Krimis aus Italien

Commissario und Carabiniere – doch keine echten Italiener?!

Es ist schon fast aberwitzig, dass die besten – oder sagen wir besser: erfolgreichsten – in Italien spielenden Krimis zwar reinrassige Italinier als Protagonisten ermitteln lassen, aber keinesfalls von Südländern geschrieben worden sind. Bestes Beispiel dafür ist die Amerikanerin Donna Leon, die ihren Commissario Guido Brunetti in Venedig auf Spurensuche durch die Lagunenstadt führt. Den gleichen Schauplatz wählte Edward Sklepowich für seinen Helden Urbino Macintyre – und man ahnt es schon: Auch Sklepowich ist Amerikaner.

Nach Donna Leons bahnbrechendem Erfolg auf dem Büchermarkt wollen andere Autoren nicht nachstehen. Die Briten Michael Dibdin und Magdalen Nabb schicken den ebenfalls aus Venedig stammenden Kriminalisten Aurelio Zen (Dibdin) bzw. Maresciallo Guarnaccia (Florenz) auf die Streife. Dabei sind Zen und Guarnaccia beileibe keine Kopien des Bestseller-Commissarios Brunetti. Ganz im Gegenteil: »Die Woche« lässt sich sogar zu der These hinreißen, dass Donna Leon die beiden als Vorlage für ihren Protagonisten genommen und zu einer »light version namens Brunetti« verarbeitet hat. Wer hier Original oder Fälschung ist, möge der Leser selbst entscheiden …

Aber auch die deutschen Autoren entdecken ihre jahrhundertealte Vorliebe für den Stiefel am Mittelmeer. Veit Heinichen, Mitbegründer und ehemaliger Geschäftsführer des »Berliner Verlags«, zog nicht nur selbst ins italienische Triest, sondern lässt dort auch seinen Commissario Proteo Laurenti auf die ein oder andere harte Nuss stoßen.

Viel Rotwein und gutes Essen, traumhafte Schauplätze, mediterrane Genußmenschen- doch keine »echten« Italiener?

Andrea Camilleri, in Rom lebender Sizilianer, hat mit Commissario Montalbano (zu Ehren des spanischen Schriftstellers Manuel Vazquez Montalban) eine eigenwillige Figur geschaffen, die in Camilleris Heimat zwischen Mafia, lokalen Behörden und Zentraler Macht seine ganz eigenen Wege geht. Camilleri als italienische Nachwuchshoffnug zu bezeichnen, wäre allerdings daneben gegriffen. Camilleri ist 1925 geboren, hat schon zahlreiche Romane veröffentlicht – aber das ist die Überraschung – er ist erst vor kurzem zum Star der italienischen Kriminalliteratur avanciert. Eine Frage der Zeit, bis Camilleri mit Leon gleichzieht.

Gespannt sein darf man auch auf Carlo Lucarellis (Jahrgang 1960) Commissario De Luca und seine Fälle in der Zeit des italienischen Faschismus sein.

Mehr über den Krimi in Italien:

  1. Bremer, Thomas: Blut im Chianti? Italiens Krimi heute. Tübingen: Stauffenburg, 2005.
  2. Franceschini, Bruno: »Das schwarze Italien in Gelb. Zur Entstehung des italienischen Kriminalromans im Faschismus«. In: Franchechini, Bruno (Hrsg.) und Carsten Wührmann (Hrsg.): Verbrechen als Passion. Neue Untersuchungen zum Kriminalgenre. Berlin: Weidler, 2004.
  3. Richter, Steffen: »Blut auf Zitronenblüten. Zur natürlichen Unordnung der italienischen Dinge«. In: Der Deutschunterricht, Nr. 2 (2007), S. 34-40.

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