Paganinis Fluch von Lars Kepler

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Paganinikontraktet, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm, 1990 - 2009.
Folge 2 der Joona-Linna-Serie.

  • Stockholm: Bonnier, 2010 unter dem Titel Paganinikontraktet. 561 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2011. Übersetzt von Paul Berf. 624 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Bastei Lübbe, 2011. Gesprochen von Wolfram Koch. 6 CDs.

'Paganinis Fluch' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Carl Palmcrona wird im Stockholmer Nobelstadtteil Östermalm in seiner Wohnung tot aufgefunden. Das Zimmer, in dem er an einem Strick hängt, ist unmöbliert – es gibt darin nichts, worauf er hätte steigen können, um Selbstmord zu begehen. Am selben Tag wird auf einer Jacht, die in den Stockholmer Schären treibt, eine tote Frau entdeckt. Ihre Lungen sind mit Meerwasser gefüllt, ihr Körper und ihre Kleider jedoch vollkommen trocken. Sie ist auf einem Boot ertrunken, das noch schwimmt …Die beiden Todesfälle geben der Polizei Rätsel auf. Bis Kommissar Joona Linna zwischen ihnen eine Verbindung entdeckt. Die Spur führt zu einem Mann, der die Violinen des Teufelsgeigers Paganini sammelt – und Albträume wahr werden lässt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Viel schmückendes Beiwerk« 69°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

»Und macht Lust auf das, was noch folgen mag.« Dieser Satz stammt aus den abschließenden Bemerkungen des geschätzten Kollegen Jochen König zu Der Hypnotiseur. Das, was da folgen sollte, liegt uns nun in gebundener Form Schwarz auf Weiß vor. Paganinis Fluch ist der zweite Kriminalroman des Autorenduos Alexander und Alexandra Ahndoril alias Lars Kepler. Auch hier treffen wir wieder auf den finnisch-stämmigen Kriminalkommissar Joona Linna von der Landeskriminalpolizei in Stockholm, der sich diesmal mit einem dubiosen Selbstmord, mehreren Morden und etlichen Kollateralschäden auseinandersetzen muss. Es geht um die illegale Ausfuhr von Waffen in Krisengebiete. Der positive Eindruck, den der Kollege König dem Erstling attestierte, kann der Rezensent für Paganinis Fluch nicht fortschreiben.

Keplers Debüt heißt Der Hypnotiseur und in der Geschichte spielt ein ebensolcher eine wichtige Rolle, weshalb der Titel wohl gerechtfertigt zu sein scheint. Nun ist es nicht zu erwarten, dass in Paganinis Fluch der Meister des virtuosen Geigenspiels einen Auftritt haben wird, doch eine Verbindung zu seinem Leben oder wenigstens zu seinem Nachlass wäre doch naheliegend. Dem ist aber nicht so, von einem Fluch ganz zu schweigen. Ist der Titel nun eine Mogelpackung? Die schwedischen Autoren locken mit »Paganini-Vertrag«. Das klingt zwar nüchterner, ist aber genauso weit hergeholt. Es werden Verträge per Handschlag getroffen, die der dominante Vertragspartner »Paganini-Verträge«nennt, warum sie so heißen, können weder er noch die Autoren erklären. Es sind noch nicht einmal Verträge, sondern es ist Erpressung nach dem Motto: »Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt«. Der ganze Paganini-Bezug steht auf wackeligen Beinen, ist wohlwollend als schmückendes Beiwerk, aber ehrlicher als Ablenkung von einem viel zu durchsichtigen Plot zu betrachten.

Wie eingangs erwähnt geht es um illegale Waffengeschäfte. Eine Schiffsladung Munition soll via Kenia an die islamistischen Milizen im Sudan geliefert werden. Die vier Hauptakteure – ein Rüstungsindustrieller, der Leiter der Waffenkontrollbehörde, ein Waffenhändler und eine Unterhändlerin – trafen sich zur Feinabstimmung ihres Deals an einem unbekannten Ort. Von diesem Treffen existiert ein heimlich aufgenommenes Foto, das der schwedischen Friedensaktivistin Penelope Lopez zugespielt wird. Deren jugendlich-naiver Freund Björn versucht sich in einem Anfall geistiger Umnachtung als Erpresser. Er schickt dem Rüstungskontrolleur Carl Palmcrona eine Bilddatei des diskreditierenden Fotos und verlangt Geld. Palmcrona, eh schon unter Druck, soll er doch gerade jetzt mit seiner Unterschrift den Waffendeal freigeben, gerät vollends in Panik und begeht Selbstmord. Damit ist die Sache für Björn und Penelope nicht ausgestanden. Ein Auftragskiller der Rüstungsmafia ist ihnen auf den Fersen. Während eines Bootsausflugs durch Stockholms Schären wird Penelopes jüngere Schwester Viola, die sich den beiden angeschlossen hatte, ahnungsloses Opfer des Killers.

