Nighthawks von Lawrence Block (Hg.)

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel In sunlight or in shadow, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Droemer.

  • New York: Pegasus, 2016 unter dem Titel In sunlight or in shadow. 278 Seiten.
  • München: Droemer, 2017. Übersetzt von Frauke Czwikla. ISBN: 978-3-426-28164-2. 319 Seiten.

'Nighthawks' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Für die Gemälde von Edward Hopper (18821967), einer Ikone der modernen amerikanischen Malerei, gilt das in besonderem Maße. Seine Porträts von Menschen, die auf rätselhafte Weise in ihre Einsamkeit versunken scheinen, lassen der Fantasie einen weiten Spielraum. Siebzehn renommierte US-Autoren haben sich inspirieren lassen, jede(r) von einem anderen Bild. Ihre Geschichten setzen dort an, wo das Gemälde als Momentaufnahme zwangsläufig aufhören muss, erzählen weiter, was verborgen in der Mimik, der Körpersprache der Figuren und in der festgehaltenen Szene zu erspüren ist, breiten das ganze Panorama menschlicher Gefühlszustände aus: Liebe, Wut, Eifersucht, Verzweiflung, Trauer, Rache.

Das meint Krimi-Couch.de: 17 Autoren und ein amerikanisches Idol 84°

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

Auf diese Idee wäre man gern selbst gekommen: Eine Anthologie von amerikanischen Top-Autoren mit Short Stories, inspiriert durch Gemälde ihres großen Landsmanns Edward Hopper – was für eine geniale, ja geradezu kriminelle Eingebung!

Als Ideenlieferant und Herausgeber muss vorab Krimi-Ikone Lawrence Block erwähnt werden. Welche renommierte Namen der selbst vielfach preisgekrönte Autor hier in »Nighthawks« als Mitstreiter um sich vereinen konnte, klingt wie das »Who’s Who?« der amerikanischen Krimi-Szene.

So ließen sich neben anderen Megan Abbott, Lee Child, Michael Connelly, Jeffrey Deaver, Stephen King, Joe R. Lansdale sowie Lawrence Block höchstpersönlich von Hopper-Gemälden in dieser aktuellen und bis dahin nicht dagewesenen Sammlung zu Kriminalgeschichten unter Einfluss von Edward Hoppers Werken inspirieren.

Die Short Story – amerikanische Domäne mit langer Tradition

In Deutschland hat die (Kriminal-)Kurzgeschichte leider nicht den Stellenwert wie in Amerika. Der Edgar Award, einer der bedeutenden Krimi-Preise der Vereinigten Staaten, wird neben vielen anderen Kategorien auch für die beste Kurzgeschichte des Jahres verliehen. Das ist zweifelsohne auch eine Wertschätzung gegenüber dem großen Edgar Allen, dessen klassische Kriminal-Kurzgeschichten gefühlt noch ewige Zeiten neue Buchregale füllen werden.

Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Stanley Ellin, Patricia Highsmith und viele andere – sie alle haben als viel gelesene Autoren die amerikanische Short Story populär gemacht. Aber die Idee, Gemälde des New Yorker Malers Edward Hopper als bildliche Vorlage für Krimi-Kurzgeschichten zu nutzen, hatte keiner von ihnen. Dabei sind Hoppers Spiegelbilder der amerikanischen Seele dafür wie geschaffen.

Edward Hopper – gemalte Zeitgeschichte amerikanischer Einsamkeit

Um Hoppers Gesamtwerk zu verstehen, ist eine Betrachtung seines Lebensweges hilfreich. Er wuchs in einer puritanischen Kleinstadt am Hudson River unweit von New York auf. In seiner Kindheit stand er stark unter dem Einfluss seiner Mutter, was vermutlich sein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen prägte. Anfangs war er ein erfolgloser Maler, zwischen 1913 und 1923 verkaufte er kein einziges seiner Gemälde. Zum Vergleich: Im Dezember 2013 wurde sein Ölgemälde »East Wind Over Weehawken« bei Christie’s für 40,5 Millionen Dollar an einen anonymen Bieter versteigert.

Zum damals aus kommerzieller Sicht frustrierenden Maleralltag verdiente sich Hopper seinen Lebensunterhalt mit Illustrationen für Abenteuerbücher und moderne Gebrauchsgegenstände. Das hatte den für sein späteres Schaffen erfreulichen Nebeneffekt, dass sich seine grafischen Fertigkeiten perfektionierten und stilbildend für seine Ölgemälde wurden. Der Börsencrash 1929 erschütterte die gesamte Welt. Die Folgen waren auch in Amerika bis weit in die Mitte der 30er Jahre eine in dem Maße bisher nicht gekannte Massenarbeitslosigkeit und damit verbundene soziale Krisen. Dieses halbe Jahrzehnt der Unsicherheit, wachsenden Armut und Vereinsamung sollte Hoppers Darstellungen zeitlebens entscheidend prägen.

Der Maler überrascht mit ungewöhnlichen Dimensionen

Hopper, in der Kunstgeschichte als Maler des amerikanischen Realismus anerkannt, überrascht in seinen Gemälden mit ungewöhnlichen Dimensionen. Er bevorzugt bewusst nicht das für Portraits geeignete Hochformat, sondern in die Horizontale gestreckte Bilder. Damit werden ganze Geschichten inszeniert, die durch ihre Rätselhaftigkeit vom Beschauer unterschiedlich gedeutet werden können. Der Betrachter wird dabei in die Rolle des voyeuristischen Spanners gedrängt, als heimlicher Beobachter eines intimen Moments durch wie zufällig offen stehende Fenster und Türen.

