Miss Terry von Liza Cody

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Miss Terry, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Argument.

  • Bloomington: iUniverse, 2012 unter dem Titel Miss Terry. 320 Seiten.
  • Hamburg: Argument, 2016. Übersetzt von Martin Grundmann, Else Laudan. ISBN: 978-3867542197. 320 Seiten.

'Miss Terry' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

Die Londoner Grundschullehrerin Nita Tehri hat sich von ihren Ersparnissen eine kleine Eigentumswohnung zugelegt, wo sie ein leises Leben führt. Sie sucht keinen Streit, ist freundlich zu Nachbarn und Kolleginnen, unterrichtet. Buchstabiert geduldig ihren Namen, wenn man sie Miss Terry nennt. Eines Morgens wird genau gegenüber von Nitas Haus ein Müllcontainer abgestellt, leicht angerostet und verbeult, gedacht für den Bauschutt einer Sanierung. Er bleibt dreieinhalb Minuten leer, von da an landet alles Mögliche darin: Fastfoodverpackungen, Rigipsplatten, Altbautüren, Weihnachtsbäume, Abfallsäcke, Öfen & Manches verschwindet über Nacht wieder, manches bleibt. Sobald er voll ist, wird der Container ausgetauscht, und der wundersame Reigen des Mülls beginnt von vorn. Dann steht nach Feierabend ein Polizist vor Nitas Tür. Stellt ihr Fragen, die zunehmend unverschämter werden. Ob ihr jemand aufgefallen ist, der in aller Heimlichkeit Dinge im Container entsorgt hat? Warum sie so oft aus dem Fenster späht? Ob es zutrifft, dass sie bis vor Kurzem deutlich dicker war? Sie reißt sich zusammen. So, wie sie sich beherrscht, wenn sie immer wieder gefragt wird, ob sie sich wegen ihres Migrationshintergrunds vor der Polizei fürchtet. Denn sie hat ja nichts getan, außer sich von ihrer traditionalistischen Familie loszusagen, um das Leben einer Engländerin zu führen. Am nächsten Tag zeigt sich, dass der Schuldirektor über sie befragt wurde. Und dass ein Großteil ihrer Nachbarn ihr jetzt aus dem Weg geht. Dann kommt es raus: Man hat im Container eine Babyleiche gefunden und verdächtigt na, wen wohl? die allein­stehende junge Frau mit der braunen Haut. Nita merkt, dass sie nicht wehrhaft genug ist für die Abwärtsspirale, die nun einsetzt. Sie wird bespitzelt, angefeindet, zur DNA-Analyse vorgeladen, hintergangen, vom Unterricht suspendiert. Ihr Haus wird beschmiert und angesteckt. Schließlich muss sie sich fragen: Wem nützt es, sie so zum Opfer zu machen? Wer hat hier wirklich Dreck am Stecken?

Das meint Krimi-Couch.de: »Vielschichtiges Märchen, großartig erzählt« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Die Guscott Road. Dreißig Reihenhäuser, am Ende der Fluss. Eine Sackgasse, in der sich die Nachbarn ausweichen (müssen). Die Gentrifizierung erfolgt auch hier. Nummer 15 soll kernsaniert werden. Ein neuer Bauschuttcontainer weist darauf hin. Fortan ist es mit der Ruhe vorbei. Die Polizei scheint plötzlich allgegenwärtig. Ein totes Baby, gefunden in besagtem Container, lockt sie wie Schmeißfliegen an. Doch nicht alle Nachbarn sind verdächtig. Genau genommen ist nur sie verdächtig: Nita Tehri. Geboren und aufgewachsen in Leicester, Grundschullehrerin und dennoch, der Name lässt es erahnen, irgendwie anders. Das tote Baby ist dunkelhäutig, wer sonst soll es ermordet haben? Schnell sind die Nachbarn zur Stelle. Aus Gerüchten werden Fakten, Ereignisse – ob real oder eingebildet – aufgebauscht, die bis dahin schlummernde Ablehnung gegenüber Fremden zeigt ihre hässlichen Fratzen. Auch die Schule zieht die Notbremse. Eine Babymörderin als Lehrerin? Und dann macht noch die eigene Familie Probleme. Der Kulturkampf kann beginnen. Arme Miss Terry …

2012 im Original erschienen, aber aktueller denn je.

