Ein schöner Ort zu sterben von Malla Nunn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel A Beautiful Place to Die, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Rütten & Loening.
Ort & Zeit der Handlung: , 1950 - 1969.

  • Sydney: Pan Macmillan, 2008 unter dem Titel A Beautiful Place to Die. 407 Seiten.
  • Berlin: Rütten & Loening, 2009. Übersetzt von Armin Gontermann. ISBN: 978-3352007712. 407 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2011. Übersetzt von Armin Gontermann. ISBN: 978-3-7466-2683-3. 415 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2009. Gesprochen von Bernd Hölscher. ISBN: 3836804859. 10 CDs.

'Ein schöner Ort zu sterben' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Südafrika in den fünfziger Jahren – zu einer Zeit, als Männer wie der junge Nelson Mandela verfolgt wurden: Ein englischer Ermittler sucht den Mörder eines Buren – und gerät tief in die Geheimnisse eines Dorfes, in dem die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß ganz anders verlaufen als vermutet. 1952 – in einem kleinen Dorf an der Grenze zwischen Südafrika und Mosambik. Die neuen Apartheid-Gesetze teilen die Nation in Schwarz und Weiß und bringen zugleich Engländer und Buren näher zusammen. Als Captain Pretorius, ein Bure, erschossen wird, reißen alte Wunden wieder auf. Detective Cooper, ein Engländer aus Johannisburg, beginnt zu ermitteln – allein und ohne jede Unterstützung. Die Familie des Toten begegnet ihm misstrauisch und präsentiert sofort einen Verdächtigen: einen Ladenbesitzer, der mit pornographischen Fotos handelt. Da schaltet sich plötzlich eine Spezialeinheit ein, die den Fall nutzt, um schwarze Apartheid-Gegner zu jagen. Doch nichts kann Cooper einschüchtern …Bis er auf eine junge Schwarze trifft, die ihm beweist, dass der tote Polizist ein gefährliches Geheimnis hütete.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vielschichtig, spannend und wütend  ein beeindruckendes Debüt« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

1952 ist keine gute Zeit, um sich als Weißer in Südafrika in eine dunkelhäutige Frau zu verlieben. Oder umgekehrt. Die Unsittlichkeitsgesetze waren in Kraft, die bei Strafe verboten, dass sich Menschen unterschiedlicher Hautfarbe körperlich nahe kamen. Dass dies auch geistig nicht passierte, dafür sorgte u.a. die »Security Branch«, der südafrikanische Geheimdienst. Mit dem bekommt es Detective Sergeant Emmanuel Cooper ziemlich bald zu tun, nachdem ihn sein Chef als einzigen ermittelnden Beamten in ein wahrhaft gottverlassenes Kaff an der Grenze zu Mosambik geschickt hat. Hinterrücks erschossen liegt Captain Pretorius, der Polizeichef des Ortes in einem grenznahen Fluss. Nicht nur, dass Cooper alleine ermitteln muss, alle Welt legt ihm Steine in den Weg. Pretorius Familie  bestehend aus einer strenggläubigen »Missus«, vier muskelbepackten Söhne, die von der Reinheit der Rasse träumen und einem zarten Nachkömmling, der wie ein Heilsbringer hofiert wird  behandelt ihn wie einen subordinierten Laufburschen, der einzige andere (weiße) Polizist ist ein pubertierender Jüngling ohne Erfahrung und Geschick. Lediglich Constable Shabalala, »halb Zulu und halb Shangani« ist Cooper auf Seiten der Polizei eine tatkräftige Unterstützung. Auch wenn er sich aufgrund seiner Hautfarbe meist im Hintergrund aufhalten muss.

Als die berüchtigte Geheimpolizei auftaucht, wird Cooper auf einen Sittenstrolch angesetzt, der seit Monaten die Frauen in der Gegend belästigt. Um den Mord kümmert sich die Security Branch. Die den Mörder in den Reihen politischer Aktivisten finden wollen. Koste es, was es wolle. Doch natürlich gräbt sich Cooper immer tiefer in den Fall, findet sogar bei dem jüdischen Krämer Zweigman, der sich als hervorragender Arzt mit quälender, deutscher Vergangenheit entpuppt, Beistand und Unterschlupf.