Für die Mannen des Landeskriminalamtes, die sich um den alten Fuchs Joona Linna scharen, scheint es zwischen beiden Fällen keine Verbindung zu geben, bis sie im E-mail-Account Palmcronas einen Hinweis auf die versuchte Erpressung finden. Das Foto rückt in den Mittelpunkt des Interesses der Ermittler. Die vier abgebildeten Personen sind leicht zu identifizieren. Der Bildhintergrund verrät den Ort des Treffens. Von zentraler Bedeutung entwickelt sich die Frage, wann das Foto aufgenommen wurde. Dazu hat Joona Linna eine geniale Idee und der Wissensstand der Polizei nähert sich allmählich dem der Leser an.

Paganinis Fluch ist diese Art von Kriminalroman, bei dem der Leser nahezu allwissend ist und genüsslich mitverfolgen kann, wie sich die Ermittler dem Täter nähern oder eine völlig falsche Spur verfolgen. Diese übergeordnete Perspektive bietet viele Möglichkeiten einer spannenden Ausgestaltung. Man fragt sich schon, warum Lars Kepler so wenig Gebrauch davon machen. Da haben die Autoren mit Joona Linna ein Ermittler alter Schule am Start, der auf die Funktionstüchtigkeit seiner grauen Zellen vertraut, dem in dieser Folge mit Saga Bauer vom Staatsschutz ein Aktivposten im wahrsten Sinne des Wortes zur Seite steht, und doch weichen die Keplers ständig auf Nebenschauplätze aus.

So wird zu Beginn der Erzählung ellenlang eine Verfolgungsjagd über einen Inselwald beschrieben, bei der sich die Gejagten vor lauter Angst fast zu Tode stürzen, nur den Jäger sehen sie nicht. Können sie auch nicht, denn der ist woanders tätig, wie zumindest der Leser weiß.Noch ausführlicher wird das große Finale auf See vorbereitet. Es zieht sich wie Kaugummi und bringt leider nur sattsam bekannte Thriller-Action – viel zu ordinär, um den Ansprüchen eines Kriminalromans mit Niveau gerecht zu werden.

Wie wünschenswert es auch ist, die Hauptcharaktere eines Romans mit reichem Vor- und Innenleben auszustatten, so tun die Autoren im Falle des Axel Riessen des Guten zuviel. Riessen ist der Nachfolger des Selbstmörders Palmcrona im Amt des Rüstungskontrolleurs und steht somit im Brennpunkt des Geschehens. Als Kind war Riessen ein vielversprechendes Talent an der Geige, bis ein dramatisches Ereignis ihn völlig aus der Bahn warf. Seitdem leidet er an chronischer Schlaflosigkeit. Schlaftabletten oder Alkohol als Einschlafhilfen lassen seine kaputte Leber nicht mehr zu. Nur in den Armen der fünfzehnjährigen, psychisch-gestörten Beverly findet er Ruhe – nur Kuscheln, kein Sex – versteht sich. Eine ziemlich abgefahrene Geschichte, die – wäre sie etwas glaubwürdiger konstruiert – mehr Spannungspotential birgt als der Hauptstrang. Ein verhinderter Geiger, ein erfolgreiches Streichquartett, ein unkultivierter Geigen-Sammler – viel Geige um Nichts.

