Er von Linus Reichlin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Er, bei Galiani.

  • Berlin: Galiani, 2011 unter dem Titel Er. ISBN: 978-3869710365. 274 Seiten.

'Er' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Hannes Jensen hat es nicht leicht. Annick, seine blinde Geliebte, ist mit einem Anderen nach New York durchgebrannt. Einzig ihren Blindenhund ließ sie zurück, der nun – wie ein bewegliches Mahnmal des Verrats – nicht von Jensens Seite rücken will. Als Jensen samt Hund zur Beerdigung seiner Schwester nach Berlin fährt, lernt er in einem Blumenladen Lea kennen. Die so eigenwillige wie schöne Frau übt auf Jensen sofort eine enorme Anziehungskraft aus. Zugleich, darüber ist er sich schnell im Klaren, haftet ihr etwas Rätselhaft-Tragisches an. Lea stammt von einer schottischen Insel, auf der die Zeit stillzustehen scheint. Seit Generationen lebt man dort von Schafzucht. Jeder kennt jeden und die Sitten sind so rau wie das Klima. Mit siebzehn war Lea von dort nach Berlin geflohen, um Anfeindungen und einer Zwangsheirat zu entgehen. Doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Und als sich beide ineinander verlieben, findet Jensen ständig Indizien dafür, dass in Leas Leben noch ein zweiter Mann eine Rolle spielt; er zweifelt an allem und verstrickt sich in seine Eifersucht, bis diese Lea und ihm fast zum Verhängnis wird.

Das meint Krimi-Couch.de: »In der Ruhe liegt die Kraft« 91°Treffer

Krimi-Rezension von Stefan Heidsiek

Liebe war nichts anderes als wunderbare, köstliche, schreckliche Schwäche. Man wurde erpressbar, verführbar und war leicht zu täuschen. Beide mussten sich vor den Konsequenzen des Verrats im selben Maß fürchten. Einseitigkeit war lebensgefährlich.

Dieses Zitat prangt nicht nur auf Klappentext und Rückendeckel des neuen Linus Reichlin-Romans Er, sondern gibt auch in wenigen Worten wieder, worum es sich im dritten Band der Serie mit dem Ex-Polizisten Hannes Jensen dreht. »Liebe« ist das Stichwort. Und damit all seine Begleiterscheinungen wie Verrat, Verdächtigungen und Eifersucht. Ein beliebtes Thema für einen Krimi, wenngleich sich der in der Schweiz gebürtige Autor mit seinem aktuellen Werk noch weiter vom Genre der Spannungsliteratur entfernt und damit eine Entwicklung, welche bereits in Der Assistent der Sterne ihren Anfang nahm, fortgeführt hat. Wenn Reichlin, der bereits im Jahre 2009 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, beim nächsten Mal dennoch wieder zu den Nominierten zählt, so darf sich aber niemand wundern. Er ist zwar kein Krimi im klassischen Sinne – in Punkto Spannungserzeugung muss er sich hinter der namhaften Konkurrenz jedoch trotzdem nicht verstecken. Ganz im Gegenteil: Reichlin erweist sich einmal mehr als Meister der Fabulierkunst und überzeugt mit einer eleganten und kunstvollen Geschichte, welche keinerlei Leichen, Schießereien oder manisch-depressiver Ermittler bedarf.

Nein, das Leben hat es mit Hannes Jensen in letzter Zeit wirklich nicht gut gemeint. Seine Schwester ist vor kurzem gestorben und Annick, seine langjährige blinde Geliebte, hat ihn für jemand anderen verlassen. Das wäre an sich zu verkraften, wäre sie mit diesem anderen nicht schon seit Beginn ihrer Beziehung ins Bett gegangen. Nun ist sie kurzerhand nach New York durchgebrannt und hat ihm einzig ihren Blindenhund hinterlassen. Der weicht ihm jetzt, wie ein letztes bewegliches Mahnmal des Verrats, nicht mehr von der Seite und nagt an Jensens mittlerweile hauchdünnen Geduldsfaden. Welche Ironie, dass es dann ausgerechnet der beste und in diesem Fall ungeliebte Freund des Menschen ist, der das Leben des Verlassenen in schönere Bahnen lenkt.

Als Jensen auf dem Weg zur Beerdigung seiner Schwester in Berlin einen Blumenladen aufsucht und nach dem Kauf den Hund vor der Eingangstür »vergisst«, kommt er nach seiner Rückkehr erneut mit der schönen, aber auch eigenwilligen Verkäuferin Lea ins Gespräch. Ihr Verhalten gibt ihm Rätsel auf, übt jedoch gleichzeitig eine enorme Anziehungskraft aus und bewegt Jensen schließlich dazu einen Wohnungswechsel in Erwägung zu ziehen. Schließlich hält ihn in seiner alten Wohnung in Brügge eigentlich nichts mehr. Nach und nach kommen sich bald Jensen und Lea näher, wenngleich deren Tochter Toni alles daran setzt, seine Bemühungen zu torpedieren. Mit Erfolg, denn die wechselnden Liebschaften in Leas Vergangenheit heizen Hannes’ Eifersucht an und trüben das bis dahin so unkomplizierte Liebesglück. Was verbirgt Lea vor ihm? Was ist Schlimmes in ihrer Kindheit, welche die gebürtige Schottin auf der Hebrideninsel Lewis verbracht hat, geschehen? Und wer ist der Mann auf ihren Zeichnungen, der Hannes zum Verwechseln ähnlich sieht? Als sich Hannes daran macht, mehr über Leas früheres Leben zu erfahren, ahnt er noch nicht, dass sich ein Teil davon bereits auf dem Weg nach Berlin befindet …

