Krimis aus Lateinamerika

Zwischen Samba und Salsa – die novelas negras

Krimis aus Lateinamerika

»Vom Lateinamerikanischen Krimi zu sprechen macht genauso viel Sinn wie von europäischer Küche« meint Thomas Wörtche, Herausgeber der metro-Reihe im Unionsverlag. Und doch fasst die Krimi-Couch Krimis zwischen US-amerikanischer Grenze und Feuerland unter dieser Kategorie zusammen. Nicht weil es keine bemerkenswerten Autoren auf diesem Sektor gäbe – ganz im Gegenteil. Der lateinamerikanische Kriminalroman hat eine lange Tradition, die schon vor 1900 beginnt. Leider finden allerdings nicht viele der Latino-Autoren den Weg in europäische Buchläden. Und da es doch einen rötlichen Faden der Krimis aus Mittel- und Südamerika gibt, versucht die Krimi-Couch, Ihnen an dieser Stelle einen Überblick und Einstieg in den lateinamerikanischen Kriminalroman zu geben.

Lange Zeit war Argentinien Hort des südamerikanischen Kriminalromans. Bereits 1930 erschien das wöchentliche Magazin "Colecion Misterio", 1945 gründeten Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy-Casares den "El Septimo Circulo". Die beiden letztgenannten und besonders Borges sollten mit ihren kriminalistischen wie parodistischen Kurzgeschichten wie Sechs Probleme für Don Isidro Parodi das Genre in Lateinamerika für Jahrzehnte prägen. Aktuell macht wieder ein Argentinier mit seinen Kriminalromanen auf sich aufmerksam: Pablo de Santis, von dem nun zwei Werke auf deutsch erschienen sind.

Bedeutendster Vertreter des zeitgenössischen lateinamerikanischen Krimis ist jedoch ein geborener Spanier: Paco Ignacio Taibo II, dreimaliger Gewinner des Hammett-Preises für spanischsprachige Romane, brachte es mit seiner Reihe um den Privatdetektiv Héctor Belascoarán Shayne zu Weltruhm. Und damit kommen wir zum Eingangs erwähnten »rötlichen« Faden der lateinamerikanischen Krimis: Sie sind oftmals sehr politisch und oftmals politisch recht weit links.

Davon unterscheidet sich auch nicht Ramón Díaz Eterovic. Dessen Heredia-Krimis (auf deutsch bei Diogenes) spielen im Chile in der Nach-Pinochet-Zeit. Politisch sind die Aussagen deutlich, jedoch ist Eterovic vielleicht der am »europäischsten« zu lesende Südamerikaner. Ebenfalls aus Chile stammt Luis Sepúlveda, der allerdings aus politischen Gründen lange Zeit in Hamburg lebte und mittlerweile in Spanien wohnt. Sepúlveda ist kein »reinrassiger« Krimi-Autor (was man eigentlich von kaum einem der genannten behaupten darf), jedoch gehören seine zwei Stories Die Spur führt nach Feuerland und Tagebuch eines sentimentalen Killers sicherlich zu den Perlen des Genres.

Geographisch auf der anderen Seite Südamerikas, in Brasilien, siedeln Rubem Fonseca und Patrícia Melo ihre Kriminalromane an. Melo zeigt eine deutliche Seelenverwandtschaft zu Fonseca und teilt mit ihm die Vorliebe für den "Brazilian Noir". Für O Matador erhielt Melo 1998 den Deutschen Krimi-Preis.

Nicht unterschlagen werden sollen noch die Kolumbianer Jorge Franco und Santiago Gamboa sowie der Mexikaner Guillermo Arriaga, von denen aber jeweils erst ein Krimi in deutscher Übersetzung veröffentlicht worden ist.

Bleibt festzustellen: Der lateinamerikanische Krimi ist lebendig wie jeder andere auch und man darf gespannt sein, was die Verlage noch alles dem Leser zur Entdeckung vorlegen. Freunde anspruchsvoller Kriminalliteratur mit politischer Färbung werden sich freuen. (Lars Schafft)

Seiten-Funktionen: