Tod am Jangtse von Lisa See

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Dragon bones, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: China, 1990 - 2009.
Folge 3 der Liu-Hulan-&-David-Stark-Serie.

  • New York: Random House, 2003 unter dem Titel Dragon bones. 348 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2004. Übersetzt von Elke Link. 447 Seiten.

'Tod am Jangtse' ist erschienen als

In Kürze:

Inspektorin Liu Hulan und ihr Mann, ein amerikanischer Anwalt, arbeiten an einem höchst rätselhaften Fall: Ein Bauer hat die Leiche eines amerikanischen Archäologen aus dem Jangtse gefischt. Und sie scheint nur eines von mehreren Opfern zu sein, die bei einer Grabung im Gebiet des Drei-Schluchten-Damms gefunden wurden, dem gigantischsten Bauprojekt des Landes seit der chinesischen Mauer. Außerdem ist ein frühgeschichtliches Artefakt verschwunden, das für China von unermesslichem Wert ist …

Das meint Krimi-Couch.de: »faszinierende Geschichte mit aktuellem Bezug« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

Der Bau des Drei-Schluchten-Staudamms in China ist ein weltweit heftig diskutiertes Projekt, nicht nur wegen seiner ökologischen Konsequenzen. Mehr als eine Million Menschen wird gezwungen umzusiedeln und es wird vermutet, dass die ihnen versprochenen Gelder zur Entschädigung zum Teil in die Taschen von Funktionären fließen, die ihre Familienangehörigen auf die Empfängerliste setzen. Zudem wird es der Regierung definitiv nicht gelingen, bis zum Abschluss des Projekts alle archäologischen Kulturgüter zu retten, die in den Fluten untergehen werden, auch wenn man sich mit zahlreichen Ausgrabungsstätten auf den Wettlauf mit der Zeit eingelassen hat.

Dies ist der Kontext, in den Lisa See einen spannenden Krimi einbettet, der damit weitaus mehr bietet, als die Ermittlungen in einem Mordfall. Die Geschichte beginnt allerdings relativ harmlos mit dem Fund einer Leiche an den Ufern des Jangtse. Inspektorin Liu Hulan vom Ministerium für Öffentliche Sicherheit, Chinas Pendant zum FBI, erhält von ihrem Vorgesetzten die Aufgabe, die Leiche zu identifizieren, was sie schnell erledigt. Bei dem Toten handelt es sich um den Amerikaner Brian McCarthy, der an der Ausgrabungsstelle 518 dem Fluss zum Opfer gefallen ist. Gleichzeitig wird ihr Mann, der amerikanische Rechtsanwalt David Stark, vom Direktor des Staatlichen Amtes für Kulturdenkmäler damit beauftragt, das Verschwinden von Fundstücken eben an dieser Ausgrabungsstätte in der Nähe der Qutang-Schlucht zu untersuchen. David ist verwundert über die geforderte Zusammenarbeit mit seiner Frau, obwohl sich schon bei einigen Fällen gezeigt hat, dass sie sich gut ergänzen. Allerdings wurde ihre Beziehung vom Tod ihrer Tochter stark in Mitleidenschaft gezogen.

Vizeminister Zaim, Hulans Chef und Mentor, offenbart ihm sein vermeintliches Motiv: David und seine Frau sollen die gemeinsame Zeit nutzen, wieder zueinander zu finden. Und da Hulan gerade das Augenmerk der Öffentlichkeit auf sich gezogen hat, indem sie bei einer Versammlung der Urpatriotischen Vereinigung (kurz UVP) auf dem Tiananmen-Platz eine Frau daran hindern wollte, ihr Kind zu opfern, was allerdings mit dem Tod der Mutter endete, ist es besser, sie hält sich eine Weile außerhalb der Hauptstadt auf. Als eine Ausländerin, die sich bei den Archäologen aufhielt und auch mit Brian ein Verhältnis hatte, in ihrem Zimmer tot aufgefunden wird, vermutet Hulan einen Zusammenhang mit der gegen sie gerichteten Drohung der UVP, so stark ist sie davon besessen nachzuweisen, dass mehr hinter dieser Religionsgemeinschaft steckt. Dieser zweite Mord während ihrer Ermittlungen sollte sie wohl diskreditieren und ihre Unfähigkeit offenbaren. Doch es zeigt sich, dass die Geschehnisse im Tal von weitaus größerer Tragweite sind …