Extreme Perspektiven, harte Licht- und Schattengegensätze, abgeschnittene Motive, wehende Vorhänge verstärken diese nicht fassbare, stille Dramatik in seinen Gemälden, die zugleich Freiraum für eigene Phantasien lässt. Diese förmlich spürbare Einsamkeit und Leere, die Darstellung von Verlorenheit und zunehmender Entfremdung im Großstadt-Gewimmel von New York werden im Laufe der Jahre immer mehr zu seinen zentralen Themen.

Anregungen holt sich Hopper auf seinen nächtlichen Streifzügen oder durch Beobachtungen aus dem Fenster seines Ateliers in Manhattan. Kein Wunder, dass er in dieser Welt der Hochhäuser, die er in seinen Bildern auch als Symbole einer unsichtbaren Gefahr der Bedrohung unserer Zivilisation einfließen ließ, häufig unter Depressionen litt.

17 scharfe Augenpaare mit großer Phantasie

Die Schaffenszeit von Schriftstellern wird der von Malern recht ähnlich sein: Motivsuche an interessanten Schauplätzen mit einer uns verwehrten Wahrnehmung und Phantasie. Danach dann die Zeit des stillen Ateliers, der Schreibtisch-Einsamkeit mit dem Ziel, in Abgeschiedenheit die Eindrücke zu einem gelungenen Ergebnis zu bringen.

Herausgeber Lawrence Block will uns testen. Es ist eine gelungene Idee, im Vorwort darauf hinzuweisen, dass ein Autor seinen geplanten Beitrag aus Zeitgründen nicht vollenden konnte. Davon abgesehen sind die 17 Geschichten verschiedenartig und im Spannungsbogen überraschend unterschiedlich. Da macht Lesen Spaß, weil wir bei eingehender Betrachtung der Gemälde nie und nimmer auf die Handlungsentwicklung des Autors gekommen wären.

Und das, obwohl sie sich am Anfang ihrer Short Story häufig bis ins Detail auf ihr Hopper-Gemälde einlassen und wir Teilnehmer dieser Einlassung werden. Entwicklung, Verlauf und Finale sind mit Überraschungen verbunden.

Robert Olen Butler lässt sich mit »Abenddämmerung« vom Hopperschen Frühwerk »Soir Bleu«, gemalt unter den Eindrücken seiner Pariser Erfahrungen, zu einer spannenden Short Story inspirieren, bei der es um Liebe, Geld und die schicksalhafte Begegnung mit einem Clown geht. Das Gemälde war übrigens zur damaligen Zeit den amerikanischen Kritikern zu französisch, zu anrüchig, und blieb lange Zeit unverkauft.

Der Verlauf der Story »Burlesque« von Megan Abbott, inspiriert vom Gemälde »Girlie Show«, erinnert an die unmissverständliche Vorgabe von Hoppers ebenfalls malender Gattin Jo(sephine) Nivison, dass nur noch sie für Aktbilder sein Modell sein dürfe. Geheiratet haben sie jenseits der 40.

Joyce Carol Oates lässt sich in ihrer Story »Die Frau am Fenster« inspirieren vom Gemälde »Eleven A.M.«. Es zeigt eine unbekleidete Frau, im Sessel sitzend, aus dem Fenster schauend. Der Titel des Bildes wird im Verlauf der Story seine tiefere Bedeutung erschließen.

Mehr sei nicht verraten, bis auf die Tatsache, dass die Story »Familiengeschäfte« von Craig Ferguson – inspiriert von »South Truro Church« – mein Geheimtipp ist. Als Moderator einer ehemals erfolgreichen amerikanischen Late-Night-Show ist die ihm eigene Komik um eine feste Männerfreundschaft in dieser Kriminalgeschichte nicht zu überlesen.

Auf der Short List zur Verleihung des alljährlichen »Edgar Award« für die beste Kriminalgeschichte werden nur fünf Anwärter nominiert. Mit »Das Musikzimmer« von Steven King und »Herbst im Automatenrestaurant« von Lawrence Block sind zwei davon aus diesem Buch. Beide Stories schöpfen ihre Handlung aus den Konsequenzen der Wirtschaftskrise, den finanziellen Schwierigkeiten, und dem Versuch, diesen mit krimineller Energie gegenzusteuern. Raffiniert im Plot, kurz und knackig, ohne Längen.

Und zum guten Ende: Für den »Edgar 2017« in der Rubrik Short Story entschied sich die Jury letztendlich für Lawrence Blocks »Herbst im Automatenrestaurant«. Dazu kann man nur gratulieren, ebenso wie zu der Idee, diesen Sammelband veröffentlicht zu haben.

Mut zur Veröffentlichung ist zu bewundern

»Nighthawks« wird kein Bestseller werden können, dafür ist es zu speziell amerikanisch, die deutsche Zielgruppe zu klein, der Preis zu hoch – wobei Letzteres durch Aufwand und Qualität durchaus gerechtfertigt sind. Umso mehr ist die Initiative und der Mut zur Veröffentlichung zu bewundern, weil hier einem literarischen Kleinod Beachtung geschenkt wird, was eingefleischte Hopper-Fans und Freunde der amerikanischen Short Story garantiert im Regal haben oder an Freunde verschenken möchten. Hier wurde nicht nur ein Buch, sondern ein komplexes Kunstwerk veröffentlicht.

Das Vorwort von Lawrence Block ist unbedingt lesenswert, ebenso wie die persönlich gehaltenen Vorstellungen der Autoren. Und was durch die Veröffentlichung deutlich gemacht wird: Edward Hopper ist weit mehr als Lieferant für Küchenkalender, sondern auch in Krimikreisen ein hochverehrter amerikanischer Künstler.

Bernd Neumann, Januar 2018

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