Der Tod so kalt von Luca D'Andrea

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel La sostanza del male, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei DVA.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • Turin: Giulio Einaudi editore, 2016 unter dem Titel La sostanza del male. 480 Seiten.
  • Frankfurt: DVA, 2017. Übersetzt von Verena v. Koskull. ISBN: 978-3421047595. 480 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2017. Gesprochen von Matthias Koeberlin. gekürzte Ausgabe. ISBN: 3844524703. 480 CDs.

'Der Tod so kalt' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Drei grausame Morde. Ein schweigendes Dorf. Ein Fremder, besessen von der Wahrheit

Südtirol, 1985. Tagelang wütet ein gewaltiges Gewitter über der Bletterbach-Schlucht. Drei junge Einheimische aus dem nahegelegenen Siebenhoch kehren von einer Wanderung nicht zurück schließlich findet ein Suchtrupp ihre Leichen, aufs Brutalste entstellt. Den Täter vermutet man im Bekanntenkreis, doch das Dorf hüllt sich in eisiges Schweigen.
Dreißig Jahre später beginnt ein Fremder unangenehme Fragen zu stellen. Jeder warnt ihn vor den Konsequenzen, allen voran sein Schwiegervater, der die Toten damals gefunden hat. Doch Jeremiah Salinger, der seiner Frau in ihr Heimatdorf gefolgt ist, lässt nicht locker und wird schon bald seine Neugier bereuen. Ein Fluch scheint alle zu verfolgen, die sich mit den Morden beschäftigen. Ist dort unten am Bletterbach etwas Furchtbares wieder erwacht? Etwas, so uralt wie die Erde selbst …

Das meint Krimi-Couch.de: »Massenmord und Melodrama« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der US-amerikanische Dokumentarfilmer Jeremiah Salinger verliebt sich in die Auslandsstudentin Annelise Mair. Ein neues Projekt lockt ihn in das Heimatdorf der Gattin, denn dort lebt Vater Werner, der eine inzwischen berühmte Bergrettung gegründet hat. Mit der inzwischen fünfjährigen Tochter Clara zieht das Ehepaar Salinger nach Siebenhoch in Südtirol und in eine Alpenidylle, die sich als viel zu schön erweist, um wahr zu sein.

Während der Dreharbeiten ereignet sich ein Lawinenunglück, das nur Salinger überlebt. Die Genesung zieht sich hin, denn der Patient leidet unter Stress- und Angstzuständen. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, beschäftigt sich Salinger mit einer lokalen Tragödie: Im April 1985 kamen zwei junge Männer und eine Frau in einer einsamen Schlucht am Bletterbach um. Sie wurden nicht nur ermordet, sondern systematisch in Stücke gehackt. Der Fall konnte nie gelöst werden und sorgte für ein kollektives Trauma, das nicht nur die Familien der Opfer, sondern auch die Leben der drei Männer zerstörte, die sich auf die Suche nach dem Trio begeben hatte. Zu ihnen gehörte auch Werner Mair, Salingers Schwiegervater.

Dass »der Ami« das Massaker aufleben lässt, sorgt in Siebenhoch für Unruhe. Die Dörfler zeigen ihre unfreundliche Seite. Unter der Oberfläche schwärt weiterhin, was 1985 zwar einen schauerlichen Höhepunkt erfuhr aber keineswegs sein Ende fand. Salinger wird gewarnt, dann folgen körperliche Übergriffe. Annelise stellt ein Ultimatum: Jeremiah soll Ruhe geben, sonst wird sie ihn mit der Tochter verlassen. Nur scheinbar gibt Salinger klein bei, längst hat das Mysterium vom Bletterbach auch ihn in den Bann gezogen. Seine Recherchen führen ihn auf neue Spuren. Nach und nach deckt Salinger die Wahrheit auf – und kommt dem Mörder auf die Schliche, der deshalb Vorsorge trifft, den lästigen Schnüffler auszuschalten …

Hohe Berge, niedere Instinkte

Der Regional- oder Heimatkrimi ist ein ebenso erfolgreiches wie zwiespältiges Subgenre des Kriminalromans. Viel zu oft glauben vom Talent nur flüchtig berührte Autoren, dass die Einbettung ihres Garns in eine real existierende Umgebung, die einem Teil der Leserschaft bekannt und dem anderen detailliert beschrieben wird, inhaltliche und formale Armut ausgleichen kann. Das Ergebnis sind »Krimis«, die nicht durch spannungsreiche Ermittlungsarbeit, sondern durch dumpfe Eintönigkeit auf Komödienstadl-Niveau für Schrecken sorgen.

