Ein schöner Ort zu sterben von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2008
unter dem Titel A Beautiful Place to Die,
deutsche Ausgabe erstmals 2009
bei Rütten & Loening.
Ort & Zeit der Handlung: Südafrika, 1950 - 1969.
- Sydney: Pan Macmillan, 2008 unter dem Titel A Beautiful Place to Die. 407 Seiten.
-
Berlin: Rütten & Loening, 2009.
Übersetzt von Armin Gontermann.
ISBN:
978-3352007712. 407 Seiten. -
Berlin: Aufbau, 2011.
Übersetzt von Armin Gontermann.
ISBN:
978-3-7466-2683-3. 415 Seiten.
-
[Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2009.
Gesprochen von Bernd Hölscher.
ISBN:
3836804859. 10 CDs.
'Ein schöner Ort zu sterben' ist erschienen als
![]()
![]()
In Kürze:
Südafrika in den fünfziger Jahren – zu einer Zeit, als Männer wie der junge Nelson Mandela verfolgt wurden: Ein englischer Ermittler sucht den Mörder eines Buren – und gerät tief in die Geheimnisse eines Dorfes, in dem die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß ganz anders verlaufen als vermutet. 1952 – in einem kleinen Dorf an der Grenze zwischen Südafrika und Mosambik. Die neuen Apartheid-Gesetze teilen die Nation in Schwarz und Weiß und bringen zugleich Engländer und Buren näher zusammen. Als Captain Pretorius, ein Bure, erschossen wird, reißen alte Wunden wieder auf. Detective Cooper, ein Engländer aus Johannisburg, beginnt zu ermitteln – allein und ohne jede Unterstützung. Die Familie des Toten begegnet ihm misstrauisch und präsentiert sofort einen Verdächtigen: einen Ladenbesitzer, der mit pornographischen Fotos handelt. Da schaltet sich plötzlich eine Spezialeinheit ein, die den Fall nutzt, um schwarze Apartheid-Gegner zu jagen. Doch nichts kann Cooper einschüchtern …Bis er auf eine junge Schwarze trifft, die ihm beweist, dass der tote Polizist ein gefährliches Geheimnis hütete.
Das meint Krimi-Couch.de: »Vielschichtig, spannend und wütend – ein beeindruckendes Debüt«
Krimi-Rezension von Jochen König überspringen
1952 ist keine gute Zeit, um sich als Weißer in Südafrika in eine dunkelhäutige Frau zu verlieben. Oder umgekehrt. Die Unsittlichkeitsgesetze waren in Kraft, die bei Strafe verboten, dass sich Menschen unterschiedlicher Hautfarbe körperlich nahe kamen. Dass dies auch geistig nicht passierte, dafür sorgte u.a. die »Security Branch«, der südafrikanische Geheimdienst. Mit dem bekommt es Detective Sergeant Emmanuel Cooper ziemlich bald zu tun, nachdem ihn sein Chef als einzigen ermittelnden Beamten in ein wahrhaft gottverlassenes Kaff an der Grenze zu Mosambik geschickt hat. Hinterrücks erschossen liegt Captain Pretorius, der Polizeichef des Ortes in einem grenznahen Fluss. Nicht nur, dass Cooper alleine ermitteln muss, alle Welt legt ihm Steine in den Weg. Pretorius Familie – bestehend aus einer strenggläubigen »Missus«, vier muskelbepackten Söhne, die von der Reinheit der Rasse träumen und einem zarten Nachkömmling, der wie ein Heilsbringer hofiert wird – behandelt ihn wie einen subordinierten Laufburschen, der einzige andere (weiße) Polizist ist ein pubertierender Jüngling ohne Erfahrung und Geschick. Lediglich Constable Shabalala, »halb Zulu und halb Shangani« ist Cooper auf Seiten der Polizei eine tatkräftige Unterstützung. Auch wenn er sich aufgrund seiner Hautfarbe meist im Hintergrund aufhalten muss.
Als die berüchtigte Geheimpolizei auftaucht, wird Cooper auf einen Sittenstrolch angesetzt, der seit Monaten die Frauen in der Gegend belästigt. Um den Mord kümmert sich die Security Branch. Die den Mörder in den Reihen politischer Aktivisten finden wollen. Koste es, was es wolle. Doch natürlich gräbt sich Cooper immer tiefer in den Fall, findet sogar bei dem jüdischen Krämer Zweigman, der sich als hervorragender Arzt mit quälender, deutscher Vergangenheit entpuppt, Beistand und Unterschlupf.
Ein hilfloserer Protagonist als Emmanuel Cooper findet sich selten zwischen zwei Buchdeckeln. Und das nicht, weil er von Natur aus unfähig ist, sondern weil ihn die äußeren Restriktionen zu einem (beinahe) machtlosen Spielball machen. Cooper, der von posttraumatischen Halluzinationen gebeutelte Ex-Soldat, erweist sich am Ende aber als stabiler und mutiger, als viele seiner Widersacher. Er ist ein Fremdkörper in einer Welt, die sich den Weg in eine aufgeklärte Zukunft selbst durch Rassenschranken verbaut, in der Verblendung, diktatorische Maßregelungen und faschistoider Reinheitswahn zu einer Gesellschaftsform führt, die sich inzestuös mit hohlen Sprüchen und forcierter Gewalt selbst begattet und dabei noch bewundert werden möchte. Ein dem Untergang geweihtes System, doch 1952 ist das formale Ende der Apartheid in weiter Ferne.
