Tag der Vergeltung von Liad Shoham

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Misdar sihui, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei DuMont.

  • Or Yehuda: Kinneret Zomra-Bitan Dvir, 2011 unter dem Titel Misdar sihui. 352 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2013. Übersetzt von Ulrike Harnisch. ISBN: 978-3832197018. 352 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2014. Übersetzt von Ulrike Harnisch. ISBN: 978-3832162733. 352 Seiten.

'Tag der Vergeltung' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Eine junge Frau wird nachts auf offener Straße brutal vergewaltigt ein Schock für die Anwohner des ansonsten beschaulichen Viertels von Tel Aviv. Die Polizei tappt im Dunkeln, keine Hinweise, keine Augenzeugen, keine Verdächtigen. Doch der Vater des Opfers weigert sich, das zu akzeptieren. Er beginnt selbst zu ermitteln und hat den vermeintlichen Täter bald gefunden: Ziv Nevo, der schon einmal wegen Belästigung angezeigt wurde. Er trieb sich in der Nähe des Tatorts herum, sein Aussehen passt auf die Beschreibung. Doch der erfahrene Ermittler Eli Nahum hat Zweifel. Warum schweigt Nevo während des Verhörs? Warum passt sein Verhalten so wenig zu der Tat, die man ihm vorwirft? Nahum ist zu allem entschlossen, um Nevos Geheimnis auf die Spur zu kommen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Für Fans außergewöhnlicher Plots« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Adi Regev, eine junge Frau, wird nachts auf offener Straße vergewaltigt. Es gibt keine Zeugen, die Polizei um Kriminalkommissar Eli Nachum kommt keinen Schritt weiter. Adis Vater Jaron lässt die Tat keine Ruhe. Geradezu besessen verbringt er seine Zeit im Auto sitzend vor der Wohnung seiner Tochter. Nach drei Wochen scheint sich seine Mühe zu lohnen, denn er beobachtet eines nachts Ziv Nevo, einen Mann, auf den die Beschreibung seiner Tochter passt. Nevo verhält sich mehr als auffällig, ist polizeibekannt und so scheint die Lösung des Falles doch noch möglich, zumal Nevo beim Verhör ein Geständnis ablegt. Doch Nachum hat ein bisschen zu viel nachgeholfen und als Nevo merkt, dass ihm eine Vergewaltigung angelastet wird, versucht er verzweifelt seine Unschuld zu beteuern. Warum er wirklich Schuld auf sich geladen hat, kann er hingegen nicht verraten.

Dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Adi, die den Verdächtigen zuvor identifiziert hat, nimmt ihre Aussage zurück. Derweil behauptet nun Zevo, dass er die Tat begangen habe. Zu allem Überfluss macht eine unbedeutende Lokalzeitung mächtig Druck und nachdem die Ermittlung vollends gegen die Wand gefahren ist, verliert auch noch Nachum seinen Job …

Ein erstklassiger Pageturner aus Israel.

Tag der Vergeltung ist der erste (ins Deutsche übersetzte) Roman von Liad Shoham, der in Israel schon länger als Bestseller-Autor gefeiert wird. Dem vorliegenden Roman nach zu urteilen völlig zu Recht. Als kleinen Minuspunkt mag man anmerken, dass ein bisschen zu wenig rüberkommt, wo die Handlung spielt. Aus dem Schauplatz Tel Aviv und seiner besonderen Lage hätte man sicher mehr herausholen können. Und ja, der herausgebende Verlag hätte es auch problemlos schaffen können, den Namen des Ermittlers auf dem Buchrücken richtig zu schreiben. Doch genug der Kleinigkeiten. Wer sich für ausgefallene Plots interessiert, der sollte unbedingt zugreifen!

»Es war bequemer in den allgemeinen Konsens einzustimmen, im Strom zu schwimmen, als sich zu distanzieren und etwas in Zweifel zu ziehen. Jemand sagte etwas, ein Zweiter schloss sich ihm an und ein Dritter und Vierter stimmten in den Chor ein, der daraufhin in vollendeter Harmonie erklang. Auch wenn er anders dachte und sich durchringen würde, es zu äußern  wer hörte dem Fünften zu?«

Tag der Vergeltung erzählt die Geschichte von mehreren Personen, deren Lebenswege sich plötzlich (oft indirekt) kreuzen und die sich fortan immer tiefer in Richtung Abgrund bewegen. Da wäre zunächst Adi, das erste Opfer, die auf Druck ihres Vaters den vermeintlichen Täter identifiziert, nur um endlich ihre Ruhe zu finden. Doch sie findet keine Ruhe, erkennt, dass sie womöglich einen falschen Mann beschuldigt und prompt kommt dieser aus der Untersuchungshaft frei, wird eine zweite Frau unter vergleichbaren Umständen misshandelt. Zevo könnte der Polizei derweil erklären, was er mitten in der Nacht vor Adis Haus zu suchen hatte, doch damit würde er sich umgehend ins Gefängnis begeben und noch dazu den mächtigen Unterweltboss Faro gefährden. Dies kann er seiner Frau und seinem geliebten Sohn nicht antun. Eli Nachum wiederum ist ein Polizist alter Schule, den seine Vorgesetzten schon längere Zeit auf dem Kieker haben. Ein »alter Gaul« sei er, der seine Fälle kaum noch lösen könne. So biegt er sich die Lösung etwas zu sehr hin, um einen Erfolg verbuchen zu können, wobei Adis Vater durch sein übereifriges Handeln den Fall schon vorher versemmelt hat.

»Die Verzweiflung zwang ihn in die Knie. Er war nicht raffiniert genug, um all dem standzuhalten. Auf die Schnelle versuchte er Szenarien, Aktionspläne zu entwerfen, war jedoch außerstande, irgendeine Entscheidung zu treffen. Jede Möglichkeit, die er erwog, führte in eine Sackgasse. Wie sollte man zwischen diesen Varianten, von denen eine schlechter war als die andere, wählen?«

Weitere Figuren wie ein Mittelsmann Faros, die Staatsanwältin, zwei gerissene Anwälte und mehr, wechseln sich in den Szenarios ab und tragen mit ihren Entscheidungen dazu bei, dass sich ausnahmslos alle Figuren auf einen Abgrund zu bewegen. Jede/r glaubt, sich selber helfen zu können, doch was folgt sind Fehlinterpretationen, Missverständnisse und irrwitzige Handlungsabläufe. Permanentes lavieren und taktieren und am Ende werden doch die falsche Entscheidung getroffen. Die Geschichte und das Verhalten ihrer Figuren ist sicher arg konstruiert, doch wie Liad Shoham das Tempo immer mehr anzieht und der Strudel des Chaos immer schneller alle in nächste Krise stürzt ist beeindruckend. Wie erwähnt: Wer außergewöhnliche Plots mag ist hier richtig!

Jörg Kijanski, Mai 2016

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