Das Blut an euren Händen von Liad Shoham

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Em ha-Moschawot, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei DuMont.
Folge 2 der Anat-Nachmias-Serie.

  • Or Yehuda: Kinneret Zomra-Bitan Dvir, 2013 unter dem Titel Em ha-Moschawot. 368 Seiten.
  • Köln: DuMont, 2016. Übersetzt von Ulrike Harnisch. ISBN: 978-3832163341. 368 Seiten.

'Das Blut an euren Händen' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Anat Nachmias langweilt sich. Sie arbeitet bei der lokalen Polizeistation in Petach Tikwa, wenige Kilometer östlich von Tel Aviv, und kümmert sich um Bagatelldelikte. Als eine Frau auf die Wache kommt und ihren Ehemann als vermisst meldet, stürzt sie sich deshalb mit Eifer in die Ermittlungen. Ihre Vorgesetzten sehen das nicht gern, Schwerkriminalität existiert ihrer Meinung nach nicht in Petach Tikwa, und vor allem verschwinden hier keine Menschen.

Als Ido Dolev, ein Freund des Vermissten, anfängt, sich ebenfalls für den Fall zu interessieren, kommt Schwung in Anats Nachforschungen. Und das nicht nur, weil Ido jung, gut aussehend und witzig ist. Die beiden merken, dass sie zusammenarbeiten müssen, um den Fall aufzuklären. Die brutale Wahrheit, die sie ans Licht bringen, übersteigt alles, was sie sich über die so saubere Stadt hätten ausmalen können.

Das meint Krimi-Couch.de: »Korruption und Wahlkampf schließen sich nicht aus.« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Die Immobilienhaie Brechfeld und Hirsch sind über Generationen die Herrscher von Petach Tikwa, einer beschaulichen Stadt im Schatten Tel Avivs. Bürgermeister Dov Zuriel ist die stadtbekannte Marionette der beiden älteren Herren, ohne deren Zustimmung nichts läuft. Alles geht seinen gewohnten Gang, die meisten Einwohner sind zufrieden, schwerwiegende Verbrechen in Petach Tikwa unbekannt.

Als der Journalist Tamir Dscherbi in den Besitz eines dubiosen Dokumentes kommt, ändert sich die Situation jedoch umgehend. Kurz darauf fehlt von Dscherbi jede Spur. Anscheinend wollte er sich von seiner schwangeren Frau trennen und einfach nur abtauchen, doch für einfache Lösungen ist die junge Ermittlerin Anat Nachmias noch nie zu haben gewesen. Sie beginnt zu recherchieren und stößt schon bald in ein tiefes Wespennest aus Korruption und Vorteilsnahme. Dabei tobt der Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters bereits in vollen Zügen. Ausgerechnet ihr angehender Schwiegervater gerät in das Zentrum ihrer Ermittlungen …

Korruption ist ein weitläufiges Gebiet und ein noch lukrativeres Geschäftsmodell

Seit Stadt der Verlorenen sind einige Monate ins Land gegangen. Anat Nachmias bat um ihre Versetzung und steht kurz vor der Heirat mit Gili Zuriel, Sohn des Bürgermeisters von Petach Tikwa, nachdem sich eine frühere Beziehung zerschlagen hat. In dem kleinen Städtchen wo nichts passiert was nicht passieren darf, da die beiden Oligarchen Brechfeld und Hirsch über alles wachen, macht sich für Anat jedoch schnell Langeweile breit.

»Als ich hierher kam und begriff, dass hier zwei Familien das Sagen haben, ohne deren Erlaubnis keiner auch nur einen Furz lässt, nicht einmal die Polizei, dachte ich, man müsse etwas unternehme und bildete mir ein, es sei möglich. Von wegen. Gegen diese riesigen Windmühlen könnte nicht einmal Don Quijote etwas ausrichten. Was hier alle wollen – und ich spreche von allen, vom Bürgermeister bis zum letzten Einwohner, vom Leiter der Polizeidirektion bis zu den Streifenpolizisten -, ist Ruhe: Das alles so bleibt, wie es immer war und um Himmels willen die Sicherheit nicht erschüttert wird, in der sich der israelische Mainstream wiegt, satt und selbstzufrieden, wie er ist.«

Daher stürzt sie sich in den Fall des verschwunden Journalisten – und damit in reichlich Probleme. Warum sie die Ermittlungen überhaupt leiten darf sei dahingestellt, denn auch die vorgetragene »Begründung« kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Anat als künftige Schwiegertochter eines der Hauptverdächtigen stark involviert und damit alles andere als unbeteiligt ist. Als zweiter, noch wesentlich größerer Schwachpunkt ist anzumerken, dass Anats Schwiegermutter oftmals nicht mit ihrem Namen, sondern mit »Wenn ihr mich fragt« bezeichnet wird. Was mag da den Erfolgsautor aus Israel bloß geritten haben? Nervig und auf Niveau eines Groschenromans wie Wenn ihr mich fragt’ sagen würde (sinngemäß).

»Leute wie Zuriel verwischen ihre Spuren. Sie pinkeln ins Schwimmbecken, aber nie vom Sprungbrett, wo alle es sehen könnten.«

Sieht man von den beiden vorgenannten Punkten ab, liegt mit Das Blut an euren Händen nunmehr bereits der dritte Roman des (nicht nur) in Israel erfolgreichen Liad Shoham vor, der auch bei diesem Werk seinem bisherigen Muster treu bleibt. Hohes Tempo, kurze Kapitel und zahlreiche Szenenwechsel aus verschiedenen Perspektiven sorgen für reichlich Spannung beim Lesen. Da wären die »Herrscher der Stadt« namens Blechfeld und Hirsch, der unangefochtene Bürgermeister, der auch nach 25 Amtsjahren vor der Wiederwahl steht und etliche Figuren mehr, die hier nicht verraten werden sollen. Nur so viel, ein Mafiaboss aus Tel Aviv ist erneut mit von der Partie und sorgt für zusätzliche Verwirrung.

Es wird bei der Vergabe wichtiger Bauprojekte bestochen und manipuliert was das Zeug hält und selbstredend im Wahlkampf mit harten Bandagen gekämpft. Dabei hat der amtierende Dov Zuriel eigentlich nichts zu befürchten, wenn da nicht …Neben kurzweiligen Einblicken in die verschiedenen Formen der Korruption auf diversen Ebenen kommt es natürlich noch zu Kapitalverbrechen, die ihrer Auflösung harren. Auch hier bleibt Liad Shoam seinem bekannten Muster treu und so ahnen seine Leser womöglich im Verlauf der Lektüre, wen man zumindest als Täter ausschließen kann. Insgesamt ist der zweite Anat-Nachmias-Band empfehlenswert und es bleibt interessant, wie sich die Serie mit der eigenwilligen und sympathischen Protagonistin weiter entwickeln wird. Auch in ihrem Privatleben.

Jörg Kijanski, Juli 2016

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