Krimis und Kirche liegen nahe beieinander – auch örtlich

Nicht über Gott und die Welt sondern über Kirche und Krimis sprach Krimi-Couch-Herausgeber Lars Schafft mit dem evangelischen Pfarrer und Krimi-Autor Steffen Hunder, der am 20. Mai in der Essener Kreuzeskirche im Rahmen der »Nacht der offenen Kirchen« einen Krimi-Abend mit Orgelmusik veranstaltet – den Krimi-Couch.de wiederum präsentiert.

Auf den ersten Blick widersprechen sich Kriminalromane und christlicher Glauben komplett: Heißt es in den zehn Geboten »Du sollst nicht töten« gehört ein Mord zum Krimi wie das Abendmahl zum Gottesdienst. Doch nur auf den ersten Blick. Die Bibel sei schließlich auch eine Art Kriminalroman, behandele sie mit der Geschichte von Kain und Abel doch den ersten Mord der Menschheit. Insofern »steckt richtig was dahinter. Die Bibel ist ein hoch aktuelles Buch!«, betont der Pfarrer. Und genau so wie der Kriminalroman beschäftige sich auch die biblische Botschaft mit Fragen der menschlichen Existenz.

Hunder, seit 20 Jahren Pfarrer in der Essener Altstadt, sieht also durchaus die Verbindung von der Kirche zum Krimi. Kein Wunder: Ist er selbst passionierter Krimi-Leser – »meine zweite Leidenschaft« – und sogar Krimi-Autor mehrerer Kurzgeschichten (»Pilgermord in Kevelaer« in Mord am Niederrhein Link zu Amazon, »Der Doppelmord in Fröndenberg« in Mehr Morde am Hellweg Link zu Amazon, ...). Den Ausschlag für den Brückenschlag vom biblischen zum Mord im Kriminalroman habe allerdings die Criminale 2001 in Mosbach gegeben. Im Rahmen eines Gottesdienst wurde die Idee zur Anthologie Du sollst nicht töten Link zu Amazon geboren, die Regula Venske 2003 bei Scherz herausgab. Mit dabei: Namhafte Autorinnen wie Faye Kellerman (Jüdin) und Anne Perry (Mormonin). Plötzlich seien die beiden so verschiedenen anmutenden Themen Kirche und Krimi »ganz nah gewesen«, so Hunder, und dabei sowohl »international als auch interreligiös«.

Aus eben dieser Anthologie »Du sollst nicht töten« wird Hunder dann auch am 20. Mai in der Kreuzeskirche vorlesen. Dazu wird Otto M. Krämer bekannte Film-Themen wie Dr. Schiwago auf der der größten Orgel im Ruhrgebiet intonieren und auch »praktisch auf Zuruf«, verspricht Hunder, den ein oder anderen Musikwunsch erfüllen.

Krimis in der Kirche, »aber nicht um die Leute zu locken, weil der Krimi gerade en vogue ist«, betont der Pfarrer. »Wir wollen damit auch die Erfahrungen der biblischen Botschaft kommunizieren«, es gehe darum, »die Abgründe des menschlichen Lebens auszuleuchten«. »Das ist es, was die Leute interessiert«, betont Steffen Hunder.

Und kann sich damit auch den Erfolg eines Dan Brown erklären. Natürlich habe es immer Spekulationen um die katholische Kirche gegeben, förmlich »eine Steilvorlage für jeden Schriftsteller«. Die Aufgeregtheit des Vatikans über Sakrileg kann sich der evangelische Pfarrer aber nicht erklären. »Wo kommt die Kirche denn schon gut weg? Vieles ist nicht gut gelaufen, viel Schuld liegt bei der Kirche selbst – da müssen wir nicht drumherum reden.« Aber »Sakrileg« verbieten? »Jedes Verbot arbeitet dem Buch doch in die Hände«, argumentiert Hunder, »das ist bestes Marketing«. Auch für die Kirche übrigens. Den Boom der Kirchen-Thriller solle man als Indiz dafür auffassen, mehr über die bliblische Botschaft erfahren zu wollen und auch die eigenen Wurzeln und damit den christlichen Glauben wiederzuentdecken.

Da sieht Hunder viel Nachholbedarf, gerade nach den Terroranschlägen des 11. Septembers. Denn vielen fehlten gebenüber überzeugten Muslimen nun die klaren Konturen, die im Laufe der Zeit »weichgespült« und »nicht mit Leben gefüllt« worden seien. Es gehe um die Frage, wer wir sind und wie wir als Christen mit anderen Religionen umgehen. »Und das geht nur über den Dialog, nicht über Muskelspiele!«

Dan Brown fülle so eine Lücke und helfe bei der eigenen Definition des Abendlandes und der westlichen Welt. »Das ist mehr als billige Kirchenkritik« ist Steffen Hunder überzeugt, schränkt aber ein, dass es sich bei Browns Büchern um Romane handele, nicht um wissenschaftliche Abhandlungen.

Und auch der evangelische Pfarrer mag diese Kirchenthriller. Dan Brown zwar nicht so sehr, dafür aber die eines Phillip Vandenbergs. »Diese Atmosphäre, dieses Gefühl für das Numinose, was in der katholischen Kirche schlummert, diese Geheimnisse zu lüften – das ist schon reizvoll« schwärmt Hunder – und ist für einen weiteren Augenblick wieder ein ganz normaler Fan des Kriminalromans.

Nacht der offenen Kirchen in Essen – »Zwölf Verbrechen aus der Bibel«
20.Mai 2005, 20 Uhr
Kreuzeskirche Essen-Mitte, Kreuzeskirchstr./Weberplatz

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