Komplex und spannend zugleich

Lisa See zeichnet ein faszinierendes Bild Chinas und wirft mit ihrem Buch einen Blick auf viele verschiedene Themen, ohne damit ihre Geschichte zu überladen. Mit der Reichhaltigkeit der Story offenbart sie eine sehr gute Kenntnis nicht nur des modernen Chinas, sondern auch der chinesischen Mythen, z.B. über die Erschaffung der Schluchten durch Yu, der damit die Fluten des Wassers beherrschen wollte. Sie thematisiert die unterschiedlichen Interessen beim Bau des Staudamms ebenso wie den Schmuggel von chinesischen Kulturgütern ins Ausland, Probleme zwischen Ausländern und Einheimischen und religiösen Fanatismus. Die Story ist spannend und komplex und sie fordert den Leser mit jeder Seite, die man umblättert. Man muss aufmerksam bleiben.

Einzig der Einstieg ist schwierig, wenn man in dieser Kürze das Vorleben der beiden Protagonisten geschildert bekommt: Hulans Kindheit als Rote Prinzessin, der Aufenthalt im Arbeitslager während der Kulturrevolution, wie sie David kennenlernt, ihre Jahre in Amerika und wie sie ihren Vater verraten hat. Diese Zusammenfassung auf nur zwei Seiten ist für denjenigen, der Tod am Jangtse, das dritte Buch der Serie, als erstes liest, ein wenig zu knapp gehalten, ist die Vergangenheit der Inspektorin doch Grundlage für ihr Verhalten und wird immer wieder aufgegriffen. Ich kann nur vermuten, dass hier der erste Band der Serie den Background der Figuren ausführlicher beschreibt. Nichtsdestotrotz ist ihre Schilderung lebensnah und echt, auch wenn die Neugier in diesem Punkt unbefriedigt bleibt.

Aktueller Bezug der Geschichte fesselt

Asien übt durch seine Andersartigkeit auf viele eine große Anziehungskraft aus. Lisa See öffnet mit ihrem Roman einmal mehr dieses Mysterium. Profunde Kenntnisse über die Geschichte des Landes kann und will dieses Buch sicher nicht vermitteln, aber die von ihr eingebundenen Themen geben einen tiefen Einblick in das Leben und die Probleme im heutigen China, noch dazu mit einem sehr aktuellen Bezug – dem Bau des Drei-Schluchten-Damms. Wer eine Krimi-Reise in ein exotisches Land unternehmen möchte, dem sei Tod am Jangtse hiermit ans Herz gelegt.

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clara77 zu »Lisa See: Tod am Jangtse« 20.09.2009
Tod am Jangtse ist der Beweis dafür, dass China als Schauplatz für spannende Krimis mehr zu bieten hat, als nur die Exotik einer vielen Europäern noch leider zu wenig bekannten Kultur. China begeistert und wird einmal nicht durch die mit Vorurteilen belastete Brille der Scheuklappen Europäer auf die wenigen, immer wiederkehrenden Themen reduziert. Ein Lesegenuss! Ein page turner, den ich erst wieder aus der Hand legen konnte, als mich der mein knurrender Magen nicht weiterlesen lassen wollte. Unbedingt lesen!
Anja S. zu »Lisa See: Tod am Jangtse« 11.09.2005
Warum muss es in allen chinesischen Krimis immer um den Raub und Schmuggel von Kunstgegenstaenden gehen???
Das wird so langsam etwas langweilig, nur Eliot Pattison ist eine Ausnahme.
Davon abgesehen ist dieser Krimi recht spannend, jedoch sehr komplex, so dass man recht konzentriert lesen muss, um die einzelnen Handlungsstraenge zu verstehen.
ML zu »Lisa See: Tod am Jangtse« 23.05.2005
Nette Lektüre, solange man nicht wirklich mitdenkt und der zumindest oberflächlich versuche aktuelle Bezug zum Staudamm-Projekt passt ganz gut für das Marketing.

Was nicht so prickelnd ist: Das "junge Power-Couple" entpuppt sich als nicht mehr ganz so jung - wenn Liu Hulan bei Ausbruch der Kulturrevolution (1966) 12 Jahre war, dann ist sie 2003 immerhin schon fast 50...

Der Band bedient ein Publikum, das auf Pseudo-Authentizität und vorgegaukelte Exotik steht Man denke nur an die Kleider, die Liu Hulan in den Schrankkoffern ihrer Großmutter findet.
Wirklich bedenklich ist aber, dass - wie in so vielen anderen China-Krimis - das Vorurteil vom grausamen, brutalen, hinterhältigen, berechnenden Asiaten weiter geschrieben wird. Vom merkwürdingen Frauenbild will ich gar nicht erst anfangen...
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