V5N6 von Louise Welsh

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel A lovely way to burn, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Kunstmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • London: John Murray, 2014 unter dem Titel A lovely way to burn. 368 Seiten.
  • München: Kunstmann, 2016. Übersetzt von Wolfgang Müller. ISBN: 978-3956140907. 351 Seiten.

'V5N6' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Oberflächlich betrachtet hatten die drei Amokläufe in London in diesem heißen Sommer nichts mit den späteren Ereignissen zu tun, aber für Stevie Flint waren sie wie ein Menetekel für das, was noch kommen sollte. Als ihr Freund sie versetzt und sie ihre Sachen aus seiner Wohnung holen will, findet sie ihn tot in seinem Bett. Kurz danach wird sie krank. Hohes Fieber, Erbrechen, Schüttelfrost. Als sie nach Tagen wieder mühsam auf die Beine kommt, hört sie, dass sich in London ein tödliches Virus verbreitet: Am »Schwitzfieber« sterben die Leute in wenigen Tagen, die Krankenhäuser und Leichenhallen sind bereits überfüllt. Stevie Flint kümmert das nicht, sie hat eine eigene Mission. Auch wenn es in einer Stadt voller Toter nicht nach einem Mord aussieht: Sie ist überzeugt, dass der Tod ihres Freundes Dr. Simon Sharkey weder auf das Virus noch auf Selbstmord zurückzuführen ist und macht sich auf die Suche nach seinem Mörder. Diese wird für sie zu einem Wettlauf gegen den Tod, der mitten ins Herz einer sterbenden Stadt führt.

Das meint Krimi-Couch.de: Shopping-Müll-Moderatorin gegen Seuche und Verbrecher 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Stevie Flint gehört zu jenen Blendern, die auf einem Shopping-Sender in London überteuerten Ramsch anpreisen. Den Job erledigt sie im Halbschlaf; er erfüllt sie naturgemäß mit wenig Arbeitsstolz. Privat läuft es aktuell besser. Stevie ist mit dem Arzt Simon Sharkey zusammen, der zwar in einem Krankenhaus beschäftigt ist, dort jedoch an einer privat finanzierten Pharma-Studie mitarbeitet, was ihm ein beachtliches Einkommen sichert.

Nachdem sich Sharkey einige Tage nicht bei ihr gemeldet hat, besucht ihn Stevie in seiner Wohnung. Im Schlafzimmer findet sie ihn; nicht mit einer anderen Frau, sondern mausetot – und das schon länger. Die Polizei kann keine Hinweise auf ein Verbrechen entdecken. Die Ermittlungen sind nicht sehr intensiv, denn in London geht eine grippeähnliche Krankheit um, die sich rasant ausbreitet und viele Opfer fordert. Hinzu kommt eine Reihe seltsamer Massenmorde: Angesehene Mitglieder der Regierung oder der Oberschicht drehen durch und bringen Mitmenschen um, bevor sie sich selbst töten.

Stevie erkrankt an der »Grippe«, gehört aber zu den Überlebenden. Als sie eine Freundin im Krankenhaus besuchen will, erregt dies das Interesse einiger Ärzte, die sich als Kollegen des verstorbenen Sharkey herausstellen. Wieso ist Stevie ohne Hilfe gesund geworden? Dass mehr als wissenschaftliches Interesse dahintersteckt, muss die junge Frau erfahren, als sie Sharkeys Laptop findet: Der Arzt war in ein Forscherkomplott verwickelt. »Experimente« gerieten aus dem Ruder und forderten Opfer. Als sich sein Gewissen rührte, hat man den lästigen Mahner ausgeschaltet. Da die Verschwörer außerdem korrekt argwöhnen, dass Sharkey belastende Beweise gesammelt hat, konzentrieren sie ihr Interesse nunmehr auf die nicht mehr lange ahnungslose Stevie …

Gerechtigkeit trotz Apokalypse

»Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.« Diesen markigen Sprach hat Martin Luther, dem er zugeschrieben wird, zwar nie geprägt, aber eignet sich trotzdem gut, um eine Sparte der Science-Fiction-Literatur zu schubladisieren, die den Titel »Post Doomsday« trägt. Hier geht es in der Regel um das Überleben nach einer Apokalypse, die zwar die Mehrheit der Menschheit dahinrafft, jedoch eine kleine Schar besonders entschlossener Zeitgenossen verschont, die sich daranmachen, ihre Welt neu zu besiedeln bzw. zu erobern.

Eher selten sind jene Vertreter, deren Blick nicht fest in die postatomare, von Viren oder Zombies verheerte Zukunft gerichtet ist, sondern ganz im Hier und Jetzt verharrt, obwohl diese Gegenwart gerade den Bach heruntergeht. Es liegt wohl auch an einer generellen veränderten Weltsicht, die nicht mehr wie noch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg davon ausgeht, dass »Zukunft« gleichzusetzen ist mit »Alles wird (entweder generell oder irgendwann wieder) besser«.

Ganz besonders überlebensuntauglich wirkt Stevie Flint, die »Heldin« des hier vorgestellten Romans, weil sie sich den üblichen Survival-Strategien verweigert, obwohl sie eigentlich prädestiniert für einen Neustart wäre: Die mysteriöse Epidemie, die just England entvölkert, hat sie zwar erwischt, aber nicht umgebracht und – ein Bonus – immun gemacht. Trotzdem rafft Stevie nicht Lebensmittel und Waffen zusammen, um anschließend in ein verbarrikadierbares Landhaus zu flüchten, sondern verharrt verbissen in London, um den Mord an ihrem Lebensgefährten aufzuklären.

