Der Anhalter von Lee Child

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel A Wanted Man, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Blanvalet.
Ort & Zeit der Handlung: USA, Nebraska, 2010 - heute.
Folge 17 der Jack-Reacher-Serie.

  • London: Bantam Press, 2012 unter dem Titel A Wanted Man. 448 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2015. Übersetzt von Wulf Bergner. ISBN: 978-3-7645-0541-7. 448 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2016. Übersetzt von Wulf Bergner. ISBN: 978-3734103001. 448 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin: audio media, 2015. Gesprochen von Michael Schwarzmaier. gekürzte Ausgabe. ISBN: 3868044507. 6 CDs.

'Der Anhalter' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Wer diesen Anhalter mitnimmt, sollte nichts Böses im Schilde führen …Jack Reacher bemühte sich, harmlos auszusehen, was ihm mit seiner großen, massigen Gestalt und der gebrochenen Nase nicht leicht fiel. Umso dankbarer war er, als endlich ein Auto hielt, um ihn mitzunehmen. Die Frau und die beiden Männer im Wagen waren offensichtlich Kollegen, zumindest schloss Reacher das aus ihrer einheitlichen Kleidung. Er wusste nichts von ihrer Verwicklung in den Mord, der nicht weit entfernt verübt worden war. Für die Insassen des Wagens war Reacher nur eine Möglichkeit, die Polizei von sich abzulenken. Sie ahnten nicht, wer bei ihnen im Auto saß. Schließlich sah Reacher aus wie ein harmloser Anhalter …

Das meint Krimi-Couch.de: »Gangsterpech: Mörder lassen Reacher zusteigen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Mit dem vagen Plan, eine Freundin zu besuchen, begibt sich Jack Reacher auf eine weitere Reise durch die USA. Dieses Mal möchte er die Strecke als Anhalter bewältigen. Angesichts seines wenig vertrauenerweckenden Äußeren geben die meisten Autofahrer allerdings Gas, sobald sie Reacher am Straßenrand sehen. Irgendwo in Nebraska reißt seine dürre Glückssträhne endgültig: An einem frostkalten Wintertag gibt Reacher beinahe auf, als doch ein Wagen anhält.

Der Fahrer und zwei Passagiere begrüßen ihn; es handelt sich um Angestellte auf einer Geschäftsreise – angeblich, denn Parker, dem zwar ehemaligen aber weiterhin aufmerksamen Militärpolizisten, fallen bald Widersprüche auf. In der Tat ist er zu zwei Mördern ins Auto gestiegen. Da die Polizei bereits nach den Flüchtigen sucht, haben die Killer Karen Delfuenso gekidnappt und nun Reacher an Bord geholt: Die Polizei sucht nach zwei Verdächtigen und nicht nach einem Quartett. So kommt man durch alle Straßensperren.

Delfuenso kann Reacher erst spät heimlich ihre Notlage mitteilen. Er versucht die Gangster zu überwältigen, wird aber übertölpelt und in der Wildnis zurückgelassen. Zu allem Überfluss muss er feststellen, dass inzwischen er zum Hauptverdächtigen aufgerückt ist und nicht nur die Polizei, sondern auch der Geheimdienst und das FBI nach ihm fahnden. Statt sich zu stellen, plant Reacher die Rettung von Delfuenso.

Damit gerät er endgültig in die Maschen eines ohnehin verworrenen Netzes: Der Geheimdienst operiert IN den USA, was er nicht sollte aber tut, weil Terroristen einen Anschlag vorbereiten. Das FBI geht den Schlapphüten tarnend & täuschend zur Hand, die Polizisten dienen als Erfüllungsgehilfen, die Terroristen schöpfen Verdacht – und mittendrin treibt Reacher unverdrossen seine private Rettungsmission voran, bei der ihm inzwischen FBI-Agentin Julia Sorenson zur Hand geht …

Anhalterfahrten sind gefährlich …

 …aber normalerweise ist das eine Warnung für Daumen-hoch-Reisende, die um Teilstrecken-Asyl in fremden Autos bitten. Dieses Mal sitzen die Lumpen am Steuer, und es ist das Gute, das über sie kommt, ohne sich mit Zureden und Appellen an das Gewissen aufzuhalten: Jack Reacher ist ein Leitstern für Zeitgenossen, die davon überzeugt sind, dass Recht und Ordnung von korrupten Politikern, betuchten Konzern-Moguln und rücksichtslosen Kapitalverbrechern ausgehöhlt und ausgenutzt werden. Die Welt ist kompliziert geworden, weshalb sich so mancher nach einfachen Lösungen sehnt. Reacher kann das bieten, und da seine besondere Form der Gerechtigkeit fiktiv bleibt, darf man sich ruhigen Gewissens zurücklehnen und lesend verfolgen, wie er nicht nur reinrassige Lumpen ausrottet, sondern auch aufgeblasenen Ordnungshütern die heiße Luft ablässt.