Ein hilfloserer Protagonist als Emmanuel Cooper findet sich selten zwischen zwei Buchdeckeln. Und das nicht, weil er von Natur aus unfähig ist, sondern weil ihn die äußeren Restriktionen zu einem (beinahe) machtlosen Spielball machen. Cooper, der von posttraumatischen Halluzinationen gebeutelte Ex-Soldat, erweist sich am Ende aber als stabiler und mutiger, als viele seiner Widersacher. Er ist ein Fremdkörper in einer Welt, die sich den Weg in eine aufgeklärte Zukunft selbst durch Rassenschranken verbaut, in der Verblendung, diktatorische Maßregelungen und faschistoider Reinheitswahn zu einer Gesellschaftsform führt, die sich inzestuös mit hohlen Sprüchen und forcierter Gewalt selbst begattet und dabei noch bewundert werden möchte. Ein dem Untergang geweihtes System, doch 1952 ist das formale Ende der Apartheid in weiter Ferne.

Malla Nunn lässt keinen Zweifel daran, das Hoffnung vom schwarzen Teil der Bevölkerung ausgeht, oder zumindest von Menschen, die Unterdrückung, Folter und stumpfe staatliche Gewalt selbst erfahren haben. Obwohl die Biographie des Ehepaars Zweigman im Vagen bleibt, hebt Nunn klar heraus, dass vor allem der sich selbst verleugnende Arzt zu den Hoffnungsträgern gehört.

Glücklicherweise verfällt die Autorin nicht der Gefahr der Simplifikation, die behauptet Weiß = schlecht, Schwarz = gut. Ihre Figuren haben Schwächen und Macken, und manch scheinbar Uneinsichtiger wandelt sich, allerdings erst im Angesicht erdrückender Beweise, zum Retter der Menschlichkeit. 

Ein Schöner Ort Zu Sterben hat kleine Schwächen, keine Frage. Da treibt schon mal ein Toter im »Fluss der Ewigkeit«, die Verwicklungen und sich offenbarenden Geheimnisse der Kriminalhandlung sind für den erfahrenen Leser wenig überraschend; außerdem ist alles so voll gepackt, das sich unter fast jeder Figur ein doppelter Boden befindet. Mindestens einer. Außerdem ist nicht ganz schlüssig, warum es den jüdischen Arzt Zweigman aus dem dritten Reich in die rassistische Diktatur Südafrikas getrieben hat.

Warum ist das Buch also ein satter »Treffer«?

Die Überfülle, die ein Fallstrick sein könnte, besitzt einen eigenwilligen Reiz: Nunn potenziert den traditionellen Hardboiled-Krimi in fast jeder Beziehung. Dabei gelingt es ihr fast mühelos, das Buch nicht zur Parodie werden zu lassen. Wo andere stoische Ermittler verprügelt werden, wird der wackere Emmanuel halb totgeschlagen. Wo sonst die Femme Fatale lockt, ist es hier die reine Unschuld. Ebenso gibt sich Nunn nicht mit nur einem janusköpfigen Betrüger ab; bei ihr sind diese, mal armseligen, mal verständlicherweise getarnten Persönlichkeiten, Legion.

Trotz aller Übertreibungen bleiben ihre Figuren glaubhaft und agieren nachvollziehbar. Denn Malla Nunn hat einen unerbittlichen Spiegel, in dem sich ihre spannende Geschichte bricht  die bittere Realität. 

Ihr gelingt es, die Restriktionen eines Lebens in Unterdrückung erfahrbar werden zu lassen. Fast jede Zeile des Buches ist ein Aufschrei, ein wütendes Pamphlet gegen ein repressives Staatswesen, das Ungerechtigkeit, Folter, falsche Verdächtigungen, Mord und andere Verbrechen, unter dem Glorienschein eines angeblich gottesfürchtigen Gebets um die Reinheit der Rasse, verbirgt. Jederzeit ist deutlich, dass Nunns Beschreibungen der gesellschaftlichen Zustände glasklar, analytisch und wenig überzogen sind. Beim Lesen bleibt immer bewusst, dass es noch über 30 Jahre dauern wird, bis sich die Lebensbedingungen und umstände  zumindest nach offizieller Lesart  ändern sollen.