Eher selten sind Krimis, die tatsächlich nur dort einen Sinn ergeben, wohin ihr Verfasser das Geschehen verlegt. Der Tod so kalt kann nur in einem kleinen Dorf irgendwo in den Bergen Südtirols spielen. Autor D’Andrea hat dies nicht aufdringlich behauptet, sondern sorgfältig eine entsprechende Kulisse geschaffen, die er mit handlungsortrelevanten Figuren bevölkert. Er ist dabei nicht darauf angewiesen, wie ein verhinderter Reiseführer in Lokalkolorit zu schwelgen, sondern stellt seine Ortskenntnis in den Dienst der Geschichte. D’Andrea, der selbst in Südtirol geboren und aufgewachsen ist, greift dabei auf die regionale Historie ebenso zurück wie auf lokale Mythen.

Der eigentliche Plot ruht auf einem bewährten Fundament: Ein Fremder kommt in eine kleine, isolierte Gemeinschaft, stößt auf ein Geheimnis, stellt neugierig Fragen und wühlt dabei lokalen Schmutz auf, dessen Verursacher sich schließlich daranmachen, den Störenfried zu tilgen. Nicht nur fast ein Klischee ist die Diskrepanz zwischen anfänglicher Idylle und finaler Ernüchterung: Im Kriminalroman dient die Dorfgemeinde gern als Topf, in dem sich Druck anstaut, der sich irgendwann schlagartig entlädt.

Mörder oder Urzeit-Skorpione?

Dass D’Andrea es versteht, Jeremiah Salingers Weg zur Erkenntnis spannend zu gestalten, unterstreicht seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler. Überhaupt kann man ihm Langeweile sicher nicht vorwerfen. Der Tod so kalt – der deutsche Titel ist übrigens ein weiteres trauriges Beispiel für einen vermeintlich interessanten, aber stattdessen unbeholfen zusammengetüftelten Publikumsköder – legt von Anfang an ein Höllentempo vor, auch wenn diese Geschwindigkeit manchmal eher behauptet als entfesselt wird.

Der Tod so kalt ist zwar kein Romandebüt, wie es auf dem hinteren Klappentext zu lesen steht. Dennoch ächzt die Geschichte unter dem Gewicht von Ideen, auf die der Verfasser keineswegs glaubte verzichten zu können. Der Leser profitiert u. a. durch ein Geschehen, das bis ins Finale so viele Haken schlägt, dass jeder Hase (oder Jeffery Deaver) vor Neid erblassen müsste. Im Salventakt lösen jedes Mal völlig eindeutige Täter einander ab, deren Weste kurz darauf wieder blütenweiß ist.

Das Spektrum der Verdächtigen beschränkt sich dabei keineswegs auf menschliche Mörder. D’Andrea hat keinerlei Skrupel, übernatürliches Wirken zumindest anzudeuten. Deshalb könnte es sein, dass in den Höhlen der Massaker-Schlucht entweder eine Horde blutrünstiger Kobolde haust oder die tosenden Fluten des Bletterbachs das Refugium vorzeitlicher Riesen-Skorpione mit halbmeterlangen Kneifklauen darstellen.

Verloren in vertrauter Fremde

Stellvertretend für den Leser betritt Jeremiah Salinger Siebenhoch. Er wird eher geduldet als in die Gemeinschaft aufgenommen. Als Vermittler tritt Schwiegervater Werner auf, der über seine Familienvorfahren fest in der Region verwurzelt und geachtet ist. Immer wieder muss er den »Walschen« (Ausländer), der zu allem Überfluss ein Städter ist, auf soziale Feinheiten aufmerksam machen, hinter denen auch im 21. Jahrhundert elementare Regeln stehen. Siebenhoch, die idyllische Touristen-Hochburg in den Bergen, stellt sich als uralter, archaischer, rauer Dorforganismus heraus, der gleichermaßen Trutzburg gegen eine traditionell als feindlich begriffene Außenwelt sowie Kerker für jene ist, die sich nicht ein- und anpassen wollen.

