Der Tag der Eule von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1961
unter dem Titel Il giorno della civetta,
deutsche Ausgabe erstmals 1964
bei Walter.
Ort & Zeit der Handlung: Sizilien, 1950 - 1969.
- Turin: Einaudi, 1961 unter dem Titel Il giorno della civetta. 161 Seiten.
- Olten; Freiburg im Breisgau: Walter, 1964. Übersetzt von Arianna Giachi. 174 Seiten.
- Berlin: Volk und Welt, 1966. Übersetzt von Arianna Giachi. 218 Seiten.
-
München: dtv, 1987.
Übersetzt von Arianna Giachi.
ISBN:
3423107316. 141 Seiten. -
Berlin: Aufbau, 2000.
Übersetzt von Arianna Giachi.
ISBN:
3-7466-1656-5. 132 Seiten. -
München: Süddeutsche Zeitung, 2006.
Übersetzt von Arianna Giachi.
ISBN:
978-3866152397. 102 Seiten. -
Berlin: Wagenbach, 2009.
Übersetzt von Arianna Giachi.
ISBN:
978-3803126191. 140 Seiten.
'Der Tag der Eule' ist erschienen als
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In Kürze:
Ein brutaler Mord am hellichten Tag und vor Zeugen ausgeführt – Mafia-Alltag auf Sizilien. Keiner der Zeugen will jedoch etwas gesehen haben. Hauptmann Bellodi, frisch aus dem Norden in diese fremde Welt gekommen, übernimmt diesen Fall. Bei dem Ermordeten handelt es sich um Colasberna, Vorsitzender einer Baugenossenschaft und Sozialist, der sich dem »Schutz« der Mafia verweigerte. Bellodi weiß sofort, wo er die Mörder zu suchen hat, stößt aber bei den Ermittlungen nur auf wenig Kooperationsbereitschaft unter seinen Kollegen. Dennoch sucht er unbeirrt nach den Mördern weiter. Ein Kontaktmann, der – wie sich herausstellt – ebenfalls für die Mafia arbeitet, nun aber versucht, seinen Kopf noch rechtzeitig aus der Schlinge zu ziehen, führt ihn schließlich auf eine heiße Spur, die einigen führenden Persönlichkeiten im Ministerium Kopf und Kragen kosten könnte. Man befürchtet einen Skandal nationalen Ausmaßes. Bollodi hat tief in ein Wespennest gestochen.
Das meint Krimi-Couch.de: »Wie sich Sizilien als Insel in der Ferne verselbständigt«
Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter überspringen
»Der Tod ist nichts im Vergleich zur Schande«
Am hellichten Tag wird Salvatore Colasberna, Vorsitzender einer Baugenossenschaft, erschossen. Von hinten, als er gerade den vollbesetzten, zur Abfahrt bereitstehenden Autobus besteigt. Die Carabinieri stehen vor einem Problem, das ihnen wohlbekannt ist: Keiner hat etwas gesehen, niemand kann sich erinnern, ein Zeuge glaubt erst nach Stunden sich an etwas Ähnliches wie einen Kohlensack zu erinnern, an die Kirchenecke gelehnt, aus dem es geblitzt hat. Einzelne mühsam aufgetriebene Fahrgäste beklagen die von innen angelaufenen Fensterscheiben.
Für den Fall ist Hauptmann Bellodi zuständig. Er kommt aus Parma, also vom Festland, und ist überzeugter Republikaner mit unerschütterlichem Glauben an Recht und Ordnung. Obwohl erst relativ kurz im Amt, hat er bereits einen Ruf als unbestechlicher, gesetzestreuer und gewissenhafter Staatsdiener. In Mafiakreisen gilt er daher als Kommunist.
Bald ist er mit der spezifischen sizilianischen Interpretation von Recht und Ordnung konfrontiert, wo Gesetz ein irrationales Phänomen ist, abhängig von dem, der gerade die Macht hat, Polizeipräsident, Richter oder Minister.
Colasberna ist offensichtlich deshalb ermordet worden, weil er sich weigerte, Schutzgeld an die Mafia zu bezahlen. Bellodi befragt zu diesem Fall den Kontaktmann der Carabinieri, Dibella, einen üblen Kredithai, der als Spitzel fungiert. Dibella nennt zwei Namen, von denen einer eine heiße Spur ist.
Mittlerweile wird man in Rom bis in gewisse höchste und der Mafia zugehörige politische Kreise auf Bellodis Ermittlungen aufmerksam, und eine Gegenreaktion beginnt sich zu formieren. Dibella erkennt, dass ihn seine Spitzeltätigkeit in Lebensgefahr gebracht hat, und nennt, kurz bevor er von der Mafia ermordet wird, aus Angst zwei weitere Namen, diesmal aber entscheidende.
Mit enormen Stehvermögen, genauesten Recherchen und psychologischen Tricks kann Hauptmann Bellodi den Fall klären, aber er muss erkennen, dass in Sizilien die Uhren etwas anders gehen …
Leonardo Sciascia war Sizilianer. Er hat in seinen Büchern stets die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse Siziliens in den Mittelpunkt gestellt, war ein nach allen politischen Seiten hin unbequemer Freigeist. Für ihn war die Mafia eine Metapher für Gewalt, Korruption und Machtmissbrauch. Wie in anderen seiner Bücher analysiert er in »Der Tag der Eule« die geheimen Machtstrukturen in Italien, die durch Verflechtung von Mafia, Politik und Kirche entstanden sind.
