Zeit zu Sterben von Leena Lehtolainen

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel Tappava Säde, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Rowohlt.
Ort & Zeit der Handlung: Finnland, 1990 - 2009.
Folge 11 der Maria-Kallio-Serie.

  • Helsinki: Tammi, 1999 unter dem Titel Tappava Säde. 292 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002. Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara. ISBN: 3-499-23100-X. 285 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2004. Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara. 288 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006. Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara. 288 Seiten.

'Zeit zu Sterben' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Maria Kallio, von ihrem Publikum zu Hause geliebt und mit jedem Buch sehnsüchtig aufs Neue erwartet, wird in einen Fall verwickelt, der mysteriöser nicht sein könnte. Säde, eine junge Therapeutin, beschliesst, zukünftig nicht mehr nett zu sein und den misshandelten Frauen, die sie betreut, auf eine ungewöhnliche Art zu helfen. Eine mörderische Therapie nimmt ihren Lauf.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die etwas anderen Waffen einer Frau« 84°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Opfer körperlicher Gewalt zu werden ist an und für sich schon schlimm genug. Wenn sich diese Gewalt aber in den heimischen vier Wänden hinter der Fassade familiärer Glückseligkeit abspielt, endet dies schnell in Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ohnmacht bei allen, die davon Kenntnis erlangen. Leena Lehtolainen hat diese gnadenlose Ohnmacht in ihrem vielleicht bislang besten Buch thematisiert und so die vielleicht in den Ohren eines Krimilesers sonderlich klingende Mischung eines sehr sensiblen Hard Boiled Thrillers geschaffen.

Säde arbeitet in einem Frauenhaus als Sozialarbeiterin und ist durch ihren Beruf jeden Tag mit den Opfern familiärer Gewalt konfrontiert. Ihr Haus, der »Schutzhafen« wurde aus dem Nachlass einer katholischen Ordensschwester gegründet und in die Satzung der geschäftsführenden Stiftung ist der Passus aufgenommen, dass von den Mitarbeitern des Hauses Familien nicht aktiv getrennt werden sollen. Alles soll nach freiem Willen der Gewaltopfer geschehen. Dass es mit freiem Willen oder rationalen Entscheidungen bei den Opfern allerdings nicht weit her ist, das weiß Säde aus jahrelanger Berufserfahrung.

Als eine der Frauen, die im Schutzhafen mehrfach Zuflucht gesucht haben, von ihrem Mann zu Tode geprügelt wird, reicht es Säde ein für alle mal. Aus der braven, zurückhaltenden, unauffälligen und pflichtbewussten Sozialarbeiterin wird mit einem mal die entschlossene und mutig kämpfende sanfte Rächerin. Sie ist die erste, die den Opfern im Schutzhafen den Gang zur Polizei und die Anzeige gegen den eigenen Gatten oder Sohn empfiehlt. Sie wagt es sogar, noch einen Schritt weiter zu gehen. Als sie Kleidungsstücke aus der Wohnung eines Gewaltopfers holt, weil sich diese Frau nicht mehr in die Wohnung ihres Mannes zurück traut, entdeckt sie, dass das Kabel des elektrischen Rasierers schon ein wenig verschlissen ist. Sie raut es ein wenig weiter auf, bis der blanke Kupferdraht durchschaut. Am nächsten Tag stirbt der gewalttätige Ehemann tatsächlich an einem Stromschlag während des Rasierens.

Noch weitere Männer sollen dem Racheengel zum Opfer fallen. Immer hilft sie ein kleines bisschen nach, damit die Widerlinge auch tatsächlich ihren verfrühten Weg ins Jenseits finden. Die Polizei um die Kommissarin Maria Kallio, Heldin in den anderen Krimis Lehtolainens, scheint zwar die Verwicklung Sädes in die Mordfälle zu ahnen, kann aber nichts beweisen.

