Totalausfall von Lucie Flebbe

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei Grafit.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland; Ruhrgebiet, 2010 - heute.
Folge 10 der Ben-Danner-Serie.

  • Dortmund: Grafit, 2017. 288 Seiten.

'Totalausfall' ist erschienen als

In Kürze:

Als weiland der Braunbär Bruno durch die Alpen taperte und alles fraß, was nicht niet- und nagelfest war, da wurde er geschaffen: Der Begriff vom »Problembär«. Grundsätzlich wäre jetzt zu vermuten, dass dieser Begriff mit Brunos Ableben ebenfalls verschied, doch wird heute manchmal immer noch ein – vorsichtig formuliert – »problembehafteter« Teil einer Beziehung als »Problembär« bezeichnet. Natürlich liegt auf der Hand, dass damit kein Kosename gemeint ist.

Lila Ziegler fängt sich nach ihren neuen Eskapaden im letzten Band der Krimiserie um das Ermittlerbüro Ben Danner und Freunde – zu Recht – diesen Titel ein. Nach den Verwicklungen des letzten Buches hatte sie sich dazu entschieden, alles hinter sich zu lassen und mit einem letzten Suizidversuch endgültig auszusteigen. Nur hat dieser Versuch wieder einmal nicht geklappt. Was ja generell gesehen eine gute Nachricht ist. Die schlechte Nachricht ist aber, dass auch der geduldigste Teil einer Partnerschaft irgendwann die berühmten Faxen dicke hat, und so entscheidet sich ihr Freund schweren Herzen zu dem, was ihm sicherlich alle raten und was sich vermutlich so wie ein »Junge, das bringt doch nix« formuliert.

Lila Ziegler sieht sich somit nach acht verstrichenen Bänden der zwar wechselhaften – so aber doch funktionierenden Partnerschaft mit Ben Danner – auf sich allein gestellt, muss sehen, wie sie der Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie entgeht und wird – wen überrascht es – in ihrer betreuten Therapiegruppe dann doch wieder in einen Mordfall hinein gezogen.

Das meint Krimi-Couch.de: Ein furioses Finale? 75°

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Wer die Geschichte um die aus finanziell abgesicherten, aber sozial indiskutablen Verhältnissen stammende Liliana »Lila« Ziegler verfolgt hat, weiß, das mit diesem Band tatsächlich nun der Abschied aus dieser nicht immer logischen, aber frischen Krimiserie ansteht. Immerhin hatte schon der letzte Band entsprechende Vorarbeiten leisten müssen, hatten sich doch hier noch einmal alle geliebten Mitglieder des Freundesclans aufgestellt: Molle, der Kneipenwirt, der immer wieder mit »Papa Schlumpf« verglichen wird, Lena, die beste Freundin und Tochter des gebeutelten Womanizers und ermittelnden Kriminalbeamten Lenny, Freunde und Haustiere und nicht zuletzt er – Ben Danner, durchmuskelter Stoppelbart- und Glatzenträger und Besitzer »glitzernder Augen«, die die Ich-Erzählerin der Serie so manches Mal schwach werden lassen.

Vertraute Figuren sind passé

Aber auch wenn diese Sätze jetzt im Nachgang schwülstig klingen, ist auch das ein Abschied auf Raten. Denn in diesem Band sind mit Ausnahme der Freundin Lena die vertrauten Figuren passé, denn Lila hatte sich tatsächlich losgesagt, zu dem letzten verzweifelten Schritt entschlossen und zwar deswegen, weil aus ihrer Vergangenheit ein so finsteres Geheimnis aufgetaucht war, dass sie nicht mehr anders konnte. Und genau hier hakt die Geschichte, denn das passt so nicht zusammen. Flebbe hat diesen Haken auch erkannt und versucht, in ihrem letzten Band das Unlogische noch zu erklären – aber der Schaden ist angerichtet, und einmal auf dem falschen Gleis will Lilas Story, die das wichtige Gerüst der Handlungen über alle neun Bände bot, nicht mehr so recht funktionieren.

Da hilft es auch nicht, dass die Autorin versucht, zum eigentlichen Tagesgeschäft, also zum klassischen Krimi und näher zum »Whodunit« zurückzukehren. Lange war der Leser schon gewöhnt, dass Ben Danner und Lisa Ziegler ein eingespieltes Team waren. Auch wenn die Ermittlungen der auf sich allein gestellten Heldin nicht langweilig sind – es fehlt etwas. Es fehlen die kleinen Nickligkeiten zwischen den Protagonisten und auch bei den berühmten Film um die »Zwei Banditen« mit Paul Newmann und Robert Redfort wäre natürlich noch ein ansprechendes Ergebnis zustande gekommen, wenn einer der beiden entschieden hätte, doch lieber Beamter zu werden – aber tatsächlich hätte die Hälfte gefehlt.

Figur verschwindet im literarischen Nirwana

Schade ist auch, dass Flebbe wieder darauf zurück fällt, Protagonisten liebevoll in der Geschichte aufzubauen und sie – nachdem sie ihre Funktion erfüllt haben – fallen zu lassen wie die berühmte heiße Kartoffel. So vermag der afrikanische Flüchtling Laurent – ein Therapie-Kollege Lilas – mit seiner Geschichte aus dem Schlachthof so anzurühren, dass ich seitdem Schweinefleisch weitgehend meide. Laurent entwickelt sich zum Verdächtigen, nur um dann mehr oder weniger im literarischen Nirwana zu entschwinden.

Die Autorin verschenkt hier Sympathiepunkte, denn wenn schon nicht die alten Bekannten wieder ins Feld geführt werden, so freut sich der Leser dann wenigstens daran, mehr von neuen »Freunden« zu erfahren. Nervig auch die immer wieder betonte Verweigerungshaltung ihrer Heldin. Lila weiß alles besser, verweigert jede Therapie, ist fest entschlossen, ihrem Leben dann doch noch ein Ende zu setzen – findet aber kein Gebäude, das letztendlich hoch genug ist. Es fällt schwer, diese Widersprüchlichkeit zu glauben.

Dennoch – es gelingt Lucie Flebbe immer wieder ihre schnoddrige Heldin in ein sympathisches Licht zu setzen, ob tatsächlich alles verloren ist, das sei an dieser Stelle einmal dahingestellt, genauso wie die Frage, ob die Stammleserschaft das tatsächlich glaubt, und genauso die Frage, ob nicht sehr viele Konstruktionen zum Schluss zur Lösung des Falls beitrugen.

Am Ende sei alles geschenkt, die Serie ist abgeschlossen – und das betrauert die Fangemeinde. Diejenigen, die mit diesem Band neu einstiegen, werden sich dagegen ein wenig verwundert fragen, was denn die ganze Aufregung sollte, und dieser Standpunkt ist auch nachvollziehbar. Auch wenn das Begleitschreiben zum Rezensionsexemplar das bereits erwähnte »furiose Ende« versprach – nein, das ist es nicht. Wer Lila Ziegler und Ben Danner in Bestform erleben will, der sollte sich »Fliege machen« oder gerne auch den »Tödlichen Kick« zulegen. Hier wurde ein zuletzt geordneter Abschluss mit einem mehr oder weniger versöhnlichen Ende präsentiert und das war halt »ordentlich« – aber nicht furios.

Sabine Bongenberg, Oktober 2017

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