Der Zusammenhang von Leonardo Sciascia

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1971 unter dem Titel Il contesto, deutsche Ausgabe erstmals 1974 bei Benziger.
Ort & Zeit der Handlung: Sizilien, 1970 - 1989.

  • Turin: Einaudi, 1971 unter dem Titel Il contesto. 122 Seiten.
  • Zürich; Köln: Benziger, 1974 Tote Richter reden nicht. Übersetzt von Helene Moser. ISBN: 354536187X. 157 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1978 Die Macht und ihr Preis. Übersetzt von Helene Moser. ISBN: 3-548-03524-8. 125 Seiten.
  • Berlin: Neues Leben, 1980 Tote Richter reden nicht. Übersetzt von Helene Moser. 142 Seiten.
  • München: dtv, 1988 Tote Richter reden nicht. Übersetzt von Helene Moser. ISBN: 3423108924. 134 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2001. Übersetzt von Helene Moser. ISBN: 3-7466-1787-1. 128 Seiten.
  • Berlin: Wagenbach, 2010. Übersetzt von Helene Moser. ISBN: 978-3803126443. 125 Seiten.

'Der Zusammenhang' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ein Justizbeamter wird im tiefsten Sizilien ermordet. Der scharfsinnige Polizeiinspektor Rogas soll die Ermittlungen übernehmen. Erst als weitere Richter sterben müssen, konzentrieren sich seine Untersuchungen auf den Apotheker Cres, der vor Jahren einem Justizirrtum zum Opfer gefallen war. Der Fall scheint also klar. Doch Rogas muß bald feststellen, dass seine Ermittlungen von höherer Stelle irregeführt wurden. Als er die mafiose Komplizenschaft aufdeckt, die bis zum Obersten Gerichtshof reicht, unterschreibt er sein eigenes Todesurteil.

Das meint Krimi-Couch.de: »Politische Verbrechen, die Mafia und die Kritik an dem Gesetz des Schweigens« 70°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Zunächst wird Staatsanwalt Varga erschossen, kurz darauf der Richter Sanza und nur vier Tage nach dessen Ermordung 100 Kilometer entfernt Richter Azar. Aber es sterben noch andere hochrangige Persönlichkeiten und Inspector Rogas hat alle Hände voll zu tun, weitere Taten zu verhindern. Als er alte Prozessakten durchgeht, stellt er fest, dass lediglich Varga und Azar in verschiedenen Gerichtsverfahren beruflich zusammen gearbeitet haben. Die übrigen Toten scheinen hingegen willkürlich ausgewählt. Schon bald fällt Rogas Verdacht auf den Apotheker Cres, der vor zehn Jahren (vermutlich unschuldig) zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, da er angeblich versucht haben soll, seine Frau umzubringen.

Nachdem ein weiterer Mord an einem Staatsanwalt geschieht und mehrere Zeugen zwei junge Männer vom Tatort fliehen sehen, ist nicht nur die Presse zur Stelle, sondern auch Rogas Vorgesetzte, die sich darüber verwundert äußern, dass er nur eine einzelne Person den Taten verdächtigt und nicht eine entsprechende Organisation. Rogas erhält den Auftrag, näher mit der »politischen Abteilung« zusammenzuarbeiten, die gleich mehrere verdächtige Gruppierungen parat hält. Aber Rogas glaubt nicht an eine politische oder sonstige Verschwörung, sondern bleibt bei seiner These eines Rachefeldzuges von Cres. Nachdem Rogas seine Recherchen sogar bis zum Obersten Gerichtshof führen und er dort auf mafiose Tätigkeiten stößt, gerät auch sein eigenes Leben in Gefahr...

Politische Verbrechen, die Mafia und die Kritik an dem »Gesetz des Schweigens« zeichnen Sciascias Werke aus und auch wenn der vorliegende Roman in keinem konkreten Land spielt, so drängen sich anlässlich der Ermordung von Richtern und Staatsanwälten augenblicklich Verbindungen zu Italien auf. Wie das Buch für Rogas endet, weis der Leser, sofern er bereits Romane Sciascias (z. B. Tote auf Bestellung) gelesen hat. Der vorgenannte Titel ist für »Einsteiger« in Sciascias Werk sicher vorzuziehen, denn »Der Zusammenhang« teilt sich in zwei Hälften auf. Der erste Teil erzählt von den Ermittlungen Rogas mit einem herrlichen ironisch-zynischem Unterton, der zweite Teil hingegen enthält mitunter nur schwer verdauliche ins philosophische abgleitende Passagen. So schlägt beispielsweise der Präsident des Obersten Gerichtshofes – wenngleich sehr gekonnt – zum Thema »Justizirrtümer« den Bogen bis in die Vorzeit der Französischen Revolution und dort zu dem berühmten Fall »Calas«, in den bekanntlich der berühmte Voltaire »eingriff« (u. a. thematisiert in Voltaires Kalligraph von Pablo de Santis).