Zerrissene Notizzettel. Zerbrochene Bleistifte. Abgewetzte Radiergummis. Alles Dinge, die Linus Reichlin fremd sein dürften, da es an keiner Stelle seines Buches so scheint, als wäre die Niederschrift von Er in irgendeiner Art und Weise zeitraubende Arbeit gewesen. Von der ersten bis zur letzten Zeile behält die Geschichte dieses magische, rhythmische Tempo bei, das den Leser packt und nicht mehr aus seinen Fängen lässt. Hier sitzt jeder Satz, jedes Komma und jeder Punkt am richtigen Platz. Fast hat man den Eindruck, als wäre ein Aquarellmaler und kein Schriftsteller am Werk gewesen, derart stimmig und intelligent hat Reichlin die zwei verschiedenen Erzählstränge, welche dazu noch zwischen den Zeiten wechseln, in Einklang miteinander gebracht. Bewundernswert, wie er die Kunst des Weglassens beherrscht und kein Wort zu viel gebraucht, um selbst der alltäglichsten Situation noch einen gewissen Zauber zu verleihen. Beeindruckend, wie gewollt beiläufig er in den Bann zieht und aus einer völlig banalen Ausgangssituation ein mitreißendes und berührendes Rätsel meißelt.

Das hat in diesem Fall seinen Ursprung auf einer sturmumtosten Insel der Äußeren Hebriden, auf der die Moderne äußerst langsam Einzug hält und Tradition, zum Beispiel in Form der jährlichen Tötung hunderter Basstölpelküken, noch großgeschrieben wird. Hier beginnt »Er« im ersten Kapitel, nur um dann gleich im Anschluss aus der Sicht eines Blindenhundes Hannes Jensen in die Geschichte einzuführen, der dabei ist eine Berliner Straße zu überqueren. Ein Schauplatzwechsel zwischen zwei Orten, der deutlich macht, dass Reichlin zwar einfach drauflos schreibt, aber dennoch nicht den einfachsten Weg wählt. Stattdessen muss der Leser lange Zeit durch die Wirrnisse des Alltags rudern, um außer der Spitze auch den darunter treibenden Rest des Eisbergs zu erblicken. Wer dabei dann auf blutüberströmte Leichen oder soziopathische Mörder nicht verzichten kann, ist bei Er völlig fehl am Platz, denn gerade das Unausgesprochene und die Lücken nach den Fragezeichen machen diesen Roman so besonders. Wo sonst Lärm, Bewegung und Adrenalin den Plot in den roten Bereich treiben, liegt hier in der Ruhe die Kraft, beschreibt die Stille die Folgen zerstörerischer Gewalt besser, als es ein markerschütternder Schrei an dieser Stelle je könnte.

Reichlins unterschwellige, ziselierte Spannung ist sicherlich genauso wenig jedermanns Sache, wie sein literarisch-satirischer Humor. Der ist nicht selten so feinsinnig, dass man zweimal nachlesen muss, um erst dann wissend zu grinsen und setzt ohne Zweifel einen gewissen Intellekt voraus. Nicht nur deshalb mutet Er im großen Becken der heutigen Krimilandschaft wie ein spöttelnder Streber an, der sich zu fein für dieses Genre ist. Eine Außenwirkung, für die Reichlin allerdings wenig kann und die lediglich ein Beleg für den derzeitigen niedrigen Qualitätsstandard der vielen Alpen-, Hinterhof- und Dorf-Krimis ist, von denen die meisten, trotz ihrer heimatlichen Gemütlichkeit und regionalen Nähe, mit der Realitätsnähe dieses fein gesponnenen Plots in keinster Weise konkurrieren können.

Linus Reichlins dritter Wurf ist, wie schon seine beiden Vorgänger, Feinschmecker-Kost und nur bedingt massentauglich. Ein kleines Juwel für Krimi-Kenner, das leider auch wegen dem wenig passenden Titel und dem potthässlichen Covermotiv den Weg in wohl nur wenige heimische Bücherregale finden wird. Auf die Bewertung hat dies letztlich keinen Einfluss – Er war für den Rezensenten schon jetzt eines der Highlights des Jahres 2011.

Stefan Heidsiek, März 2011

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manni zu »Linus Reichlin: Er« 10.04.2012
Reichlin schreibt in der obersten Liga, schwebend, zeitlos, aber immer spannend, oftmals sehr drastisch. Diese Krimi(?) Romankost ist nicht so leicht verdaulich wie das übliche Geschreibsel, es geht ihm um die ewigen Lebensthemen: Liebe , Vertrauen, Eifersucht., Mord und Totschlag, Leben und Tod ,Sühne und Verzeihen. Das alles packt er in einfache Geschichten und eine ihm ganz eigene poetische Sprache.
Der dritte Reichlin: sehr unterhaltsam und anregend, 80° !
B. Elisabeth Schoell-Lüders zu »Linus Reichlin: Er« 08.06.2011
Ich habe die ersten beiden Bücher von
Linus Reichlin sehr gerne gelesen, aber
sein neuestes Werk " Er" überzeugt mich nicht.
Zugegeben, einige Sätze sind brillantformuliert, aber in der Liebesgeschichte
zwischen Hannes und Lea finden sich
zuviele Wiederholungen, ich wurdeungeduldig.Eigentlich finden wir in diesem Buch zwei
verschiedene Erzählungen vor die wechselweise erzählt werden, mir fehlen Verbindungsfäden, am Anfang weiß der
Leser garnicht was das eine mit dem anderen zu tun hat zumal die Themen
beider Erzählungen sehr weit voneinander entfernt sind, in dem Hauptroman finden wir sehr feinsinnige
Reflexionen über die Liebe in dem anderen eine Darstellung des Lebens
auf einer kargen schottischen Insel, von
Anfang an hätten hier mehr Bezüge zu finden sein sollen.
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