Dies findet auch im 17ten Band der »Reacher«-Serie in trügerisch simplen Kulissen statt. Einmal mehr spielt sich das Geschehen in der randurbanen US-Provinz ab. Autor Child hat solche Zivilisationsbrachen offensichtlich bereist und die Augen dabei weit offengehalten. Nicht zum ersten Mal imponiert er mit Beschreibungen stein- und betonbröckeliger Vorstadt-Öden, die nicht nur schaudern lassen, sondern auch logische Stätten für jedes mögliche Verbrechen darstellen. Jenseits der Stadtgrenzen geht es keineswegs idyllischer zu. Dort dominieren endlose, von Monokulturen beherrschte Großfarmen, die eher Wüsten als fruchtbaren Feldern gleichen.

An diesen schauerlichen Orten leben müde, enttäuschte, misstrauische Menschen, die vom »Amerikanischen Traum« höchstens gehört haben, ohne jemals einen Zipfel davon zu erhaschen. Child kritisiert gern den liberalen Neo-Kapitalismus, ohne dabei ins Predigen zu geraten; seine durchaus boshaften und treffsicheren Anmerkungen sind Teil der Handlung; die bittere Medizin wird quasi mit Zuckerwasser verabreicht. (Übrigens keine Sorgen: Die Terroristen werden so gründlich aufgerieben, dass auch konservative Leser zufrieden sein dürften.)

Noch gefährlicher: Freunde & Helfer

Keinen Hehl macht Child außerdem aus seinem Misstrauen gegenüber einer (US-) Regierung, die den Rechten ihrer Bürger immer stärker Gewalt antut. Seit Nine-Eleven dürfen sich die wie Cholerabazillen vermehrenden Geheimdienste praktisch alles erlauben. Der Terror gedeiht trotzdem prächtig – dies auch deshalb, weil die von sich selbst überzeugten »Spezialisten« nur scheinbar globalisiert sind und lieber ihre eigenen Süppchen kochen. Kompetenzrangeleien und Karrierestreben werden wichtiger als die zu Makulatur verkommenden Zielvorgaben: Child wird nie müde, entsprechende Szenen zu beschreiben.

In diesem modernen Chaos kann ein altmodischer Ritter viel ausrichten. Reacher ist die aktuelle Version des kampfstarken Ehrenmanns. Seine Odyssee durch die USA ist auch die Queste eines Mannes, der nach dem Unrecht sucht. Nur so ist erklärbar, wieso er den Fall Karen Delfuenso so persönlich nimmt, dass er sich mit allen & jedem anlegt: Reacher ist süchtig nach »Action«, die seinem Leben einen Sinn gibt.

Er konkretisiert damit die weiter oben angesprochene Sehnsucht nach der schnellen, endgültigen, »richtigen« Problemlösung. Da ist es kein Wunder, dass Reacher immer wieder Polizisten, Agenten, Soldaten u. a. Ordnungskräfte auf seine Seite ziehen kann: Auch wenn sie als Einheit auftreten und Anordnungen effizient und möglichst ohne Rückfragen umsetzen sollen, lässt sich das Individuum nie gänzlich ausrotten. Dieses Mal ist es FBI-Agentin Sorenson, die auf die Vorschriften und den »Großen Plan« pfeift und zusammen mit Reacher tut, was getan werden muss. (Die beiden landen nicht einmal gemeinsam im Bett, womit Child – der mit entsprechenden Szenen stets peinlich Schiffbruch erlitt – ihnen und uns, seinen Lesern, eine große Freude bereitet.)

Leben & Sterben auf endlosen Straßen

Der Weg ist das Ziel: In der Regel gerät Reacher zufällig in eine krisenhafte Situation, die den »normalen« Bürger in die Flucht schlagen und überfordern würde. Der Anhalter ist ein Paradebeispiel für dieses Konzept. Außerdem sorgt Child auf diese Weise für eine reizvolle Einschränkung des Spielraums: Mehr als 100 Seiten sitzt Reacher mit zwei Killern und einer Geisel in einem fahrenden Auto. Er muss dort einerseits unbemerkt Kontakt mit Karen Delfuenso aufnehmen und andererseits einen Plan schmieden, den (natürlich bewaffneten sowie misstrauischen) Kidnappern das Handwerk zu legen. Auch später muss Reacher immer wieder schier endlose Autobahnen, Stadtstraßen und Feldwege queren. Außerhalb des Autos ist das Spielfeld riesig. Selbst die moderne Kommunikationstechnik kann nicht verhindern, dass sowohl die Killer als auch Reacher den Verfolgern immer wieder durch die Maschen schlüpfen. Der Leser verfolgt quasi aus der Vogelperspektive eine Hetzjagd kreuz und quer durch Nebraska.

Freilich folgt diese Hatz einem von Child geschriebenen Drehbuch. Ungeachtet aller Zwischenfälle, Irrtümer und Sackgassen folgt Reacher einem roten Faden, der ihn in ein Finale führt, das in dessen dickem Ende mündet und alle offenen Fragen klärt. Hier tauscht Child den Ermittler Reacher jedoch gegen den gleichnamigen Rabaukenschlächter aus, der den Terroristenschlupfwinkel im Alleingang aushebt. Zwar ist das weiterhin spannend geschildert, aber es ist auch übertrieben und passt nicht zu einem Thriller, in dem sich Grips und Action bisher zu einem erfreulich homogenen Lesestoff mischten.

Der Anhalter mag nicht zu den besten »Reacher«-Romanen gehören. Das muss glücklicherweise kein Anlass zu Langeweile oder Sorge sein: (Leichte) Durchhänger gibt es in jeder langlaufenden Serie. Weiterhin setzt Child die Serie pünktlich und jährlich fort. Die Chance ist also groß, dass Reacher mit Band 18 (Die Gejagten) oder 19 oder 20 wieder zu ganz großer Form aufläuft.

Michael Drewniok, Juli 2016

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Michael Ecker zu »Lee Child: Der Anhalter« 20.11.2017
Andere haben es ja schon geschrieben: "Der Anhalter" ist nicht der beste JR Roman, sehr langatmig, sodass man einige Seiten " springend" lesen kann.
Trotzdem bin und bleibe ich grösser Fan.
Tja, finde Tom Cruise ist ein toller Schauspieler mit bitterem Syntology-Beigeschmack und die meisten guten Hollywood Helden sind eher klein. Der springende Punkt ist, dass die Figur Reachers seine körperliche Präsenz erst zu dem macht, was sie ist.
TC fehlen nun mal an die 28 cm.
Der Zweite Teacher Film war mit Cobie Smulder total fehlbesetzt. Sie passt eben in " how i Met your mother" und nicht als knallharte Kämpferin ins "Avanger-Universum- da geht sie klanglos unter.
JR Fan zu »Lee Child: Der Anhalter« 01.05.2017
Lee Child's "Anhalter" ist m.E. eine der schwächeren Stories der Jack-Reacher-Serie. Aber immer noch spannend und lesenswert. Wer auf Action-Thriller, die NICHT intelligenzbeleidigend sind, steht, und noch nichts von Lee Child gelesen hat, sollte nicht mit diesem Buch einsteigen. Da gibt's viel bessere: "Underground" z.B.
Was ich - gelinde gesagt - seltsam finde, ist die Ignoranz der Krimi-Couch-Redaktion gegenüber der Nachfolge-Story des "Anhalters": "Die Gejagten" ("Never Go Back"), immerhin seit 2016 in Deutschland zu erwerben. Die ist nämlich richtig gut. Hier trifft Reacher endlich face to face seine Telefonfreundin aus den vorigen Geschichten und lässt es mit dieser zusammen so richtig krachen. Ganz im Gegensatz zum Film (mit Tom Cruise als Jack Reacher) wird hier eine VIELSCHICHTIGE, interessante, actiongeladene Geschichte auf - nicht zuletzt manchmal - amüsante Art erzählt. Selten habe ich die Arroganz und Banalität des Bösen so gut charakterisiert erlebt wie hier.
Abschließend noch eine Bemerkung zu Tom Cruise als Jack Reacher: Wenn man Mr. Cruise's Körpergröße und seinen Sekten-Hintergrund außer Acht lässt passt der schon ganz gut. JR MUSS nun mal von einem weißen Ami-Superstar gespielt werden, und die sind alle nicht groß. Es gibt meines Wissens eben keinen 1,95 m Muskelprotz in Hollywood. (Bogey war auch relativ klein und hat "große" Typen gespielt.)
Tobias Lagemann zu »Lee Child: Der Anhalter« 07.09.2016
Faszinierend. Child macht es anders als sonst und er macht es prima. Reacher haut nicht wie sonst spätestens auf Seite 35 ein paar Kerle um, sondern setzt permanent sein Köpfchen ein. Conan Doyle hat einen Erben. Und die Coens eine tolle Romanvorlage, um die Weiten der USA mit krimineller Energie zu füllen.
Jörg zu »Lee Child: Der Anhalter« 18.07.2016