Ein schöner Ort zu sterben hat Schwächen, aber er ist ein belangreicher, wütender Roman, der zeigt wie wichtig Zivilcourage, Mitmenschlichkeit und vor allem Erinnern sind. Und selbst, wenn die Ungerechtigkeit einmal siegt, schließlich hat sie die Staatsmacht und gewalt auf ihrer Seite, gibt es einen Hoffnungsschimmer, der Trost bei so vielen düsteren Romanen spielt, die tief in die Schattenwelt sozialer und zwischenmenschlicher Kriegsgebiete eintauchen:

Er sah sich selbst auf der Lichtung im Busch liegen, geschlagen zwar, aber nicht besiegt. Zweigman hatte recht. Was blieb einem schon übrig, als aufzustehen und erneut gegen die ganze Welt anzutreten?

Wer sich diese Frage stellt, weiß zumindest eins: er lebt. Das ist mehr, als die fanatischen Anhänger einer Lehre der reinen Rasse zu bieten haben. Und vielleicht hat dieses Leben am Ende das Ziel, ein lohnendes gewesen zu sein.

Jochen König, Oktober 2009

Ihre Meinung zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben«

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rolf K. zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 09.06.2016
Die Geschichte kam für meinen Geschmack etwas langsam in Fahrt.Die Zutaten, auch nicht gerade neu in solcher Konstellation.
Für meinen Geschmack der Stil nicht giftig genug, hätte ohne weiteres ,ätzender' geschrieben werden können.Und doch, nachdem ich so ca. 100 Seiten gelesen hatte, das gebe ich jeder Geschichte, kam das Interesse und es wurde plastischer was da geschrieben wurde, das Kopfkino produzierte Bilder, was ich schwierig fand, da ich noch nie vor Ort war, selten Filme, Photos von Südafrika gesehen habe und nichts außer Musik von den dort lebenden Menschen kenne.Inhaltlich wurde alles gesagt.
Trotz alle Skepsis meinerseit, die Schriftstellerin habe ich in mein Wunschbuch aufgenommen und wer da einmal drinsteht .!Danke an Marius für seine Krimiautorentips Südafrika betreffend.
walli007 zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 06.10.2015
Am See

An einem idyllischen Ort wird Captain Pretorius erschossen aufgefunden. Wer kann etwas davon gehabt haben, den angesehenen Polizisten zu ermorden. Detective Emmanuel Cooper wird aus Johannesburg aufs Land geschickt, um den Fall aufzuklären. Im Südafrika der 1950er Jahre herrscht Apartheid, es gibt Gesetze, die den intensiven Kontakt zwischen Schwarz und Weiß unter Strafe stellen und regeln wer Schwarz und wer Weiß ist. Unter diesem System ist es alles andere als einfach, diesen Fall zu durchdringen. Die Befragungen laufen eher schleppend. Cooper hat es schwer an echte Informationen zu kommen. Der stolze Bure Pretorius kann doch keinem einen Grund gegeben haben, ihn umzubringen.

Welch ein unheimliches System hat damals in Südafrika geherrscht. Rassentrennung, so schlecht wie überall sonst auch, wird streng durchgedrückt und führt zu Fälschungen, zu Unterdrückung, zu Schweigen. Detective Cooper hat da einen schlechten Stand, seine gemäßigten Vorstellungen muss er verheimlichen. Als ihm schließlich noch die Geheimpolizei vor die Nase gesetzt wird, gestalten sich seine Ermittlungen immer schwieriger. Sogar seinen eigenen Kollegen gegenüber muss er sehr vorsichtig sein, um nicht Gefahr zu laufen, denunziert zu werden.

