Jedem das Seine von Leonardo Sciascia

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1966 unter dem Titel A ciascuno il suo, deutsche Ausgabe erstmals 1968 bei Walter.
Ort & Zeit der Handlung: Sizilien, 1930 - 1949.

  • Turin: Einaudi, 1966 unter dem Titel A ciascuno il suo. 109 Seiten.
  • Berlin: Volk und Welt, 1968 Tote auf Bestellung. Übersetzt von Arianna Giachi. 189 Seiten.
  • München: dtv, 1971 Tote auf Bestellung. Übersetzt von Arianna Giachi. ISBN: 3423007664. 127 Seiten.
  • München: dtv, 1987 Tote auf Bestellung. Übersetzt von Arianna Giachi. ISBN: 3423108002. 150 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2001 Tote auf Bestellung. Übersetzt von Arianna Giachi. ISBN: 3-7466-1716-2. 136 Seiten.
  • Berlin: Wagenbach, 2008. Übersetzt von Arianna Giachi. ISBN: 978-3803125972. 139 Seiten.
  • Berlin: Wagenbach, 2012. Übersetzt von Arianna Giachi. ISBN: 978-3803126870. 136 Seiten.

'Jedem das Seine' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Auf eine anonyme Morddrohung reagiert der Apotheker eines kleinen Dorfes auf Sizilien mit Gelassenheit – er hält das ganze für einen schlechten Scherz. Wenige Tage später wird er gemeinsam mit seinem Freund Dr. Roscio tot aufgefunden. War es ein Verbrechen aus Leidenschaft? Der Schullehrer Paolo Laurana vermutet mehr dahinter und ermittelt auf eigene Faust. Nach einem Gespräch in Rom wird ihm klar, dass die Mafia die Hand im Spiel hatte. Aber dem eigentlichen Mörder ist er schon längst über den Weg gelaufen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Kann man den Genuss dieses Buches noch erhöhen?« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

August 1964: In einem kleinen Ort auf Sizilien erhält der Apotheker Manno einen Drohbrief:

»Dieser Brief ist Dein Todesurteil, für das, was Du getan hast, musst Du sterben.«

Manno und die Dorfbewohner halten den Brief zunächst für einen Scherz, der ihn und seinen Jagdpartner, den Arzt Dr. Roscio, womöglich nur von der Eröffnung der diesjährigen Jagdsaison abhalten soll. Doch genau zu diesem Anlass, nur eine Woche später, geschieht das Unfassbare: Manno und Dr. Roscio werden während der Jagd erschossen. Offensichtlich sind zwei Täter zu Werk gegangen, denn Manno und Roscio, beide hervorragende Schützen, hatten während ihrer Jagd die Gewehre stets schussbereit und hätten für nur einen Täter ein unkalkulierbar großes Risiko dargestellt.

Während in der Folgezeit Gerüchte die Runde machen, dass die Ursache des tragischen Vorfalles vermutlich eine geheime Liebschaft des Apothekers sein muss, entdeckt der Lehrer Laurana, dass der Drohbrief aus Wörtern der kirchlichen Zeitschrift »Osservatore Romano« ausgeschnitten wurde. Neugierig geworden, versucht er das Geheimnis des Doppelmordes zu entschlüsseln und trifft dabei auf einen ehemaligen Schulkollegen, der mittlerweile für die Kommunisten im Abgeordnetenhaus in Rom sitzt. Dieser erzählt ihm, dass ihr gemeinsamer Schulfreund Dr. Roscio ihn vor wenigen Wochen besucht und gefragt habe, ob er bereit sei, die Schandtaten eines der großen Honoratioren seines Ortes publik zu machen.

War der Drohbrief an den Apotheker womöglich also nur eine Ablenkung und das eigentliche Opfer Dr. Roscio? Und wer war der geheimnisvolle Honoratior, der angeblich überall seine Finger im Spiel hatte??

