Krimis aus Skandinavien

Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga sind tot – die neuen Komissare retten, was zu retten ist.

Schweden

Wo friedlich Elche im sattgrünen Wald nach Nahrung suchen, nebenan eine Familie im typisch rot-weißen Somerhaus ihr Wochenende verbringt, an den Schären blendend weiße Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen und die jüngeren die lauen Sommernächte in den Cafés und Kneipen in Metropolen wie Stockholm, Göteborg und Malmö ausklingen lassen, geschieht gar Schreckliches: Alte Ehepaare werden auf bestialische Weise in ihren abgelegenen Höfen massakriert, 17-jährige Mädchen in öffentlichen Parks vergewaltigt und erwürgt, Austauschschüler werden Opfer perverser Phantasien in schwarzen Porno-Clubs, die Wirtschaftskriminalität hat ein neues Level erreicht.

Mitten in diesem Kontrast aus skandinavischen Wohlfahrtsstaats und alltäglicher Gewalt haben Autoren wie Henning Mankell, Ake Edwardson, Hakan Nesser, Liza Marklund (um nur einige zu nennen) den neuen skandinavischen Krimi entwickelt. Aber was heißt neu? Bereits das Autoren-Team Maj Sjöwall und Per Wahlöö brachte mit Morden im hohen Norden und Gesellschaftskritik so manchen Leser um den Schlaf. Doch scheint seit den 70ern ist es in Skandinavien noch weiter mit der Moral bergab und mit der Gewalt hoch hinaus gegangen.

Den Leser wird das nicht stören, die besten skandinavischen Krimi-Autoren legen nach wie vor ein erfreulich hohes literarisches Niveau an den Tag, erzählen spannende Geschichten mit einer gehörigen Portion Nervenkitzel und führen dabei interessante Charakterstudien. Nicht zuletzt dank ihrer Schwächen haben es ihre Protagonisten wie Kommissar Wallander nicht nur auf die heimischen Fernsehbildschirme sondern auch zu einem beachtlichen Kultstatus gebracht.

Schweden

Doch hat die skandinavische Krimikultur (die an dieser Stelle nur aus Vereinfachung als »skandinavisch« zusammengefasst wird) Tradition, weit mehr als beispielsweise die deutsche. Bis zu den Sozio-Krimis, von Sjöwall/Wahlöö war die Krimilandschaft im Norden geprägt von einer Vorliebe zum klassischen Whodunit. Als erste Detektivgeschichte wird von Liebhabern und Experten gerne Mordet paa Maskinbygger Roolfsen (1839) des Norwegers Mauritz Christopher Hansen hervorgehoben, es folgte der Schewde Prins Pierre 1893 mit Stockholmsdetektiv.

Im Goldenen Zeitalter der skandinavischen Krimikultur um 1910 ragen wiederum ein Norweger und ein Schwede hervor: Sven Elevstad, der unter dem Pseudonym Stein Riverton zahllose Krimi nach klassischem Muster schrieb, und Frank Heller alias Gunnar Serner, der sich mit den Romanen um den Gentleman-Gangster Filip Collin und den Geschichten des jüdischen Psychoanalytikers Dr. Zimmertür hervorhob. Gleichwohl waren die literarischen Ergüsse dieser Autoren wenig geprägt von skandinavischen Eigenheiten, was sich erst in den vierziger Jahren ändern sollte.

Zu dieser Zeit spielten eher die Autoren Hans Peter Jacobsen (Dänemark), Bernhard Borge (Norwegen) und Stieg Trenter (Schweden) eine Rolle, deren Milieu- und Charakterbeschreibungen, Dialoge und und Plots weitaus mehr nordische Eigenständigkeit aufzeigten als die berühmten Vorgänger um die Jahrhundertwende. Nicht nur die erste erwähnenswerte Krimi-Autorin vor dem Sjöwall/Wahlöö-Umbruch sondern auch die über ihr Heimatland hinaus am meisten gelesene Vertreterin des skandinavischen Krimis seit Evelstad war Maria Lang, eine Art schwedische Agatha Christie.

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Mittlerweile, lange nach Sjöwall/Wahlöö, nach dem Zenit von Henning Mankell, scheint der skandinavische Krimi-Kuchen vergeben: Aus Schweden liest man Mankell, Edwardson und Nesser; aus Norwegen Karin Fossum, Anne Holt, Unni Lindell und Gunnar Staalesen. Finnland ist ein Fall für sich, lediglich sowie den Erfinder des einzig nennenswerten hardboiled Privatdetektivs des Nordens Leena Lehtolainen lässt sich in die konventionelle Krimi-Schublade stecken. Island war lange Zeit ein ruhiges Pflaster bis Arnaldur Indridason kam, doch steht er bis jetzt allein auf weiter Flur. Und Dänemark? Eigentlich eine Krimi-Festung, doch schwappte nur wenig mit internationalem Rang herüber, vor allem seien an dieser Stelle Dan Turèll, Leif Davidsen und Kirsten Holst empfohlen.

Von der sprichwörtlichen Schwemme skandinavischer Krimis, die gerade über die deutschsprachigen Leser rollt, bleibt leider nicht viel hängen. Vieles ist altbekannt, die Innovationen fehlen, zwar nicht schlecht, aber auch nicht berauschend neu.

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