Eine sehr beklemmende und düstere Stimmung beherrscht diesen Roman. Da scheint es kein Licht im Tunnel zu geben. Die immer wieder behinderten Ermittlungen, die depressive Grundstimmung sowohl im Land als auch des Ermittlers, machen sehr eindringlich deutlich, dass die verqueren Vorstellungen der Machthaber nicht dazu führen, dass ein Land prosperieren kann. In diesem ruhigen Krimi, der doch in manchen Passagen sehr roh daherkommt, macht die Autorin eindringlich klar, dass man heute froh sein kann, solchen Repressalien in der Regel nicht mehr ausgesetzt zu sein. Mit sonorer Stimme vorgetragen von Bernd Hölscher werden die klaren Worte der Autorin noch verstärkt.
Kay Riecken zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 07.05.2015
Das Buch ist erstklassig. Ich war in der Gegend, wo der Krimi stattfindet. Paßt alles. Nichts wirkt übertrieben. Buren und Engländer sind perfekt dargestellt. Mosambik ist allerdings ein Dreckloch und hat keine schöne Promenade. 1952 dürften dort noch mehr Bettler gewesen sein. Aber 1952 war ich dort nicht.
Kay Riecken
Marius zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 28.08.2014
"Ein schöner Ort zum Sterben" von Malla Nunn ist ein packendes, faszinierendes und überaus vielschichtiges Buch, bei dem ich mich richtig ärgere, es erst so spät zur Hand genommen zu haben.

Bereits vor einem Jahr erworben, fristete es lange ein Dasein in den unteren Bereichen meiner Bücherstapel, ehe ich es mir nun zur Hand nahm, um das Buch endlich auch einmal zu lesen. Und schon wenige Kapitel später ärgerte ich mich schon über mich selbst und fragte mich, warum ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe - denn es ist wirklich großartig.

Nicht erst seit der WM 2010 erfährt Südafrika einen großen Boom, der sich besonders in der Kriminalliteratur niederschlägt. Deon Meyer, Roger Smith und Mike Nicol stehen für extraordinäre Kriminalliteratur, die sich besonders durch ihre Härte und ihre Schnelligkeit auszeichnet. Malla Nunn geht hier andere Wege. Beinahe bedächtig lässt sie den englischstämmigen Constable Emmanuel Cooper in Jacob's Rest, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Mosambik ermitteln. Der örtliche Dorfpolizist wurde erschossen und treibt tot in einer Furt ' und das im Jahr 1952, in dem die menschenfeindliche Apartheid-Politik gerade in Kraft tritt. Unbeirrt vertritt Cooper seine Auffassung von Gerechtigkeit und nimmt mit seinen Kollegen die Ermittlungen auf. Dabei muss er nicht nur zwischen der schwarzen und weißen Lebenswelt hin- und herwechseln, sondern kommt mit seiner Spurensuche schon bald dem mächtigen südafrikanischen Geheimdienst, genannt Security Branch, in die Quere.

Malla Nunn hat mit "Ein schöner Ort zum Sterben" ein Buch geschrieben, das noch lange über das Ende hinaus nachdenklich macht und den Leser fesselt. Gelungen gibt sie Einblick in eine Zeit und in ein rassistisch motiviertes Denken, dass wir uns heute weder vorstellen wollen, noch können. Dennoch schafft sie es, weder die Krimihandlung, noch ihre Protagonisten oder die geschichtliche Rahmenhandlung zu kurz geraten zu lassen. Man meint förmlich die aufgeladene Stimmung in Jacob's Rest zu spüren, wenn Cooper die Dorfgemeinschaft aufmischt und dann auch noch die sadistischen Schergen des Geheimdienstes die Südafrikaner quälen.

Für mich kommen bei diesem Buch zwei wichtige Aspekte zum Tragen: Zum einen schafft es Malla Nunn wirklich hervorragend, die Geschichte Südafrikas und seine wechselvollen Perioden und Einwohner glaubhaft zu schildern, und zum anderen ist dieses Buch ein ausgezeichneter Kriminalroman, der spannend ist, ohne je die Glaubwürdigkeit zu verlieren und der seine Spannung bis zum großartigen Finale halten kann. Müßig ist es zu erwähnen, dass die Autorin mit Emmanuel Cooper einen tollen Ermittler geschaffen hat, der mich in seiner unbeirrbaren Haltung zwecks Wahrheitsfindung stark an Leo Demidow aus den Büchern Tom Rob Smiths erinnert.