Ein Schneeball in der Fiebersonne

Immer wieder wird Stevie eindringlich darauf hingewiesen, dass die Welt derzeit größere Sorgen habe als die Ermittlung in einem Kriminalfall. Was die Leser plausibel finden, prallt an Stevie ab wie Wassertropfen von einer Ente. Zwar nimmt sie zur Kenntnis, dass um sie herum die Menschen sterben wie die Fliegen, während jegliche öffentliche Ordnung zusammenbricht, aber das hält sie nicht davon ab, auf der Suche nach Antworten kreuz und quer durch die sterbende Stadt zu hetzen.

Dieser Starrsinn wird nur ansatzweise erläutert; man muss akzeptieren, dass Stevies Suche ihre Methode ist, mit der Katastrophe fertigzuwerden. Zumindest in diesem ersten Band der geplanten »Plague-Times-Trilogie« fehlt eine echte Verknüpfung von Apokalypse und Privatschicksal. Zwar könnte man annehmen, dass die Mitglieder jenes Komplotts, in das auch Stevies Liebhaber verwickelt war, verantwortlich für die Seuche sind, doch in diesem Punkt nimmt das Geschehen eine andere Wendung – vorerst, denn die Geschichte wird fortgesetzt.

So bleibt »V5N6« – im Original viel schöner und vor allem geschickt doppeldeutig »A Lovely Way to Burn« betitelt – trotz der Science-Fiction- bzw. Horror-Kulisse ein »Frau-in-Gefahr«-Thriller, obwohl Welsh glücklicherweise die tückischen Klischee-Klippen dieses Genres meist umschifft; ein Aufsetzer ist u. a. eine recht abrupte Liebesnacht, in die Welsh ihre Protagonistin förmlich drängt, worüber sich diese anschließend selbst ausgiebig wundert. Freilich ist diese Stevie Flint ungeachtet ihrer Entschlossenheit nicht gerade eine Leuchte. Penetranz ist ihr Erfolgsrezept, charakterliche Tiefen werden ihr von der Autorin angehängt, gleiten aber an dieser Teflon-Figur ab.

Wer war es, und was steckt dahinter?

Um diese klassischen Fragen rankt sich das Kerngeschehen. Lange bleibt rätselhaft, wer den trügerisch tadellosen Dr. Sharkey – das englische Verb »to shark« bedeutet übersetzt »betrügen« oder »schwindeln« – gemeuchelt hat. Parallel dazu hat die entsetzte Stevie keine Ahnung, wieso Sharkey sterben musste.

Normalerweise wäre selbst ihr Drang nach Aufklärung kein Grund für Lebensgefahr; schließlich fällt gerade die Welt auseinander, was auch die Mörderbande nicht ausschließt, die deshalb an ganz andere Dinge denkt und die lästige Stevie ignorieren würde. In der Tat muss sich Welsh etwas ausdenken, um dennoch für jene Spannung zu sorgen, die aus permanenter Lebensgefahr erwächst. Wenn Stevie gerade nicht von enthemmten Plünderern, Schussfinger-zittrigen Soldaten oder um Hilfe flehenden Sterbenden bedrängt wird, müssen ein irrer Wissenschaftler und sein geistig labiler Scherge im Hintergrund tücken.

Das ist wahrlich keine originelle Idee, weshalb sich beim Leser eine gewisse Enttäuschung einstellt: Diese Knalltüten stecken hinter einem Verbrechen, das ebenfalls nicht gerade vor Innovation strotzt? (Auch sonst bleiben die Nebenfiguren eher Platzhalter.) Im Angesicht der Apokalypse ist dieses Finale keine Offenbarung. Man darf (oder muss) darauf hoffen, dass die Fortsetzung für den notwendigen Aha!-Effekt liefern kann.

Michael Drewniok, November 2017

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geronimox zu »Louise Welsh: V5N6« 29.04.2017
Ein durchschnittlicher Krimi mit einem (unglaublich naiven) Londoner It-Girl als Protagonistin.

Der Inhalt: Eine junge Frau findet ihren Liebhaber tot im Bett vor, akzeptiert die polizeilich festgestellte Todesursache »spontanes Herzversagen« nicht und sucht statt dessen auf eigene Faust einen von ihr vermuteten Mörder.

Die Autorin versucht allerdings, dieser 08/15 Geschichte ein wenig Individualität zu verleihen, indem sie das Setting in ein von einer tödlichen Seuche heimgesuchtes London platziert. Als Folge wechselt der Roman ständig zwischen der Krimihandlung und einem Virusapokalypse-Roman hin und her.

Mein Fazit: Krimi von der Stange, den ich allerdings aufgrund seiner unkomplizierten und vorhersagbaren Dramaturgie quasi nebenbei weggelesen habe. Kein großer Wurf, aber eine Empfehlung für unaufgeregtes Krimischmökern vor dem Schlafengehen.

6/10

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meier13 zu »Louise Welsh: V5N6« 13.07.2016
Ich werde den Roman vorläufig abbrechen, denn es stellt sich bis Seite 70 weder so etwas wie Spannung noch kann ich die Lobeshymnen auf WDR 2 und auf dem Cover nachvollziehen.
Unverständlich ist mir vor allem, dass auf WDR 2 sicher die deutsche Übersetzung beurteilt wurde, die für mich dermaßen holprig rüberkommt, dass von einem Thrillerelebnis nichts übrig bleibt.
Ich werde also meinen Bücherberg weiter herunterlesen und vielleicht irgendwann auf diese Buch zurückgreifen.
Jetzt schon eine Bewertung abzugeben, halte ich aber für unfair.
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