Für mich war das einer der schlechteren Romane um JR.
Irgendwie kam die Story nicht so richtig in
Schwung, und einige übergenaue Detailbeschreibungen von der Landschaft
hätte eingespart werden können. Hinzu
kommt, dass die Geschichte irgendwie nicht so ganz abgeschlossen ist.
Ich hoffe, die folgenden
Geschichten werden wieder etwas aufregender und spannender
G.Gre zu »Lee Child: Der Anhalter« 24.01.2016
Habe gerade im Moment den Anhalter zu Ende gelesen. Und er wäre gar nicht schlecht gewesen, wenn ich Dodel mir nicht selbst die Spannung genommen hätte, weil ich beim Einbinden des Buchs, auf der letzten Seite ein Wort aufgeschnappt habe.
Ich freu mich schon auf jeden weiteren Reacher-Roman , wie er auch immer sein mag.
Was ich absolut nicht verstehen kann, ist, wie irgend wer auf die abstruse Idee kommen konnte, eine Romanfigur, die als 1.95 m großer Monolith beschrieben wird, mit diesem Minifurz von Scientology- Tom Cruise zu besetzen.
In meinem Kopf-Kino spielt eindeutig Liam Neeson die Hauptrolle.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Wolfgang Jenke zu »Lee Child: Der Anhalter« 26.07.2015
ok bei 17 Büchern, darf man auch einmal daneben liegen. Wer also den Film gesehen hat und auf den Geschmack gekommen ist, bitte nicht mit dem hier anfangen. Danach ist man raus aus der Serie. Don Winslow hat mit "Vergeltung" auch mal richtig daneben gegriffen. Das Buch liest sich so, als ob Lee Child dringend Geld gebraucht hat und deshalb mal schnell einen Reacher hingerotzt hat. Man kan ihn leses, muss man aber nicht.
Oldman zu »Lee Child: Der Anhalter« 18.07.2015
Bin ein großer Reacher-Fan und habe alle Bücher mit dieser einzigartigen Figur genußvoll gelesen. Der Anhalter ist natürlich immer noch besser als jeder Durchschnittskrimi, in der Reihe allerdings bedauerlicherweise nicht der große Wurf. Childs lakonische Sprache ist wieder einmal kongenial von Wulf Bergner ins Deutsche übersetzt worden, daran liegt es nicht. Die Story weist ganz einfach Längen auf, die man so einfach nicht erwartet. Sie kommt schwer in die Gänge, steigert sich dann, um zum Ende wieder nachzulassen. Dies ist relativ abrupt, und einige kleine Logiklöcher bleiben ungestopft. Kurzum, war etwas enttäuscht, aber einen etwas schlechteren Plot kann man dieser großartigen Figur auch verzeihen. Hoffe sehr, daß die nächste Story wieder die gewohnte hervorragende Qualität bietet.
KlausChrist zu »Lee Child: Der Anhalter« 16.07.2015
Vorbemerkung: Ich bin LC/JR-Fan, habe alle in D verlegten Thriller gelesen und alle gut bis sehr gut empfunden.
"Der Anhalter" ist die bisher schwächste Story. Ich habe von vielen anderen Autoren schon viel Schlechteres gelesen, aber irgendwie bin ich etwas enttäuscht. Mir fehlt hier das "pesonifizierte Böse". Außerdem fällt kein einziges Mal der Watschenbaum um - na ja, ein Mal vielleicht ein ganz kleines bischen, aber das ist nicht der Rede wert. Spaß bei Seite: JR-Neueinsteigern rate ich ganz entschieden ab - völlig untypisch für diese Serie.
Ein Trost für alle LC/JR-Fans: Irgendwo im www habe ich kurz nach dem Erscheinen von "Never Go Back" (2013) - die Fortsetzung vom Anhalter, in der JR endlich seine Telefonfreundin trifft - eine Kritik von jemandem (weiß leider nicht mehr von wem und wo) gelesen, der dieses Buch in den USA genießen durfte: Dieser Kritiker hat seinerzeit behauptet, dass das der ALLERBESTE JR-Thriller sei. Das lässt immerhin hoffen. Mal sehen, wie lange der deutsche Verlag braucht. Hoffentlich ist Tom Cruise nicht vorher mit dem Film fertig!
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