Liza Cody (eigentlich Liza Nassim) hat selbst teils indische Wurzeln. Zunächst ist jedoch darauf hinzuweisen, dass der Roman, der eher ein modernes Märchen denn ein Kriminalroman ist, bereits 2012 im Original erschienen ist. Denn dass man auf Ausländer nicht überall gut zu sprechen ist und beispielsweise polnische Arbeitskräfte einen schweren Stand haben, ist nicht erst seit dem Brexit aktuell; dieser wirkte eher wie ein Brandbeschleuniger. Rassismus ist sicher nicht »very british«, dennoch kein neues Phänomen auf der Insel.

»Bomben und Babys. Was für einen Welt. Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin.«

Miss Terry ist ein furios getimter Roman, der einem von Beginn an den Atem raubt. Was geht hier vor? Warum ist plötzlich die Polizei vor Ort, warum stellt sie Fragen, ohne über den Hintergrund zu informieren? Was sollen latent rassistische und sexistische Bemerkungen und Unterstellungen gegenüber einer jungen Frau, die doch geborene Engländerin ist, als Lehrerin arbeitet und somit eigentlich ein Musterbeispiel an gelungener Integration darstellt? Wie Miss Tehri kann sich der Leser keinen Reim machen bis klar wird, dass ein totes Baby gefunden wurde. Dumm nur, dass es leicht dunkelhäutig ist. Da bleiben in der kleinen Straße keine Alternativen übrig. Verdächtig durch Hautfarbe.

»Und waren die Cops mal hier, um sich das anzusehen? Ist irgendwer von denen aufgetaucht? Nein, Pustekuchen. Und warum nicht? Weil wir bloß ein schwules Pärchen und ein braunes Mädchen sind. Ich sag zu meinem Anwalt: «Das wird doch nicht etwa mit sexueller Orientierung und Ethnie zu tun haben?», und der sagt: «Ich fürchte fast, da haben Sie recht.» Aber ich will nicht recht haben. Ich meine, wir zwei sind Medizinstudenten, auf dem Weg, echte Säulen der Gesellschaft zu werden. Und sie ist Lehrerin. Aber die Cops schert das alles nicht. Wir sind Schwule und Ausländer. Basta.«

In der Folge zeigt sich, dass die junge Frau mit pakistanischer Abstammung nicht nur zur Zielschiebe nachbarschaftlicher Fremdenfeindlichkeit wird, sondern zudem vollends zwischen die kulturellen Fronten gerät – dank ihrer Familie. Diese hat sie einst verstoßen, da sie den ihr zugedachten Ehemann nicht wollte. Es blieb die unehrenhafte Flucht, seither versteckt sie sich und hat nur sporadisch Kontakt mit ihren Geschwistern. Ihre Schwester Mina leidet ebenfalls, denn sie ist schwanger. Ob sie aber das Kind austragen darf wird sich erst in Kürze zeigen – am Ultraschallgerät. Eine Tochter hat sie auf diese Weise schon verloren.

»Sie dachte an Ash – ihre Eltern wussten immer, wo er war, vierundzwanzig Stunden am Tag. Wann wurde aus Fürsorge Kontrolle, wann aus Freiheit Vernachlässigung? Fast ihr ganzes Leben lang war sie ständiger Kontrolle ausgesetzt gewesen – sie war darauf trainiert. Freiheit war nie im Angebot gewesen. Aber war nicht Gehorsam nur ein Mangel an Mut und Vorstellungskraft?«

Es ist beeindruckend, wie viele aktuelle und hochbrisante politische, kulturelle und gesellschaftliche Themen Liza Cody auf knapp 300 Seiten unterbringen und pointiert beleuchten kann. Ihre schräge, mitunter irrwitzige und teils zum Kabarett neigende Story ist ebenso höchst unterhaltsam wie zutiefst nachdenklich stimmend. Neben der brillanten Erzählweise überzeugen vor allem die treffsicher gezeichneten Figuren, die trotz aller Klischeebeladenheit zum großen Gelingen beitragen. Die verschrobenen Nachbarn, die nur auf einen Auslöser warten, um reflexartig ihre Vorurteile zu bedienen; die unfähigen Polizisten, die auf mindestens einem Auge blind sind; und nicht zuletzt die redseligen Leo und Toby, Tehris schwule Nachbarn. Dass vor allem sie es sind, die Tehri besonders viel Mitgefühl entgegenbringen überrascht indes kaum. Sie kennen gesellschaftliche Ausgrenzung aus eigener Erfahrung.

Jörg Kijanski, Februar 2017

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