Der Yakuza von Leonard Schrader

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1975 unter dem Titel Yazuka, deutsche Ausgabe erstmals 1987 bei Bastei Lübbe.

  • London: Futura, 1975 unter dem Titel Yazuka. 287 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1987. Übersetzt von Jürgen Bürger. ISBN: 3-404-19100-5. 287 Seiten.
  • Berlin: Alexander-Verlag, 2008. Übersetzt von Jürgen Bürger. Mit einem Nachwort von Norbert Grob. ISBN: 978-3895811913. 341 Seiten.

'Der Yakuza' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Der ehemalige amerikanische Privatdetektiv Harry Kilmer kennt die Spielregeln der Unterwelt Japans und die Gangster, die Glücksspiel, Prostitution und Schutzgelder mit eiserner Hand kontrollieren. Als die Yakuza die Tochter seines alten Kollegen und Freundes George Tanner entführen, reist Kilmer in dessen Auftrag nach Tokio, um das Mädchen aus der Geiselhaft zu befreien. Kilmer wendet sich an den ehemaligen Yakuza Mann Tanaka Ken, der in seiner Schuld steht. Sie geraten in eine blutige Auseinandersetzung mit dem mächtigen Yakuza-Clan und sorgen mit Gewehr und Schwert dafür, daß sich die Reihen der japanischen Mafia dramatisch lichten.
Der schwärzeste und bisher wohl beste Japan-Thriller, der dem Leser eine fremde Kultur näher bringt. Eine fesselnde Geschichte über Schuld, Ehre und den erbitterten Kampf gegen mächtige Mafia-Bosse. Die Yakuza sind Japans organisierte Gangster, die seit einigen hundert Jahren Mafia-Aktivitäten betreiben. Sie halten bis zum heutigen Tag an Kodizes fest und folgen einer strengen Hierarchie.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein glänzender Action-Thriller« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

George Tanner ist ein erfolgreicher Reeder, der den transpazifischen Handel zwischen den USA und Japan abwickelt. Als jedoch seine Tochter in die Klauen eines japanischen Yakuza-Clans gelangt und er innerhalb von drei Tagen zu Gesprächen in Yokohama erscheinen soll, scheinen sich die Vorzeichen für seinen kommerziellen Erfolg jäh zu wenden. Yakuza ist eine japanische Bezeichnung für Gangster. Da Tanner nicht an ernsthafte Verhandlungsabsichten auf Seiten der Japaner glaubt, sucht er eine Möglichkeit, seine Tochter auf anderem Wege zu befreien.

Sein alter Weggefährte Harry Kilmer, den er vor über zwanzig Jahren in Japan kennen gelernt hat und der inzwischen sehr erfolgreich als Privatdetektiv in Los Angeles arbeitet, scheint für die Aufgabe prädestiniert. Harry kennt nicht nur Japan und seine Kultur, sondern auch Tanaka Ken, den Bruder seiner damals großen Liebe Eko und zufälligerweise auch ein Yakuza. Tanaka Ken fühlt sich tief in der Schuld von Harry und begleitet ihn bei der Befreiung von Stephanie Tanner. Doch erst jetzt, viel zu spät, stellt sich Kilmer die Frage, warum Stephanie eigentlich entführt wurde und auf welcher Seite er überhaupt kämpft. Nicht nur sich selbst, sondern auch Tanaka Ken und seine immer noch geliebte Tanaka Eko hat er somit in akute Lebensgefahr gebracht.

Das Buch zum Film zum Buch

Yakuza hat als Roman eine spannende Entstehungsgeschichte. Leonard Schrader ging bereits Mitte der 1960er Jahre als Englischlehrer nach Japan und lernte dort die Kultur des Landes kennen. Als er Anfang der 1970er Jahre die Idee zu Yakuza hatte, sorgte sein damals noch unbekannter Bruder Paul, der heute als Hollywood-Regisseur berühmt ist, für die erste Umsetzung in ein Drehbuch. Dieses Skript wurde von Robert Towne, einem Warner-Bros-Autor zur Filmreife gebracht. Regisseur Sydney Pollack und Robert Mitchum in der Rolle des Harry Kilmer setzten dem »Yakuza« dann noch ihren ganz eigenen Stempel auf. Der Roman erschien erst nach dem Film und so profitierte Leonard Schrader bei seinem Debüt von einer Vielzahl von Impulsen.

Seitenlange Schwertkampfszenen machen Yakuza zu einem herausragenden Action-Thriller. Die Kämpfe sind brutalst-blutig, die Toten unzählbar. Doch der Roman ist mehr als das. Schrader taucht tief in die Kultur und insbesondere das Verständnis von Ehre und Schuld in Japan ein. Mit Tanaka Ken schafft er das Ideal eines rechtschaffenen Samurai in der modernen Welt, der alte Traditionen achtet und Werte aufrecht hält. Vor historischem Hintergrund (alte Kampfkünste, Verbot der Samurai, Verdrängung der Waffenschmiede durch Industrie) baut der Autor so ein romantisches Bild eines Ehrenkodex auf, das in der Gegenwart wohl nur noch in japanischen Kinofilmen existiert. Bemerkenswert, dass Tanner und Kilmer auf ihrem Flug nach Japan genau einen solchen Film zu sehen bekommen.