Was am Bletterbach geschah, ist Ausfluss einer quasi vorgeschichtlichen Gerechtigkeit, die in der Parallelwelt der Bürger von Siebenhoch weiterhin existiert. D’Andrea stellt als Ursache die brüchige Koexistenz dieser Menschen mit einer unerbittlichen Natur dar, die schon einen simplen Fehltritt mit dem Tod bestrafen kann. Salinger lernt diese Lektion, als ihn eine Lawine verschüttet. Nunmehr sucht ihn »die Bestie« heim, eine Kreatur, die in seinem Hirn aus Todesangst und Schuldgefühlen geboren wurde. Sie treibt ihn dazu, ausgerechnet in der Jagd nach dem Mörder vom Bletterbach Ablenkung zu suchen.

Geformt hat Autor D’Andrea seine Hauptfigur offensichtlich nach eigenem Vorbild. Beide schreiben Drehbücher für Dokumentarfilme. Der im Roman erwähnte Film »Im Bauch der Bestie« existiert als »Mountain Heroes« tatsächlich und beschreibt die Arbeit der Bergrettung in den Dolomiten.

Vollgas und über das Ziel hinausgeschossen

Allerdings ist D’Andrea hoffentlich nicht so eine Nervensäge wie Nathaniel Salinger. Figurenzeichnung ist keine Kunst, die unser Verfasser beherrscht. Ein kluger Kritiker hat seinen Stil in einem auf dem vorderen Klappentext wiedergegebenen Zitat »operettenhaft« bezeichnet und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Weniger freundlich könnte man den Tenor auch »theatralisch« nennen: D’Andrea dreht ein ganz großes Rad, was sogar wirkungsvoll ist, wenn er zum Beispiel das ohnehin turbulente Finale durch Blitz & Donner begleiten lässt. Des Rades bedient er sich auch, um seine Protagonisten zum Leben zu erwecken. Leider ist der Wasserstand darunter niedrig, weshalb besagtes Rad stattdessen viel heiße Luft an das Leserhirn fördert.

Was ist eigentlich so kryptisch, mysteriös und vor allem so grausig, dass Salinger nach dem Willen des Autors die Worte fehlen zu beschreiben, wie der Tatort Bletterbach 1985 aussah. Wie höllisch und hirnzersetzend schrecklich können Schnetzel-Leichen in einer Gegenwart wirken, in denen »The Walking Dead« zur besten Sendezeit über ihre Zuschauer kommen? Dass die Erinnerung jene heimsucht, die damals vor Ort waren, ist plausibel. Nach D’Andrea ist dieses Trauma jedoch ansteckend – und das ist lachhaft.

Gefühle werden generell zelebriert. Salinger wird nicht nur von der »Bestie« gejagt, sondern steht auch privat mächtig unter Druck. Gattin Annelise legt erstaunlich wenig Mitgefühl an den Tag, klammert stärker als jeder Urzeit-Skorpion und schließt rigoros aus, was das Familienglück, wie sie allein definiert, in Gefahr bringen könnte. Töchterlein Clara ist so niedlich, dass der Leser Insulin bereithalten sollte – und so altklug, dass man sie zuallererst in den Bletterbach werfen möchte. Schwiegervater Werner gibt den weisen, erfahrungsgebeutelten Bergfex mit Rübezahl-Reflexen; am liebsten würde er Siebenhoch in einer geheimen Schlucht vor Touristen und Ausländern verstecken.

Letztlich trägt D’Andrea ein wenig zu dick auf. Das gilt auch für die finale Auflösung, die wie so oft und hier ganz besonders nicht mit dem Rätsel mithalten kann. Das von der Werbung hochgejubelte »Meisterwerk« schrumpft letztlich zu dem, was es tatsächlich ist: eine spannende, gern gelesene und reuefrei bald vergessene Geschichte.