Wenn Sie mal wieder auf der Suche nach Lektüre für den Kopf und für spannende Stunden sind, greifen Sie zu diesem Buch ' intelligenter kann man Geschichte und Literatur nicht zusammenbringen!
Anja S. zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 30.09.2011
Das hier ist ein ganz wunderbares und spannendes Buch, was völlig berechtigt Krimi des Monats geworden ist. Es ist eine gut recherchierte, zornige und überaus spannende Geschichte mit vielen bitteren Begebenheiten. Über das Schicksal des jüdischen Arztes Zweigman hätte ich gern mehr erfahren, vielleicht wird dies in einem späteren Buch aufgeklärt?!
Ich kann mich dem Vorrezensenten nur anschliessen, ach, wenn es nur mehr davon gäbe!!! Ich werde mir das Nachfolgebuch ebefalls besorgen und freue mich schon drauf.
Stefan83 zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 21.03.2010
Südafrika ist derzeit nicht nur als Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft in aller Munde, sondern hat sich in den letzten Jahren auch zu einer neuen Kriminalromanhochburg gemausert. Nach Deon Meyer, der in Deutschland äußerst erfolgreich den Anfang machte, folgt nun mit Malla Nunn eine weitere Autorin. Ihr Debüt, "Ein schöner Ort zu sterben", wurde sogleich für den Edgar Award als bestes Buch 2010 nominiert. Und wer die knapp über 400 Seiten umfassende Lektüre hinter sich hat, versteht sofort warum. Nunns Erstlingswerk führt den Leser in das Südafrika des Jahres 1952 und katapultiert ihn damit äußerst eindrücklich in eine Zeit, in welcher die Apartheid-Politik den Kurs des Landes bestimmte und Rassentrennungsgesetze jeglichen näheren Kontakt zwischen Weißen und Schwarzen unmöglich machen sollten:

Detective Sergeant Emmaniel Cooper von der Polizei aus Johannesburg wird in das kleine Dorf Jacobs Rest an der Grenze zu Mosambik beordert, um die dortigen Kräfte bei der Untersuchung eines Mordfalls zu unterstützen. Mitten im Grenzfluss treibt die Leiche des weißen Polizeicaptains Pretorius, der augenscheinlich hinterrücks erschossen wurde. Am Schauplatz des Verbrechens angekommen muss Cooper feststellen, dass es mit Unterstützung hier nicht weit her ist. Der blutjunge Constable Hansie ist ein ungeschickter Tölpel und zudem nicht der Hellste, der schwarze Constable Shabalala aufgrund seiner Hautfarbe gezwungen, sich im Hintergrund zu halten. Stattdessen haben drei der muskelbepackten Söhne des ermordeten Captains bereits den Tatort unter ihre Kontrolle gebracht. Für sie steht zweifelsfrei fest, dass es sich bei dem Täter nur um einen Schwarzen handeln kann. Und auch die restlichen Mitglieder der Pretorius-Familie, welche sich als "echte Buren" und "weißes Volk Afrikas" verstehen, legen Cooper wo es nur geht Steine in den Weg. Als dann auch noch die "Security Branch", der südafrikanische Geheimdienst, auftaucht und kurzerhand die Ermittlungen übernimmt, scheint der Detective auf einem Abstellgleis angekommen zu sein. Offiziell vom Mordfall entbunden, soll er stattdessen einem geheimnisvollen Sittenstrolch nachjagen, der seit einiger Zeit die Gegend unsicher macht. Doch Cooper bleibt stur, stellt heimlich weiter Nachforschungen an, was ihn schließlich selbst ins Visier des rücksichtslosen Geheimdiensts bringt. Allein Shabalala, der in Cooper einen möglichen Verbündeten erkennt, und ein jüdischer Arzt mit mysteriöser deutscher Vergangenheit, stehen dem englischen Ermittler nun noch zur Seite ... Können sie den wahren Täter dingfest machen, bevor die "Security Branch" sich wahllos einen Schwarzen als Schuldigen auswählt?