Malla Nunn lässt keinen Zweifel daran, das Hoffnung vom schwarzen Teil der Bevölkerung ausgeht, oder zumindest von Menschen, die Unterdrückung, Folter und stumpfe staatliche Gewalt selbst erfahren haben. Obwohl die Biographie des Ehepaars Zweigman im Vagen bleibt, hebt Nunn klar heraus, dass vor allem der sich selbst verleugnende Arzt zu den Hoffnungsträgern gehört.
Glücklicherweise verfällt die Autorin nicht der Gefahr der Simplifikation, die behauptet Weiß = schlecht, Schwarz = gut. Ihre Figuren haben Schwächen und Macken, und manch scheinbar Uneinsichtiger wandelt sich, allerdings erst im Angesicht erdrückender Beweise, zum Retter der Menschlichkeit.
Ein Schöner Ort Zu Sterben hat kleine Schwächen, keine Frage. Da treibt schon mal ein Toter im »Fluss der Ewigkeit«, die Verwicklungen und sich offenbarenden Geheimnisse der Kriminalhandlung sind für den erfahrenen Leser wenig überraschend; außerdem ist alles so voll gepackt, das sich unter fast jeder Figur ein doppelter Boden befindet. Mindestens einer. Außerdem ist nicht ganz schlüssig, warum es den jüdischen Arzt Zweigman aus dem dritten Reich in die rassistische Diktatur Südafrikas getrieben hat.
Warum ist das Buch also ein satter »Treffer«?
Die Überfülle, die ein Fallstrick sein könnte, besitzt einen eigenwilligen Reiz: Nunn potenziert den traditionellen Hardboiled-Krimi in fast jeder Beziehung. Dabei gelingt es ihr fast mühelos, das Buch nicht zur Parodie werden zu lassen. Wo andere stoische Ermittler verprügelt werden, wird der wackere Emmanuel halb totgeschlagen. Wo sonst die Femme Fatale lockt, ist es hier die reine Unschuld. Ebenso gibt sich Nunn nicht mit nur einem janusköpfigen Betrüger ab; bei ihr sind diese, mal armseligen, mal verständlicherweise getarnten Persönlichkeiten, Legion.
Trotz aller Übertreibungen bleiben ihre Figuren glaubhaft und agieren nachvollziehbar. Denn Malla Nunn hat einen unerbittlichen Spiegel, in dem sich ihre spannende Geschichte bricht – die bittere Realität.
Ihr gelingt es, die Restriktionen eines Lebens in Unterdrückung erfahrbar werden zu lassen. Fast jede Zeile des Buches ist ein Aufschrei, ein wütendes Pamphlet gegen ein repressives Staatswesen, das Ungerechtigkeit, Folter, falsche Verdächtigungen, Mord und andere Verbrechen, unter dem Glorienschein eines angeblich gottesfürchtigen Gebets um die Reinheit der Rasse, verbirgt. Jederzeit ist deutlich, dass Nunns Beschreibungen der gesellschaftlichen Zustände glasklar, analytisch und wenig überzogen sind. Beim Lesen bleibt immer bewusst, dass es noch über 30 Jahre dauern wird, bis sich die Lebensbedingungen und –umstände – zumindest nach offizieller Lesart – ändern sollen.
Ein schöner Ort zu sterben hat Schwächen, aber er ist ein belangreicher, wütender Roman, der zeigt wie wichtig Zivilcourage, Mitmenschlichkeit und vor allem Erinnern sind. Und selbst, wenn die Ungerechtigkeit einmal siegt, schließlich hat sie die Staatsmacht und –gewalt auf ihrer Seite, gibt es einen Hoffnungsschimmer, der Trost bei so vielen düsteren Romanen spielt, die tief in die Schattenwelt sozialer und zwischenmenschlicher Kriegsgebiete eintauchen:
Er sah sich selbst auf der Lichtung im Busch liegen, geschlagen zwar, aber nicht besiegt. Zweigman hatte recht. Was blieb einem schon übrig, als aufzustehen und erneut gegen die ganze Welt anzutreten?
Wer sich diese Frage stellt, weiß zumindest eins: er lebt. Das ist mehr, als die fanatischen Anhänger einer Lehre der reinen Rasse zu bieten haben. Und vielleicht hat dieses Leben am Ende das Ziel, ein lohnendes gewesen zu sein.
Jochen König, Oktober 2009
Ihre Meinung zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben«
Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!
| Anja S. zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« | 30.09.2011 |
|---|---|
| Stefan83 zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« | 21.03.2010 |
| frima zu »Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben« | 02.03.2010 |