Wer sich für die »vornehme Gesellschaft« und hier vor allem für die »Gedankenwelt bzw. das Innenleben« eines Sizilianers interessiert und es zudem auch noch gerne sehr (!) ruhig mag, der ist bei Leonardo Sciascias Mafia-Romanen stets bestens aufgehoben. Wunderbar treffend zeigt der Autor auf, wie die Dinge ihren Gang nehmen. Ein angesehener Apotheker und ein Doktor werden bei der Jagd ermordet und was passiert: Nichts! Alle schauen weg. Alle bis auf den Einen möchte man in Anlehnung an die Asterix-Hefte einwerfen, doch Sciascia wäre nicht er selbst, würde der vermeintliche »Held« des Buches (der Lehrer Laurana) auch am Ende den Sieg davon tragen. Nein, es ist wie immer: Die kleinen Leute müssen bezahlen, damit den Großen nichts passiert.

Nun könnte man meinen, dass ein Schriftsteller, der u. a. für die Kommunistische Partei vorübergehend im Stadtrat von Palermo saß, zwangsläufig gegen die »Großen« (gegen Kirche und Polizei sowieso) schreiben muss. Kein Wunder somit, dass sich entsprechende Charaktermerkmale bei Laurana ständig finden lassen, doch davon abgesehen, liefert Sciascia einen entlarvenden Blick auf die Bevölkerung der von der Mafia beherrschten Insel Sizilien.

Viele Einwohner des Dorfes wissen ganz genau wer hinter dem Doppelmord steht und kennen dessen Motiv nur allzu gut. Aber es gilt das Gesetz des Schweigens, denn selbst Laurana hat erkannt, dass dies der beste Weg ist und sei es nur aus purer Selbstgefälligkeit:

»Und diese uneingeschränkte Selbstgefälligkeit hatte etwas mit der jahrhundertealten Schande zu tun, die ein geknechtetes und immer besiegtes Volk dem Gesetz und denen anlastete, die seine Werkzeuge waren, und mit der noch immer lebendigen Überzeugung, dass für den, der wirklich Wert auf Recht und Gerechtigkeit legt und sie nicht dem Schicksal oder Gott überlassen will, eine Jagdflinte das beste Mittel ist, sich dieses Recht und diese Gerechtigkeit zu verschaffen.«

Klageschrift gegen »Das Gesetz des Schweigens«

Laurana stellt trotzdem weiter unangenehme Fragen, denn er fühlt sich intellektuell herausgefordert dem Täter auf die Spur zu kommen. Doch in einer Gesellschaft, in der vor lauter Angst, der Täter nahezu uneingeschränkt als anerkanntes Mitglied derselben weiter leben kann, wundert einen der Ausgang des Buches nicht. Er ist gerade zu zwingend und endet mit einem Dialog zwischen zwei Dorfbewohnern:

»Ich habe etwas erfahren, was aber unter uns bleiben muss. Es betrifft den armen Laurana.«
»Er war ein Dummkopf.«

Und damit endet ein nur 150 Seiten kurzes Büchlein, dass einem in mitunter humorvoller Erzählweise eindrucksvoll vermittelt, warum das organisierte Verbrechen nahezu unbehelligt seinen Geschäften nachgehen kann. Es ist aber ebenso eine »Klageschrift gegen das Schweigen«, was zeitlebens Sciascias Ansinnen war, und gegen das Wegsehen einer ganzen Gesellschaft.

Kann man den Genuss dieses Buches noch erhöhen? Ja, in dem man beispielsweise eine Musikkompilation der CD-Reihe »La Musica della Mafia« auflegt, eine Sammlung von originalen Mafia-Liedern (einige gesungen von echten Mitgliedern der Gesellschaft – Einer von ihnen fand sein vorzeitiges Ende, nachdem er eine Liaison mit der Frau seines Clanchefs hatte), deren düstere, schaurig-schöne Stimmung einen aufwühlen. Wären da nur nicht diese kaum verdaulichen Texte mit ihrem unsäglichen Pathos über Blut, Ehre und Verschwiegenheit.

Übrigens: Wer Action sucht oder bis zum Schluss nach dem Täter suchen möchte, der ist hier gänzlich fehl am Platz. Aber das, ist bei Sciascia ja ohnehin klar.

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