den Jahren nach Francos Tod versuchen die Bonzen ihr Geld und ihre Macht zu erhalten. Jaumá, ein Manager mit kommunistischer Vergangenheit, den Carvalho noch aus seinen CIA-Zeiten kennt, wird ermordet. Carvalhos Sinn für Gerechtigkeit lässt ihn exporbitante Honorarforderungen stellen. Weil man sie akzeptiert, macht er sich auf die Suche nach dem Täter. Er beginnt, in den Seilschaften der franquistischen Opportunisten herumzustochern. Dabei wirbelt er soviel Staub auf, dass ihm von allen Seiten nahegelgt wird, die Sache ruhen zu lassen, zumal man den Mörder gefasst zu haben glaubt. Jaumás Freunde, die Polizei und sogar Jaumás Witwe – sie alle flehen ihn an, drohen ihm, aufzuhören. Doch Carvalho ist zu angewidert von dem Niedergang all jener linken Intellektuellen, die sich so gut mit Franco arrangiert haben, das sie letztlich sogar Profit daraus ziehen konnten.

Wie alle Carvalho-Romane lebt auch dieser von dem schillernden Charakter des Protagonisten. Anders als Chandlers und Hammetts Detektive versucht er zwar, durch Härte seine Enttäuschungen zu überspielen, ist aber darüber hinaus noch hochgebildet und außerordentlich feinsinnig. In den entscheidenen Momenten wird er immer wieder von seinen totgeglaubten Überzeugungen überwältigt und zu Handlungen getrieben, die seiner Maxime zuwider handlen, nur noch für Geld, gutes Essen und Sex zu leben.

Ganz nebenbei erfahren wir noch viel über das spanische Wesen und die Menschen im allgemeinen. Vázquez Montalbán ist ein gebildeter Humanist mit grandioser Formulierungskraft. Und wie so oft, wenn solche "genrefremden" Autoren Krimis schreiben, besitzen sie eine zweite Ebene, die den Roman zu etwas Besonderem macht.
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