Der Waffenhandel, der hier eigentlich die erste Geige spielen sollte, gerät oftmals in den Hintergrund und das wird diesem brisanten Thema nicht gerecht. Aktuell liest man von Rekordumsätzen der deutschen Rüstungsindustrie in 2010. Politiker beklagen mangelnde Transparenz. Auch in Schweden boomt der Waffenexport – Umsätze haben sich seit 2002 vervierfacht. Angesichts des heißen Eisens, das Lars Kepler anfassen, hätte man sich von ihnen mehr Konzentration auf das Wesentliche gewünscht. Wenn man schon ein Thema mit realpoltischem Bezug wählt, dann ist man dem auch verpflichtet, sonst wird man unglaubwürdig. Keplers zum Teil skurriles Beiwerk lässt zumindest an ihrer Ernsthaftigkeit zweifeln.

Ein bisschen Paganini, kein Fluch, viele Geigen, ein zu offensichtliches Mordkomplott – mehr Thriller als Kriminalroman – macht unterm Strich: eine Story mit guten Ideen, die aber nur halbherzig ausgeführt wurden. Weder Serienheld Joona Linna, noch seine neue »Assistentin« konnten hier richtig punkten. Bei ihrem ersten gemeinsamen Fall haben die Autoren die Hürden zu niedrig angesetzt. Spannung – Mangelware!

Jürgen Priester, Dezember 2011

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Matthias zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 18.01.2016
Hat man sich durch die erste Hälfte gelesen, kann man mit Spannung rechnen. Ich finde, dass es ein Buch ist, dass man sich gut auch als Actionkrimi vorstellen kann. Es würde mich nicht wundern, wenn das auch der Plan des Autorenteams gewesen ist. Es quasi richtig Krachen zu lassen. Sieht man davon ab, dann bleiben schöne Bilder über. Ein Wechselbad zwischen Gangstern, die Geigenspiel auf der Strativari mögen und wilden Fluchtplots im Wald und mit Helikopter. Obgleich der Dicke des Buchs schaffen die Autoren, dass ich rasch ans Ende kommen wollte, Seiten habe ich auch nicht übersprungen. Gratulation.
dani.p zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 13.01.2016
Ich fand das Buch sehr spannend, ja, einige Stellen hätte man weglassen können aber insgesamt kann ich das Buch empfehlen. Teilweise blieb mir die Luft weg und ich hab beim Lesen fast vor Spannung Fingernägel gekaut:-) . Die Bücher der Sandman und die Flammenkinder habe ich auch schon gelesen und fand diese ebenfalls toll. Ich jage dich hat mir meine Lieblingsbuchhandlung heute bestellt. Freu mich darauf.
Frank Buschmann zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 21.12.2015
Ein seeehr langer Krimi, der sicherlich auch mit zweihundert Seiten weniger hingekommen wäre. Zwar wird die Story im TV-gerechten Stakkatostil ziemlich spannend über die Runden gebracht, doch was die Figurenzeichnung angeht, lässt der Roman sehr zu wünschen übrig. Vor allem Joona Linna kommt als Charakter so gut wie gar nicht zum Zuge, und seine Kollegin vom Staatsschutz ist wohl so was wie eine blonde Version von Lisbeth Salander. Beide wirken sehr unglaubwürdig. Zudem ufert die Story zwischendurch in zu viele Nebenhandlungen aus, sodass für mich unterm Strich nur ein mittelmäßiger Eindruck geblieben ist. Da gibt's Besseres aus dem Norden...
Ille zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 20.07.2015
Ich bin begeistert. Für mich einer der komplexesten Krimis. Ich finde hier nichts zu langatmig. Es passt und fügt sich alles zusammen. Das bei Kepler bisher nicht viel über das Seelenleben des Kommissares preisgegeben wird, finde ich mal ganz erfrischend und macht neugierig auf das was noch kommt. Gefällt mir noch besser als der Vorgänger.
KKN zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 16.04.2015
Das Buch hat mir ähnlich gut gefallen wie Joona´s erster Fall. Auch hier ist es gelungen, immer wieder viel Spannung aufzubauen. Ich habe das Buch nur selten zur Seite gelegt und immer große Stücke in einem Rutsch gelsenen. Unsymphatisch fand ich aber die Figur der Saga Bauer. Auch die hier schon beschriebenen fast hellseherischen Fähigkeiten Joonas fand ich nicht so toll. Die Autoren sollten sich hier etwas zurückhalten. Dafür sollten sie mehr über Joona´s Privates preisgeben. Unschön sind die vielen waffentechnischen Fehler. Eine Glock 21 hat nicht das Kaliber "45 Millimeter", sondern es sind 0,45 Zoll, also 11,4 mm. Zudem verfügt sie (wie alle Glocks) nicht über eine manuelle Sicherung, kann also auch nicht "entsichert" werden wir oft beschreiben im Buch. Sie braucht auch keine, denn sie ist nach jedem Schuß voll gesichert. Das Safe-Action-System läßt sich nur durch erneutes Ziehen des Abzuges wieder voll spannen. Ich besitze zwei Glocks, eine Glock 17 und eine Glock 19. In Sachen Waffentechnik und Schießen hoffe ich auf Besserung in den nächsten Büchern, auf die ich mich schon freue.
Orla2012 zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 22.11.2014
Meine Meinung schliesst sich jener von Jürgen Priester an. Die ellenlangen unwirklichen Verfolgungsjagden gingen mir echt auf den Geist. Seltsam ist, dass dieser Kommissar Joona Linna auch im zweiten Buch seltsam blass bleibt. Man erfährt grade mal, dass er an Migräne leidet und eine Geliebte hat die Disa (oder so ähnlich) heisst. Ich finde jedoch, dass Romane einer bestimmten Reihe auch davon leben, dass der Leser über den (vermeintliche) Hauptdarsteller - sprich Kommissar - immer mehr erfährt, über sein Privatleben, seine Vergangenheit. Das machen beispielsweise Romane mit Harry Hole von Jo Nesbo oder Wallander von Mankell so spannend. Hier interessiert die Geschichte von Axel Riesen bald mehr als die von Linna - schade! Dennoch ist dem Buch eine gewisse Spannung nicht abzusprechen. Jedenfalls hab ich´s zuende gelesen.
Stefan zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 30.10.2014
Ich kann den Einschätzungen von Jürgen Priester nicht folgen. Für mich ist Paganinis Fluch einer der besten Kriminalromane, die ich gelesen habe. Ich habe danach den Hypnotiseur gelesen und war ob der Langatmigkeit der Handlung enttäuscht. Die Figur des Joona Linna in Paganinis Fluch ist überragend beschrieben.
Edith Sprunck zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 05.08.2014
Für mich ein durchaus spannender Krimi. Dennoch, das Autorenpaar sollte für meine Begriffe noch an seinem Stil feilen.
Um es bildhaft auszudrücken:
Mir kam es so vor, als sei das Autorenpaar auf einer langen Reise mit festem Ziel, habe sich zwischendurch aber immer wieder verfahren, teilweise auf durchaus interessanten Nebenstrecken. Mal war der Umweg kürzer, mal länger, bis zur Hauptroute zurück gekehrt wurde. So kann man das Ziel (Lösung des Falles) noch spannender gestalten, zeitweise allerdings tritt auch Lustlosigkeit ein, vor allem, wenn sich die Umwege häufen. Am Ende des Weges hatte ich den Eindruck, dass die Fahrer (Autoren) müde von ihrer Reise waren, sie aber trotzdem gleich noch einen Ausflug draufsetzen wollten, der wegen Kraftlosigkeit allerdings misslungen ist.
Wegen der trotz allem nicht unerheblichen Spannung und auch aus Neugier darüber, wie Joona Linna (und auch die Autoren) sich weiter entwickelt(n) werde ich den nächsten Band trotz allem auch noch lesen
Erwin Stahel zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 05.08.2013
Vermutlich habe ich das Gelesene zu wenig aufgenommen, denn am Schluss wurde ich ein wenig überrummelt mit den letzten zwei Absätzen. Ich konnte mir die Frage nach Frau Bergmann nicht beantworten - was hat es mit dieser Frau auf sich?
Können Sie mir weiterhelfen?
Vielen Dank für eine Rückmeldung.
Erwin Stahel
Timanfaya zu »Lars Kepler: Paganinis Fluch« 10.07.2013
Nachdem ich den Hypnotiseur richtig spannend fand, hat mich die Buch gelangweilt. Insbesondere Joona Linna mit seinen schon fast hellseherischen Fähigkeiten fand ich ziemlich weit hergeholt. Ich muss leider aber auch sagen, dass der Kommentar von Jürgen Prieser m. E. zu viel vom Inhalt vorweg genommen hat, so dass schon deshalb kaum Spannung aufkommen konnte.
Ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen.

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