Die ersten rund 90 Seiten sind jedoch vorzügliche (mitunter eher »belustigende«, denn spannende) Unterhaltung. Selbst das Evangelium muss herhalten:

»Es heißt dort auch: >Ich bin nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.<«
»Wer sagt das?«
»Christus hat es gesagt.«
»Ja, es ist vom Schwert die Rede. Aber ich hätte nie gedacht, dass Christus...«
»Es kann eine Metapher sein. Das Schwert, meine ich.«
»Aber die Kaliber 38, um die es in unserem Fall geht, ist keine...«

Wer Sciascia kennt, dem ist klar, dass bei dieser als Parodie ausgelegten Story zahlreiche Kritik an den staatlichen Behörden (Gerichte wie Polizei) schon fast zum guten Ton dazugehört. Zwei Ausflüge in die Gedankenwelt von Rogas:

»Rogas stellte eine summarische Prüfung der Beweggründe an, welche die Polizei den Verhafteten unterschob: nur ein Wahnsinniger hätte sich von solchen Motiven verleiten lassen, einen Mord zu planen und auszuführen. Nachdem keiner von ihnen verrückt schien, jedenfalls nicht so verrückt wie Inspektor Magris, der die Polizei des Ortes befehligte, sorgte Rogas dafür, dass sie wieder freigelassen wurden.«

»Indes, es musste nicht unbedingt Flucht sein: vielleicht hatte Cres tatsächlich nichts gemerkt und war offen, ohne jede Vorsichtsmaßnahme fortgegangen, sogar vor den Augen des Polizisten, der in der drückenden Mittagshitze mit dem Schlaf kämpfte und über seinem Erfrischungsgetränk den Grund vergessen hatte, aus dem er seit Stunden im Cafe saß.«

Für Leser, die hauptsächlich beim Lesen vom Alltag »abschalten« wollen, ist »Der Zusammenhang« trotz seines mit Ironie gespickten Auftaktes aufgrund des etwas verquer erscheinenden Endes nur eingeschränkt zu empfehlen. Ansonsten glänzt Sciascia in bewohnter Manier, wenngleich meines Erachtens »Der Tag der Eule« und der bereits erwähnte Roman »Tote auf Bestellung« vorzuziehen sind. Dennoch: Sciascia ist (bzw. war) einer der großen Erzähler Italiens und so bietet auch dieses Werk sehr wohl lesenswerte, kurzweilige Unterhaltung zu den eingangs erwähnten Themen.

Ihre Meinung zu »Leonardo Sciascia: Der Zusammenhang«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

KARL zu »Leonardo Sciascia: Der Zusammenhang« 31.03.2009
Das Buch ansich ist keineswegs schlecht. Doch der Schluss ist ziemlich unklar und darum empfinde ich das Buch nicht empfehlenswert. Auch wenn die Hintergrundgeschichte durchaus interessante Aspekte hat. Natürlich hat dieMafia in Italien einen großen Einfluss aber gleich alle Regierungsparteien zu beschuldigen ihr anzugehören ist etwas hochgegriffen.
Andreas zu »Leonardo Sciascia: Der Zusammenhang« 21.11.2005
Es war mein erstes Buch von diesem Autor.
Es war weder "Fisch noch Fleisch"; übersetzt: ich fand es weder gut noch schlecht. Wahrscheinlich hätte ich es nach 50 Seiten an die Seite gelegt, wenn das Buch nicht nur 128 Seiten gehabt hätte.

Sciascia bezeichnet dieses Buch selbst als Parodie. Dies hätte ich von allein nicht erkannt.

Ich werde sicher noch einmal ein Buch von Sciascia lesen (vielleicht "Der Tag der Eule") und erhoffe mir davon einen spannenden Mafiaroman. "Der Zusammenhang" reicht jedenfalls nicht, um ein Fan des Autors zu werden.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Der Zusammenhang

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: