Stadt der Verlorenen von Liad Shoham

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Ir Miklat, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei DuMont.
Folge 1 der Anat-Nachmias-Serie.

  • Or Yehuda: Kinneret Zomra-Bitan Dvir, 2013 unter dem Titel Ir Miklat. 412 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2015. Übersetzt von Ulrike Harnisch. ISBN: 978-3832162894. 412 Seiten.

'Stadt der Verlorenen' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Tel Aviv: Eine Frau wird ermordet aufgefunden. Sie war Mitarbeiterin einer NGO, die sich um afrikanische Flüchtlinge kümmert. Kurz darauf scheint der Fall schon gelöst der Eritreer Gabriel meldet sich bei der Polizei und gesteht den Mord. Doch die Ermittlerin Anat Nachmias hat Zweifel an seiner Schuld. Sie wendet sich an den Leiter der NGO und bittet ihn um Hilfe. So taucht sie in die Schattenwelt der Flüchtlinge und illegalen Einwanderer Israels ein und muss sich dem ungeheuren Elend dieser Menschen stellen.

Anat findet schließlich heraus, dass Gabriel Geld für sein Geständnis erhalten hat. Er wollte seine Schwester aus den Fängen von Schleppern befreien. Drahtzieher in dieser Sache scheint die Mafia zu sein. Doch die Spuren führen noch weiter bis in die Reihen von Polizei und Justiz …

Das meint Krimi-Couch.de: »Vielschichtiger Thriller zur Flüchtlingskrise« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

In Tel Aviv wird Michal Poleg tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die junge Frau arbeitete überaus engagiert für ASSAL, einer NGO, die sich vor allem für Flüchtlinge aus Afrika einsetzt. Dabei geriet sie mit mächtigen Männern aneinander. Dem »Banker«, der am Busbahnhof fragwürdige Geldgeschäfte mit Afrikanern betreibt, deren Lage ausnutzt und für große Gewinne bei seinem noch zwielichtigeren Boss sorgt. Dem Staatsanwalt Jariv Ninio, der angeblich ein weit reichendes Gutachten über Flüchtlinge aus Eritrea unterschlagen haben soll, so dass dies als Äthioper in ihre vermeintliche Heimat ausgeliefert werden können; ein sicheres Todesurteil. Anat Nachmias, Anfang dreißig, übernimmt derweil ihren ersten Mordfall, da ihr Chef im Ausland weilt. Überraschend schnell scheint der Fall gelöst, denn der junge Eritreer Gabriel legt ein Geständnis ab. Doch warum sollte ausgerechnet er Michal ermorden, die sich doch gerade für ihn vehement einsetzte? Ihre Vorgesetzten wollen von Zweifeln nichts wissen. Ein Geständnis ist ein Geständnis, Fall erledigt. Aber die am Tatort gesammelten Fakten wollen nicht so richtig zu Gabriel passen und so ermittelt Anat weiter und kommt einem anderen Mann auf die Spur, den sie für den wahren Mörder hält …

Hohes Tempo, packende Handlung, viele Emotion und Information

Liad Shoam, Bestsellerautor aus Israel, feierte mit Tag der Vergeltung sein beachtenswertes Debüt in Deutschland. Hohes erzählerisches Tempo, ständig wechselnde Perspektiven und zahlreiche Kapriolen im Handlungsverlauf ließen die Herzen der Krimifans höher schlagen. Beim Start seiner Anat-Nachmias-Reihe bleibt er diesem Schema treu. Permanent wechselt die Handlung zwischen der Protagonistin Anat Nachmias, dem Flüchtling Gabriel, Staatsanwalt Ninio, dem »Banker« und nicht zuletzt Itai Fischer, dem Chef von ASSAL. Um nur die wichtigsten Figuren zu nennen. Und auch hier glauben alle Figuren, sich aus ihrer jeweiligen misslichen Lage mit ihren Entscheidungen selber retten zu können. Welch fatale Annahme.

»Das hängt damit zu zusammen, was sie den Juden nach der Schoah angetan haben. Als die Staaten ihnen den Zutritt verwehrten …Dieser Staat ist von Flüchtlingen ins Leben gerufen worden, kapierst du das? Wie können Menschen, die in diesem Staat herangewachsen sind, Flüchtlinge ausnutzen? Das ist unbegreiflich...«

Israel ist ein Land, welches nach dem Holocaust maßgeblich von Flüchtlingen gegründet wurde. Ausgerechnet dort werden jetzt scheinbar Flüchtlinge zu einem Problem, ein einflussreicher Abgeordneter der Knesseth macht mit nationalen Parolen bereits gewaltig Stimmung. Einfühlsam und ebenso vielschichtig beleuchtet der Autor die Parallelwelt, in der Flüchtlinge zumeist leben. Im vorliegenden Fall geht es besonders um Afrikaner, die aus Eritrea und Äthiopien stammen und auf ihrer Flucht oft entsetzliches erlebt haben. Doch anders als Menschen aus Eritrea genießen Äthiopier in Israel keinen Schutz. Da jedoch Eritrea erst 1993 seine Unabhängigkeit erreichte haben viele Eritreer zuvor die äthiopische Staatsbürgerschaft besessen. Mit dieser kuriosen Begründung werden nicht wenige Flüchtlinge ausgeliefert, weswegen ein tiefes Misstrauen zwischen diesen und dem Staat Israel beziehungsweise dessen Staatsapparaten besteht. Auf der anderen Seite erhält man intensive Einblicke wie skrupellose Menschen sich an den Flüchtlingen in Israel bereichern, wie die Schlepperbanden in Afrika arbeiten und was dort die »Ware Mensch« wert ist.

Der eigentliche Mordfall erfährt in seiner Auflösung mehrere Verdächtige und gerät an mancher Stelle doch zur Nebensache, da einen vor allem das Schicksal von Gabriel mitnimmt, zumindest jene Leser, die über ein gewisses Minimum an Empathie verfügen.

»Könntest du einfach ein wenig plaudern, ohne die Frauen zu erwähnen, die im Sinai vergewaltigt werden?«
»Darf ich vom Wetter sprechen?«
»Da mir alles andere zu riskant ist, halte ich das Wetter für ein geistreiches Thema.«
»Dann kann ich also zur Sprache bringen, wie kalt es den Asylsuchenden im Lewinsky-Park ist und wie sie dort im Regen stehen, vor Kälte zittern, Hunger haben und dass es keinen kümmert?«

Derweil stößt Anat bei ihren Ermittlungen auf polizeiinterne Hürden, da schnelle Erfolge durchaus gewünscht sind. Zumal man auch nicht in die hitzigen politischen Diskussionen eingreifen möchte, wonach die Polizei eher die Afrikaner schützt, denn die Einheimischen. Offener Rassismus ist längst in Teilen der Gesellschaft hoffähig geworden. Wem dieses Stimmungsbild bekannt vorkommen sollte, mag erahnen, warum man Stadt der Verlorenen auch hierzulande viele Leser wünscht. Packende Unterhaltung mit umfangreichen Hintergrundinformationen gibt es obendrauf.

Jörg Kijanski, Juli 2016

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