Ganz interessant ist die charakterliche Veränderung Sädes zu beobachten. Vom grauen Mauerblümchen mit absoluter Kontaktangst wandelt sie sich zur selbst- und modebewussten Frau mit Rückgrat. Zunächst deutlich übergewichtig, nimmt sie im Laufe des geschilderten Jahres mehr und mehr ab. Sie ändert ihre Frisur zu einem modischen Kurzhaarschnitt, färbt die Haare auch mehrfach. Und auch trotz großer und scheinbar unüberwindbarer Kontaktangst, lässt sie sich mehr und mehr auf die Liaison mit einem Mann ein, der als Gewalttäter vier Jahre im Gefängnis saß. Dessen Schicksal verbindet sich urplötzlich mit einer der Frauen, die bei Säde im Schutzhafen Zuflucht suchen.

Neben der mit Hilfe der Erzählperspektive (der Ich-Erzähler gibt die Macken und irrationalen Gedankengänge eines vor Mord nicht zurückschreckenden, kontaktscheuen Menschen hervorragend wieder) sehr gelungenen Zeichnung der Charakterzüge Sädes, ist es Lehtolainen besonders anzurechnen, dass es ihr hier stellenweise gelungen ist, Action zu vermitteln. Dennoch wirkt dieser Teil kurz vor Schluss zu gewollt, zu sehr inszeniert. Auch ohne die gut vermittelte Action hätte der Leser nicht das Gefühl, wesentliches zu verpassen. Das Finale bietet dem Leser zudem einen faustdicke Überraschung, mit der Lehtolainen den Auslöser für die plötzliche Charakteränderung glaubhaft machen kann. Sogar die Angst vor der eigenen Familie, die lange seltsam erscheint, ließe sich damit erklären und könnte wohl einen Psychologen überzeugen.

Leena Lehtolainen gelingt es, mit einem schwierigen Thema, das zu oft ein Tabu darstellt, sensibel umzugehen und einen sehr unterhaltsamen Kriminalroman zu schreiben. Es gelingt ihr auch, ihre Heldin die Fehlerhaftigkeit ihrer Handlungsweise einsehen zu lassen und Alternativen zu erkennen. Der moralische Zeigefinger ist nicht zu übersehen. Mit dem Ende des Buches kann sich der Leser sicher sein, dass Säde nie mehr wieder ein wenig nachhelfen wird. Teilt man das Buch in drei Teile, dann sind die ersten beiden wohl als sehr stark zu bezeichnen, das Schlussdrittel aber wohl eher als zufriedenstellend. Es gibt einige Längen (u.a. die überflüssig scheinende Actionsequenz, Streit mit Chorfreunden) und die wohl etwas zu dick aufgetragene Schlussüberraschung. Lesenswert allemal als besonderes Stück unter den gegenwärtigen skandinavischen Kriminalliteratur.