Ost und West, »kommen« und »gehen«, Ying und Yang

Auch der Widerspruch zu den amerikanischen Umgangsformen wird zwischen den beiden Protagonisten sauber heraus gearbeitet und es ist interessant zu beobachten, wie bei Kilmer die Schuldgefühle wachsen. Je weiter die Situation eskaliert, umso mehr wird ihm bewusst, welche Zumutungen er von Tanaka Ken verlangt hat. Dem ist stets daran gelegen, sein Gesicht zu wahren und jede Handlung ehrenvoll zu begehen. Doch im Gegensatz zu dem ehrenvollen Tanaka Ken kennen die modernen Yakuza-Clans wenig Rechtschaffenheit und beherrschen die japanische Unterwelt. In ihren Händen sind Drogenhandel, Schmuggel, Prostitution, Glücksspiel – die organisierte Bandenkriminalität, die vor Entführung, Mord und Totschlag nicht zurückschreckt. Handelsspielräume der einzelnen Clans sind genau abgesteckt und jede Störung kann das empfindliche Gleichgewicht zerstören, das so zwischen den Clans besteht. Die Befreiung Stephanies schreit nur so nach Vergeltung. Will Tanner also deshalb, dass Kilmer so schnell wie möglich Japan wieder verlässt?

Trotz der immer wieder deutlich erkennbaren Drehbuchspuren ist Der Yakuza ein Roman, der die Gegensätze zwischen den Kulturen bemerkenswert erfasst. Sei es beim Kampfstil (der Hieb des Amerikaners führt nach außen, der des Japaners nach innen), Aggression (Amok vs. Harakiri) oder beim Orgasmus (Amerikaner »kommen«, Japaner »gehen«): Schrader kennt reihenweise Beispiele dafür, dass die Gedankenwelt, Emotionen und letztlich auch die Logik in beiden Kulturen unterschiedlich laufen. Und genau hier hebt sich Der Yakuza von anderen Action-Thrillern sehr positiv ab.

Thomas Kürten, März 2009

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Heino Bosselmann zu »Leonard Schrader: Der Yakuza« 02.09.2016
Heino Bosselmann

Yakuzische Schlachteplatte

Mit Verlaub: Ein Spitzenkrimi ist dies nicht. Zu linear, zu durchsichtig gestrickt, ohne detektivisch zu ermittelnde Geheimnisse und ohne Überraschungen, dies jedoch kompensierend mit stark beschriebenen Kampfszenen und exotischen Effekten: Japan, nicht als Land des Lächelns, sondern der harten Yakuze-Kämpfe.

Den Handelnden fehlt das Diffizile, Vielschichtige und Abgründige. Vielmehr lassen sich Personen wie Geschehen eher in einem Comic denken. Die Gesichter sind, so wörtlich, hart und aus Stahl, durchweg energisch, die Kinnpartie stets markant, Arme immer muskulös; und wenn einer in der Tür steht, dann selbstverständlich wie ein Fels. Die Frauen passend dazu wie Manga-Schönheiten beschrieben, immer fließen die Kleider an ihren geschwungenen Formen herab, alles sehr geschmeidig, geschmeidig, geschmeidig. Die Begegnungen mit ihnen geraten zu süßlichem Kitsch im Sinne des maskulinen Blicks. Kostprobe?

„Ihre wohlproportionierte schlanke Figur schmiegte sich an seinen großen, starken Körper, und dann glitten sie gemeinsam durch die schatten, schwebten in einer anmutigen Harmonie. Ihre Knie berührten sich leicht, ihr zarter Atem wehte gegen seinen Hals. Sie wiegten sich langsam, versanken Schritt für Schritt in einen dunklen Traum. Ihre Hand berührte sanft seinen Nacken. Er spürte ein Prickeln. Er öffnete seinen schweren Lider und sah ihre großen glänzenden Augen voller Traurigkeit und Zärtlichkeit. Behutsam zog sie seinen Mund zu ihren Lippen und sie küssten sich leicht, zärtlich, fest.“

Und so weiter und so fort. – Entweder man mag das so oder man muss es aushalten. Lange Strecken. – Da hilft es wenig, wenn die beiden Haupthelden – wie ja häufig – diametral angelegt sind: Harry Kilmer, Korea-Veteran, einer dieser harten Eisenbeißer, die man nur anruft, wenn die Lage ausweglos ist und man den Allerbesten braucht, der schon eine Menge Leichen gesehen hat, deswegen selbstverständlich tiefliegende Augen, eiskalter Blick, immer die Gefahr mit Übersicht analysierend, überhaupt sehr systemisch seinen „Axiomen“ folgend; sein Assistent Dusty Newman als Greenhorn das Pendant dazu, ein hippiehafter Lumpi, der als improvisierender Dilettant noch ganz viel vom alten Hasen zu lernen hat, zottelig, kunterbunt, schlechter Trainingszustand, wenig Benimm, gewissermaßen der Hanswurst im Spiel, aber einer, der in Gefahren reift und an der Seite seines Mentors gleich über sich hinauswächst. Die Kämpfer werden Maschinen: „Kilmer veränderte die Brennweite seiner Augen. (…) Wie ein extrem schneller Computer verarbeitete sein Verstand alle relevanten Daten mit Hochgeschwindigkeit.“ Tatsächlich läuft dann alles ab wie bei Counter-Strike.

