Der Mann auf dem Balkon von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1967
unter dem Titel Mannen på balkongen,
deutsche Ausgabe erstmals 1970
bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm, 1950 - 1969.
- Stockholm: Norstedt, 1967 unter dem Titel Mannen på balkongen. 199 Seiten.
-
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970.
Übersetzt von Dagmar-Renate Jehnich.
ISBN:
3-499-42186-0. 188 Seiten. - Berlin: Volk und Welt, 1983. Übersetzt von Dagmar-Renate Jehnich. 234 Seiten.
-
Berlin: Volk und Welt, 1988.
Übersetzt von Dagmar-Renate Jehnich.
ISBN:
3353005838. 376 Seiten. -
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000.
Übersetzt von Dagmar-Renate Jehnich.
neu bearbeitet von Eckehard Schulz.
ISBN:
3-499-22953-6. 222 Seiten. -
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2005.
Übersetzt von Dagmar-Renate Jehnich.
ISBN:
3-499-26529-X. 222 Seiten. -
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008.
Übersetzt von Paul Berf.
Vorwort von Jo Nesbø.
ISBN:
978-3-499-24443-8. 237 Seiten.
'Der Mann auf dem Balkon' ist erschienen als
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Das meint Krimi-Couch.de: »Die sozialkritische Komponente tritt deutlicher hervor«
Krimi-Rezension von Peter Kümmel überspringen
Als Kommissar Martin Beck von einem kombinierten Diensturlaub aus Motala zurückkeht, kommt er gerade richtig, um seine Kollegen bei der Suche nach dem äußerst brutalen Handtaschenräuber zu unterstützen. Achtmal in den letzten beiden Wochen hat der Verbrecher bereits Spaziergänger in den Parks von Stockholm niedergeschlagen und ausgeraubt, doch die verstärkte Wachsamkeit der Polizei hat bisher noch zu keinem Erfolg geführt.
Kurz nach dem bislang letzten Überfall erhalten die Ermittler die Nachricht, dass im gleichen Park von zwei Landstreichern eine Kinderleiche entdeckt wurde. Das 9-jährige Mädchen, das am vergangenen Abend von seiner Mutter als vermisst gemeldet wurde, ist vergewaltigt und erwürgt worden. Ist dieses Verbrechen auch dem Räuber anzulasten?
Nur wenig später wird in einem anderen Park das nächste Mädchen auf die gleiche Art und Weise getötet aufgefunden. Die Geschehnisse versetzen die Bevölkerung von Stockholm in Angst und Schrecken, doch der Polizei fehlt jede Spur. Ein älterer Arbeiter, der früher als Exhibitionist in Erscheinung getreten ist, wird schnell wieder auf freien Fuß gesetzt. Dann taucht ein Augenzeuge für den ersten Mord auf. Doch leider kann dieser nicht viel von seinen Beobachtungen mitteilen, denn es handelt sich bei ihm um einen 3-jährigen Jungen.
Erst als eine junge Frau ihren Liebhaber anschwärzt, machen die Ermittlungen Fortschritte. Wie schnell festgestellt werden kann, handelt es sich bei dem festgenommenen Rolf Lundgren tatsächlich zwar um den seit langem gejagten Handtaschenräuber, doch mit den Morden hat er nichts zu tun. Nach langen Befragungen stellt sich schließlich heraus, dass Lundgren den Mörder gesehen haben muß. Doch seine Personenbeschreibung des vermutlichen Triebtäters ist nur sehr ungenau.
»Das ist keine Ermittlung, das ist ein Wettraten« ist eine der Lieblingsphrasen von Martin Becks Vorgesetztem. Und diese spiegelt genau das wieder, was auch den dritten Band des Martin-Beck-Zyklus vorwiegend beherrscht. Wieder einmal wird der Täter nicht durch Indizien oder logische Schlußfolgerungen ermittelt, sondern eher durch Zufall. Ein ganz vager Gedanke lässt Beck in einer bestimmten Richtung weitersuchen. Schon etwas absurd dabei, dass die Polizei aufgrund von Übereinstimmungen von Allerwelts-Personen-Beschreibungen in eine fremde Wohnung eindringen darf.
Im Gegensatz zum Vorgängerband tritt Martin Beck dieses mal nicht als Einzelkämpfer auf. Teamarbeit wird groß geschrieben, und nachdem der Leser den Protagonisten – mittlerweile vom ersten Kriminalassistenten zum Kommissar befördert – auf seiner Reise nach Budapest bereits ausgiebig kennengelernt hat, werden ihm diesmal andere Charaktere nähergebracht wie der neue Kriminalassistent Gunvald Larsson sowie Lennart Kollberg, dessen Frau auf die Geburt ihres ersten Kindes wartet. Merkwürdig, dass bei Beck und Larsson immer der Vorname mitgenannt wird, bei Kollberg und Melander jedoch fast nie.
Aufgrund dieser langsamen, doch stetigen Entwicklung der Personen halte ich es bei der Beck-Reihe zwingender für erforderlich, die Bücher in der chronologischen Reihenfolge zu lesen als bei den meisten anderen Krimi-Reihen. Nur dadurch werden Namen nach und nach zu Charakteren, die ein Gesicht bekommen und zunehmend lebendig werden.
Nachdem die ersten beiden Romane der Reihe internationale Ausmaße hatten, der erste Band durch halb Schweden führte, der zweite sogar nach Osteuropa, bleibt der Ort der Handlung diesmal auf die Stadt Stockholm begrenzt.
Als Thema wählte das Autorenduo diesmal eines, dass leider auch in unserer Zeit nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und auch heute noch zu den abscheulichsten seiner Art zählt: Sexualverbrechen an Kindern. Durch das Thema bedingt wirkt natürlich das Buch auch emotional wesentlich stärker auf den Leser ein als die beiden Vorgänger.
Und auch ein anderes Thema wird behandelt, das rund 30 Jahre später Hennig Mankell in »Die fünfte Frau« mit fast identischen Ansätzen wieder aufgreift: die Einrichtung einer Bürgerwehr, die die nach ihrer Meinung vernachlässigte Arbeit der Polizei in die eigenen Hände nimmt und unschuldige Bürger in Selbstjustiz verprügelt.
Einzelheiten und Detailbeschreibungen, die oft nichts zur Klärung des Falles beitragen können, jedoch ihre Wirkung auf den Leser haben, ziehen sich wieder wie ein roter Faden durch das Buch. Wieder erfährt man, was Martin Beck zu essen bekommt, doch diesmal fallen seine Mahlzeiten wesentlich karger aus als in Budapest. Durch zahlreiche Erwähnungen von Geschnissen des ersten Bandes – auch der Polizist Ahlberg aus Motala taucht wieder auf – erreichen die Autoren, dass der Leser den Zyklus als Gesamtheit betrachtet.
In diesem dritten Roman tritt erstmals die sozialkritische Komponente deutlicher zu Tage. Der Täter als Person wird nicht als Hauptverantwortlicher dargestellt, sondern die Gesellschaft allgemein. Auch der Handtaschenräuber erkennt selber nicht die Verwerflichkeit seiner Taten, sondern ist sogar noch stolz darauf, dass er der Polizei Hinweise geben kann.
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