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veri zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 26.02.2014
Also ich muss meinen Vor-Rezensenten recht geben: dieses Buch ist mit Abstand das beste Werk von LL. Alle anderen, die ich danach noch in die Hand bekam, konnten da nicht mithalten, und ich fürchte, ich werde auch keine weiteren von ihr lesen (nach großen Enttäuschungen wie "Alle singen im Chor" oder "wer sich nicht fügen will".)
Die Geschichte um Säde ist einfach spannend und dicht erzählt, da kommt zu keiner Zeit Langeweile oder die Frage nach der Plausibilität auf.. einziger Kritikpunkt vielleicht: es ist ein klassischer "Frauenroman". Trotzdem, auch an alle krimi begeisterten Männer: lest dieses Buch!!
cujo31 zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 13.09.2008
In diesem Buch kommt Maria Kallio nur in einer kleinen Rolle am Rande der eigentlichen Geschichte vor... dies nur vorweg. Die überaus interessante Geschichte um eine Therapeutin, die sich in ihrer Art an den Männern, die ihre Frauen mißhandeln, rächt. Atmosphärisch sehr dicht geschrieben schafft, es Leena Lehtolainen, den Leser in die zerrissene Seele von Säde, der Hauptdarstellerin, blicken zu lassen... der Leser spürt regelrecht Säde's Kampf, dieses Für und Wider ihrer Handlungen. Mit 100%iger Sicherheit wird das nicht mein letztes Buch von Leena Lehtolainen gewesen sein, auch wenn ihre eigentliche Hauptdarstellerin in diesem Buch nur eine kleine Nebenrolle zuteil wird.
Lisa1987 zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 25.04.2008
Ich muss sagen, dass mir das Buch wirklich sehr gut gefallen hat.
Ich habe schon alle anderen Bücher von Leena Lehtolainen gelesen und war zuerst etwas skeptisch, da in diesem Buch ja nicht Maria Kallio in der Ich-Erzähler Rolle steckt. Doch meine Zweifel wurden nicht bestätigt: ich fand es spannend die Geschichte aus Sicht der Mörderin zu sehen und so die teils langweiligen Ermittlungsarbeiten der anderen Krimis zu umgehen.
Besonders gelungen ist die Beschreibung der Entwicklung Sädes. Nicht nur die chararterliche (von der braven Säde zur "mörderischen"), sondern auch die äußerliche Veränderung (von der grauen Maus zur modischen Frau).
Etwas verwirrend: das Ende. Andererseits auch aufschlussreich, denn so erklärten sich einige Situationen aus den vorigen Kapiteln.
DarkMadeleine zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 18.04.2008
Nachdem ich von Lehtolainens "Alle singen im Chor" maßlos enttäuscht war, hatte ich eigentlich nicht mehr vor, noch einen Lehtolainen-Krimi zu lesen. Trotzdem gab ich ihr nochmal eine Chance und muss sagen, ich habe es absolut nicht bereut. Im Gegensatz zu "Alle singen im Chor" waren die Personen diesmal in sich stimmig, hatten viel mehr Tiefe gewonnen. Die Handlung war ebenfalls äußerst fesselnd.
Einziger Kritikpunkt: Ich fand die Geschichte teilweise etwas überspitzt und klischeehaft dargestellt, à la alle Männer (vor allem finnische) verprügeln ihre Frauen, es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie zuschlagen... Gewalt in der Ehe/Familie ist sicherlich ein sehr ernstes Thema, jedoch scheint mir der Buch das doch sehr zu verallgemeinern.
Auch die ziemlich machistische Haltung der finnischen Männer kann ich nicht unbedingt nachvollziehen; ich habe Finnland bisher eigentlich als sehr emanzipiertes Land kennen gelernt und fand es etwas befremdlich, dass angeblich jeder Mann zu denkt, eine Frau wäre hinter dem Herd am besten aufgehoben.
Die Übersetzerin scheint ebenfalls mit steigender Romanzahl an ihrer Aufgabe gewachsen zu sein; wo der Schreibstil im ersten Buch noch unglaublich hölzern und steif klang, fällt "Zeit zum Sterben" durch einen sehr flüssigen, stimmigen Stil auf. Sehr empfehlenswertes Buch.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kinsey zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 22.12.2007
Da muß ich mal wieder der Buchhandlung meines Vertrauens ein großes Lob aussprechen – ohne ihre Empfehlung hätte ich den Roman nie gelesen und dabei ein kleines Juwel übersehen.
Maria Kallio, Lehtolainens Serienheldin, kommt hier nur ganz am Rande vor. Diesmal steht die Täterin im Mittelpunkt – obwohl, da ist schon die erste Schwierigkeit: Ist sie wirklich eine Täterin? – Alle, nennen wir es nicht Morde, sondern Todesfälle, werden aus ihrer Sicht geschildert und als Leser, v. a. als Leserin, stellt man sich unweigerlich auf ihre Seite. Ihre Beweggründe sind leicht nachzuvollziehen und die Opfer haben es ja auch wirklich verdient zu sterben. Erst ganz am Ende erfährt man, warum sie zur „Täterin“ wird – dabei hat die Autorin überall ihre Hinweise ausgelegt. Wie es letztendlich gelingt, die Geschichte zu einem guten, für alle befriedigenden Ende zu bringen, muß jeder selbst nachlesen.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Sparky-Lou zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 23.11.2007
Hab bisher nur Bücher aus der Maria Kallio Reihe gelesen, die mir auch alle gut gefallen haben. Aber Zeit zu sterben ist bisher das beste Buch von Leena Lehtolainen. Nicht wirklich ein Krimi im klassischen Sinne (so gibts aber auch keine dröge ermittlungsarbeit), was dem Buch aber nicht schadet, die Perspektive aus Sicht der "Mörderin" ist auch mal nett