Kilmer und Newman haben in Tokio eine Aufgabe für Kilmers Freund, einen Reeder, zu erledigen, dessen Tochter entführt wurde. Eigentlich ein Himmelfahrtskommando, eigentlich unlösbar gegen schwertschwingende Yakuze, topfitte Schwerstverbrecher, die einem eigenen Kodex folgen, gleichsam eine Art Mafiosi-Samurais, gegen die amerikanische Bleichgesichter ganz schlechte Chancen haben. Dafür aber verfügen sie über einen Helfer, Tanaka Ken, einen großen einsamen Übermenschen, einst selbst Yakuze und Bruder der Dame, der Harry Kilmer nachschmachtet. Ach, und plötzlich stellt sich heraus, er ist gar nicht ihr Bruder, sondern fatalerweise ihr Mann. Solch jähe Wendungen muss man ebenfalls öfter akzeptieren, so wie sich überhaupt alles plötzlich eher plötzlich herausstellt, als dass es angestrengt abenteuerlich ermittelt würde. Immer wenn die Handlung mal wieder stagniert, und das geschieht nach jedem eindrucksvollen Kampf, eröffnet plötzlich jemand eine entscheidende Neuigkeit, ohne dass noch eigens recherchiert werden muss; es ergibt sich einfach so (meist über die Unterweltkenntnisse Tanaka Kens) und steht dann als neue Sprechblase im Raum, auf dass alle wissen, wohin man zum nächsten Abenteuer reist. So reiht der Thriller einfach Schlacht an Schlacht, kulminierend bis zur großen Schlachteplatte des Finales.

Zieht man das japanische Flair ab, diese faszinierende Fremdheit Nippons, hätte man nicht mehr auf dem Papier als ein passables Filmskript. Aus dem Nachwort erhellt, dass der Roman tatsächlich dem Script zum Film nachgeschrieben ist. Klar, das geht nicht ohne literarische Schwächen ab. – So aber lernt man allerlei Landeskundliches und vor allem eine Menge über die Yakuze-Clans, über Samurai-Ethik, also Ehre, Schuld, Stärke, Würde, Gehorsam und Verpflichtungen bis in den Tod, über rasiermesserscharfe Schwerter natürlich und die Art, sie mit Pfiff zu führen. Das alles, diese Volkskunde als Differenz der Kulturen, wird zuweilen recht simpel vermittelt:

„Wenn ein Amerikaner durchdreht, dann öffnet er das Fenster und schießt nach draußen; wenn ein Japaner durchdreht, dann schließt er das Fenster und bringt sich um – Harakiri. Hier ist alles umgekehrt. Natürlich, die grundlegenden Fakten sind dieselben, aber die kulturellen Einstellungen sind entgegengesetzt. Zum Beispiel Sex. Der amerikanische Euphemismus für Orgasmus ist kommen: Ich komme. Der japanische ist gehen. Ich gehe. Dieselbe Tatsache, doch die entgegengesetzte Einstellung.“

Ach so, denkt man, wieder was verstanden. – Allerdings: Mentalitätskundlich durchaus interessant – die Rituale, die Kämpfe, die rigorose Moral, das Vermögen, sich ohne zu zucken den kleinen Finger abzuschneiden, wenn man meint, eine Pflichtschuld nicht anders begleichen zu können.

Und weil die japanischen Yakuze zwar schwere Jungs sind, aber Ehre im Leib haben, sind sie am Ende an dem Schlamassel auch gar nicht schuld, nein, das Problem liegt eher beim amerikanischen Aufraggeber. Für 333 Seiten nur etwas lang erzählt. Überhaupt entspinnt sich die Handlung dann weit über den vergleichsweise trivialen Anfangsfall hinaus und mündet in einen Clan-Krieg, den man auch erst mal beschreiben können muss – wie Super-Tanaka-Ken mit dem Katana drei Dutzend Yakuze erledigt, die ihn mordlüstern umkreisen. – Das ist dann temporeich, spannend, minutiös geschildert, allerdings nicht frei von allerlei Redundanzen, Stereotypen und Wortwiederholungen.

Diese Pro-7-reifen Kampfszenen sind in der zweiten Hälfte der Schwerpunkt, durchaus dramatisch, blutrünstig, viel herausquellende Eingeweide und dies sogar im Schwimmbad. Die Tatortreiniger werden eine Menge zu tun haben, denn die Gemetzel gleichen zum Ende hin dem Auftritt der Nibelungen in Etzels Saal. Überall tranchierte Körper und abgeschlagene Gliedmaßen. So, wie dem ganzen Buch überhaupt eine Anmutung von Sage und Fantasy eignet. Ja, comichaft, filmreif, allerdings im besten Sinne.
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