Selten hat mich ein Erstlingswerk dermaßen beeindruckt wie Mala Nunns "Ein schöner Ort zu sterben". Die aus Swasiland stammende Autorin verarbeitet hierin nicht nur einen Teil der eigenen Familiengeschichte (ihre Eltern haben sich ungefähr zum Zeitpunkt der Romanhandlung kennen gelernt), sondern bringt gleichzeitig eine Geschichte zu Papier, welche den Leser auch nach Beendigung der Lektüre mit Sicherheit noch beschäftigen wird. Von Seite eins an ist man unrettbar im Südafrika der 50er Jahre versunken, taucht man in die gottverlassene Gegend nahe Mosambik ein, welche Nunn meisterhaft mit Bildern und Metaphern zum Leben erweckt. Die Hitze, der Dreck, die Armut. Man meint es zu sehen, zu fühlen, zu schmecken. Und genauso nah steht man auch bald den Figuren. Während man sonst sich mit den konstruierten Schema-F-Typen des Krimigenres nur noch wenig identifizieren kann, sind der Autorin hier unvergessliche Protagonisten gelungen. Allen voran Emmanuel Cooper. Ein moralischer Cop, der nun in einem völlig amoralischen Umfeld der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen soll. Das Gesetz und Gerechtigkeit zwei Dinge sind: Hier wird es in all seiner Grausamkeit deutlich. Cooper ist eine machtlose Figur auf dem Schachbrett der Mächtigen, welche sich Beweise und Indizien nach eigenem Gutdünken zurechtbiegen und die "Wahrheit" mit dem Schlagstock erprügeln. Von den posttraumatischen Halluzinationen aus seiner Zeit als Soldat gebeutelt, rennt er gegen unüberwindbare Hindernisse an, muss er körperlich und seelisch harte Schlage nehmen. Er ist der Spiegel in diese vergangene Zeit, in der der Rassenwahn das Fundament eines ganzes Staates darstellte und ein Nelson Mandela ein noch nicht mal gehegter Wunschtraum war.

Dennoch schimmert auch immer wieder zwischen die Zeilen die Hoffnung hindurch. In all der Düsternis deutet sich an, dass Folter und Unterdrückung auf den tönernen Füßen einer weißen Minderheit stehen und man mit der Trennung der Hautfarben den ersten Nagel in den eigenen Sarg geschlagen hat. Diese weiß Nunn übrigens sehr facettenreich zu beschreiben. Es gibt mehr als schwarz und weiß in diesem Buch. Ein jeder, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität und Religion, hat Leichen im Keller. Grautöne lassen die Grenzen verschwimmen und neue Wege eröffnen. Bestes Beispiel dafür sind die Kaffernpfade, welche, von den Schwarzen benutzt, letztendlich auch dem ein oder anderen Weißen zum Vorteil gereichen. Schnell stellt man fest, dass hinter der Fassade mehr ist, als man anfangs erahnt hat. Gerade diese Vielschichtigkeit, diese Tiefe der Figuren, ist das Beeindruckende an diesem Buch, das mich gepackt, geschüttelt und bis zum Ende nicht losgelassen hat. Wenn man im letzten Drittel laut mitliest, fast den Ausstieg an der richtigen Bahnstation verpasst und abends vor dem Einschlafen das Buch nochmal gedanklich Revue passieren lässt, dann, ja dann, muss man ein äußerst guten Roman gelesen haben.

Insgesamt ist "Ein schöner Ort zu sterben" ein spannender, informativer, tiefgründiger und auch sehr wütender Hardboiled-Kriminalroman, der mich sehr fasziniert und äußerst positiv überrascht hat. Ein wunderbares Debüt einer Frau, die noch in diesem Jahr mit "Let the Dead lie" den nächsten Band nachlegen wird. Eine Übersetzung ins Deutsche kann es gar nicht schnell genug geben!

96°
20 von 27 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
frima zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« 02.03.2010
Klasse! Lesefreude pur!
Man ist sofort drin und mag es gar nicht weglegen.
So soll ein Buch sein-sofort ein Freund.
Das Buch hat das gewisse Etwas. So stelle ich mir Lesefreude vor. Das hat nicht unbedingt was mit dem Inhalt zu tun, sondern das ist der Funke, der über-
springt. Ach wenn es nur mehr davon gäbe!
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