Michael Drewniok, Mai 2017

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Kblitz zu »Luca D'Andrea: Der Tod so kalt« 10.09.2017
Bin schon enttäuscht von dem Debut, habe mich von der guten Kritik des Herrn Drewniok verleiten lassen.
Viel Familie im Spiel, der Schreibstil( in Ich-Form) mit den verschiedenen Emotionen findet man oft bei amerikanischen Autoren wieder. Eher m.E. ein Abenteuerroman.
Kann mich boadicea anschliessen.
boadicea zu »Luca D'Andrea: Der Tod so kalt« 27.07.2017
Wie schon Herr Drewniok am Ende seiner Rezension schreibt, ist die Familie zum Schreien und hat viel zu viel Platz in diesem Krimi, die Story wäre spannend, wenn der Autor nicht zu dick auftragen würde und deshalb verstehe ich auch nicht, warum er so gut bewertet wird. Ich war sehr enttäuscht über den märchenhaften - jetzt im neg. Sinn - Stil des Autors.
walli007 zu »Luca D'Andrea: Der Tod so kalt« 29.05.2017
Die Bestie
Für den Dreh einer Serie sind Jeremiah Salinger und seine Familie zurückgekehrt nach Südtirol. Alles läuft bestens bis zu einem Unglück, das Jeremiah nicht mehr loslässt. Schon vor dreißig Jahren ist ein großes Unheil über die Gemeinde hereingebrochen als drei junge Menschen grausam ermordet wurden. Salinger setzt nun alles daran, die noch immer nicht völlig geklärten Umstände der Morde aufzudecken. Um herauszufinden, was vor dreißig Jahren geschah, spielt Jeremiah mit seinem familiären Glück und seiner beruflichen Reputation. Viele Ortsansässige scheinen mehr über die Zusammenhänge zu wissen als vorhersehbar war. Sollte der Täter etwas mit den Opfern zu tun gehabt haben?

Steigert sich Jeremiah Salinger da in etwas hinein? Warum lässt er die Toten nicht einfach ruhen? Natürlich ist seine Seelenpein nach dem Unfall, den er selbst erlitten hat, groß. Will er Buße für seine Toten tun? Will er zu sich selbst zurückfinden? Bedeuten seine Frau und seine Tochter ihm nicht genug, um abzulassen? Zu Beginn seiner Nachforschungen wird er von den Dorfbewohnern nicht gerade wohlwollend empfangen, wenn er mit seinen Fragen auftaucht. Die Vergangenheit ist doch vergangen. Die Toten können nicht wieder erweckt werden. Doch die wiederwillig gegebenen Antworten weisen Wiedersprüche auf. Allem Anschein weist die offizielle Version der Geschichte doch einige Lücken auf. Und Salinger sieht es als seine Aufgabe an, diese Lücken zu füllen.

So wie manche Bücher ein Herzschlagfinale haben, hat „Der Tod so kalt“ einen Herzschlagbeginn. Man muss erst einmal tief durchatmen, bevor der Autor einen in ein zunächst ruhigeres Fahrwasser entlässt. Doch wieder wird man gepackt, die Wahrheit über die dreißig Jahre alten Morde, scheint wie mit vielen Schleiern verhüllt. Jede eigentlich logische Erklärung erfährt weitere Erklärungen, jeder logische Tathergang wird als nicht so hundertprozentig richtig entlarvt und jeder scheint Details zu wissen, die er eigentlich nicht wissen kann. Mehrfach überrascht man sich bei dem Gedanken, wie vertrackt, das kann doch eigentlich nicht sein. Doch mit seinen Gedankengängen und Schilderungen vermag der Autor zu glänzen. Man nimmt Jeremiah seine Besessenheit ab, seine innere Unruhe, seine Unfähigkeit von der Sache zu lassen, seine Qual um das Wissen, was er aufs Spiel setzt.

Ein ausgesprochen spannender Debütroman, der hervorragend gelesen wird von Matthias Koeberlin, der die Fähigkeit besitzt, die Lesung interessant und lebendig zu gestalten und doch nicht zu sehr ins Schauspielern zu geraten. Ein vielschichtiger Roman, in dem es immer wieder Neuigkeiten zu entdecken gibt, vorgetragen von einem Leser, dessen Stimme und Interpretation perfekt zu Geschehen passen.
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