Der Nebel von gestern von Leonardo Padura

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel La neblina del ayer, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Unionsverlag.

  • Barcelona: Tusquets, 2005 unter dem Titel La neblina del ayer. 363 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2008. Übersetzt von Hans-Joachim Hartstein. ISBN: 978-3293003880. 363 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2010. Übersetzt von Hans-Joachim Hartstein. ISBN: 978-3293204843. 379 Seiten.

'Der Nebel von gestern' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Not macht erfinderisch. Auch Mario Conde, der sich als Antiquar durchs Leben schlägt – kein schlechtes Geschäft in Zeiten, in denen viele Kubaner ihre Bücher zu Geld machen müssen. Eines Tages stößt Conde auf eine außerordentlich wertvolle, seit vierzig Jahren vergessene Bibliothek. All seine Geldsorgen scheinen mit einem Schlag gelöst.

Doch dann entdeckt er zwischen den bibliophilen Kostbarkeiten eine Zeitschrift aus den Fünfzigerjahren mit dem Porträt der Bolero-Sängerin Violeta del Río. Ihr Bild und die einzige Schallplatte, die sie vor ihrem rätselhaften Tod aufgenommen hat, verzaubern ihn. Er macht sich auf die Suche nach ihr und dringt vor in das Havanna von gestern, zu den letzten Zeugen jener wilden Jahre, in die Welt der Boleros, der Mafia und der Spielhöllen, aber auch in das zerfallende, melancholische Havanna der Gegenwart.

Das meint Krimi-Couch.de: »Früher oder später« 76°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Früher war alles besser. Früher kannt Mario Conde in seinem alten Beruf als Kommissar noch so was wie Begeisterung. Früher konnte man mit einem geregelten Job noch genug Geld verdienen, um eine Familie zu ernähren. Früher war Carlos, der Dünne, wirklich noch ein dünner Mann. Früher konnte man es sich noch leisten, Lebensmittel einzukaufen und hin und wieder ein Festmenü zuzubereiten. Früher, vor der Revolution, gab es noch Bars, Nachtclubs und Casinos auf Kuba, in denen das Nachtleben brodelte. Früher gab es noch Sängerinnen, die mit wahrem Herzblut sangen und in ihren Zuhörern das Feuer der Leidenschaft entfachten. Und aus früheren Zeiten stammen Bücher, für die in den Antiquariaten heutzutage wahre Rekordpreise erzielt werden können.

Leonardo Padura blickt mit Der Nebel von gestern zurück auf ein halbes Jahrhundert nationaler kubanischer Geschichte und rund 300 Jahre Geschichte des Buchdrucks auf Kuba. Sein Held, es ist wieder einmal Mario Conde, inzwischen Endvierziger und seit über zehn Jahren nicht mehr in Reihen der Polizei, ist ein sehr idealistischer Antiquar, stets auf der Suche nach alten Büchern, die er für gute Preise wieder verkaufen kann. In einer heruntergekommenen Villa entdeckt er eine über vierzig Jahre nicht berührte Bibliothek, in der sämtliche Schätze der Buchdruckkunst auf Kuba zu schlummern scheinen. Conde weiß, dass zwischen diesen Büchern das ein oder andere Geheimnis darauf wartet, gelüftet zu werden.

Die Faszination des Boleros

In einem alten Kochbuch entdeckt Conde einen Zeitungsartikel über die Sängerin Violeta del Rio. Da ihm der Name bekannt vorkommt, beginnt er sich für die Frau, ihren Gesang und sodann auch für ihr Schicksal zu interessieren. Warum beendete die so begabte Sängerin ihre Karriere früh und starb kurz darauf eines gewaltsamen Todes? Conde entdeckt nicht nur dass sein eigener Vater von der Faszination der Sängerin wie geblendet war, sondern dass Violeta auch Kontakte in hohe und nicht immer ganz saubere Geschäftskreise hatte. Der Mann an ihrer Seite war Alcides Montes de Oca, der ehemalige Besitzer der von Conde entdeckten Bibliothek und einflussreicher Geschäftsmann in den 1950er Jahren auf Kuba. Doch die Geschäfte im kubanischen Nachtleben hatten mitunter mafiöse Züge. Conde will herausfinden, ob diese Beziehungen Ursache für den angeblichen Freitod der Bolero-Sängerin waren.