Das Buch ist 1961 erschienen, seit damals haben sich die Zeiten in Italien aber geändert. Sizilianische Krimi-Schriftsteller von heute sind unter anderen Andrea Camilleri, Santo Piazzese oder Enzo Russo.
Piazzese sagt, die Mafia hat sich stark verändert, ihre früheren Werte – Ehre, Loyalität, Omertá – sind verschwunden, heute ist sie eine kriminelle Organisation wie jede andere auch. Sie mordet zur Zeit kaum noch, ist Bestandteil der Globalisierung geworden und wickelt ihre Geschäfte übers Internet ab. In den Büchern von Piazzese und auch Camilleri spielt die Mafia eigentlich keine Rolle mehr.
Liest man Leonardo Sciascia heute, so treten die damals aktuellen tagespolitischen Bezüge naturgemäß in den Hintergrund, sein vehementes Engagement gegen die Mafia liest man eher aus historischem Interesse. In einer Zeit, in der das Wort »Reizschwelle« fast schon ein obsoleter Terminus ist, liest sich das Buch beinahe gemütlich.
Trotzdem muss man sich bewusst sein, dass Sciascia auf seine Weise sehr konsequent war. Da in den sechziger Jahren keine Möglichkeit bestand, die Mafia mit einem Schlag zu beseitigen, gibt es in seinen Büchern auch kein eigentliches »Happyend«, insofern war er Pessimist.
Warum kann man ihn heute noch lesen? Aus folgenden Gründen: Er war ein ausgezeichneter Schriftsteller, Vorbild für viele nachfolgenden Autoren, wie etwa Jean-Claude Izzo. Seine Bücher zeichnen sich aus durch hohes sprachliches Niveau, interessanten Aufbau und durchdachte Gliederung der Handlung, glaubhaftes soziales und ethisches Engagement, humorvoll – ironische Darstellung seiner sizilianischen Landsleute sowie detaillierte historische Analyse der politischen Verhältnisse in Italien.
Als Beispiel für seine ironischen Betrachtungen der nun folgende Auszug aus der typisch sizilianischen Reaktion der vielen Tatzeugen auf den Mordanschlag, den Sciascia fast wie eine Szene aus Don Camillo anlegt:
»Der Schaffner fluchte. Der Pastetenverkäufer, der drei Meter von dem Gestürzten entfernt stand, zog sich im Krebsgang Richtung Kirchentür zurück. Im Autobus rührte sich niemand.. …jahrhundertealtes Schweigen schien auf ihren Gesichtern eingegraben.. …die Carabinieri kamen.. …wie eine Alarmglocke schreckte ihr Erscheinen die Fahrgäste aus ihrem dumpfen Brüten auf. Sie begannen, hinter dem Schaffner durch die andere Tür auszusteigen.. …scheinbar gleichgültig, als schauten sie nur zurück, um die Kirchtürme aus dem richtigen Abstand zu bewundern, strebten sie dem Rand des Platzes zu und bogen in die Gassen ein.. …als sich der Platz geleert hatte, war auch der Autobus leer. Nur der Fahrer und der Schaffner blieben übrig.«
Sciascia verwendet eine collageartige Technik, indem er mehrere unterschiedliche Elemente aneinander reiht: Abläufe der Handlung, oft etwas distanziert erzählt, Gespräche von im Hintergrund agierenden Personen, manchmal anonym, und Erzählungen einzelner Menschen, die historische Erklärungen liefern.
Dieses Buch ist eher kurz, leicht zu lesen, ausreichend spannend, mit historischen Bezügen, Analyse und ironischer Betrachtung der von der Mafia dominierten sizilianischen Verhältnisse und Bevölkerung in den sechziger Jahren.
Gegen Ende zeigt Sciascia, warum er ein großer Schriftsteller ist: Bellodi, zurückgekehrt nach Parma, sieht, wie sich Sizilien als Insel in der Ferne verselbständigt, und die Verhältnisse dort existieren nur noch als Stoff für Erzählungen und Anekdoten der Jugendlichen. Die Machtlosigkeit der Mafia gegenüber und Sciascias eigenes Verhältnis zu Sizilien kristallisiert sich in Hauptmann Bellodi:
»...gegen Mitternacht kehrte er nach Hause zurück und ging zu Fuß durch die ganze Stadt. Parma war vom Schnee verzaubert, stumm und menschenleer. In Sizilien fällt nur selten Schnee, dachte er. Und vielleicht hing die Eigenart einer Zivilisation vom Schnee oder von der Sonne ab, je nachdem, ob Schnee oder Sonne überwog.
Er fühlte sich ein wenig verwirrt.
Aber ehe er zu Hause ankam, wusste er ganz deutlich, dass er Sizilien liebte und dass er dorthin zurückkehren würde.
«Ich werde mir den Kopf daran einrennen», sagte er laut.«
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| Carina zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 02.06.2010 |
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| Volker zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 10.12.2009 |
| Michaela zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 02.12.2009 |
| Tom zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 25.09.2009 |
| tommi zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 29.11.2008 |
| mani zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 02.08.2008 |
| DETNO zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 24.04.2008 |
| Lee Grüße die 10e der RealNbb zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 29.01.2008 |
| lev25 zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 22.09.2007 |
| hoffmann9471 zu »Leonardo Sciascia: Der Tag der Eule« | 25.08.2007 |
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