Die Story ist recht überzeugend aufgebaut, man liest dieses Buch gerne und kurz vor Schluß gibt es noch mal sehr überraschende Informationen. Grenzwertig fand ich nur die Beziehung zu Kalle, der ja immerhin der Bruder eines ihrer vermeintlichen Opfer ist
Insgesamt sehr empfehlenswert!
A-bella zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 02.08.2007
Ich hab dieses Buch einfach nur langweilig gefunden, lediglich das Ende war überraschend, hatte aber mit der Sache an sich nicht viel zu tun. Alles in allem war ich von diesem Buch wirklich enttäuscht. Ich wollte eigentlich mehr von der Autorin lesen, jetzt werde ich das wohl nicht mehr tun.
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CataBina zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 28.03.2007
Säde hat mich schon nach den ersten Seiten dieses Lesevergnügens sehr stark an Rosi Hirte - die Heldin aus Ingrid Nolls grandiosem Erstling "Der Hahn ist tot" erinnert.

Zwar morden die beiden aus unterschiedlichen Beweggründen - wobei ich bei Säde eigentlich kaum von "Mord" sprechen mag - aber in ihren Charakterzügen könnten sie glatt Schwestern sein.

"Zeit zu sterben" hat mir jedenfalls Lust gemacht auf mehr von dieser finnischen Autorin.
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Iris Schmidt zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 06.08.2006
Nach einer längeren Zeit der "Leseblockacke" (und das als Buchhändlerin...) gab mir eine Bekannte vor drei Jahren dieses Buch mit der Bemerkung, sie sei mal gespannt, wie ich es fände, es gefiele ihr ziemlich gut, sei aber vielleicht etwas "abgedreht".
Das Ergebnis: es ist zu einem meiner Lieblingsbücher geworden, ich habe es seither nicht nur häufig verschenkt und empfohlen, in einem Lesekreis Passagen daraus vorgelesen, sondern auch selbst inzwischen 3mal verschlungen. Und ich beneide Jede, die es zum ersten Mal lesen darf. Ich vermute ich, dass es eher Frauen anspricht. "Zeit zu sterben" ist weniger ein Krimi, als ein spannender finnischer Frauen-Entwicklungsroman mit kriminalistischem Hintergrund.
Es ist geschickt komponiert, glaubwürdig, erzeugt eine melancholisch-schöne Atmosphäre, die Zusammenhänge in denen die Sozialarbeiterin Säde lebt, sind sowohl privat als auch an ihrem Arbeitsplatz authentisch und interessant, nicht zuletzt ist eine ungewöhnliche, aber durchaus glaubwürdige Liebesgeschichte eingeflochten. Das Ende bietet überdies mindestens eine Überraschung, die auch geübte Leser nicht unbedingt von Anfang an ahnen. Dennoch konzentriert sich dieses Buch nicht nur allein auf diese Überraschung hin.
Für mich war es das erste Buch von Leena Lehtolaien und erst danach habe ich alle anderen in chronologischer Reihenfolge gelesen. Allerdings kommt keines der anderen an "Zeit zu sterben" heran, außerdem finde ich -im Nachhinein- den Perspektivenwechsel (Maria Kallio existiert in "Zeit zu sterben" nur im Hintergrund) geschickt gemacht.
Ich kann das Buch einfach nur wärmstens empfehlen und hoffe, dass die finnische Verfilmung irgendwann auch bei uns mit deutscher Synchronisation zu sehen sein wird.
holli zu »Leena Lehtolainen: Zeit zu Sterben« 02.08.2006
Nachdem ich erst die angegebenen chronologichen Bücher von LL gelesen habe, war ich gespannt auf dieses.
Es las sich schnell weg und ich war doch gespannt wann man Säde endlich auf die Spur kommt.
Um so mehr war ich überrascht über die "Auflösung".
Ich fand die Story an sich wirklich klasse.

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