Dabei versteht es der Autor wie kein zweiter, anhand weniger Absätze die verrauchte Atmosphäre der kubanischen Nachtclubs der 50er Jahre auferstehen zu lassen. Er vertreibt den Nebel, der uns den Blick auf das Gestern verhüllt und präsentiert uns aus der Sicht weniger fiktiver Zeitzeugen, welch wildes Leben vor über 50 Jahren in Havanna herrschte, aber auch welche Veränderungen die sozialistische Revolution und ihre Nachbeben verursachten, worin die Probleme der Gegenwart ihre Ursache sehen. Padura beschreibt eine zerfallende Stadt, die zu Teilen bereits ihre eigenen Gesetze hat und in der nur noch Platz für die Kunst des Überlebens zu bestehen scheint. Die Kunst des schönen Lebens, Vergnügen, Tanz und Musik, das alles ist verborgen hinter jenem Nebel, dem Nebel von gestern.

Ein trauriges, unvollkommenes Ende

Der Nebel von gestern ist ein wundervoll melancholischer Roman, mit dem Padura wieder einmal die Zustände in Kuba durch seine nüchterne Schilderung kritisiert. Die Art und Weise, wie Conde seinem Schicksal ergeben ist, spricht Bände für die Gemütslage einer ganzen Nation. Nur dadurch, dass er die Vergangenheit in noch dunkleren Farben malt, gemischt mit historischen Fakten, scheint das Leben von heute erträglich. Doch was der Autor über gesellschaftlich-politische Hintergründe schreibt und wie das wilde und sorglose Leben von früher beim Leser ankommt, dazwischen herrscht ein Unterschied. Dieser Unterschied ist die spezielle Magie in den Romanen des Kubaners

Der stetige Versuch, Kritik an Politik und System zu üben, mag dem Autor hier jedoch nur streckenweise gelingen. Der Roman zeigt Ansätze subtilerer Gesellschaftskritik. Ansätze, die sogleich verkümmern. Hier war Padura früher deutlicher. Der Protagonist wurde vom Autor konsequent weiter entwickelt, was als schriftstellerische Stärke gewertet werden muss. Im Vergleich zum grandiosen Havanna-Quartett ist Conde nur noch ein Schatten seiner selbst, sein agieren ist zaghafter, zurückhaltender und seine Leidenschaft und Hingabe zündet seltener. Das Finale schließlich hinterlässt einen etwas unbefriedigenden Nachgeschmack. Welche Möglichkeiten hat der Autor sich nicht erarbeitet, um dann diese Auflösung zu finden. Wer weiß, vielleicht wäre größerer Mut vom System des Heimatlandes des Autors bestraft worden. Wir als Leser in einem tausende Kilometer entfernten und viel kälteren Land hätten es dem Autor ohne Zweifel gedankt.

Thomas Kürten, September 2008

Ihre Meinung zu »Leonardo Padura: Der Nebel von gestern«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

tedesca zu »Leonardo Padura: Der Nebel von gestern« 25.08.2008
Nach dem vierbändigen "Havanna-Quartett" und "Adiós Hemingway" ist dies das sechste Buch, in dem Mario Conde ermittelt. Allerdings hat er seinen Polizisten-Beruf schon seit Jahren an den Nagel gehängt und widmet sich nunmehr ganz seinem Lieblingsthema, der Literatur.
Faszinierend ist für mich, wie sich diese Figur von Buch zu Buch weiterentwickelt, Höhen und Tiefen erlebt und die Konsequenzen daraus zieht.
Alle Romane aus dieser Serie dienen eigentlich nur dazu, dem Leser Kuba und insbesondere Havanna näherzubringen. Eine faszinierende Stadt mit einer strahlenden Vergangenheit, von deren Glanz nur mehr Splitter übriggeblieben sind. Und diese sammelt Padura im "Nebel von gestern", wie ein Puzzle setzt er die Teilchen zusammen bis sie die faszinierende Geschichte der Familie Montes de Oca mit dem Schicksal der Bolero-Sängerin Violeta del Rìo in Verbindung bringen.
Ich liebe Paduras Stil, der von lateinamerikanisch poetisch bis ins Derbe reicht, immer angepasst an die Situation, in der sich sein Held gerade befindet. Am schönsten finde ich die Beschreibung der Bibliothek, die Mario durch Zufall entdeckt. Das Flimmern des Staubes im buntgefärbten Licht, die dunkel glänzenden Lederrücken, die Stille und Beschaulichkeit inmitten dieser dem Verfall preisgegebenen Umgebung.
Ein grandioses Buch!
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Der Nebel von gestern

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: